Vom Schreibtisch ins Abenteuer Vom Schreibtisch ins Abenteuer

Abenteuer: Vänern / Schweden

Vom Schreibtisch ins Abenteuer

Christian Tiedt am 29.11.2019

Wenn man immer wieder über etwas redet, muss man es irgendwann machen – auch wenn der Weg dorthin 800 Kilometer lang ist

Der Flur liegt still und dunkel da. Die Anderen sind schon auf dem Weg nach Hause, ein entspanntes Wochenende vor Augen. Der Letzte – ein Kollege von der YACHT, deren Büros am anderen Ende des Korridors liegen – hat das Licht ausgemacht. Dass ich noch an meinem Schreibtisch sitze, ist ihm entgangen. Kein Wunder.

Das Geklapper meiner Tastatur ist schon verstummt. Mein Blick fällt auf die pralle, wasserdichte Reisetasche neben der Tür. Von den wichtigen Sachen habe ich nichts vergessen: Schlafsack, Isomatte, warme Kleidung zum Wechseln.

Hier bei uns ist es für Mitte Mai zwar schon recht warm, aber wer weiß, wie es am Ziel aussieht? Neben der Tasche stehen der olivgrüne Beutel mit dem Zweimann-Zelt und eine der Transporttonnen, die uns schon oft begleitet haben. Darin verbergen sich unter einem Knäuel Spannbänder das Erste-Hilfe-Päckchen, Motoröl, eine Ersatzkartusche für den Gaskocher, der Wechselpropeller, Zündkerzen und jede Menge weitere Gegenstände, die nützlich sein könnten. Da summt mein Telefon: Morten ist dran. Auf die Minute pünktlich steht er unten vor der Tür: "Na, bist du bereit?", fragt er. Unweigerlich muss ich grinsen. Und wie!

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FREITAG, 15.00 UHR

Was wir an diesem Wochenende vorhaben, hat mit Entspannung nicht allzu viel zu tun: Wir wollen mit dem Boot vom Schreibtisch ins Abenteuer. Ans Lagerfeuer. Und das nicht auf irgendeinem Campingplatz an der Mecklenburgischen Seenplatte oder auf einer Sandbank in der Unterelbe. Nein, wir haben eine kleine Insel im Sinn, in echter Einsamkeit – genauer gesagt auf dem Vänern, dem drittgrößten See Europas. Der liegt zwar im Süden Schwedens, aber trotzdem noch immer satte 800 Kilometer von Hamburg entfernt. Wie einmal München und zurück, nur mit Iglu- statt Bierzelt.

Zu schaffen ist das gerade so, hoffen wir zumindest. Wenn alles klappt, werden wir immerhin einen knappen Tag im Schärengarten haben. Rastlose Rennerei für ein paar Stunden völliger Ruhe. Ist das die Formel unserer Zeit?

Wir jedenfalls haben in den vergangenen Jahren so oft über diese eigentlich abwegige Idee gesprochen, dass sie irgendwann ihre eigene Dynamik entwickelt und sich zu einem konkreten Vorsatz verfestigt hat. Nun ist die Gelegenheit da – wir wollen sie nicht verpassen.

Unser Sharan wartet in der Tiefgarage. Schon am frühen Morgen haben wir das zusammengerollte Schlauchboot samt Außenborder eingeladen, um jetzt Zeit zu sparen. Draußen biegen wir rechts ab zum Gänsemarkt. "Auf Ihrer Route gibt es Fährstrecken", flötet das Navi. Ankunftszeit: 23.55 Uhr. An der Alster vorbei, durch den Wallringtunnel und die trostlos versiegelte Häuserschlucht der Nordkanalstraße. Eine Hochzeitsgesellschaft brettert hupend vorbei. Das wird eine Feier! Und der Himmel über der Stadt ist so blau wie die Schilder, denen wir zur "A1" Richtung Lübeck folgen.

FREITAG, 17.10 UHR

In langer Karawane rollen wir über die gewundene Zufahrtsrampe in den dunklen Bauch der "Schleswig-Holstein". Wir haben Glück gehabt: Obwohl wir kurz vor Fehmarn noch den Tank vollgemacht haben, liegen wir gut in der Zeit ...

Drei Kilometer Stau bei Reinfeld sind nicht der Rede wert. Dafür keine Wartezeit gerade eben an der Fähre in Puttgarden. Wir sind auf der "Vogelfluglinie" unterwegs. Noch pendeln hier Schiffe über den Fehmarnbelt nach Dänemark.

In nicht allzu ferner Zukunft wird ein vierspuriger Tunnel den Verkehr an dieser Engstelle der Ostsee noch effizienter fließen lassen, der Bau ist beschlossen. Die Zugvögel sieht von dort unten dann allerdings niemand mehr.

