Motoren: Neuheit - 600-PS-AußenborderFoto: Tod Martens

Motoren Motoren: Neuheit - 600-PS-Außenborder

Johannes Erdmann  

27.5.2021, Lesezeit: 5 Minuten

Es geht noch stärker: Der neue Verado V12 mit 7,6 Liter Hubraum und 600 PS von Mercury leitet eine neue Ära ein. Die Entwicklung solch eines Motorgiganten brachte viele Innovationen mit sich

Das Geheimnis wurde gut gehütet, denn kaum einer der Pressevertreter ahnte, was genau Mercury an jenem 9. Februar am Lake X in Florida präsentieren würde. Der Corona-Situation geschuldet, leider nur virtuell per Pressekonferenz. Das Staunen der Zuschauer war deshalb groß, als ein gewaltiger Koloss von Außenbordmotor im Scheinwerferlicht erschien, auf dessen Haube metallen glänzend zwei Dinge zu lesen waren: "V12" und "600". Beides hatte es so in der Geschichte des Außenborders noch nicht gegeben.

"Da Boote immer größer werden und die Leistungserwartungen weiter steigen, suchen Bootsfahrer eine bessere, leistungsfähigere, PS-starke Lösung, die ihre Anforderungen erfüllt", sagte Chris Drees, Präsident von Mercury Marine noch vorher in der Pressekonferenz. "Der V12 Ve­rado ist die Antwort von Mercury darauf." Der Trend war in den vergangenen Jahren vor allem an der amerikanischen Küste dahin gegangen, immer mehr und größere Außenborder ans Heck von 40 bis 50 Fuß langen Center-Console-Booten zu hängen. Die Hecks der Boote konnten gar nicht breit genug sein, um mindestens vier Motoren aufnehmen zu können. Doch bei 400 PS und damit 1600 PS Gesamtleistung aus vier Motoren lag bei Mercury bislang bei den gängigen Booten der Deckel auf dem Topf. Noch mehr Leistung hieße, weitere Außenborder ans Heck zu hängen. Doch Mercury entschied sich stattdessen, einen größeren Motor zu entwickeln – ein Meilenstein in der Firmengeschichte.

Noch mehr Informationen? Diesen Bericht über den Verado V12 mit technischen Daten und weiteren Bildern finden Sie in BOOTE-Ausgabe 06/2021 seit dem 19.05.2021 am Kiosk oder online im Delius Klasing-Shop.

"Unter Nutzung unserer fortschritt­lichen Technik und Designfähigkeiten haben wir die Außenbordleistung komplett neu definiert", so Drees. "Der V12 ist ein bemerkenswerter Motor, der die Zukunft des Bootsfahrens verändern wird." Die Vorteile solch eines großen Motors liegen für Mercury auf der Hand: Statt zwei 300-PS-Verado zu montieren, reicht künftig ein 600-PS-Motor, der weniger verbraucht als zwei Motoren. Obwohl einige der potenziellen Kunden in den USA bereits auf Social Media auf die Präsentation reagierten: "Man sollte aber doch besser zwei davon dranhängen. Nur ein Motor – wie sieht denn das aus?"

Nach der Präsentation zog sich die anschließende Fragestunde mit den neugierigen Journalisten bis spät in den Abend. Vor allem eine Frage bewegte alle: Wie war es Mercury gelungen, einen derart großen Außenborder zu entwickeln? Dass dafür einige technische Innovationen nötig waren, lag auf der Hand. Auf die Ingenieure warteten nach der Entscheidung zum V12 in der Tat viele Jahre Entwicklungsarbeit. Voran das Problem des Gewichts: Der V12 ist mit 572 Kilogramm fast doppelt so schwer wie das bislang stärkste Verado-Modell mit 400 PS, 6 Zylindern und 303 Kilogramm. Gerade in Verbindung mit den beliebten Extras wie der Joystick-Steuerung war es für die Entwickler keine leichte Aufgabe, einen Weg zu finden, den mehr als eine halbe Tonne schweren Motor für schnelle Manöver steuerbar zu machen. Deshalb entwickelte Mercury einen lenkbaren Antrieb: Der Motor bleibt fest und gerade ausgerichtet am Heck, während sich der Antrieb unter Wasser bis zu 45 Grad nach jeder Seiten schwenken lässt. Dadurch ist der große Außenborder sogar noch wendiger als manch ein klei­nerer Motor.

