Tempo VI Tempo VI
Oldies

Wie Phönix aus der Asche

Gérald Guétat am 29.09.2011

Vor einigen Jahren wurde die „Tempo VI“, die 1946 den legendären Gold Cup gewann, von einem Sammler res­tauriert – mit glänzendem Ergebnis.

Tempo VI

„Tempo VI“: Nach 40-jährigem Schweigen finden Boot und Motor wieder ihren Rhythmus.

Seit Ende der 1930er-Jahre beherrschte die amerikanische Ventnor-Werft die internationale Szene mit ihren revolutionären „Dreipunkt­rümpfen“. Diese waren an den zwei seitlichen Schwimmern beiderseits des Rumpfes leicht zu erkennen. Dank dieser „Anhängsel“ und einer Reihe aerodynamischer Geheimnisse erreichten die Ventnor-Boote nie zuvor gemessene Geschwindigkeiten und gewannen die meis­ten US-Bootsrennen.

Fotostrecke: Tempo VI

Zur damaligen Zeit gaben beim Rennbootsport auf hohem Niveau reiche Amateure den Ton an. Dazu zählt auch
ein gewisser Z. G. Simmons, der 1939 das Rennboot aus lackiertem Mahagoni bestellt, aus dem einige Jahre später die „Tempo VI“ werden wird. Für Simmons sind Bootsrennen der Zeitvertreib eines vornehmen Sportsmanns. Humorvoll tauft er sein Boot auf den Namen „My Sin“, was so viel bedeutet wie „Meine Sünde“.

Seine finanziellen Mittel erlauben es ihm, den beeindruckenden Prototypen eines Miller-V16-Motors mit 11 l Hubraum und einer Leistung von mehr als 750 PS einbauen zu lassen. So ausgerüstet gewinnt „My Sin“ in den Jahren 1939 und 1941 bereits den ruhmreichen Gold Cup, der bereits öfter in BOOTE Erwähnung gefunden hat.

Nach Kriegsende hat Simmons keine Lust mehr, an großen Rennen teilzunehmen und verkauft sein Boot in hervorragendem Zustand an den New Yorker Musiker Guy Lombardo, dem Chef der Royal Canadian Jazz Band. Mit Simmons verbindet ihn eine besondere Leidenschaft: Tempo auf dem Wasser. Er hat an mehreren Rennen mit ver­schiedenen Ventnor-Rennbooten mit Dreipunktrumpf teilgenommen, die alle den Namen „Tempo“ trugen.

Mitgerissen vom Erfolg und von der Begeisterung der Nachkriegszeit, meldet sich Lombardo 1946  nun seinerseits für den Gold Cup in der leis­tungsstärksten Klasse an. Die „Tempo VI“ baut er geringfügig um, um sie allein zu lenken (sein Vorgänger wurde noch von einem Mechaniker begleitet). Lombardo dirigiert das Rennen und siegt mit einem Paukenschlag.

Dieser Sieg von 1946 ist allerdings der letzte eines Bootes mit einem hochkomplizierten Motor, der noch aus den 30er-Jahren stammt. Denn kurz nach Kriegsende ändert man das Regelwerk, um den Einsatz bil­ligerer Motoren zu ermöglichen, ohne den Hub­raum zu begrenzen.

Aus dem gigantischen Nachlass des Zweiten Weltkrieges kommen Hunderte von Jagdflugzeugmotoren auf den Markt, und einige Rennboot­piloten sehen darin eine wunderbare Gelegenheit. Zum Preis eines schlechten Gebrauchtwagens bekommen sie einen V12 der Marke Allison mit 36 l Hub­raum, der mühelos mehr als 1500 PS entwickelt.

Damit sind Stärke und Zuverlässigkeit zu einem so niedrigen Preis verfügbar, dass sich das Gesicht
des Rennsports verändert. Innerhalb von weniger als einem Jahr ist ohne die außergewöhnliche Leistung und Ausdauer der V12 von Allison kein Sieg mehr möglich. Dies wird noch dadurch unterstützt, dass zahlreiche Werkstätten diese Aggregate für einen breiten Markt bootstauglich machen.

Den Gold Cup von 1947 holt „Miss Pepsi V“ (von einem Erfrischungsgetränk-Hersteller gesponsert), die mit ihrem V12-Flugzeugmotor am gesamten Teilnehmerfeld vorbeifliegt. Guy Lombardo am Steuer seiner „Tempo VI“ versucht alles, um mit seinem Miller-Motor mitzuhalten, bis in der aufgewühlten See einer der vorderen Schwimmer abreißt. Lombardo weiß nun, was er zu tun hat: Das Ventnor-Rennboot soll ebenfalls mit einem Flugzeugmotor ausgestattet werden.