Nach einem schnellen Besuch im Duty-Free-Shop gönnen wir uns Pommes mit Remoulade und reihen uns an der Reling auf dem Oberdeck ein: zwischen Gore-Tex-Familien, mit Dosenbier beladenen Dänen und einem Krefelder Motorradclub in Lederkluft.

Die Überfahrt vergeht im wahrsten Sinne wie im Flug. Im spröden Hafen von Rødby winken die Grenzer uns durch, Morten gibt Gas und es geht weiter, auf dem "Sydmotorvej" durch die blühenden Rapsfelder Lollands und Falsters, angefeuert von "Radio Sydhavsøerne". Am Autobahndreieck Køge, schon auf Sjælland, kündigt dann dichter Wochenendverkehr die Hauptstadt Kopenhagen an.

FREITAG, 19.45 UHR

Sverige – Schweden! Die Europasterne auf dem Grenzschild strahlen im Sonnenlicht. Knapp sechzig Meter unter der Betonfahrbahn der Öresundbrücke legt der frische Nordwind Schaumstreifen über die Ostsee.

Gerade läuft ein Containerfrachter unter uns hindurch, unsere Kurse kreuzen sich. Links voraus liegt Malmö. Aus der Struktur der Stadt strebt die verdrehte Form des "Turning Torsos" in den Himmel, Skandinaviens höchstem Hochhaus.
Ein Ankerpunkt für das Auge in der flachen Küstenlandschaft Schonens. Unser Zielland haben wir damit erreicht – auch wenn die Gesamtstrecke erst zur Hälfte geschafft ist.

Zurück auf festem Boden bezahlen wir die Brückenmaut. Der schwedische Zoll will es genauer wissen als die Dänen noch vor wenigen Stunden: Mit Blick auf den gut sichtbaren Außenborder und das Schlauchboot werden wir nach dem Wohin gefragt.

Als Morten dem Beamten danach noch erklärt, dass wir schon am kommenden Sonntag wieder zuhause sein müssen, lächelt der nur ungläubig und wünscht uns einen "entspannten Aufenthalt". In weitem Bogen führt die Autobahn um Malmö herum und wieder zurück an die Küste des Öresunds.

Drüben im Dunst liegt Dänemark, die Schlote des Kraftwerks von Amager heben sich deutlich von der im Dunst verschwindenden Silhouette Sjællands ab. Auf dem Asphalt der "E20" singen die Räder und die sinkende Sonne wirft die Schatten von Dreißigtonnern und Reisebussen weit über die Felder Schonens.

So geht es an Helsingborg und den Stränden der Laholmsbucht vorbei durch die kleine Provinz Halland, mit dem Kattegat stets zur Linken. Pausen? Irgendwann gibt es im grellen Neonlicht einer Gatukök auf einem Parkplatz Hot Dogs mit dampfendem Kartoffelmus.

Das hilft, als wir in der einsetzenden Dunkelheit mit polnischen Truckern fröstelnd vor dem klapprigen Imbisswagen stehen. Runter damit, zurück auf die Piste.

SAMSTAG, 00.50 UHR

Dichte Nacht liegt über Västergötland. Eine Wolkendecke hat den Himmel in den letzten Stunden überzogen, doch in dieser ländlichen Umgebung scheint kein Licht, das ihre Unterseite aufhellen könnte. Nur im Norden hält sich ein blasser Dämmerungsstreifen.

Davor steht die bewaldete Kante des Hunneberges, der einzigen Erhöhung in dieser Gegend.

Seit Göteborg sind wir fast allein auf der Straße, mit dem Fluss Göta Älv als einzigem Begleiter. Nur kurz nach Mitternacht in Trollhättan war etwas mehr los: Blaulicht in schlafenden Wohnsiedlungen.

Inzwischen führt der "Riksväg 44" wieder über offene Felder, getrennt von Kiefernschonungen und kleinen Bächen. Wir bewegen uns durch uralte Kulturlandschaft:

Wer hier wandern geht, stößt überall auf Runensteine aus der Wikingerzeit, aufgerichtete Findlinge mit kunstvoll geritzten Inschriften. Auf unserem Blindflug durch die Dunkelheit bleiben sie uns jedoch verborgen.

Stattdessen kommt steinerne Müdigkeit auf; Morten ist auf dem Beifahrersitz schon seit einiger Zeit sehr still. Auf die Insel kommen wir in dieser Nacht nicht mehr.

