Charter-Journal: Deutschland Obere HavelFoto: Christian Tiedt

Charter-Journal: Deutschland Obere Havel

Christian Tiedt 

26.10.2021, Lesezeit: 7 Minuten

Noch mehr Informationen? Den Bericht "Im Rahmen der Natur" finden Sie mit weiteren Bildern und Revierbeschreibung in BOOTE-Ausgabe 11/2021 seit dem 20.10.2021 am Kiosk oder online im Delius Klasing-Shop.

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Im Rahmen der Natur: Auf Sommertörn im Nordosten – Obere Havel und Mecklenburgische Kleinseenplatte gehören zum Schönsten, was Deutschlands Binnenreviere zu bieten haben. Entschleunigung garantiert!

Wälder, Wiesen, Felder und immer wieder Wasser. Von alldem gibt es viel in dieser weiten Landschaft unter ihrem großem Himmel. Hier, wo das Brandenburgische ins Mecklenburgische übergeht, stellt die Natur den Rahmen für ihr eigenes Panorama – und mitten durchs Bild führt eines der bemerkenswertesten Bootsreviere Deutschlands: die Obere Havel.

Menschen gibt es hier nicht so viele, kaum vierzig kommen im Schnitt auf einen Quadratkilometer. Im nicht allzu weit entfernten Berlin sind es viertausend. Ihre größten Spuren hat die geschäftige Bevölkerung dabei am südlichen Rand der Region hinterlassen – und das hat direkt mit der nahen Millionenmetropole zu tun. Nördlich von Zehdenick befand sich lange ein Zentrum der Ziegelproduktion. Berlin wurde aus dem Kahn gebaut, heißt es noch heute. Das Material dafür stammte seit Kaisers Zeiten von hier: In den Tonstichen links und rechts des Flusses wurde es aus der Erde geholt, an Land geformt und gebrannt und dann flussab verschifft.

Doch spätestens mit dem Siegeszug des Plattenbaus wurde die Produktion immer unprofitabler, Beton gab jetzt den Ton an. Nach der Wiedervereinigung wurden die letzten Feuer gelöscht. Der Ofen war aus, für immer. Auch die Lastkähne verschwanden. Die Stiche wurden geflutet und verwandelten sich in Teiche und Seen. Einen Einblick in die vergangene Epoche vermittelt heute nur noch der Ziegeleipark Mildenberg. Einer seiner Hoffmannschen Ringöfen ist als imposantes technisches Denkmal erhalten geblieben und kann ebenso wie die Maschinenhalle als Teil des Industriemuseums besichtigt werden (www.ziegeleipark.de).

Gleich nebenan, fast im Schatten der Schlote, im Neuen Hafen des Ziegeleiparks, beginnt unser Törn auf der Oberen Havel. Eine Woche lang werden wir mit "Ceres" unterwegs sein, einer Linssen Grand Sturdy 29.9 AC. Der komfortable Stahlverdränger gehört zur Flotte von 5 Sterne Yachtcharter, die außerdem noch einen Stützpunkt in Berlin-Köpenick betreiben. Unser Ziel ist die Großstadt aber nicht. Für uns wird es fluss­auf­wärts gehen, hinein in die Natur!

Gleich zu Beginn liegt die Uckermark vor uns. Über eine Entfernung von knapp dreißig Kilometern windet sich die Havel hier in ihrem eiszeitlichen Bett durch die Einsamkeit. In tiefem Frieden schlägt sie Schleife um Schleife. Buchen und Eichen neigen sich über das Wasser und streuen uns Laub an Deck. Erlen säumen die Niederungen, und auf sandigen Höhen haben Kiefern ihre Wurzeln geschlagen. Hoch oben kreist der Rot­milan. Bei diesem natürlichen Verlauf fällt kaum auf, dass wir mit unserer Charteryacht auf einer ausgebauten Wasserstraße unterwegs sind, so unsichtbar sind die Uferbefestigungen hinter Schilf und Blattwerk.

