Jeanneau Merry Fisher 1095 Jeanneau Merry Fisher 1095

Test: Jeanneau Merry Fisher 1095

Edelfischer

Ralf Marquard am 22.10.2019

Die kleineren Vorgänger in der Modellreihe waren für Sportangler gedacht. Das neue Flaggschiff kommt als komfortabler Familienkreuzer daher

Die Entwicklung geht weiter: Während die Merry-Fisher-Modellreihe von Jeanneau bislang in erster Linie für Sportangler ausgerichtet war, liegt der Schwerpunkt beim neuen Flaggschiff der Serie auf Familientauglichkeit. Natürlich kann man mit der immerhin knapp elf Meter langen 1095 noch immer Fische aus dem Wasser holen – aber mit deutlich mehr Platz und Komfort an und unter Deck. Wem reine Funktionalität wichtiger ist, für den hat die französische Werft gleichzeitig noch die Marlin in drei verschiedenen Größen im Angebot.

Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Reihen liegt im Deckslayout: Die Marlins sind als Walkaround ausgelegt, bei denen man mit der Angel in der Hand ums ganze Boot gehen kann und noch nicht einmal auf Stufen achten muss.

Das Merry-Fisher-Konzept hingegen setzt auf Asymmetrie. Man beschränkt sich auf ein ausreichend dimensioniertes (und erhöhtes) Seitendeck an Steuerbord, wodurch der Salon breiter und geräumiger wird. An Backbord gibt es lediglich ein "Notdeck".

Unser Testboot ist mit zwei 300-PS-Yamaha-Motoren ausgestattet. Außenborder bringen einen Vorteil mit sich: Es bleibt deutlich mehr Platz für Gäste an Bord. Außerdem hat die Werft drei getrennte Kabinen sowie ein separates Bad mit Dusche und WC untergebracht. Hinsichtlich der gesamten Verarbeitung gibt es am ersten Boot, das der Öffentlichkeit präsentiert wurde, wenig auszusetzen. Noch ist nicht alles perfekt, was aber der Baunummer und der Fülle der umgesetzten Ideen geschuldet ist.

Fotostrecke: Jeanneau Merry Fisher 1095

Fahren und Manövrieren

Zwei Motoren mit gegenläufigen Getrieben und das Bugstrahlruder (als Extra) garantieren leichtes Manövrieren auf engem Raum. Mit beiden Getrieben auf Voraus oder Zurück durchmessen Vollkreise bis drei Bootslängen. Ab etwa 6 kn Fahrt wird für das Umfeld störender Wellenschlag verursacht.

Die langsamste Gleitfahrt messen wir mit 13 kn bei 3000 U/min. Der Grund dafür, dass unser Testboot früh zu gleiten beginnt und die Sicht beim Übergang zur Gleitfahrt erhalten bleibt, ist die Rumpfkonstruktion. Jeanneau hat der 1095 sogenannte Staukeile verpasst. Sie wirken wie fest eingebaute Trimmklappen, die das Heck mit zunehmender Fahrt frühzeitig anheben.

Um aber in schneller Gleitfahrt wirtschaftlich unterwegs zu sein, müssen die Drehzahlen auf 4000 U/min und die Fahrt auf 25 kn steigen. Mit einer Tankfüllung hat man dann etwa einen Aktionsradius von 205 sm plus 15 % Reserve – das bewerten wir mit "Gut".

Bei Vollgas schrumpft die Reichweite auf etwa 131 sm; bei langsamer Kanalfahrt mit 6 kn steigt sie wiederum auf 308  sm, jeweils plus Reserven. Die Extremmanöver fallen moderat aus, denn man benötigt acht (etwas schwergängige) Umdrehungen von einem zum anderen Volleinschlag.

Beim Verreißen der Lenkung passiert also nicht viel. Außerdem greifen die Propeller bei voller Fahrt in engen Kurven ins Leere, während das Bootsheck etwas zur Seite ausbricht. Sicherheitsplus: Sollte einer der beiden Motoren ausfallen, ist es möglich, das Boot mit nur einem ins Gleiten zu bringen.

Im Cockpit überschreitet der Schalldruckmesser ab von 25 kn (3500 U/min) die 85 dB/A-Grenze, im geschlossenem Salon messen wir bei Marschfahrt 75 dB/A und bei Vollgas nicht mehr als 83 dB/A. Der Fahrer sitzt dabei in einem in Längsrichtung verstellbaren Schalensitz, hat alles im Blick – und im Griff.

Außer bei Backbordkurven bleibt die Sicht auch in Gleitfahrt vom Fahrstand in alle Richtungen erhalten. Die Sitzbank der Dinette kann im Handumdrehen zum Beifahrersitz  umfunktioniert werden. Ein Haltegriff ist vorhanden.

Eine große Schiebetür ermöglicht den Zugang vom Fahrstand zum Seitendeck an Steuerbord. Auf der gegenüberliegenden Seite lässt sich das Fenster in Höhe der Dinette öffnen. So bekommt man auch von innen Zugriff auf die Backbord-Mittelklampe um eine Leine zu belegen.

Technik, Sicherheit und Cockpit

Dass die beiden Kraftstofftanks an den Außenseiten untergebracht sind, hat den Vorteil, dass mittschiffs neben den Batterien noch Stauraum bleibt, der auch für einen Generator genutzt werden kann. Die Batterieschaltung befindet sich an der Pantry.

Während die Sicherungen unter dem Fahrstand von der Steuerbordkabine aus gut zugänglich sind, bewerten wir den Montageort der Kraftstoffvorfilter ohne Wasseralarmsensoren als eher service-unfreundlich.

Elektrische Bilgenpumpen sind vorhanden. Notfalls kann auch manuell gelenzt werden. Die Kraftstoffventile lassen sich zudem per Hand schließen. Die Handläufe am Kabinendach wünscht man sich länger. Dafür fällt der Zugang durch eine Schanzkleidtür oder achtern über die Badeplattform bequem aus. Noch ein Detail: Dicke Fender sind Pflicht, denn die Reling überragt die Bordwand.

Wohnen und Ausrüstung

Drei Kabinen in dieser Bootsklasse sind eine Seltenheit. Hinsichtlich der Räumlichkeit muss man zwar etwas zurückstecken, aber eingeengt kommt man sich auch nicht vor. Für sechs Personen gibt es feste Kojen, zwei weitere bei umgewandelter Dinette.

Auf dem Achterschiff besteht kein Mangel an Stauraum und mit abgesenktem Tisch verwandelt sich die Sitzgruppe zur Sonnenliege. Wer ein Verdeck bestellt, ist vor jedem Wetter geschützt. Im fast rundum verglasten Salon bietet an Backbord die Dinette Platz für vier Personen. Die Pantry befindet sich gegenüber – so kann man den frischen Fang gleich für die Familie auf den Tisch zaubern. 

FAZIT

Aus dem Anglerboot ist ein wohnlicher Family-Cruiser mit großzügigem Platzangebot geworden. Selbst längere Törns sind mit der Merry Fisher 1095 möglich, dennoch bleibt sie ein beliebtes Boot für Hobby-Angler. Die Verarbeitung stimmt, das Layout ist durchdacht und die Fahreigenschaften sind sicher. 

Diesen Test lesen Sie in der Oktober-Ausgabe 2018 von BOOTE. Oder Sie laden sich das PDF zum Test weiter unten herunter. 

Ralf Marquard am 22.10.2019