Allerdings haben wir auch nie geplant, wo wir stattdessen schlafen werden. Da habe ich plötzlich eine absurde Erscheinung: Rechts voraus schwebt ein hellerleuchteter Kampfjet über dem Feld!

Nein, nicht ganz: Er ist auf hoher Strebe montiert – mit einem Rastplatz direkt darunter.

Dankbar verlassen wir die Landstraße, parken und strecken die Glieder in der kalten Nachtluft. Sogar ein Toilettenhäuschen gibt es hier. Die ausgemusterte Saab "Viggen", so heißt der Flugzeugtyp, erinnert an einen Militärflugplatz in der Nähe. Wir stellen den Tank für den Außenborder vor den Wagen, rollen die Schlafsäcke aus und machen es uns so gut es geht auf unseren Sitzen bequem ...

SAMSTAG, 07.20 UHR

Das Prasseln auf dem Wagendach holt uns aus dem Schlaf. Noch eine weitere halbe Stunde regnet es so stark, dass wir keinen Schritt vor die Tür setzen können. Doch das Glück bleibt uns treu:

Noch während der verbliebenen fünfzig Kilometer fegt der nach wie vor frische Wind das Grau über uns wieder vollständig davon. Vor Lidköping biegen wir nach Norden ab und fahren über einen schmalen Sund nach Kållandsö, die größte Insel im Vänern. Keine zehn Minuten später öffnen wir die Heckklappe in der Marina von Hörviken.

Lange Holzstege reichen in die gleichnamige Bucht hinaus, gähnende Leere. Nur wenige Pfahlboxen sind belegt. Von einem Motorsegler zum Beispiel, dessen lange Rostschlieren darauf hindeuten, dass er an Ort und Stelle überwintert hat. Erst nach Mittsommer wird es hier lebendig.

Wir laden aus und tragen alles auf den Steg: Schlauchboot, Bodenplatten, Paddel, Außenborder, Tank, und so weiter. Die Doppelhubpumpe kommt zum Einsatz, wir wechseln uns ab. Unser 15-PS-Zweitakter von Yamaha freut sich schon auf das, was gleich auf ihn zukommt.

Als alles verstaut ist, wird noch eine Persenning gegen Spritzwasser über das Vorschiff gespannt, und wir sind startklar. Schon beim ersten Zug erwacht unser Motor knatternd zum Leben. Wir binden das Boot los: endlich – hinaus auf den Vänern!


SAMSTAG, 22.10 UHR

Die Strecke, die wir am Vormittag mit dem Boot zurücklegten, war zwar die kürzeste, dafür aber die wichtigste der ganzen Reise: Nur eine knappe Stunde waren wir – mal in Gleitfahrt, mal im Schritttempo – im Schärengarten vor der Nordküste von Kållandsö unterwegs, in diesem eiszeitlichen Labyrinth aus Wasser und glatt geschliffenem Granit, bis wir die perfekte Insel gefunden hatten, unsere Insel.

Klein zwar, und zu Fuß in einer Viertelstunde zu umrunden, aber mit einem eigenen Wäldchen aus knorrigen Fichten und Kiefern, einem ebenen Stellplatz für das Zelt und jener flachen Ausbuchtung im Fels, dem "Naturhafen" für unser Boot. Ein herrlicher Ort!

Im Westen reicht offenes Wasser bis zu einem Horizont, der sich selbst mit weit offenen Armen nicht einfangen lässt. Dreißig Kilometer ist das Ufer entfernt. Eine grandiose Naturbühne für den Sonnenuntergang und das, was jetzt folgt – und worauf wir uns seit Stunden freuen.

Wieder wird es dunkel, doch was für ein Kontrast zu gestern, nach diesem Tag im Freien.

Einen ordentlichen Stapel Brennmaterial haben wir gesammelt: bemooste Äste vom Waldboden und blankes Treibholz. In einer geschützten Senke, etwa fünfzig Meter vom Zelt entfernt, liegt ausreichend Erde für ein sicheres Feuer. Wir bilden einen Ring aus Steinen und schichten die Scheite auf.

Die Sonne ist verschwunden, doch der Himmel strahlt noch in unwirklichem Blau. Der Wind ist ebenfalls eingeschlafen. Schon ein einziges Streichholz genügt und wirbelnde Funken prasseln empor.

Irgendwann, viel später, knistert nur noch die Glut. Einsamkeit umgibt uns. "Hat sich gelohnt, oder?", frage ich nach einer Weile in die Stille hinein. Mortens Schweigen ist Antwort genug.

Diese Reportage lesen Sie in der Dezember-Ausgabe 2018 von BOOTE. Oder Sie laden sich das PDF weiter unten herunter. 

Christian Tiedt am 29.11.2019