Aber hin und wieder taucht dann doch eine Schleuse auf, genau genommen sind es sogar vier auf der betreffenden Strecke: Nach den Einmündungen der Wentow- und der Templiner Gewässer macht die Schleuse Schorfheide den Anfang. Wie die beiden folgenden Staustufen in Zaaren und Regow liegt sie mitten im Grünen. Kein Schleusenwärter weit und breit, wir dürfen uns selbst bedienen und die grüne Stange mit dem Anforderungsschalter drehen. "Schleusung angenommen", bestätigt die Textanzeige.

Im Oberwasser der Schleuse Regow machen wir für eine Pause an der langen Wartestelle fest, denn am Ufer haben uns nicht nur zottelige Ziegen neugierig gemacht, sondern auch ein Schild, das uns zum Capriolenhof einlädt. Der liegt gleich neben der Schleusenanlage und bietet diverse Käsekreationen aus Ziegenmilch – vom Hippie Frisch bis zum Berliner Brikett. Alles aus ökologischer Herstellung, versteht sich. Wir haben Glück, dass heute Sonntag ist, denn geöffnet ist nur am Wochenende (www.capriolenhof.de).

Bredereiche mit seiner Schleuse markiert nach drei herrlichen Stunden in der Natur dann die Rückkehr in die Zivilisa­tion. Der Hub fällt hier mit knapp drei Metern deutlich höher aus als im ersten Streckenabschnitt, wo pro Staustufe maximal 1,20 Meter zu überwinden waren.

Nach sieben weiteren Kilometern, einem kräftigen Schauer und umso strahlenderem Regenbogen treten die Ufer schließlich zurück: Wir haben den Stolpsee erreicht, unser Tagesziel: die Stegan­lage des Bootshauses in Himmelpfort an seiner nordöstlichen Ecke (www.stolpsee-bootshaus.de). Wer auf Nummer sicher gehen will, kann hier schon im Sommer seinen Wunschzettel an den Weihnachtsmann loswerden, und zwar im Weihnachtspostamt in der Klosterstraße neben der mittelalterlichen Klosterruine. Den Wunsch nach einem kulinarischen Erlebnis kann man sich dagegen auch gleich erfüllen: Im Frosch und Fisch, nur fünf Minuten vom Boot entfernt, wird echt französisch gekocht (www.frosch-fisch.de).

Am nächsten Tag stehen die ersten Seen der Mecklenburgischen Kleinseenplatte auf dem Törnplan (auch wenn wir genau genommen noch in Brandenburg sind). Vom Stolpsee zweigen bei Himmelpfort die Lychener Gewässer nach Nordosten führend ab, wir bleiben aber auf der Oberen Havel, durchfahren die Siggelhavel und passieren Fürstenberg am Schwedtsee. Die beiden folgenden Schleusen in Fürstenberg und Steinhavel kosten uns insgesamt fast drei Stunden Wartezeit – in der Hauptsaison leider kein Wunder.

See und Fluss wechseln sich ab, gesäumt von Schilf und Wald. In seinem Schatten sieht man stolze Datschen. Es wird gezeltet, gegrillt und geangelt. Badende Kinder winken den vorbeiziehenden Hausbooten, Flößen und Kanus zu. Am Ziernsee schließlich verlassen wir Brandenburg, der nun folgende Ellbogensee ist einer der schönsten des Reviers. Wir steuern den Yachthafen Priepert im Norden des Sees an. Hier führt die Obere Havel-Wasserstraße weiter nach Norden, in Richtung Wesenberg und, über den Kammerkanal, bis nach Neustrelitz. Doch wir ergattern den letzten freien Gästeplatz und bleiben (www.yachthafenpriepert.de).