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Zur Steuerung des neuen V12 hat Mercury sein bewährtes DTS-System (Digital Shift & Throttle) komplett neu erfunden und weiterentwickelt. Auch die komplette Verado-Motoren­familie wird ab Sommer 2021 standardmäßig mit diesem neuen System ausgestattet werden. Es ermöglicht eine extrem reaktionsschnelle Gasleistung ohne Verzögerung und vollständige Inte­gration in die digitale SmartCraft-Technologie. Statt eines zusätzlichen Bedienfelds wie bisher sind nun auch die Active-Trim-Tasten integriert, und eine Quicksteuer-Funktion schafft bessere Lenk­kontrolle bei engen Manövern, was besonders dem V12 zugutekommt.

  Erstmalig hat Mercury einen steuerbaren Antrieb entwickelt, der unter Wasser einen Rudereinschlag von 45 Grad in jede Richtung ermöglicht und damit die Manövriereigenschaften auf engem Raum erheblich verbessertFoto: Mercury
Erstmalig hat Mercury einen steuerbaren Antrieb entwickelt, der unter Wasser einen Rudereinschlag von 45 Grad in jede Richtung ermöglicht und damit die Manövriereigenschaften auf engem Raum erheblich verbessert
  Erstmalig hat Mercury einen steuerbaren Antrieb entwickelt, der unter Wasser einen Rudereinschlag von 45 Grad in jede Richtung ermöglicht und damit die Manövriereigenschaften auf engem Raum erheblich verbessertFoto: Mercury
Erstmalig hat Mercury einen steuerbaren Antrieb entwickelt, der unter Wasser einen Rudereinschlag von 45 Grad in jede Richtung ermöglicht und damit die Manövriereigenschaften auf engem Raum erheblich verbessert

Zwei gegenläufige Propeller helfen dem V12 zudem, die 600 PS ins Wasser zu bekommen, und geben dem Motor bei Manövern auf engem Raum oder beim Anlegen etwas "mehr Biss" im Wasser.

Die dritte Innovation des neuen V12 ist das weltweit erste Zwei-Gang-Automatikschaltgetriebe an einem Außenborder, das die Motordrehzahl je nach Arbeitslast optimiert und dadurch noch stärkere Beschleunigung und bessere Performance beim Fahren möglich macht. Auch bei der Entwicklung des Motorbefestigungssystems hat man sich die allergrößte Mühe gegeben. Die "Advanced Mid Section", die Mercury bereits seit einigen Jahren verwendet, soll verhindern, dass Geräusche und Vibrationen vom Motor auf den Bootskörper übertragen werden. Eine sorgfältige Motorabstimmung dämpft laut Mercury zudem die Ansauggeräusche und eliminiert Einspritzgeräusche fast vollständig. "Noch nie waren 600 PS so leise", versichert das Entwicklerteam.

Mit dem Vorurteil, dass ein Motor mit 600 PS auch entsprechend viel Sprit be­nötigt, versucht Drees indes auch auf­zuräumen: "Der V12 Verado ist unglaublich kraftstoffeffizient." Bei einer während der Pressekonferenz präsentierten Vergleichsmessung in Marschfahrt zeigen die Messwerte, dass zwei V12-Mercury mit 600 PS sogar etwa 20 Prozent weniger Kraftstoff benötigen als drei Außenborder eines Mitbewerbers mit 425 PS. Zudem ist die gemessene Motorlaut­stärke 30 Prozent leiser. "Der neue Motor ist so ruhig und leise, dass Sie Gespräche führen können, während der Motor läuft", ist sich Drees sicher, "Es gibt heute nichts auf dem Markt, was dem V12 Verado gleichkommt."

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Die ersten Exemplare sollen in Europa ab Sommer erhältlich sein. Dann werden wir den Motor auch selbst unter die Lupe nehmen. Der Verkaufspreis wird voraussichtlich bei etwa 65 000 Euro liegen.