Pershing 62 Pershing 62

Pershing 62

Wie ein Geschoss fliegt die Pershing 62 vorbei

Pater Lässig am 08.09.2015

Rakententest: War da was? Wenn die neue Pershing 62 wie ein silberner Blitz mit zweimal 1500 PS vorbeijagd, muss man schon genau hinschauen.

Was hier die Hallen verlässt, zählt fraglos zum feinsten und schnellsten Schwimmenden: Pershing ist die Edelschmiede in der ita-lienischen Ferrettigruppe. Die Verarbeitung des Bootes lässt nichts zu wünschen übrig, Pershing produziert unter Verwendung bester Materialien auf höchstem Niveau. Ein Kunde kann unter anderem unter verschiedenen Farben und Materialien wählen und diese nach seinen Vorstellungen kombinieren.

Was das Testboot angeht, passt alles harmonisch zusammen. Wären im Salon und Cockpit Haltegriffe montiert, von denen nichts zu sehen ist, weil sie die Optik des Eigners stören, könnte man sagen: perfekt. Das gilt auch für die Handläufe entlang der Seitenfenster außen, wo sie funktional das Design ergänzen.

Eine Pershing fährt man mit Oberflächenantrieben von Arneson, wo leistungsstarke Motoren davor ihre Arbeit versehen; im Testboot erfüllen zwei V-Zehnzylinder von MTU mit jeweils 1523 PS die an sie gestellten Ansprüche. Und gegenläufige Propeller mit fast einem Meter Durchmesser und einer Steigung, die das Boot theoretisch bei einer Umdrehung 1,42 m weit voranschieben, wandeln Drehzahlen in Schub. Letzterer ist mächtig, weshalb man im Hafen besser im Trolling-Modus fährt, der die Drehzahlen am Getriebeausgang reduziert und dadurch beide Propeller langsamer drehen lässt. Wir messen dabei eine Geschwindigkeit von 3 kn, ohne sind es bei gleichen Motordrehzahlen 8 kn. Gegenläufige Antriebe stehen für wendiges Verhalten in langsamer Fahrt. Ein Schalthebel nach vorn, der andere zurück, und ein Drehkreis durchmisst eine Bootslänge. Stehen bei voll eingeschlagenem Ruder beide Schalthebel auf "voraus", sind es zweieinhalb.

Fotostrecke: Pershing 62

Los geht es mit den Antrieben "unten", die dann mit ansteigendem Tempo langsam hochgetrimmt werden. Dabei kommt die Pershing zunehmend in Fahrt, während die Motorcomputer über Drehmomente, Einspritzmengen und Drehzahlen wachen. Erreichen die Drehzahlen die Marke 2000/min, schaltet sich der zweite Satz Turbolader ein, die dann richtig "Feuer machen" und die 62 bis zur Höchstgeschwindigkeit voranstürmen lassen. Die Voraussicht bleibt beim Anfahren erhalten; im ungünstigen Fall bilden Vordeck und Horizont eine Linie, wenn man, statt die Trimmautomatik zu nutzen, die Antriebe manuell betätigt. Die Automatik bedient sowohl Trimmklappen als auch Antriebe und funktioniert perfekt.

Ist die Pershing 62 im Gleiten, kommt die Geschwindigkeit nicht allein daher, dass man beide Gashebel auf den Tisch legt. Das Tempo zeigt sich erst, wenn die Antriebe hochgetrimmt werden und sich der sprichwörtliche Rustertail (deutsch Hahnenschwanz) hinter dem Boot aufstellt. Macht man alles richtig, schafft man es, bis auf 47 kn zu beschleunigen, während die Motoren bis zum erlaubten Anschlag von 2450/min drehen. Dabei sollte man nicht vergessen, dass etwa 35 t übers Wasser bewegt werden! Für die Reichweiten heißt das, in langsamer Fahrt kommt man theoretisch knapp 700 sm weit, in schneller und ökonomischer Marschfahrt (39 kn) reicht eine Tankfüllung für etwa 228 sm, und bei Vollgas sind es 7 sm weniger, bis jeweils die Reserve angegriffen wird. Damit erfüllt die Pershing 62 in Gleitfahrt nicht die von uns geforderte Mindestreichweite von wenigsten 270 sm plus Reserve. Eine wirksame Schalldämmung sorgt dafür, dass im geschlossenen Salon der Schalldruck unter angenehmen 78 dB/A bleibt, wer’s lauter mag, geht ins Cockpit.

