Motorboot um 1900 Motorboot um 1900
Oldies

125 Jahre Motorboot

Rainer Bergmann am 22.06.2011

TEIL 1 unserer Serie: Das Auf und Ab einer wechselvollen und dennoch erfolgreichen Entwicklung bis heute. Daimler und Maybach legen den Grundstein.

An Dampfmaschinen hatte sich die Menschheit längst gewöhnt, nachdem seit 1815 die ersten Dampfschiffe auf der Themse unterwegs waren. Man kann sich vorstellen, dass Gottlieb Daimlers und Wilhelm Maybachs Pläne für einen benzingetriebenen Motor rund 70 Jahre später schon konspirative Tarnung notwendig machten: einen Benzinmor zu kons­truieren und auch noch auf dem Wasser zu testen!

Motorboot um 1900

Motorboot um die Jahrhundertwende: der Motor steckte noch in einem drehorgelähnlichen Gehäuse – und die Dame nahm aus Sicherheitsgründen ganz vorne Platz.

Nach einem Ondit soll sich das etwa so zugetragen haben: Man schreibt das Jahr 1886, zwei Uhr morgens irgendwann im Frühsommer. Ein Mann, von Cannstadt kommend, schleppt ein nicht allzu großes Paket und marschiert auf eine Gruppe Leute zu, die am Neckarufer vor einem Ruderboot auf ihn wartet. Zum Vorschein kommt eine seltsame Maschine, die im Boot verschwindet.

Jemand hantiert an Hebeln, dann ist es mit der morgendlichen Stille vorbei. Das Boot legt mit unheimlichem Geknatter und Gefauche vom Ufer ab. Nach diesem ersten gelungenen Testversuch musste ein besonders verpflichteter Arbeiter jeden Morgen den Motor zum Neckar schleppen – in aller Herrgottsfrühe. Zeigten sich die ersten Stadtbewohner, wurde der Motor wieder eingepackt; denn die Cannstädter, die inzwischen Wind von der Sache gekriegt hatten, befiel eine Heidenangst vor der „Höllenmaschine“.

Um aber auch tagsüber Versuche fahren zu können, kam Daimler auf die Idee, das Boot mit elek­trischen Isolatoren und Drähten zu versehen, um so einen Elektroantrieb vorzutäuschen. Mit der Zeit jedoch gewöhnten sich auch die Cannstädter an das Motorboot, letztlich froh da­rüber, dass die „spinnerten Teifel“ Daimler und Maybach nun nicht mehr auf der Straße ihr Unwesen trieben. Auf dem Wasser konnte der stinkende Kasten getrost in die Luft fliegen. Doch wie und wo waren die beiden „Höllenfahrer“, Gottlieb und Wilhelm, auf die geniale Benzinmotoren-Idee gekommen?

Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach standen ursprünglich als Konstruktionsingenieure bei der Gasmotorenfabrik Deutz AG in Köln in Lohn und Brot. Doch nach neun Jahren, 1882, beschlossen beide, eigene Wege zu gehen.Daimler schwebte nämlich ein leichterer und schnell laufender Gasmotor* mit Glührohrzündung vor, der bereits im darauffolgenden Jahr die Patente 28 VG 022 und 28 VG 243 am 16. und 22. Dezember 1883 bekam.

Der Motor hatte ein von einer Feder dicht gehaltenes Einlassventil, das sich beim Saughub des Kolbens durch den Unterdruck von selbst öffnet. Das Auslassventil wurde von einer Kurvenscheibe auf der Kurbelwelle gesteuert.

Dieses Steuerungs -und Zündungsprinzip übernahm Maybach bei der Konstruktion seines kleinen Benzinmotors. Der Kraftstoff wurde in einem Gefäß von Luft durchströmt, wobei sich die Luft mit Benzindampf zu einem brennbaren Gemisch anreicherte. Das nannte man einen Oberflächenvergaser.

Das erste Exemplar steckte Maybach zunächst in ein Motorrad. Motor Nr. 2, auch scherzhaft „Standuhr“ genannt, setzte er dann in das Boot „Neckar“, von dem bereits die Rede war. Man kann nur vermuten, dass dieser erste Bootsmotor etwa 1,5 PS bei 750/min leistete, weil auch der in eine Kutsche eingebaute ­Motor diese Leistung brachte.

Sicher war er nicht sehr verschieden von dem in der „Marie“, die Otto von Bismarck 1888 bei Daimler bauen ließ und die heute im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart steht: 1,3 PS bei 650/min, Bohrung x Hub gleich 70 x 120 mm.

Ab 1889 kam der nächste von Maybach konstruierte V2-Motor in Booten zum Einsatz, bei dem beide Kolben auf den einen Kurbelzapfen wirkten. Bei historischer Rückschau geht oft unter, dass zur selben Zeit ein anderer Konstrukteur ebenfalls erfolgreich einen Motor ent­wickelte. Doch was genau geschah zu jener Zeit im fernen Mannheim?

Anders als Daimler sah die bereits etablierte Firma Benz & Cie. ihr strategisches Ziel in der Autoproduktion. Doch wie so viele der damaligen leidenschaftlichen Tüftler ging auch deren Chef Carl Benz einem Hobby nach. Für ihn stand die Entwicklung eines Bootsmotors unter anderem in seiner Lebensplanung.

Den Einzylinder-Gasmotor mit etwa 0,75 PS stellte er ebenfalls 1886 vor und baute kurzzeitig auch Boote. Seine 6,20-m-Motorjolle aus Eichenholz war im Gegensatz zu heute preiswert, sie kostete damals nur 850 Mark, aus Stahl 1800 Mark, und der Gasmotor schlug noch einmal mit 1950 Mark zu Buche.  Dafür konnten sechs „Seeleute“ mit bis zu 10 km/h auf dem Rhein „düsen“.

Nicht verschwiegen werden soll, dass der in Luxemburg ­geborene fleißige Erfinder Etienne Lenoir – 80 Patente werden ihm zugeschrieben – 1866, also bereits 20 Jahre vor Daimler/Maybach und Benz, seinen luftgekühlten 1-Zylinder-Gasmotor mit Antrieb direkt auf die Kurbelwelle in einem Motorboot auf der Seine vorführte.

TEIL 2 folgt. Die ganze Reportage können Sie aber schon jetzt in der aktuellen Juli-Ausgabe von BOOTE lesen, die es seit heute am Kiosk gibt. 

Rainer Bergmann am 22.06.2011