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Oldies

Wenn die Autos Baden gehen

Erdmann Braschos am 19.05.2011

Halb Boot, halb Auto: Amphicars begeistern diesseits und jenseits des Atlantiks seit langem eine eingeschworene Fangemeinde. TEIL 2 der Geschichte.

Amphicar

Nur fliegen konnte es nicht: Das Amphicar 770 zu Lande und zu Wasser.

Es half nicht, dass zwei Franzosen 1962 den Ärmelkanal in fünf Stunden und 20 Minuten in einem Amphicar querten und sich Mitte der 60er-Jahre gleich zwei englische Autos auf den Weg machten, was sich als kluge Maßnahme erweisen sollte. Denn nachdem unterwegs ein Amphicar mit Wasserschaden stehenblieb, wurde der Havarist den Rest der Strecke vom anderen Wagen geschleppt. Nach über sieben Stunden endete das amphibische Abenteuer glimpflich.

Der wetterwendische Ärmelkanal ist für die als Verdränger gedachten, tief im Wasser liegenden Schwimmautos herkömmlicher Bauart mit geringem Freibord ein be­sonderer Test. Denn bei der Fahrt durch bewegtes Wasser schwappt dieses schnell in Motorraum und Cockpit. Es half letztlich auch nicht, dass zwei Exemplare 1965 den Yukon River in Alaska querten und ein Amphicar im Film „Inspector Clouseau“ auftauchte.

Amphicar

Nur fliegen konnte es nicht: Das Amphicar 770 zu Lande und zu Wasser.

Der Kompromiss aus Auto und Boot wurde einmal als „weder gutes Auto noch gescheites Boot“ beschrieben. Ein Kollege aus der Schwimmautoszene sieht die Sache freundlicher: „Das Amphicar ist das schnellste Auto im Wasser und das schnellste Boot auf der Straße.“

Der naheliegende und wohlfeile Spott wird der Entwicklung aus der Nachkriegs­ära nicht gerecht. Denn mehr als siebenhundert Amphicars existieren noch, was für die Qualität und mehr noch für die Begeisterung und Beharrlichkeit der Besitzer für den Erhalt ihrer fahrenden und schwimmenden Kuriositäten spricht. Alljährlich wird es zu sogenannten „swim ins“, einem kollektiven Schwimmauto-Badetag, seiner schönsten Bestimmung, dem Wasser zugeführt – an Elbe und Havel und natürlich auch an Gewässern in den USA.

Mister Amphicar dachte übrigens bis ins hohe Alter über Schwimmautos nach, und 1990 wurde seine letzte Entwicklung namens „Aqua Terra 11“ eingewassert. Insgesamt dreißig verschiedene Schwimmautomodelle dachte sich Trippel aus.

1993 wurde in Frankreich der Renault Racoon entwickelt, ein Offroad-Konzept, das über Stock und Stein hinaus auch mit Wasser fertig werden sollte. Das Allrad-Auto mit einem V6-Turbo sollte im Wasser 5 kn erreichen. Ein Kompass am Armaturenbrett gehörte zur Grundausstattung und erinnerte an die Vielseitigkeit des Spaßmobils.

Wie die meisten Schwimmautos handelte es sich beim Renault um ein vorn und unten herum zweckmäßig zum geschlossenen Unterwasserschiff abgedichtetes Auto, dessen Fahrwerk und Räder durch das Wasser gezogen werden.

Das Trippelsche Schwimmauto wird im Wasser gar mit den als Bugrudern fungierenden Vorderrädern eher schlecht als recht gesteuert. Angesichts der kleinen Lateralflächen ist der Kurswechsel langwierig und entsprechend früh herbeizuführen. Bei einer Probefahrt in Venedig wurde ein Wendekreis von 35 m gemessen.

Im 2002 vorgestellten Aquada geht es hinsichtlich Fahrleistungen und Manövrierfähigkeit ganz anders zur Sache. Vom gebürtigen Neuseeländer Alan Gibbs in siebenjähriger Entwicklung ersonnen, abgesichert von sage und schreibe 60 Patenten und von Gibbs Technologies in England gebaut, überzeugt das Gefährt mit beeindruckenden 160 km/h Spitze auf der Straße und 27 kn im Wasser.

Im April 2004 bretterte der englische Millionär Sir Richard Branson damit in 90 Minuten über den Ärmelkanal, was ganz nebenbei die amphibische Rangordnung zugunsten Großbritanniens wiederherstellte. Er fuhr den türlosen 175-PS-Roadster mit einem vorn immerhin angedeutet  V-förmigen Vorschiff unter  einer modifizierten Mazda-MX-5-Karosserie.

Auch die Beschleunigungswerte sind beachtlich: Auf der Straße erreicht er aus dem Stand die 100-km/h-Marke in weniger als 10 s. Im Wasser soll der Aquada in 5 s den Gleitzustand erreichen. Das Gefährt ist wasserskitauglich. Das sogenannte „High Speed Amphibian“, kurz HSA genannt, ist im Wasser mit clever in die Radkästen eingezogenen Rädern unterwegs. Der Mechanismus dazu ist gleichermaßen aufwendig wie wirksam.

Die Umschaltung vom Straßen- auf den Wassermodus erfolgt per Knopfdruck und ist in 4 s erledigt. Nach Prüfung der ausreichenden Wassertiefe werden die Räder vom Antrieb abgekoppelt und geborgen. Trimmklappen werden ausgefahren und die straßenübliche Beleuchtung auf die maritime Variante umgeschaltet. Beim Ablegen muss der Fahrer bloß auf eine Mindestdrehzahl von 2000 U/min achten, damit der Wasserstrahlantrieb genug Wasser unter dem Achterschiff ansaugt.

Der (in Anlehnung an einen Wasserbike-üblichen) entwickelte Jetantrieb generiert bei ganzen 90 cm Länge und 40 kg Gewicht mehr als eine Tonne Schub. Motorisiert ist der Aquada mit einer 175 PS starken, sechszylindrigen 2,5-l-Maschine mit 24 Ventilen. Die Karosserie besteht aus einem Aluminium Space Frame.

Dank des eingebauten Auftriebs soll der Aquada unsinkbar sein. Drei separate Bilgenpumpen lenzen bei Bedarf.
Trotz der leistungsstarken Technik soll das Leergewicht des Wagens ganze 1350 kg betragen. Der Fahrer sitzt übrigens in der Mitte, an Back- und Steuerbord ist Platz für die Begleitung.

Der Aquada kostet so viel wie ein exquisiter Sportwagen, was den schleppenden Verkauf erklärt. Immerhin hat er bereits die Hürden der europäischen Zulassungsbürokratie genommen. Mit den amerikanischen vergnügt sich Gibbs Technologie gerade ...
 

Erdmann Braschos am 19.05.2011