Cranchi T36 Crossover Cranchi T36 Crossover

Test: Cranchi T36 Crossover

Clevere Kreuzung

Dieter Wanke am 15.08.2019

Das neue Hybridmodell von Cranchi ist ein interessanter Kompromiss, der wegen des Wetterschutzes in erster Linie Eigner in Revieren kälterer Klimazonen ansprechen dürfte

Die norditalienische Cranchi-Werft gehört zu den ältesten Betrieben der Branche. Inzwischen wird die 1870 gegründete Firma von der fünften Generation der Familie geführt. Momentan fertigt Cranchi an ihren vier Standorten nahe des Lago di Como insgesamt 17 Modelle in acht Produktlinien.

Fotostrecke: Cranchi T36 Crossover

Unser Neuling, der bereits auf der boot Düsseldorf im Januar zu besichtigen war, ist das erste und momentan einzige Modell der neuen Crossover-Modellreihe. Als Basis dient der Rumpf der Z35, die Aufbauten wurden aber komplett neu entwickelt.

Idee war, das große Platzangebot und die Allwettertauglichkeit durch einen Deckssalon, wie sie ein Trawler bietet, mit den Fahreigenschaften eines Gleiters zu verbinden, der sich aber auch zur langsamen Verdrängerfahrt eignet.

Natürlich soll das Konzept insbesondere Eigner ansprechen, die ihre Yacht in Revieren mit wechselhaftem Wetter betreiben möchten, auch um die Saison zu verlängern.

Das Boot

Da die Werft seit zehn Jahren mit ihrem "Italo Monzino" über ein eigenes Testzentrum in der Nähe von Venedig mit unmittelbarem Zugang zum Mittelmeer verfügt, werden außer den eigenen Versuchen hier auch Probefahrten für Kunden sowie unsere Tests durchgeführt.

Wir haben es mit der Baunummer eins zu tun. Bei diesen Booten werden oft viele Extras verbaut, um deren Montage und Tauglichkeit zu überprüfen. So ist es auch bei der Testkandidatin, denn weder die auf Knopfdruck ausfahrbare elektrische Gangway, noch die kompletten Teakbeläge auf der Badeplattform und dem Cockpit gehören zur Serienausstattung. Edel wirkt das aber schon und die Verarbeitung lässt gleich auf den ersten Blick die Hand von Cranchi erkennen, denn alles sitzt perfekt und ist tadellos montiert. Das zieht sich übrigens durch das ganze Boot und ist ein typisches Merkmal der Werft.

Auf der sehr großzügigen Badeplattform ist unter einer Klappe eine Grillstation mit Elektrogrill, Waschbecken und Arbeitsfläche eingebaut, die natürlich zu den zahlungspflichtigen Extras gehört. Beim Durchgang ins kompakte Cockpit erspähen wir die serienmäßige Heckdusche und eine Klappe, hinter der eine Gasflasche Platz findet, falls diese Option gewählt wird. Eine L-förmige Polstersitzgruppe, auf Wunsch auch mit Tisch samt Teakplatte, ergänzt das Arrangement.

Der gut durch Handläufe abgesicherte Weg über Gangborde führt zum Bug. Hier erwarten uns zunächst die Liegepolster der großen Sonnenliege, die ebenfalls zur Wunschausstattung gehören. Löblich erwähnt werden muss aber die serienmäßige Ankerinstallation mit 15-kg-Bruce-Anker samt 50 m Kette und elektrischer Ankerwinde. Ein unverzichtbarer Ausrüstungsteil, der bei der Konkurrenz vorzugsweise auf der Zubehörliste zu finden ist.


Innere Werte

Im Salon angekommen ist auf den ersten Blick erkennbar, dass dem manchmal etwas rustikalen Innenleben einiger Trawler mit dem Hybridmodell ein klares Statement in Sachen Komfort entgegengesetzt werden soll. Die Trennung der Zonen erfolgt über die Längsachse mit dem zentralen Durchgang. An Backbord befindet sich eine Polstersitzgruppe samt Klapptisch. An Steuerbord ist vorne der Steuerstand platziert, dahinter folgt eine lange Küchenzeile mit Kühlschrank, Arbeitsfläche, 2-Flamm-Elektrokochfeld und Spülbecken. Bei Nichtbenutzung verschwindet alles komplett unter einer Abdeckung.


Die Rückenlehne des Fahrersitzes lässt sich ebenfalls umklappen und verlängert die Einheit bei Bedarf noch nach vorne, sodass eine große Ablagefläche entsteht. Über der Pantry gibt es weitere Stauräume. Große Fensterflächen sorgen für ein helles und freundliches Ambiente. Im Dach gibt es zwei Luken zur Lüftung. Für heiße Tage ist aber sicher die Bestellung der kombinierten Heizungs- und Klimaanlage für Kabinen und Cockpit empfehlenswert. Neben dem Steuerstand führt ein kurzer Niedergang in die Gemächer.


Hier verbergen sich in der Grundausstattung immerhin drei Kabinen mit insgesamt sechs Kojen. Das ist viel für eine 12-Meter-Motoryacht.

Die Bewohner müssen sich allerdings ein recht komfortables Bad mit elektrischer Toilette und abgetrennter Dusche teilen. Wer eine zweite Nasszelle möchte, wird in der Optionsliste fündig, muss dann aber auf die dritte Kabine verzichten.

