Hey, Baby Hey, Baby
Oldies

Hey, Baby!

Christian Tiedt am 15.02.2011

„Concours d‘Elegance“: Jeden Sommer wird der Lake Tahoe im Westen der USA eine Woche lang zur „Flaniermeile“ für echte Schönheiten.

Hey, Baby

„Babies“ unter sich: Nevins Gentleman‘s Racer und Chris Craft Racing Runabout „Baby Skip“.

Amerikas weiter Westen hält viele versteckte Schätze parat: Mit seinem glasklaren, tiefblauen Wasser gehört der Lake Tahoe an der Grenze von Nevada und Kalifornien zu seinen funkelnden Juwelen. Umschlossen von den Höhenzügen der Sierra Nevada, galt der See lange als „Geheimtipp in der Wildnis“.

Fotostrecke: Concours d'Elegance

Doch in den Boom-Jahren der Fünfziger und Sechziger zog es immer mehr Menschen von der nahe gelegenen Pazifikküste in die Abgeschiedenheit der Berge, für die Sommerfrische oder nur zum „Weekend“. „Holiday“ als wirksames Heilmittel gegen die Hektik der Großstadt. Und mit den Urlaubern kamen die Boote auf den Lake Tahoe – für das endgültige Freiheitsgefühl. Das zweite Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts gilt zugleich als „Goldene Ära“ des amerikanischen Bootsbaus, eine im wahrsten Sinne „glanzvolle“ Epoche, geprägt von lackiertem Edelholz und von blankpoliertem Chrom und Stahl eingerahmt.

Ein besonderes Festival erweckt diese große Zeit auf dem Lake Tahoe einmal im Jahr wieder zum Leben: Während der „Wooden Boat Week“ wird der See im Sommer für die Dauer einer Woche zum Treffpunkt klassischer Boote. Seit fast vier Jahrzehnten gibt es die Veranstaltung inzwischen. Viele der hölzernen „Teilnehmer“ sind am See zu Hause und Jahr für Jahr dabei, andere reisen über Land an, vom Pazifik, den großen Seen oder der noch weiter entfernten Ostküste. Das außergewöhnliche „get together“ zieht regelmäßig Tausende von Schaulustigen an. Besonders für Oldie-Fans ist die Zahl der Fotomotive entlang der vollbelegten Stege und vor dem schroffen Bergpanorama des Sees endlos.

Unumstrittener Höhepunkt ist jedoch der Concours d'Elegance. Wie der Name verrät, geht es bei diesem Wett-bewerb nicht um sportliche Höchstleistungen, sondern um das Erscheinungsbild der Teilnehmer: Mit einem 100-Punkte-System bewerten die Juroren der Tahoe Yacht Club Foundation unter anderem Authentizität und Zustand von Lackierung, Polstern, Instrumenten und Motoren. Gehört dieser Drehzahlmesser wirklich in das Armaturenbrett einer 33-Fuß „Baby Gar“ von 1926? Und das Unterwasserschiff einer 1955er Chris Craft „Cobra“ sollte natürlich in Gold lackiert sein! Damit faire Bedingungen herrschen, wird die Schar der Schönheiten in Klassen eingeteilt. In diesem Jahr waren es fünfzehn, von „Lakers & Launches“, über Runabouts mit Dreifach-Cockpit oder „blonde deck“, aus Vor- oder Nachkriegszeit, bis hin zu „full fiberglass“, also den ersten echten Kunststoffbooten.

Insgesamt 80 Oldtimer nahmen am 38. „Concours“ 2010 teil, doch egal ob Preisträger oder nicht, einmalig sind die meisten von ihnen inzwischen ohnehin – allein schon dank ihrer langen Lebensgeschichte. Da wären zum Beispiel die „Babies“, kleinere Boote, die schon größere „Geschwister“ oder Vorbilder hatten. So wie „Baby Skipalong“, ein Nevin‘s Gentleman‘s Racer von 1924, der in diesem Jahr in der Klasse der „Racing Runabouts“ den zweiten Platz belegte. Das schlanke Rennboot mit dem Kanuheck wurde 1924 für einen gewissen George Townsend gebaut. Der Industrielle aus New York wollte in der Gold-Cup-Rennserie Lorbeeren sammeln. Ein Sechszylindermotor von Packard sorgte mit 621 PS für den nötigen Punch auf der Geraden: 1926 und 1927 ging der 8,10 m lange Racer tatsächlich als Erster durchs Ziel.

