ReiseDeutsche Bucht – Nordfriesische Inseln

Christian Tiedt

 · 06.05.2022

Reise: Deutsche Bucht – Nordfriesische InselnFoto: Christian Tiedt

Auf zum Strand: Die zweite Hälfte unseres Sommertörns quer über die Deutsche Bucht beginnt auf Helgoland und führt zu den Nordfriesischen Inseln – nach Sylt, Amrum und Föhr

Früh um acht herrscht Aufbruchstimmung im Helgoländer Südhafen, die Päckchen aus bis zu sieben Booten lösen sich auf, und das Netz der Leinen, das bis gerade eben noch alles miteinander sicher verbunden hat, entwirrt sich. Zuerst legen die Äußersten ab, dann geht es weiter nach innen, bis zuletzt das Boot direkt am Steg ablegen kann. Wer heute andere Ziele hat, verlässt den Hafen, um noch bei der zollfreien, gerade erst wieder eröffneten Tankstelle im Binnenhafen vorbeizuschauen, oder dampft gleich auf die Nordsee hinaus. Die anderen drehen Kreise, bis sie wieder anlegen können, am gleichen Päckchen oder woanders.

Auch an Bord der „Rolling Swiss 2“ stehen die Uhren auf Abschied. Zwei sehr schöne Tage auf dem roten Felsen liegen hinter uns. Gleichzeitig markierte der Besuch auf Deutschlands einziger Hochseeinsel den Mittelpunkt unseres Sommertörns mit dem Cruising Club der Schweiz, von der Ems zur Elbe, einmal quer über die Deutsche Bucht. Nach zwei Etappen auf den Ostfriesischen Inseln Borkum und Norderney (siehe BOOTE 4/22) haben wir nun noch die drei großen Nordfriesischen Inseln vor dem Bug, also Sylt, Amrum und Föhr.

Wir verabschieden uns von unseren Nachbarn auf der „Tabaluga“, einer Elling aus Wedel, und wollen selbst erst einmal tanken. Doch als unsere Trader 42 in das frisch renovierte Hafenbecken nebenan einläuft, liegen schon fünf andere Boote in Warteposition. Obendrein ist Sonntag, es wird also erst um 9.30 Uhr an der Zapfsäule losgehen. Da unsere Dieseltanks noch längst nicht leer sind, schenken wir uns die Warterei kurzentschlossen. Auf Nordwestkurs verlassen wir Helgoland über die Nordreede, die Düne an Steuerbord, die Lange Anna an Backbord.

Heckwasser der „Rolling Swiss 2“Foto: Christian Tiedt
Heckwasser der „Rolling Swiss 2“

Bei der Tonne „Sellebrunn-West“ gehen wir schließlich auf Kurs 035°, zu den Nordfriesischen Inseln. Unser erstes Ziel ist das rund 35 Seemeilen entfernte Hörnum an der Südspitze von Sylt, wo wir erneut für zwei Tage festmachen werden, da die übrige Crew die Insel noch nicht kennt und sie morgen mit dem Bus erkunden will. Danach bleiben noch zwei weitere Tage für Föhr und Amrum, bevor es mit vermutlich wieder auffrischendem Nordwind zurück nach Süden Richtung Elbmündung gehen wird.

Während der ersten beiden Stunden der Überfahrt haben wir noch recht unruhige See; eine alte Dünung aus Nord kreuzt sich mit neuen, wenn auch kleineren Wellen aus Südost. Zum Glück weht es nur mit drei bis vier Windstärken. Mit dem riesigen Offshore-Windpark Meerwind Süd/Ost und seinen achtzig Turbinen zur Linken bei ansonsten leerem Horizont läuft die „RS2“ mit etwa 1400 Umdrehungen ihre neun Knoten in Richtung Sylt. Als ich nach einem kurzen Nickerchen in der Koje anderthalb Stunden später zurück an Deck bin, hat sich nicht nur der Wind beruhigt, auch die Sonne ist herausgekommen. An Steuerbord liegt bereits Amrum mit seinen Dünen und dem unverkennbaren Leuchtturm an Steuerbord. Bald ist auch Hörnum Odde voraus gut auszumachen; das Land ist schmal und wirkt mit seinem eigenen Leuchtturm wie eine weitere, jedoch recht kleine Insel. Aus dieser Perspektive würde man nie darauf kommen, dass Sylt sich von hier aus über weitere 35 sandige Kilometer nach Norden erstreckt.