Westlich schließt dagegen die Müritz-Havel-Wasserstraße an, auf der es für uns am nächsten Tag weitergeht. Den Auftakt macht die Schleuse Strasen. Auch hier müssen wir eine Stunde warten. Diesmal sind wir jedoch vorbereitet und nutzen die Zwangspause für ein entspanntes Frühstück. Auf dem Pälitzsee verlassen wir die Müritz-Havel-Wasserstraße bereits wieder und richten den Bug auf die Rheinsberger Gewässer im Süden. Die an deren Ende gelegene Stadt Rheinsberg ist gleichzeitig unser Tagesziel. Der schmale Hüttenkanal führt uns zunächst zur Schleuse Wolfsbruch. Wir sind zurück in Brandenburg und durchqueren den Tietzowsee und den Schlabornsee, bevor wir den Rheinsberger See erreichen. Hier befindet sich die Einfahrt zur weitläufigen Anlage des Hafendorfs Rheinsberg, unübersehbar dank seines großen rot-weißen Leuchtturms – eine echte Landmarke, auch wenn das hölzerne Bauwerk nur der schönen Aussicht dient und nicht befeuert ist. Wir wollen jedoch noch ein Stück weiter, und zwar direkt in die Stadt; die liegt am östlichen Ufer des Grienericksees, keine zwei Kilometer südlich, und schon bald darauf haben wir an einem der Stege der Marina Rheinsberg festgemacht (www.schifffahrt-rheinsberg.de).

Der touristische Höhepunkt der Stadt ist das Schloss, keine fünfhundert Meter vom Hafen entfernt. Hier, direkt am Seeufer, lebte Preußens Kronprinz Friedrich vor seiner Thronbesteigung im Jahr 1740. Später sollte der "Alte Fritz" dann sagen, es seien seine glücklichsten Jahre gewesen. Da überrascht es nicht, dass er seinen Baumeister Knobelsdorff anwies, beim Entwurf für Schloss Sanssouci in Potsdam das Rheinsberger Schloss als Vorbild zu nehmen (www.rheinsberg.de). Der Schlosspark erstreckt sich bis zum Westufer des Sees. Vom Obelisken dort hat man, besonders am Abend, einen großartigen Blick auf das Stadtpanorama.

Auf dem Ziernsee an der Landesgrenze von Brandenburg und Mecklenburg-VorpommernFoto: Christian Tiedt
Auf dem Ziernsee an der Landesgrenze von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern
Auf dem Ziernsee an der Landesgrenze von Brandenburg und Mecklenburg-VorpommernFoto: Christian Tiedt
Auf dem Ziernsee an der Landesgrenze von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern

Rheinsberg ist der Wendepunkt auf unserem Törn, und die Rückreise geht zunächst genauso gemächlich vonstatten wie die Hinreise. Die langen Wartezeiten an den Schleusen machen es möglich. Zum Glück sind wir inzwischen richtig routiniert und machen das Nichts­tun zur Tugend. Entschleunigung garantiert!

Nach einer improvisierten Nacht in Strasen wartet noch Fürstenberg auf uns. Gastlieger sind an den Schwimmstegen des Fürstenberger Yachtclubs am Schwedtsee willkommen, der nur fünf Minuten vom Marktplatz auf der Stadtinsel entfernt liegt. Auch hier verfügt man übrigens über einen eigenen Leuchtturm. Der fällt zwar deutlich kleiner aus als der in Rheinsberg, dafür beherbergt er einen Getränkeausschank – perfekt, um sich nach dem Anlegen abzukühlen (www.fbgy.de). Am Abend sitzen wir dann gleich nebenan auf der Terrasse des Ristorante al Porto und freuen uns darauf, dass unser Törn am morgigen Tag so abschließen wird, wie er begonnen hat – mit dem schönsten Abschnitt der Oberen Havel, doch diesmal in der anderen Richtung. Der Blickwinkel wird also ein anderer sein, auch wenn das Bild das Gleiche bleibt: die einmalige Natur im einsamen Norden der Mark Brandenburg.