Chris-Craft Capri 19 Chris-Craft Capri 19
Oldies

Im Namen des Vaters

Gérald Guétat am 23.03.2014

Manche Dinge hanben ihre ganz eigene Familiengeschichte – auch jene Chris-Craft Capri 19 aus den Fünfzigern, die Pavlos Issaias restaurierte.

Chris-Craft Capri 19

x

Fotostrecke: Chris-Craft Capri 19

Erinnerungen werden besonders am Leben erhalten, wenn uns durch die Jahre Dinge begleiten, die wie Reliquien aufgehoben wurden. Als ein gewisser Pavlos Issaias vor einigen Jahrzehnten den Entschluss fasste, sich mit seiner Familie nach dem Ableben seines Vaters in Italien niederzulassen, vergaß er daher nicht, dessen alte Chris Craft Capri 19 ins Gepäck zu nehmen.

Vater Petros Issaias hatte dieses Boot in den späten 50er-Jahren von seinem Landsmann, dem (nicht nur aus den Medien) bekannten Schiffsmagnaten Stavros Niarchos, erworben, der das Runabout damals als Tender für seinen gleichfalls in Glanzzeitschriften oft abgebildeten Dreimaster "Creole" aus den USA importiert hatte.

Kein Platz an Bord für zwei Runabouts

In jenen Tagen war die legendäre Chris-Craft-Werft, die auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurückblickt, Weltmarktführer in der Konstruktion optisch besonders ansprechender Motorboote. Innerhalb seiner umfangreichen Produktpalette offerierte der Bootsbauer aus Michigan auch eine Reihe von Runabouts in klassischem Design, in der die Capri einen wichtigen Platz innehatte.

Es überrascht nicht, dass eine Persönlichkeit wie Stavros Niarchos die Eleganz des Bootes, die seiner Ansicht nach mit den Linien seiner geliebten "Creole" aufs Beste harmonierte, schätzte. Doch fehlte dieser perfekten Ergänzung zu seiner Yacht letztlich der Vorteil des offenen Cockpits im hinteren Bootsteil, und weil an Bord seines Seglers nur Raum für ein Objekt vorhanden war, verkaufte der Magnat seine Chris Craft an Petros Issaias, frisch vermählt und Vater eines kleinen Jungen namens Pavlos.

Erinnerungen an die Sommerferien

Wenn man im Sonnenschein von Piräeus aufwächst, spielen die Freuden des Wassers zweifellos eine wichtige Rolle im Leben, und des Vaters glitzerndes Runabout wurde für Klein-Pavlos schnell zum Synonym für Geschwindigkeit und Lebensfreude. Die Sommerferien boten viele Gelegenheiten, vom Boot aus das Schwimmen zu lernen und mit ihm unzählige Höhlen und traumhafte kleine Buchten zu entdecken. Diese freudvollen Jahre prägten Pavlos fürs ganze Leben.

Als das von ihm wie ein geheimer  Schatz verehrte Boot in seinen Besitz übergeht, fotografiert er begeistert seine bildschöne Frau und die kleine Tochter bei einem ersten Ausflug an Bord. Um das geerbte Prachtstück jedoch wirklich nutzen zu können, muss es überarbeitet werden. Pavlos Issaias möchte, dass dieses Boot, dessen Werft zu Recht als "amerikanische Ikone" gilt, seinen alten Idealzustand zurückerhält. Es dauert ein paar Jahre, bis die geeignete "Werkstatt" gefunden ist, eine, die für die Restaurierung auch das richtige Händchen hat und die in der Lage ist, das von Pavlos gewünschte Resultat zu erreichen.

Ein neuer Motor mit aufregendem Sound

Letztendlich ist es Giacomo Lazzari, der in seinem Betrieb in Sarnico am oberitalienischen Lago d‘Iseo in der Nähe von Bergamo, wo eher an anspruchsvollen Rivas aus Mahagoni gearbeitet wird, ein Wunder vollbringt. Das Auswählen der richtigen Zulieferer, um die passenden Nuancen des Holzes zu bekommen, entpuppt sich bei der Aktion als die größte Herausforderung, denn die alte Chris-Craft Capri 19 weist verschiedene wunderschöne Holztöne auf. Das im wahrsten Sinne brillante Ergebnis kann sich sehen lassen und ruft selbst bei den besten amerikanischen Restaurationsexperten Anerkennung hervor.

Um ohne mechanische Störungen fahren zu können, ersetzt Pavlos Issaias den originalen KBL-Chris-Craft-131-HP-Sechszylinder-Motor und installiert einen brandneuen 5,7-Liter-V8-MerCruiser, dessen Auspuff einen aufregenden Sound hervorbringt, und der, wie er findet, perfekt zum Stil des Bootes passt.

Einen Sanierungsfall gibt es ab 15000 Dollar

Der originale KBL-Chris-Craft-131-HP-Sechszylinder im klassischen Blau der Chris-Craft-Motorenblöcke wird auch wieder auf Vordermann gebracht und als Teil der Geschichte dieses einzigartigen Bootsrumpfes ebenfalls gut verwahrt. – In südlichen Ländern ist man traditionell verschwiegen, wenn es um den Wert eines Objektes geht.

Aber Liebhaberpreise in den Vereinigten Staaten, wo die Chris Craft Capri 19 Fuß wegen ihrer Kompaktheit und wegen ihres besonderen Stils, der quasi zwischen zwei "Epochen" im Bau schneller Boote angesiedelt ist, großes Ansehen genießt und zahlreiche Verehrer hat, die alle Jahre wieder Chris-Craft-Treffen veranstalten, vermitteln eine Vorstellung. Es gibt Exemplare, die für 35 000 bis 40 000 Dollar angeboten werden, einen "Sanierungsfall" kann man mit etwas Glück für etwa 15 000 Dollar bekommen.

Von Tolex-Gold bis Mintgrün

Die Chris Craft Capri 19 Fuß hat sich während der Zeit der Produktion in den Fünfzigerjahren, genauer 1955 bis 1958, nur wenig verändert. Daher ist das klassische Modell heute meist leicht erkennbar. Die ersten Capris der "ältesten Serienbootwerft der USA" waren mit cremefarbenen Polstern ausgestattet und mit "Tolex Gold", dem modischen Kunststoff, der unter anderem auch für die Boxen elektronischer Gitarren genutzt wurde. 1957 modernisierte die Werft ihre Farbplalette mit einem "delikaten Mintgrün", bis die Capri 1958 ihre erfolgreiche Karriere im "sportlichen Rot und Weiß" beendete.

Das Boot läuft flach und ausgezeichnet, erreicht Gleitgeschwindigkeit in wenigen Sekunden und kommt auf über 35 Knoten. Herstellungswerk Cadillac, Michigan, Lieferdatum 6. Mai 1955. Wie heißt es so schön in BOOTE 10/2001 zum Chris-Craft Meeting im US-Staat Washington: "Für große Reisen waren diese Boote gewiss nicht gebaut, aber ideal für die Großen Seen des Nordens und die Inside Passage nach Alaska."

Gérald Guétat am 23.03.2014