Dünen mit reetgedeckten Häusern dazwischen werden erkennbar, dann der Südstrand mit Strandkörben, Sonnenschirmen und der kurzen Promenade zum Hafen. Es wird gebadet und gesurft. Vor dem Ufer schießt ein Hobie Cat hin und her. Zwischen den Molenköpfen laufen wir ein, links zwei weiße Ausflugsschiffe der Adler-Flotte, ein Krabbenkutter, der frischen Fang an Land gibt, und rechts der Sport­boot­ha­fen des Sylter Yacht Clubs. Ohne lange zu suchen, gehen wir gleich ganz vorn am Steg bei einer großen Grand Sturdy 500 längsseits. Niemand ist an Bord, wohl für längere Zeit, wie sich bald herausstellt. Einmal aus dem Wind, ist es sofort heiß. Ab zum Strand!

Offshore-Windpark (von Helgoland gesehen)Foto: Christian Tiedt
Offshore-Windpark (von Helgoland gesehen)

Vollkommene Urlaubsatmosphäre. Die ruhige Bucht im Süden der Odde hat sogar karibischen Touch mit ihrem flachen, weißen Sand und dem grün schillernden Wasser. Schuhe aus, barfuß weiter. Alles andere als kalt, die Nordsee, vielleicht klappt es ja morgen sogar mit dem lange verschobenen Bad! Bei der Südkap-Bar hole ich mir ein blondes Watt aus List und setze mich in den Sand. Es läuft!

Am Morgen unseres zweiten Tages auf Sylt ist es jedoch verdächtig schwül, und auf dem Weg zum Edeka macht sich eine ungute Vorahnung breit. Zurück an Bord mit den Brötchen, platzt dann auch die Wetterbombe: Der ab Mittwochabend angekündigte Nordwind soll nun weitaus heftiger ausfallen – und bei sechs, vielleicht sieben Beaufort vor dem Wind nach Süden zu karren ist keine Option.

Uns bleibt also nur eins: Amrum streichen, schon morgen Föhr anlaufen und dann früh am Mittwoch Richtung Elbe mit dem Ziel Cuxhaven. Und nun? Ich schaue aus dem Fenster. Hinten am Anleger der Weißen Flotte bildet sich schon ein Schlange. Ein schneller Blick auf den Flyer, der seit gestern auf dem Salontisch liegt, verrät, dass der „Adler Express“ um zwölf Uhr mittags nach Amrum und Hooge übersetzt. Ich überlege kurz, packe meine Sachen und stehe fünf Minuten vor Abfahrt mit einem 33-Euro-Ticket selbst in der Schlange.

Hummerbuden am Helgoländer BinnenhafenFoto: Christian Tiedt
Hummerbuden am Helgoländer Binnenhafen

Das Schiff läuft mit seinen Jets dicht unter der Küste Amrums nach Süden, rundet die weite Fläche des Kniepsands und geht schließlich mit dem Bug an den Fähran­leger. Die meisten Ausflügler streben gleich hinein nach Wittdün, ich wandere am Deich entlang zum Sportboot­hafen, wo das signalrote Deckshaus des Seenotkreuzers „Ernst Meier Hedde“ schon von Weitem bestätigt, dass Zufahrt und Hafen immer ausreichend Wasser haben. Zudem ist die Lage wirklich schön. Die Gästeplätze befinden sich längsseits an einem langen Schwimmsteg, im schlimmsten Fall muss man auch hier ins Päckchen. Aber das wäre ja nichts Neues mehr in diesem Revier.

