Nachtfahrt Nachtfahrt
Bootspraxis

Auf Nachtfahrt

Rainer Herzberg am 18.05.2014

Wunderschön oder unkalkulierbares Risiko? Wer nachts auf Binnenrevieren unterwegs sein will, muss einiges beachten. Rainer Herzberg zeigt, wie’s geht.

Nachtfahrt

Den richtigen Weg kennen: nachts unterwegs.

Das "A und O" einer Nachtfahrt ist eine exakte Vorbereitung. Dazu brauchen wir gute Revierkenntnisse, gründliche Wetterinformationen, aktuelle Handbücher und Karten, eine wirklich komplette Sicherheitsausrüstung und –last, but not least – ein passendes Boot. Allerdings spielt auch der "Human Factor" eine bedeutende Rolle.
Beginnen wir mit den Revierkenntnissen: Kennen wir den ausgewählten Bereich tatsächlich bei Tage gut genug, um ihn auch nachts befahren zu können?

Lautet die Antwort "ja", legen wir die Strecke fest. Wie sieht da die Betonnung aus? Auf dem Rhein beispielsweise wird hin und wieder mal die Betonnung von der Wasser- und Schifffahrtsdirektion geändert. Haben wir überprüft, ob alles noch beim Alten ist? – Weiter geht es mit der Frage, welche Brückendurchfahrten wir zu beachten haben. Und: Sind Aus- und Einfahrten in Nebenflüsse oder in Häfen zu erwarten? Wo befinden sich die örtlichen Flachwasserbereiche? Müssen wir mit Berufsverkehr rechnen? Wo können wir im Notfall sicher anlegen, falls der Skipper unsicher wird oder wir gar in Not geraten?

Können wir das alles mit "ist klar" beantworten, kommen wir zum nächsten Punkt, dem Wetter. Dabei reicht es völlig aus, bei stabiler Wetterlage das Internet zu befragen oder im Radio mal bei den aktuellen Wettermeldungen reinzuhören. Festzustellen ist der meteorologische Sonnenuntergang, denn um auf der sicheren Seite zu sein, wollen wir unseren Törn schon in der Dämmerung beginnen. Ist die Wetterlage indifferent, ist eine gezielte Wetterberatung der richtige Weg, die man für seine Region bei den Wetterberatungsstellen des Deutschen Wetterdienstes bekommt.

Wir müssen auch wissen, wie die Sichten sind: Haben wir mit Regen oder gar Nebel zu rechnen? Und wie sehen die Mondphasen aus, wie ist die Bedeckung am Himmel? Befinden wir uns beispielsweise in einer Vollmondphase, ist es kaum schwieriger, bei Nacht zu fahren als am Tage, denn die Sichten sind dann wirklich tadellos – vo-rausgesetzt, die Wolken haben sich nicht verdichtet. Nicht ganz unwichtig ist es außerdem, etwas über Richtung und Stärke des Windes zu erfahren: Beim Ablegen in der Dämmerung können wir uns noch prima anhand von Flaggen und der Bewegungen der Bäume orientieren. Ein Anlegemanöver in völliger Dunkelheit hat ganz sicher dann seine Tücken, wenn wir die vorherrschende Windrichtung und Stärke nicht kennen und völlig unbedarft einen Liegeplatz ansteuern. Mit Gefühl allein ist da in der Dunkelheit wenig zu machen, und das Anlegen wird zum Glücksspiel.

Haben wir jetzt alle Fragen beantwortet, kommen wir zum nächsten Punkt, den Revierkarten und Handbüchern. Aktuelle Karten aus Papier sind immer noch die beste Informationsquelle für unsere Strecke. Sicher, es gibt heute auch für die Binnengewässer brauchbare Kartenplotter und GPS-Geräte, aber sie haben alle einen Nachteil: Sie können den Dienst quittieren, falls uns die Elektrik einen Streich spielt. Wir sagen das hier nicht, um die Seiten mit Text zu füllen, wir haben es gelegentlich schon erlebt und wissen, wovon wir reden.

Aus diesem Grunde gehen wir gern den alten, aber sicheren Weg, soll heißen, eine aktuelle Revierkarte aus Papier muss her. Die kann man mit nach Hause nehmen, am Schreibtisch bearbeiten und alle wichtigen navigatorischen Positionen eintragen und markieren. Und die Handbücher/Hafenhandbücher? Man stelle sich nur einmal vor, der Motor fängt aus irgendwelchen Gründen an zu stottern, und der nächste Hafen muss umgehend aufgesucht werden. Wohin dann so schnell?

Auch für diesen Fall sollten wir vorbereitet sein. Also: Hübsch der Reihe nach alle Häfen checken und sich mit den dortigen Verhältnissen vertraut machen. Genau dafür gibt es diese informativen Bücher, die ja sowieso bei jedem Schiff an Bord gehören. Aber bitte nicht die vom vorletzten Eigner übernommene, sondern die aktuelle, neueste Ausgabe bereithalten.

Der nächste Punkt ist die Sicherheitsausrüstung. Schwimmwesten für die gesamte Besatzung sind ein Muss. Es ist unbedingt darauf zu achten, dass sie in Größe und Tragefähigkeit auch zu den jeweili-gen Crew-Mitgliedern passen. Unabhängig davon, dass die Wassertemperatur eine Rolle spielt, wenn man hineinstürzt, ist ein Mensch im Wasser bei Nacht nur schwer oder gar nicht zu orten. Wenn dazu noch eine starke Strömung vorliegt, ist er schnell aus dem Blickfeld verschwunden, und es dauert seine Zeit, bis man mit einem hoffentlich gekonnten Mann-über-Bord-Manöver seiner wieder habhaft wird.

Da zur Sicherheitsausrüstung bei Nacht ohnehin ein Suchscheinwerfer, mindestens aber eine starke Taschenlampe (bitte auch Ersatzbatterien nicht vergessen!) gehört, muss diese umgehend zur Suche eingesetzt werden. Sehr hilfreich ist auch eine Markierungsboje mit Beleuchtung, die es bei jedem Bootsausrüster für wenig Geld zu kaufen gibt. Ohnehin ist es besonders wichtig, einen solchen Fall mit der Crew  bereits vor dem Ablegen durchzusprechen, denn es wird wirklich ernst, wenn  wir in diese Situation kommen.

Das betrifft nicht nur denjenigen, der über Bord gegangen und in höchster Lebensgefahr ist. Auch der Skipper muss mit ernsthaften Konsequenzen rechnen, wenn hierbei jemand zu Schaden kommt. Er haftet mit seinem gesamten Vermögen, wenn ihm nachgewiesen wird, dass er grob fahrlässig gehandelt hat und es eine Einweisung zu diesem Punkt nicht gegeben haben sollte. Während der Suche ist es unumgänglich, umgehend über Funk die Schifffahrt auf dem für diesen Abschnitt zugewiesenen UKW-Kanal zu warnen und um Mithilfe zu bitten.

Gleichzeitig kann ein Besatzungsmitglied per Handy die Rettungsdienste informieren und die Position nach Stromkilometern durchgeben. Absagen kann man einen solchen Notfall schnell wieder, wenn die eigene Suchaktion erfolgreich ist. Sind wir sorgfältig für diese Fälle präpariert, dürfen wir uns dem nächsten Punkt zuwenden – dem Boot.

DEN GESAMTEN ARTIKEL  FINDEN SIE IN DER MAI-AUSGABE VON BOOTE, DIE ES JETZT IM HANDEL GIBT.

Rainer Herzberg am 18.05.2014