Townsend verkaufte das Boot danach an den Motorenbauer Leland Scott, der ihm in Anlehnung an seine große Motoryacht „Skipalong“ den heutigen Namen gab und es zur Rennsaison 1929 zum Lake Tahoe brachte. Mit drei Triumphen schaffte das „Baby“ umgehend klare Verhältnisse. Doch der stolze Eigner sah sich nun mit einem Dilemma konfrontiert, da der siegreiche Packard im Rumpf den Motoren aus eigener Herstellung nun gewisse Konkurrenz machte. Schweren Herzens trennte man sich wieder – doch nicht für immer: Im Sommer 2007 kaufte die Familie Scott das Boot nach 78 Jahren zurück. Mehr als drei Jahrzehnte war „Baby Skipalong“ eingelagert, jetzt macht es, nach vielen hundert Stunden Handarbeit, perfekt restauriert endlich wieder das, was es am besten kann: schnell laufen und dabei auch noch gut aussehen.

Das gilt auch für „Challenger“, immerhin Zweite in der Klasse der „Dreifach-Cockpits über 23 Fuß Länge “. 1926 entstand das Runabout vom Typ „Baby Gar 55“ in der Werft des legendären amerikanischen Bootsbaupioniers – und Rennfahrers – Gar Wood. Die Typzahl entspricht der für ein Serienboot noch heute eindrucksvollen Höchstgeschwindigkeit von 55 Meilen pro Stunde – also knapp 90 km/h. Die ungeheure Power dafür liefert eine von Gar Woods „Spezialitäten“: Er rüstete die Boote mit 500 PS starken Liberty-Motoren aus, die nicht aus der Boots-, sondern aus der Flugzeugindustrie stammten. Der voluminöse V-12er aus Aluminium war das Standardtriebwerk der amerikanischen Jagdflugzeuge im Ersten Weltkrieg und deshalb nicht nur leicht und besonders zuverlässig, sondern nach Friedensschluss auch günstig und in großer Zahl zu haben.

Für die komplette „Baby Gar“ musste der Durchschnittsbürger dann aber doch tief in die Tasche greifen: Knapp 12 000 $ kostete das Modell 55 in einer Zeit, als ein moderates Eigenheim schon für 3000 $ Wirklichkeit wurde. Kein Wunder also, dass die Eigner häufig „ungewöhnliche“ Charaktere waren, Schauspieler und bekannte Playboys etwa, oder auch „rum runner“: Der Alkoholschmuggel mit schnellen Booten war während der Prohibitionszeit ein zwar sehr risikoreiches, aber auch äußerst profitables Geschäft. Die Anforderungen an die 77 gebauten „Baby Gars“ waren also hart; so hart, dass nur die „Challenger“ die Zeit überdauert hat. Besonders stolz ist Besitzer Daniel Morehead darauf, dass das 10-m-Runabout fast komplett im Originalzustand ist; fast, denn eine einzelne Rumpfplanke musste ausgetauscht werden ... 

Der Preis für das „einzigartigste Boot“ ging in diesem Jahr übrigens an ein weiteres „Mädchen“ aus der Welt der schnellen Männer: „Houston Girl“, eine Einzelanfertigung von 1928, wurde speziell für die Teilnahme an Rennen der sogenannten „limited 151-class“ gebaut. Für den Bau des leichten, nur gut  5 m langen Gleiters zeichnete kein Geringerer als John Hacker verantwortlich, der als Vater des modernen Rennbootbaus gilt. Ebenso einmalig wie der Stufenrumpf von ihm ist auch sein rustikaler Original-Trailer, der noch immer auf vier Speichenrädern von einer Ford „Tin Lizzy“ ruht ...

Der nächste Concours d‘Elegance findet am 12. und 13. August 2011 statt.  

Christian Tiedt am 15.02.2011