Charter-Journal: Norwegen – Telemark-KanalFoto: Christian Tiedt

Charter-Journal: Norwegen – Telemark-Kanal

Johannes Erdmann  

24.10.2021, Lesezeit: 10 Minuten

Noch mehr Informationen? Den Revierbericht "Per Boot in die Berge" finden Sie mit weiteren Bildern und Revierbeschreibung in BOOTE-Ausgabe 11/2021 seit dem 20.10.2021 am Kiosk oder online im Delius Klasing-Shop.

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Im Süden Norwegens klettert der Telemark-Kanal über alte Schleusentreppen hinauf ins Landesinnere. Wir haben uns an den Aufstieg gemacht – mit Europas erster Elektro-Charterflotte

Wenn die Frage nach den schönsten Wasserstraßen Europas aufkommt, steht für gewöhnlich der Dalsland-Kanal weit oben auf der Liste, die Mecklenburgische Seenplatte natürlich auch, der Canal du Midi, die Norfolk Broads, der Caledonian Canal … Doch ein Revier haben die wenigsten Bootsfahrer auf ihrer Bucket-List  (oder je davon gehört): den Telemark-Kanal in Südnorwegen. Eine Wasserstraße, die vom 105 Kilometer inlands gelegenen Ort Dalen durch 18 Schleusen und über 72 Höhenmeter an die Nordsee führt. Mitten durch eine Vielzahl pittoresker Seen, märchenhafter Kanäle und manuell betriebener Schleusen mit hölzernen Toren. Ein Kanalsystem, das zwischen 1854 und 1892 gebaut wurde, um den Transport von Holzstämmen von den Wäldern zu den Sägewerken zu ermöglichen. Eine Wasserstraße, die vielfältig und beeindruckend ist und nicht ohne Grund gern als achtes Weltwunder bezeichnet wird.

Dabei lernen die meisten den Kanal nur von den Straßen oder Fahrradwegen aus kennen. Ihn auf eigenem Kiel zu erleben war bislang nur Einheimischen vergönnt – oder jenen wenigen, die sich auf eigenem Kiel oder Trailer dorthin aufmachen. Eine Charter­basis gab es hier nie, weil die norwegische Sommersaison zu kurz ist, um sich zu rentieren. So hieß es immer.

Seit Kurzem jedoch ist es möglich, den Kanal mit einem Charterboot zu befahren. Die kleine Firma Canalboats Telemark hat nicht weit der Nordseeküste in Porsgrunn eine Flotte von zwei Greenline 33 und drei Greenline 39 gegründet. Eine ganz besondere Flotte, denn die Boote sind allesamt elektrisch betrieben. Was in Deutschland noch nach Zukunftsmusik klingt, ist in Norwegen dank der dafür nötigen Infrastruktur problemlos möglich. In fast jedem Hafen entlang des Weges stehen Schnellladesäulen, die die 80 kW starken Batteriebänke der Greenline innerhalb von nur 2,5 Stunden wieder auffüllen. Mit dem 50-kW-Antrieb ist es dann möglich, jeden Tag acht Stunden lang mit den auf dem Kanal erlaubten fünf Knoten zu fahren, bevor das nächste Mal geladen werden muss.

Doch warum rein elektrisch? Warum gerade hier, in Norwegen, wo bislang kaum Charterboote zu bekommen waren? Wie rentiert sich das plötzlich?

"Elektroboote sind einfach die Zukunft", ist sich Flottenbetreiberin Nora Sjögren-Johre sicher. "Gerade hier in Norwegen. Unsere Stromerzeugung beruht fast ausschließlich auf erneuerbaren Energien." Etwa 93,5 Prozent der Energie in Norwegen wird durch Wasserkraftwerke erzeugt, die allgegenwärtig sind. "Es macht also nur Sinn, elektrisch zu fahren. Wir finden das ein innovatives und nachhaltiges Konzept. Wir fahren vollkommen umweltfreundlich", sagt sie.

Doch es ist Mitte August, und wir sind das allerletzte Charterboot der Saison. Im kommenden Jahr öffnet der Kanal sogar nur vom 24. Juni bis 18. August für Sportboote. Wie gelingt es, den Betrieb der Boote rentabel zu halten? "Ganz einfach", sagt Sjögren-Johre, "die Boote bleiben das ganze Jahr im Wasser und werden in den Monaten, in denen sie nicht fahren können, einfach als schwimmendes Hotel vermietet. Wer möchte im Urlaub nicht mal ungewöhnlich wohnen?"

Ein durchdachtes Konzept. Doch wir müssen los, denn von der Basis in Porsgrunn bis nach Dalen ist es schließlich ein weiter Weg, und da wir die Strecke anschließend auch noch zurückfahren müssen, gibt es keine Zeit zu verlieren. Gleich am Anreisetag wollen wir noch ein paar Meilen schaffen.

Die Einweisung erfolgt schnell und unkompliziert. Das Boot startet wie ein Computer, durch Drücken eines "Ein"-Schalters. Nach Öl und Keilriemen brauchen wir auch nicht zu schauen. Kühlschrank, Mikrowelle, Induktionskochplatte und Klimaanlage funktionieren wie zu Hause. Alles ist bewusst simpel gehalten, denn schließlich sollen auch Hotelgäste damit klarkommen. Einzig das Laden muss erklärt werden: Die Schnellladesäulen liefern bis 63 Ampere Ladestrom aus 400 Volt, und das erste Einstecken des schweren Ladekabels geschieht mit einem gewissen Respekt. Starkstrom auf einen Schwimmsteg, ein komisches Gefühl.