Die mit Vollgas gefahrenen Manöver geben keinen Anlass zur Kritik. Die Pershing 62 läuft mit traumwandlerischer Sicherheit. Solange das Schiebedach geschlossen bleibt, fährt man die Kurven über Backbord allerdings im Blindflug. Und über Steuerbord muss man sich ein wenig ducken, um gute Sicht zu haben. Dafür bleibt der Blick achteraus stets ungetrübt. Am Testtag präsentiert sich das Mittelmeer vor La Spezia "brav", weshalb wir zu den Rauwasserqualitäten der für die Hochsee zertifizierten 62 nichts sagen können.

Durch eine Luke im Cockpitboden gelangt man hinunter in den komplett begehbaren Motorraum, in dem alles blitzsauber verbaut ist. Bis auf die Außen-seiten sind beide Motoren bestens zugänglich. Kraftstoffvorfilter sind mit Wasseralarmsensoren versehen, die den Skipper am Fahrstand informieren. Die Batterien schaltet man über Relais. Eine Feuerlöschanlage soll im Notfall das Schlimmste verhindern – auf eine manuelle Lenzung hat die Werft verzichtet.

Unser Testboot ist mit drei Kabinen plus eine für die Crew ausgestattet. Jede verfügt über ein eigenes Bad, wobei das für die Gäste an Steuerbord auch für die Tagesgäste vorgesehen ist. Der Eigner logiert in einer Suite unter dem Salonboden. Dass es nicht an Komfort mangelt, versteht sich von selbst. Die bestens eingerichtete Pantry ist im Testboot im Wohnbereich angesiedelt und mittels Tür separiert. Schiebetür und Fenster, die den Salon vom Cockpit trennen, lassen sich absenken. Ist dann noch das Schiebedach weit geöffnet, wird aus der Pershing eine Open. Sonnenhungrige nutzen die Sonnenliegen achtern und auf dem Vordeck. Zwischen Motorraum und Hecksonnenliege versteckt sich in der Garage ein Tender, der dank absenkbarer Badeplattform einfach zu Wasser gelassen werden kann. Pershing stattet die 62 fahrfertig aus, lässt aber mittels Zubehörliste noch Raum zur individuellen Gestaltung. Dass es für die 62 keine Scheuerleiste gibt, die ihren Namen verdient, ist dem Designer geschuldet.

Pershing 62

Test Pershing 62

Fazit:
Allerfeinste Fahreigenschaften und wendige Reaktionen, die "süchtig machen" können, kennzeichnen die Pershing 62, auf der Fahrstand und Joysticks für Power-Trimm, Steuerung und Trimmklappen "den Spieltrieb für Fahrspaß" hervorrufen. Wer Bedenken wegen des richtigen Trimms hat, kreuzt auf der Zubehörliste "Trimmautomatik" an. Sie bedient sowohl die Trimmklappen als auch die Antriebe und funktioniert perfekt. Wegen solcher Freuden lenkt der Eigner die Pershing 62 natürlich gern selbst. Dank der Technik hat man den Eindruck, "nur" ein größeres Sportboot zu bewegen – aber unter Deck wird dann aus der Kleinen eine richtig Große mit höchstem Wohlfühlfaktor.   

Datenblatt: Pershing 62

Werft: Ferretti S.p.A.
Typbezeichnung: Pershing 62
CE-Kategorie: A - Hochsee
Material von Rumpf und Deck: Kunststoff
Länge (m): 18,94 m
Breite (m): 4,80 m
Verdrängung (kg): 33,40 t
Preis: 2.820.300,00 €
Pater Lässig am 08.09.2015