Nun folge ich der Landstraße durch die Felder nach Süddorf in Richtung Leuchtturm. Dreieinhalb Stunden Aufenthalt habe ich, eine davon ist schon rum. Bald habe ich Wald und Dünen um mich herum, doch zum Leuchtturm gibt es leider keinen Zutritt. Also zurück nach Wittdün und ab auf eine Bank an der Wandelbahn oberhalb des Strands für ein bisschen Aussicht. Sand bis zum Horizont – und viel Einsamkeit. Keine Beach-Bar, keine Strandkörbe, nichts. Nach seinem Besuch auf Hooge kommt der „Adler Express“ pünktlich um die Ecke. Es hat jetzt zugezogen, der Himmel ist grau, als die Wartenden an Bord gehen. Eine Dreiviertelstunde später wird in Hörnum ausgeschifft. Skipper Marc und Co-Skipper Ludwig sind nach ihrer Inseltour schon in Westerland, also nehme auch ich wenig später den Linienbus, der mich über die halbe Insellänge zum ZOB in Westerland bringt. An den Windgeistern vorbei, dann auf die Friedrichstraße, wo sich eine Menschentraube um Robert Habeck gebildet hat, der auf Wahlkampftour im Norden ist und im Herbst wohl selbst gern Kanzler werden würde. Aber auch sonst ist viel los hier, vom Bahnhof bis zur Promenade. Im langen Corona-Winter hat sich so einiges aufgestaut. Der Sommer hat die Freiheit zurückgebracht, zumindest gefühlt. Unser Taxifahrer später zurück nach Hörnum erweist sich dann als bestens informiert über die Stimmungen und erzählt allerlei zur Sansibar, zum Tiroler und natürlich zum Wetter. An Bord kommt der Lotsenkümmel auf den Tisch. Morgen Föhr!

Strand von Hörnum auf SyltFoto: Christian Tiedt
Strand von Hörnum auf Sylt

Um 8.30 Uhr machen wir unsere Leinen los. Ein Gruß geht dabei hinüber zur „Tabaluga“, die uns gestern noch wie angekündigt von Helgoland nachgekommen ist.

Auf dem gleichen Kurs wie gestern der „Adler Express“ – allerdings immer innerhalb des Fahrwassers – führt die Route auf dem Plotter der „Rolling Swiss 2“ zunächst Richtung Amrum. Sie führt dicht vorbei am Jungnamensand, wo es sich eine ganze Kolonie Seehunde bequem gemacht hat. Längst nicht alle heben den Kopf, als wir mit dem Ebbstrom vorbeiziehen.

Bis auf ein paar verirrte Sonnenstrahlen ist es allerdings auch heute wieder diesig und unsagbar schwül. Nordwind assoziiert man eigentlich mit mehr Frische! Am Kniepsand vorbei wandert die Wegpunkt-Linie ins Rütergat. Während Wittdün an Backbord bleibt, kommen an Steuerbord jetzt die Warften auf Langeneß in Sicht, scheinbar schwebend, wie Luftspiegelungen an der undeutlichen Trennlinie zwischen Himmel und Meer. Weiter geht es durch die Norderaue, die bald im Norden von der Deichlinie Föhrs begrenzt wird. Die breiten Sände beiderseits des schnell fließenden Fahrwassers sind bedeckt, von Wattenmeer keine Spur. Viele Fähren und Fahrgastschiffe sind unterwegs, dazu einige Kutter und Sportboote. Wir überholen zwei Segler, die sich in der schwachen Brise abmühen.

Wiek überrascht dann mit viel Strand und Strandleben, ganz anders als Amrum. Auch hier runden wir den Fähranleger von Wyk, wo die „Uthlande“ gerade Autos vom Festland entlädt, und biegen dann nach rechts in den Sportboothafen ein. Keine Frage, dass der wirklich der beste in Nordfriesland ist: drei lange Schwimmstege mit einer ordentlichen Mole ringsum. Es gibt sogar einen Ponton mit Grillplatz! Viele hilfreiche Hände helfen beim Anlegen.

Der Seezeichenhafen von Wittdün auf Amrum mit den Stegen des YachtclubsFoto: Christian Tiedt
Der Seezeichenhafen von Wittdün auf Amrum mit den Stegen des Yachtclubs

Der Weg an Land ist nicht weit: vom Sport­boot­hafen zum Binnenhafen, dann zur Fußgängerzone und weiter zur Strandpromenade am Sandwall. Wyk ist ein wirklich sympathischer, einladender Urlaubsort, bodenständig, kaum Bausünden. Natürlich sind auch hier jede Menge Feriengäste unterwegs, doch in den gepflasterten Seitengassen, wo Rosen an den Fassaden alter Kapitänshäuser blühen, herrscht dennoch Ruhe. In der Mittelstraße kaufe ich eine Flasche Föhrer Manhattan, das „Nationalgetränk“ der Insel. Es gebe keinen Anlass, so sagt man mir, zu dem der Cocktail aus Whiskey und Wermut nicht serviert werde.

