Berlin VI Berlin VI
Oldies

Alte Liebe rostet nicht

Rolf Gersch am 26.06.2012

Berlin VI: Wie ein verschollenes Weltmeister-Boot nach seinem Titelgewinn im Jahre 1956 verkauft und mehr als 50 Jahre später „wiedergefunden“ wurde.

Berlin VI

Weltmeisterboot von 1956: „Berlin VI“

Fotostrecke: Rennboot „Berlin VI“

Die Werft Gersch wurde 1946 in Wiesbaden-Schierstein von Dipl.-Ing. Kurt Gersch gegründet, 1959 verlegte man die Steganlage nach Mainz Kastel, dem jetzigen Standort. Nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb sich Bootsbau Gersch & Sohn einen Namen durch Rennbootkons-truktionen und Rennaktivitäten des Seniors. Kurt Gersch konstruierte die ersten Dreipunkter (Hydroplanes, Boote, die keine Wasserverdrängung haben und daher ungemein schnell sind) mit Außenbordmotoren in Europa, Johnson und Mercury waren die ersten Außenbordmotoren, die er verwendete, später kamen die reinen Rennmotoren von Dieter König (Konstrukteur von Rennbootmotoren und Rennfahrer) zum Einsatz.

1956 baute Kurt Gersch für Jürgen Baginski, den Besitzer der Spalt-Tabletten-Werke in Bad Soden, das Rennboot „Berlin VI“. Wie manche andere Rennbootkonstrukteure faszinierte ihn aber ebenso das Fahren dieser Boote. So saß er also neben Jürgen Baginski als Beifahrer im Boot, und beide konnten in diesem Jahr eine sehr erfolgreiche Rennsaison verbuchen. Im August 1956 errang die „Berlin VI“ den 1. Platz bei der Weltmeisterschaft im südfranzösischen Cannes. Ende des 1956 wurde sie nach Rüdesheim verkauft.

40 Jahre lang bemühte sich die Familie Gersch vergebens, das geliebte Rennboot, das „Familienmitglied“, dessen Spur sich jenseits von Rüdesheim verloren hatte, wiederzufinden. Ende 2009 gab man erstmals in einer Oldtimer-Zeitschrift eine Suchanzeige unter der Rubrik „Leser helfen Lesern“ mit einem Bild der „Berlin VI“ in Auftrag. Glückes Geschick: Bereits am 30. Dezember 2009 meldete sich ein Mann aus Regensburg und behauptete, er habe das gesuchte Boot.

Sohn Rolf Gersch, Nachfolger des 1997 verstorbenen Kurt Gersch, fuhr mit seiner Frau im Januar 2010 also nach Regensburg. Dort angekommen, brachte der Bootsbesitzer das verdutzte Ehepaar zu einem Container, den er gemäß seiner Aussage nach 30 Jahren (!) zum ersten Mal wieder öffnete.

Der Anblick war dementsprechend erschütternd. Das Dach des Containers war nämlich durchgerostet, und das Boot stand halbvoll Wasser. Der Lack blätterte komplett ab. Irgendwann war das Boot umgebaut und mit einem flachen Motordeckel und Windschutzscheibe für Wasserskirennen auf der Donau ausgestattet worden. Ein gebrauchter marinisierter Rover V8 mit Getriebe war zum Teil eingebaut und alles perfekt zusammenge-
rostet.

Rolf Gersch benötigte eine geschlagene halbe Stunde, um mithilfe der Originalpläne zu erkennen, dass er vor den Resten der „Berlin VI “stand. Dennoch gab es für ihn kein Zögern: Er kaufte das wiedergefundene „Familienmitglied“, und Ende Januar 2010 brachte der ehemalige Eigner das Boot nach Mainz-Kastel. Dort wurde es dann von einem seinerzeitigen Angestellten der Gersch-Werft und dem Obermeister der Bootsbauinnung Hillmann in Augenschein genommen. Nach mehreren Debatten, was zu tun sei, entschied man sich schließlich, die „Berlin VI“ als Ausbildungsprojekt für angehende Bootsbauer zu nutzen.

Die Holz- und Lackierarbeiten wurden auf der Hillmann-Werft gemäß den Anweisungen von Rolf Gersch mithilfe der Originalpläne ausgeführt. Es musste die komplette Außenhaut ausgetauscht werden, die Spanten wurden ebenfalls teilweise ausgebaut, restauriert und wieder eingebaut. Diese Arbeiten dauerten bis 2011, anschließend kam das Boot zurück in die Gersch-Werft.

Rolf Gersch begann nun, die komplette Technik instand zu setzen und einzubauen. Das größte Problem bestand darin, einen originalen BPM-Rennmotor mit zwei Solex-Doppelvergasern zu finden. Der Kauf eines Hydroplane-Rennbootes (Europameister 1959) mit BPM-Motor bescherte ihm Kontakte nach Italien, und so konnte er 2011 einen BPM-Motor erwerben, der tatsächlich aus der Zeit der „Berlin VI“ stammte.

Das ist der Stand der Dinge. Da die BPM-Rennmotoren alle handgefertigt sind, fertigt Rolf Gersch dafür Teile an und hofft, den Motor alsbald einbauen zu können. Dann wäre die „Berlin VI“ nach ihrem Jahrzehnte währenden, reichlich unbequemem Dornröschenschlaf endlich wieder einsatzbereit ...

Rolf Gersch am 26.06.2012