Azimut S6 Azimut S6

Test: Azimut S6

Mit Drei ist man dabei

Peter Lässig am 02.04.2020

Azimut S6: folgt ihrer großen Schwester S7 mit Kohlefaser-Anteilen und Triple-Diesel-Power. Dank Leicht- bau mit Carbon und dreimal 550 PS sprintet die S6 mit 37 kn nur so über das Wasser

Die Azimut S6 ist das zweite Modell in der S-Baureihe, wobei S für Sport steht. Die große Schwester S7 wurde in Februar-Heft 2018 vorgestellt und hat schon einmal vorgelegt. Wie die S7 ist auch die S6 partiell aus Glasfaser verstärktem Kunststoff (GFK) und Carbon plus Kunstharz (CFK) gebaut. GFK braucht keine spezielle Umgebung, um auszuhärten, Carbon muss in einem Ofen regelrecht gebacken werden, um auszuhärten. Und einen solchen Ofen, in den Boote über 20 m Länge passen, besitzt die Werft.

Fotostrecke: Azimut S6

Die Verwendung der Kohlefaser als Baumaterial ist jedoch keine Modeerscheinung, sondern zur Optimierung notwendig. Denn mit Kohlefaser gebaute Boote wiegen weniger als herkömmliche mit GFK-Bau und erzielen so
höhere Geschwindigkeiten mit gleicher Motorleistung oder gleiches Tempomit weniger PS.   

Zusätzlich ermöglicht Carbon völlig neue Raum-, Struktur- und Designkonzepte.

Um das Ganze noch zu toppen, verlässt sich Azimut gemäß dem S-Anspruch wieder auf drei Motoren vom Motorenhersteller Volvo Penta, der für die S6 drei D8-IPS700 mit jeweils 550 PS Leistung liefert.

Im Gegensatz zur S7, die eine Flybridge ziert, kommt die S6 als reiner Sportcruiser ohne Aufbau daher.

Für das Äußere zeichnet der hauseigene Design-Chef Stefano Righini verantwortlich, und für die Gestaltung unter Deck hat man einen externen Architekten, Francesco Guida, hinzugezogen. Er verpasst der S6 drei Kabinen und zwei Bäder plus eine Crewkabine, die sich nicht, wie sonst üblich, im hinteren Bootsbereich befindet, sondern ganz vorn im Bug mit Eingang von oben.

Wer mit Crew fährt, muss allerdings Koje und WC von vornherein mitbestellen. Ansonsten kann das Buggewölbe als großer Stauraum genutzt werden. Die Kabinenaufteilung erfolgt im klassischen Sinn mit Eignerkabine mittschiffs, zwei Gästen an Steuerbord und zwei wichtigen Personen, sogenannten VIPs, in der Bugkabine.

Während der Eigner über ein eigenes Bad verfügt, teilen sich Gäste an Bord ein Bad mit Toilette. Die Räumlichkeiten unter Deck sind bequem, lediglich das Gästebad ist ein wenig zu knapp geschnitten. Wer aus der Bugkabine aufs WC möchte, sollte schlank sein, da ihm sonst die Badtür ins Gehege kommt und er sich dann für den Weg durch die andere Tür im Flur entscheiden muss.

Auf Deck kommen weder im Salon noch außerhalb Beklemmungen auf.

Im Heck der S6 lässt sich ein 3,30 m langer Tender in einer Garage verstauen, der dank auf- und abfahrbarer Badeplattform bequem ein- und ausgewassert werden kann. Dass sich auf Garage und Vorschiff ausladende Sonnenliegen befinden, ist schon so gut wie selbstverständlich.

Mit dreimal 550 PS ist die S6 kein Renner, aber eine durchaus respektable Sportyacht.

Die 1650 PS reichen, das Testboot in unter 20 Sekunden von 0–60 km/h zu beschleunigen. Und dank geringer Beladung ist es mit zwei Knoten mehr unterwegs als von der Werft angegeben, nämlich mit ganzen 37 kn.

Als Marschfahrt (oder Bereich, in dem die S6 wirtschaftlich unterwegs sein soll), auch Cruising Speed genannt, werden von der Werft 30 kn postuliert. So viel braucht es aber nicht, wie die Auswertung der Messwerte ergibt. Es genügt, wenn alle drei Selbstzünder 2500 U/min drehen und das Log 27,5 kn anzeigt. Dann reicht der Sprit aus beiden Tanks theoretisch für knapp 270 sm plus 15 % Reserve.