Im Bug finden wir eine geräumige Kabine mit Doppelkoje (1,92 x 1,52 m) und viel Stauraum. In der Eignerkabine mittschiffs geht es bei einer anfänglichen Deckenhöhe von 2,07 m noch geräumig zu. Im Bereich der einzeln und mit Einleger doppelt nutzbaren Kojen (1,90 x 1,80 m) nur mit reduzierter Höhe. Weitaus enger ist es in der dritten Kabine.

Hier sind zwei Stockbetten mit je 2,00 x 0,68 m messenden Kojen montiert. Die Stehhöhe von 1,87 m ist aber im ansonsten recht engen Eingangsbereich auch ordentlich. Die Nasszelle mit einer Stehhöhe von 1,89 m bietet genügend Platz zur komfortablen Körperpflege und eine abgetrennte Duschkabine mit Trennwand, in der allerdings auch noch die elektrische Toilette ihren Platz findet.

Motorisierung und Fahrvergnügen

Bei der Antriebstechnik lässt die Werft dem Kunden keine Wahl, die beiden Volvo Penta D4 EVC/E/DPH mit je 221 kW (300 PS) sind aber gut ausgesucht. Die Aquamatic-Z-Antriebe mit gegenläufigen Doppelpropellern sorgen für die Übertragung der Kraft ins Wasser. Auch die G5-Propeller aus einer sehr harten Nibral-Legierung (Nickel-Bronze-Aluminium) passen zum Paket.

Am Steuerstand erwartet uns eine komplette Instrumentierung, wobei das elektrische Trimmsystem von Volvo-Penta zur Serienausstattung gehört, der Plotter und DTS allerdings nicht. Auch das Bugstrahlruder muss extra bestellt werden. Ansonsten sind alle nötigen Betriebsdaten gut ablesbar. Die Fußstütze sorgt für eine entspannte Sitzposition des Rudergängers.


Bei voller Beschleunigung vergehen neun Sekunden, bis die stabile Gleitphase bei 2200 Umdrehungen und knapp 13 Knoten erreicht ist. Dabei nimmt die Cranchi zunächst die Nase hoch, was die Sicht etwas einschränkt. Verstärkt wurde dieses Verhalten vermutlich durch den komplett leeren Wassertank im Bug. Sobald das Boot gleitet, gibt es wieder gute Sicht nach vorne. Nach insgesamt 25 Sekunden Beschleunigung ist die Höchstgeschwindigkeit von 36,5 Knoten erreicht.


Die effizienteste Reisegeschwindigkeit ermitteln wir bei 3000 Touren mit 28 Knoten, wobei nach Abzug einer 15-prozentigen Reserve mit dem 600-Liter-Tank gerade noch ausreichende 174 Seemeilen realisierbar sind. Manövrieren klappt mit je 1,5 Bootslängen Durchmesser in alle Richtungen problemlos. Beim Umsteuern rückwärts vergehen vier Sekunden, bis eine Reaktion erfolgt. Während der Geradeausfahrt vorwärts und rückwärts sind nur leichte Korrekturen nötig, um Kurs zu halten. In schneller Marschfahrt mit 3000 Umdrehungen vergrößern sich die Wendekreise auf knapp 2 Bootslängen Durchmesser, wobei die Drehzahl kaum absinkt. Verreißt der Skipper die elektrohydraulische Lenkung, bleibt alles unter Kontrolle.

Bei Verdrängerfahrt im Bereich der Rumpfgeschwindigkeit, die für Trawler relevant ist, lesen wir einen stündlichen Verbrauch von rund 10 Litern ab. Das entspricht in etwa dem, was sich die Konkurrenz auch mit einer stärkeren Maschine unter solchen Bedingungen genehmigt, nur dass man in der Cranchi T36 Crossover zwei Triebwerke zur Verfügung hat und somit auch die schnelle Gleitfahrt voll  und ganz auskosten kann.


Verarbeitung und Sicherheit

Der gute Ruf der Werft in Sachen Verarbeitung ist überall im Boot sichtbar. Beschläge sind gut dimensioniert und die Fugenbilder der Möblierung sind allesamt perfekt. Sehr hochwertig und makellos ausgeführt ist auch die Gloss-Lackierung (Aufpreis) einiger Komponenten.
Dass der Hersteller auch die Sicherheit im Visier hat, zeigt die vorbildliche Ausstattung mit Feuerlöschtechnik, wozu auch eine Löschdecke gehört. Gleich zwei manuelle Bilgepumpen, eine davon in der Eignerkabine unterstützen die elektrische Technik im Notfall. Auch die Positionierung des sehr übersichtlich gestalteten Sicherungskastens im Eingangsbereich der Eignerkabine spricht für ein durchdachtes Konzept. Für den Ausstieg im Notfall eignet sich das Oberluk in der Bugkabine.


Hauptschalter und Absperrhahn für die Treibstoffzufuhr sind nach dem Öffnen der Motorraumklappe im Cockpit sofort sichtbar. Die komplette Technik im ordentlich gedämmten Motorraum ist sehr sauber verlegt und gut zugänglich.   

Diesen Artikel finden Sie in der August-Ausgabe 2018 von BOOTE.
Das Heft ist im DK-Shop erhältlich.

Dieter Wanke am 15.08.2019