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Reportage

Das Herz schlägt

Gerald Guetat am 08.11.2020

Auf der Straße ist Ferrari eine Legende. Fast vergessen ist, dass die Motoren der Edelschmiede auch einige ikonische Rennboote antrieben. Ein besonderes Exemplar liegt perfekt restauriert am Comer See

Kontakt! Im tiefen Cockpit seines Einsitzers betätigt der Fahrer den Schalter der Kraftstoffpumpe und lässt den Motor einige Sekunden lang mit dem Anlasser laufen, jedoch noch ohne zu zünden. Mit dem Fuß pumpt er das Gaspedal, bis die Vergaser gefüllt sind. Dann stellt er den Magnetzünder auf Posi­tion drei, drückt erneut den Starterknopf – und löst diesmal im Innersten jedes einzelnen der zwölf Zylinder ein kontrolliertes Inferno aus. Der Motor ist zum Leben erwacht. Schnell zuckt der Drehzahlmesser auf 1300 Umdrehungen pro Minute. Langsam erwärmt sich das Kühlwasser, während der Öldruck allmählich wieder von acht auf vier Kilogramm pro Quadratzentimeter absinkt. Der Sound ist fantastisch, und wer das Ohr dafür besitzt, kann alle beweglichen Teile des historischen V-12-Triebwerks wie bei einem Uhrwerk schnurren hören.

Der Pilot denkt für den Bruchteil einer Sekunde an Ascari und Villoresi, die 1953 beinahe die legendären 24 Stunden von Le Mans gewonnen hätten – wenn damals diese dumme Kupplung nicht gewesen wäre. Inzwischen ist die Wassertemperatur auf 60 Grad gestiegen. Der Pilot stellt den Motor ab, damit die Wärme verteilt wird und auf natürliche Weise weiter ansteigt. Drei Minuten später zündet er zum dritten Mal, kuppelt die Propellerwelle ein und und lässt das Pedal langsam kommen. Das rote Hydroplane beginnt seine Spur von weißem Schaum über den See zu ziehen, wird immer schneller und hebt sich schließlich scheinbar schwerelos auf die schmalen Rumpfkanten. Bei dieser Geschwindigkeit ist für die meisten gewöhnlichen Boote bereits Schluss, hier hat die Party gerade erst begonnen. Gleich daneben wird der Autor am Steuer eines jetgetriebenen RIB, das von Fabio Buzzi für die Spezialeinheiten der italienischen Marine entworfen wurde, versuchen, mit dem rasenden Feuerball mitzuhalten, der über den Comer See jagt. Der Fotograf am Bug des Begleitboots steht nach vorn gebückt wie in Angriffsposition, die Kamera in einer Hand.

Im Gegensatz zu den beiden anderen noch existierenden klassischen Rennbooten mit Ferrari-Antrieb ist dieses das Einzige, das mit einem Motor ausgestattet ist, der direkt aus einem renommierten Straßenrennwagen stammt, die anderen beiden haben Motoren, die ursprünglich für den Einbau in Rennboote vorgesehen waren. Die unglaubliche Geschichte beginnt 1953 bei den 24 Stunden von Le Mans. Ferrari ist damals noch ein recht junges Unternehmen, das mit großem Ehrgeiz daran arbeitet, sein Emblem mit dem steigenden Pferd auf den Rennstrecken bekannt und so zu einer Ikone zu machen.

Noch mehr Informationen? Den Artikel "Das Herz schlägt" mit weiteren Fotos und technischen Hintergründen finden Sie in BOOTE-Ausgabe 11/2020 seit dem 21.10.2020 am Kiosk oder online im Delius Klasing-Shop.

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Gerald Guetat am 08.11.2020
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