Damit erfüllt das Testboot zwar nicht die von BOOTE geforderte Mindestreichweite, bestätigt aber die Werftangabe, die von 275 sm Reichweite plus 10 % Reserve spricht.

Wer weiter kommen will, muss langsam fahren. Dann sind nonstop, wenn man nur einen Motor betreibt, theoretisch bis über 1770 sm plus Reserve möglich. Bei Vollgas sollte man dagegen schon ab 240 sm eine Bunkerstation anlaufen, um die Reserve zu schonen.

Boote mit IPS-Antrieb sind, was Reaktionen über die gesamte Fahrt angeht, eher zahm. Es passiert nichts Extremes, da die Lenkwinkel der Pod-Antriebe von Drehzahlen und Geschwindigkeit bestimmt werden, ganz gleich, ob zwei oder mehr Antriebe unterm Bootsboden hängen.

Kurvendurchmesser beziffern sich auf der S6 in voller Fahrt auf etwa 300 m und in Verdrängerfahrt zwischen etwa
60 m und einer Bootslänge, je nachdem, ob man mit beiden Fahrhebeln auf Voraus fährt oder das Boot nur mit dem Joystick dirigiert. Letzterer sorgt für entspanntes Manövrieren, wenn es ums An- oder Ablegen geht.

Trimmklappen sind bei Booten mit IPS-Antrieben ein zwingendes Zubehör, sie tragen wesentlich dazu bei, beim Übergang von Verdränger- in Gleitfahrt und auch während der Fahrt die Voraussicht zu erhalten oder zu verbessern. Ausgefahren, erhöhen sie außerdem bei Kabbelwasser oder Wellen spürbar den Fahrkomfort, da das Vorschiff etwas mehr durch das Wasser schnürt und Wellen somit mehr durchschneidet, auch wenn darunter die Geschwindigkeit etwas leidet. Und sie sorgen stets für einen stabilen Gang bei Seitenwind.

Die S6 hat automatisch arbeitende Trimmklappen, Active Trim Control genannt.

Als Skipper der S6 wünschte man sich, je nach Seegangsverhältnissen zwischen mehreren Modi wählen zu können.

Als wirksam erweist sich die Motorraum-Schalldämmung. Im geschlossenen Salon zeigt der Schalldruckmesser bei Vollgas nicht mehr als 71 dB/A an und im Cockpit am Tisch maximal 81 dB/A.

Dem Stand der Technik entsprechend beherrschen Bits und Bytes alles, was im und auf dem Boot passiert oder mit Fahren und Navigation zu tun hat. Aber trotz aller Elektronik wird auch hier nicht auf einen Analogkompass verzichtet. Ein Computer regelt das Bedienen der drei Motoren über zwei Hebel.

Am ansonsten übersichtlichen Fahrstand dürften die Touchscreens etwas steiler stehen, was der Lesbarkeit, insbesondere bei offenem Schiebedach und Sonnenschein, entgegenkäme. In der Standardversion gibt es nur einen elektrisch optimal verstellbaren Schalensitz für den Skipper, der für den Co kostet extra.

Hinsichtlich der von BOOTE gestellten Sicherheitsansprüche erfüllt das Testboot alle Kriterien vorbildlich.

Besonders lobenswert: In der S6 sind für jeden Motor zwei umschaltbare Kraftstoffvorfilter mit Wasseralarmsensoren direkt im Einstiegsbereich in den Motorraum verbaut. Das ist ideal, wie auch die zusätzliche Ausstattung mit Handlenzpumpen oder Feuerlöschanlage.

Auch wenn es Designer nicht gern sehen, ein paar Handläufe mehr draußen und drinnen dürften es schon sein,
denn nicht immer fährt man auf ruhigem Gewässer. Was die gesamte Verarbeitung, die technischen und elektrischen Installationen auf und in der S6 angeht, wird Azimut seinen Ansprüchen an sich selbst durchaus gerecht.

Wie andere Werften auch, bietet Azimut für die S6 neben der Standardausrüstung eine umfangreiche Zubehörliste.

 

FAZIT

Die Azimut S6 ist eine würdige Erweiterung des Programms. Dank Carbon und Triple-IPS hat die Werft eine feine Familien-Sportyacht auf das Wasser gebracht, die sechs Personen auch für längere Aufenthalte ordentlichen Komfort auf und unter Deck bietet. Und wenn man beim Streckemachen rechtzeitig Bunkerstationen miteinplant, steht auch längeren Törns nichts im Weg

Diesen Artikel finden Sie in der Mai-Ausgabe 2019 von BOOTE.

Peter Lässig am 02.04.2020
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