Sobald die Einkäufe an Bord sind, ist der nächste Programmpunkt klar. Badeshorts anziehen, Handtuch in den Beutel: zum Strand! Dort treffe ich den Skipper, der beim Beachvolleyball zuschaut. Ich lasse meine Sachen bei ihm und springe ins Wasser. Das hätte man eigentlich jeden Tag machen müssen. Mit der Flut treiben lassen, untertauchen, herrlich! Danach auf die warmen Betonplatten der Tribüne zum Trocknen in die Sonne. Die Nordsee liegt derweil träge und spiegelglatt vor uns. Sie wirkt so friedlich wie der Bodensee an einem schönen Sommernachmittag. Wo ist jetzt der Manhattan? Den haben wir zwar gerade nicht zur Hand, aber irgendwie findet ein anderes, eisgekühltes Getränk dennoch seinen Weg zu uns ...

Gnadenlos klingelt der Wecker um 4.30 Uhr. Draußen herrscht schon Zwielicht, im Hafen noch vollständige Stille. Während wir so auslaufen, geht die Sonne auf, zum Teil durch Wolkenbänke verdeckt, dann aber doch voll sichtbar. Da es trübe bleibt, lassen wir auch die Positionslichter eingeschaltet. Der Leuchtturm Amrum blitzt durch das Grau. Ich fahre die ersten zwei Stunden. Schnell ist das flache Land bei dieser Sicht achteraus verschwunden. Ludwig kommt pünktlich an Deck, ich lege mich in die Koje. Es bleibt unangenehm schwül, trotz Nordwind. Noch schiebt er schwach, erst ab Mittag wird er spürbar zunehmen. Noch herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Meine nächste Wache beginnt, und nichts hat sich geändert, nur etwas mehr Welle läuft jetzt mit, und erste Schiffe sind in Sicht.

 Am Morgen lösen sich die Päckchen in Helgolands Südhafen aufFoto: Christian Tiedt
Am Morgen lösen sich die Päckchen in Helgolands Südhafen auf

Es sind die Seebäderschiffe auf dem Weg nach Helgoland, das jetzt rund fünfzehn Seemeilen an Steuerbord unter dem Horizont liegt. Auch der Strom stört kaum; die Versetzung nach Osten lässt sich leicht mit dem Autopiloten kompensieren. Die Tonne „Süderpiep“ wird passiert, dann erreichen wir bei „Norderelbe“ schließlich das erste Elbfahrwasser und damit den letzten Abschnitt unserer Reise. Wir schwenken in die betonnte Rinne ein und nehmen dann das Luechterloch zum Hauptfahrwasser. Viele Kutter sind hier unterwegs, im und neben dem Tonnenstrich. Auch Großschifffahrt, die im Süden passiert. Die Bohrinsel Mittelplate ist zu sehen, dann auch Neuwerk als dunkelgrauer Schatten am milchigen Horizont. Die See wird etwas gröber, die einzigen Schläge gibt es jedoch nur, als uns auslaufend zwei Containerriesen begegnen und die „Rolling Swiss 2“ in ihrer steilen Bugwelle ordentlich stampfen lassen.

Schließlich ist auch die niedersächsische Küste auszumachen, die Deichlinie und die berühmte Kugelbake, das Wahrzeichen Cuxhavens. Wir runden den Bug des Frachters „Yorktown Express“, der ziemlich rostig an der Seeseite der Pier liegt, und fahren in den Hafen der Seglervereinigung ein. Kurz darauf sind wir längsseits fest am Gäs­te­steg. Der Hafen ist schick und bietet ausreichend Platz, umso besser. Sogar die Sonne kommt raus. Wir sind auf der Zielgrade, nur die letzte Etappe stromaufwärts nach Hamburg fehlt noch. Die Deutsche Bucht liegt hinter uns.

Den Reisebericht “Auf zum Strand” finden Sie mit weiteren Bildern, Revierinformationen und Serviceteil in BOOTE-Ausgabe 05/2022 – seit dem 20.04.2022 am Kiosk oder online im Delius Klasing-Shop.

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