Hellwig Marathon V 515 A Hellwig Marathon V 515 A
Oldies

125 Jahre Motorboot

Rainer Bergmann am 03.07.2011

TEIL 5 unserer Serie: Das Auf und Ab einer wechselvollen und dennoch erfolgreichen Entwicklung bis heute. Bundesrepublik – Cytra, Hellwig und Co.

Hellwig Marathon V 515 A

Made in Germany: Dieter Hellwigs Marathon V 515 A.

Gegenüber der überstarken ausländischen Konkurrenz ­taten sich deutsche Werften schwer, zumal sie relativ spät ins Geschäft einstiegen. Wo sie auftauchten,war es wie mit dem Hasen und dem Igel: Die anderen waren bereits da. Zwei, die sich erfolgreich behaupteten, hießen Richard Heim in Darmstadt und Dieter Hellwig in Xanten.

Der gelernte Küfer Heim, rheinisches Temperament und mit 120 kg Lebendgewicht nicht zu übersehen, überzeugte im Laufe der Jahre Hunderte Käufer durch seine gradlinig-ungezwungene Art: „Isch babbel, wie mer de Schnabel gewachse is.“

Als 1963 die Küferei Heim zur Cytra-Werft mutierte, begann mit dem damaligen 9,45-m-Flaggschiff „Skipper“ die Geschichte einer der erfolgreichsten deutschen Nachkriegswerften. Bis Ende 1984 hatte Heim nahezu 1000 Boote an den Mann „gebabbelt“. Inzwischen stehen zehn Typen zwischen 7,02 m bis 12,80 m Länge zur Wahl. Dann kam allerdings das Aus. Richard Heim wollte aus Altersgründen verkaufen. Doch die französische Rocca-Werft sprang dann aus politischen Gründen ab.

Anders als Heim hörte Dieter Hellwig bei einer Bootsgröße auf, bei der Heim erst anfing zu bauen. In einem Nachruf auf den 2008 tödlich verunglückten Dieter Hellwig beschrieb Erich Bogadtke die hervorragende Leistung dieses innovativen Self­made-Bootsbauers, einstigen Rennfahrers und Europameisters: „An guten Ideen hat es Dieter Hellwig nie gemangelt. Die 7,60 m lange ,Hydra‘, die in der Ultraleichtversion aus Kohlefasermatten nur 1200 kg auf die Waage bringt, und der mit einem Stufenheck und einer einzigartigen, Verbreiterung‘ ausgestattete Rumpf der ,Milos‘ sorgen noch heute für reichlich Gesprächsstoff.“

Tatsache ist, dass alle zwölf Typen liefen „wie Schmidt’s Katze“ – eindeutiges Ergebnis aller BOOTE-Tests im Laufe der Jahrzehnte. Inghild Hellwig, eine „Verkaufskanone“, schaffte es, in 30 Jahren seit Werftgründung 1958 mithilfe eines perfekt organisierten Händlernetzes an die 10 000 Boote unter anderem bis nach Madagaskar und Thailand an den Mann zu bringen. Bestseller: Marthon V 470 und Triton. Mit 63 Jahren hatte Hellwig genug und verkaufte seine Werft an Michael Hammermeister, der nach wie vor Hellwig-Boote baut.

Dass blinder Glaube an maritime Goldgruben die Gefahr beinhaltet, im großen Stil zu stranden, zeigen zwei andere deutsche Beispiele. Die der Seiteneinsteiger Hatra und Ancora. In Travemünde galt Alfred Hagelstein bis etwa 1972 als weltweit führender Produzent für Baumaschinen wie Straßenwalzen oder Schaufellader.

1968 beauftragte er Karl-Heinz Hacker mit dem Aufbau einer Kunststoff-Abteilung, Zielrichtung: Bootsbau in Serie. Der erste Prototyp, noch aus Holz gefertigt, hieß 708 D(aycruiser), es folgten eine 708 K(ajüte) und eine 600 DC, im Prinzip eine Art Verschnitt der erfolgreichen Konkurrenz aus Dänemark, der Coronet V 24.

Die weich laufenden Gleitboote, jeweils mit 2 x 130 PS Volvo Aquamatic auch sehr schnell, verkauften sich gut. Doch ebenso schnell kam das Hatra-Ende, als der inzwischen zum Se-nator geadelte Hagelstein bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.

Joachim Kaufmann dagegen, ein anderer Seiteneinsteiger, privat Eigner einer großen Hatteras, ließ sich beschwatzen, selbst ähnlich große Yachten in Serie in einer eigenen Werft in Neustadt/Ostsee zu bauen. Eine verhängnisvolle Fehlentscheidung, wie sich herausstellte.

Den ersten Yachten, 41 Fuß und 44 Fuß, sah jeder zwar die Hatteras-Verwandschaft an, sie fanden anfangs jedoch großen Zuspruch. Doch bald stellte sich heraus, dass in Deutschland der Verkauf großer in Serie produzierter Motoryachten nicht funktionierte. Der verzweifelte Versuch, mit der „Lightning“ auch kleinere Sportboote an den Seemann zu bringen, scheiterte. Kaufmann, von Haus aus Inhaber der bekannten Babyausstatter-Firma „Storchenmühle“, musste Bank­rott anmelden.

Umso erstaunlicher ist in ­diesem Zusammenhang die erfolgreiche (späte) Gründung einer Motorbootwerft im fränkischen Giebelstadt. Dort produzierte Bavaria Yachtbau seit vielen Jahren Segelboote in Serie, bevor die Werft im Jahr 2000 mit der 270 Sport ins ­Motorbootgeschäft einstieg. Mit Booten bis zu einer Größe von 46 Fuß behauptete sich ­Bavaria bislang erfolgreich im internationalen Wettbewerb.

Ansonsten herrscht zu Hause Fehlanzeige, forscht man nach bedeutenden Werft-Neugründungen der letzten Jahrzehnte. Vielmehr beginnt „das große Fressen“, dem einer der wenigen Europäer als selbstständige Werft mit Bravour widersteht: die 1949 von Jac. Linssen gegründete gleichnamige Werft im holländischen Maasbracht.

TEIL 6 folgt. Die ganze Reportage können Sie auch in der aktuellen Juli-Ausgabe von BOOTE lesen, die es jetzt am Kiosk gibt.
 

Rainer Bergmann am 03.07.2011