Zu Beginn der Rennsaison 1948 erreicht die „Tempo VI“ wie auch andere Rennboote ­eine Leistung von 2000 PS. Natürlich führt dieser plötz­liche Anstieg bei Bootsrümpfen, die ursprünglich für die Hälfte dieser Leistung ausgelegt waren, zu zahlreichen Zwischenfällen. Die Werften brauchen reichlich Fantasie, um die Strukturen zu verstärken, ohne das Gewicht übermäßig zu erhöhen.

Guy Lombardo ist entschlossen, auf dem Wasser ebenso bekannt zu werden wie auf der Bühne und unternimmt deshalb einen Rekordversuch. Am 25. März erreicht er eine Geschwindigkeit von 184 km/h auf einer Strecke von einer Landmeile. Die „Tempo VI“ geht in die weltweiten Geschwindigkeitsregister ein.

Es ist die letzte Heldentat dieses Bootes, das zehn Jahre zuvor mit einer Leistung von 750 PS zur Welt kam. Noch vor Ende des Jahrzehnts landet die architektonisch überholte „Tempo VI“ nur noch auf den hin­teren Rängen. Anfang der 50er-Jahre wird das Boot aus dem Wettbewerb genommen und ohne Motor stillgelegt. Sein Schicksal scheint besiegelt. Der auf­gegebene Rumpf ist dem Zerfall überlassen.

Für die „Tempo VI“ beginnt eine dreißigjährige Auszeit. Erst das zunehmende Interesse an der Restaurierung alter Rennboote rettet sie Anfang der 80er-Jahre vor der völligen ­Zerstörung. Eine Familie aus der Gegend von Seattle hat sich vorgenommen, berühmten Booten aus der Geschichte des Rennsports der 30er-Jahre wieder Leben einzuhauchen. In ­einem traurigen Zustand trifft der ruhmreiche Rumpf von Guy Lombardos ehemaligem Boot in ihrer Werkstatt ein.

Als es um die Frage geht, ­welche Version der „Tempo“ als Vorbild dienen soll, tauchen mehrere Probleme auf. Um das Boot zu restaurieren, muss ein funktionstüchtiger Miller-V16-Motor her. Hiervon wurden allerdings nur drei Exemplare gebaut, und diese sind so gut wie unauffindbar. Daher entscheidet man sich, wie vierzig Jahre zuvor, für den V12 von Allison: verfügbar, leistungsstark, preisgünstig und zu­verlässig.

Lombardos Nachfolger wollen keine Boote, um sie in einer Halle auszustellen; sie möchten mit ihnen fahren, so oft es möglich ist, und mit der ganzen ­Familie an Sammlertreffen teilnehmen. Hierfür wird das zweisitzige Cockpit rekonstruiert – bei der Stilllegung war das Boot nur einsitzig.

Nach einigen Jahren harter Arbeit hat das Modell des Weltrekordes von 1948 schließlich seine strahlende Schönheit zurück. 1997 ist der Ventnor-Rumpf mit seiner solide an der Struktur verschraubten Beplankung bereit für den Einbau der 1600 PS des V12 von Allison.

Für die offizielle Präsentation im darauffolgenden Jahr soll ­alles bereit sein – jedes Detail wird sorgfältig beachtet. Das Instrumentenbrett enthält alle Originalinstrumente, die Profilierung des Cockpits mit seiner feinen, leinenverstärkten Struktur sieht wieder so aus wie nach dem Krieg. Sogar die Lacke sind leicht glänzend wie seinerzeit und verleihen der „Tempo VI“ eine bemerkenswerte Authentizität. Das ist in einem Umfeld, in dem die Leidenschaft häufig dazu verleitet, des Guten zu viel zu tun, etwas Besonderes.

Der Tag des Stapellaufes ist noch einmal eine harte Prüfung für die ­Nerven der engagierten Restaurateure. Zwar ist der gewaltige Motor auf dem Prüfstand prob­lemlos gelaufen, aber zum ers­ten Mal soll nun alles zusammenwirken. Als der V12-Motor angelassen wird, vermitteln die zwölf Kolben den Eindruck unendlicher Mühsal und Bedächtigkeit, wie sie sich langsam in den Zylindern heben und senken.

Doch plötzlich ereignet sich das Wunder: Die Metallmassen erwachen in einem Konzert aus harmonisch rhythmisierten Klopftönen zum Leben. Entzückt lauschen die Oldie-­Enthusiasten diesem Klang. Nachdem die ers­ten Minuten verstrichen sind, wird die Lust, den Gashebel nach vorn zu schieben, um diese gebändigte Kraft zu entfesseln, nahezu unüberwindlich.

Das dumpfe Grollen der Auspuffrohre verstärkt das Vertrauen in das Cockpit, das erfüllt ist vom Geruch nach Flugzeugbenzin und heißem Öl: jetzt wie ein startendes Flugzeug über die Wasseroberfläche jagen.

Gérald Guétat am 29.09.2011