Es fühlt sich zunächst falsch an, die Leinen loszuwerfen, ohne das vertraute Grummeln eines Auspuffs zu hören. Doch entgegen der Erwartung, dass das Boot augenblicklich zu driften beginnt, bewegt es sich mit einem sanften Schubs des Gashebels leise surrend vorwärts. Nach 7,5 Kilometern erreichen wir am Ende Flusses die erste Schleuse bei Skien, der offiziellen Einfahrt in den Telemark-Kanal. Fünf Meter geht es sanft nach oben. Als sich die stählernen Schleusentore surrend öffnen, wirkt der Kanal aber überraschend un­spek­ta­kulär: eine Industriedock-Kulisse, die sich erst langsam wandelt. Mit jeder Meile wird es etwas grüner, aber am Ufer auch etwas felsiger. Dann erheben sich zu beiden Seiten des Flusses kleine Hügel, die immer größer werden, und wir bewegen uns aus der Vorstadt hinaus in die Natur, auf einem Fluss mitten durch die Berge.

Gerade haben wir uns an die gewaltige Szenerie gewöhnt, da weist uns ein kleines Schild "Sluse" einen neuen Kurs, durch karge, zertrümmerte und eng stehende Betonsäulen einen schmalen Kanal hinauf. Die Karte bestätigt, dass ein Wasserkraftwerk die Weiterfahrt behindern würde. Wir gelangen zur Schleuse Løveid, die uns durch drei Kammern mitten durch einen Berg führt. Über einen schmalen, in den Felsen geschlagenen Kanal erreichen wir schließlich den 13,6 km langen See Norsjø, auf dessen oberem Drittel der kleine Ort Ulefoss unser Tagesziel darstellt. Der Liegeplatz an der Gjestebrygge Ulefoss wirkt von See kommend ganz und gar nicht einladend, da sich der Hafen unterhalb einer Straßenbrücke befindet. Doch wir haben keine Wahl, denn auf dem großen See haben wir etwas zu viel Gas gegeben, und die Batterie zeigt nach vier Stunden Fahrt nur noch 18 Prozent an. Wer sich auf den längeren Strecken verkalkuliert, bekommt also Probleme, denn die Boote haben keinen Generator und keine Reservebatterie. Eine wichtige Lehre.

Auf den großen Seestrecken ist es auch mal schön, das Boot auf Autopilot laufen zu lassen und die pittoreske Szenerie zu genießenFoto: Christian Tiedt
Auf den großen Seestrecken ist es auch mal schön, das Boot auf Autopilot laufen zu lassen und die pittoreske Szenerie zu genießen
Auf den großen Seestrecken ist es auch mal schön, das Boot auf Autopilot laufen zu lassen und die pittoreske Szenerie zu genießenFoto: Christian Tiedt
Auf den großen Seestrecken ist es auch mal schön, das Boot auf Autopilot laufen zu lassen und die pittoreske Szenerie zu genießen

Der wunderbare Blick über den See beflügelte auch den norwegischen Indus­triellen und Gründervater Niels Aall, sich hier seinen Sommersitz bauen zu lassen. Das Anwesen Ulefoss Hovedgaard wurde im Jahr 1807 eingeweiht. Und da Niels Aall ein guter Geschäftsmann war und sich die großen Stahlwerke nur einen Kilometer bergab befanden, ließ er das Haus aus Schlacke bauen, ausgenommen die zwölf hölzernen Säulen. Das prachtvolle An­wesen ist heute einschließlich des um­gebenden Gartens in Verwaltung des Telemark-Museums.

Die Schleuse von Ulefoss befindet sich gleich um die Ecke. Als sich die Schleusentore öffnen, die hier noch aus grob beschlagenem Holz bestehen und völlig von Hand und mit Muskelkraft geöffnet werden, wirkt es, als führten uns drei Kammern nicht nur zehn Meter in die Höhe, sondern zugleich wie in einer Zeitmaschine in ein vergangenes Jahrhundert.

Ab hier sieht der Kanal noch fast so aus wie damals, als man die Holzstämme aus den Bergen den Kanal hinuntertreiben ließ. Die Tagesetappe ist verhältnismäßig kurz, nur drei Stunden Fahrtzeit sind geplant. Doch die insgesamt zehn Schleusenkammern der vier Schleusen Ulefoss, Eidsfoss, Vrangfoss und Lunde kosten den ganzen Nachmittag. Die Zeit vergeht schnell, denn das Schleusen ist ein echtes Er­lebnis. Wenn die Tore öffnen, dann rauscht das Wasser brodelnd in das Becken.

Hinter der kleinen Schleuse in Lunde ist unser Etappenziel für diesen Tag erreicht, und wir machen mit dem Heck zur Lade­säule fest. Die Batterie zeigt zwar noch 72 Prozent an, doch einen Abend ohne Ladekabel zu verbringen wäre riskant, zumal die nächste Etappe bis Dalen sieben Stunden betragen soll.

Zwei weitere Schleusen mit drei Kammern haben wir am folgenden Tag zu passieren, bevor wir freie Fahrt durch die Seen Flåvatn, Kviteseidvatnet und Bandak haben. Wieder einmal verändert sich die Landschaft, und aus dem schmalen Kanal wird ein Flusslauf, aus dem Flusslauf eine Fjordlandschaft. Die Route führt entlang hoher Felswände und grün bewaldeter Hänge. Nur vereinzelt sind am Ufer Fe­rienhütten zu sehen, die mit der Felswand im Rücken nur auf dem Wasserweg erreicht werden können. Am Ende des Bandak glätten sich die an Steuerbord und Backbord stehenden Gebirgszüge und formen ein Tal, in dem der Ort Dalen liegt. Von hier aus führt jede Straße nach oben.

Am Hafen begrüßt uns Synne Aasland vom Tourismusbüro in Dalen und verabredet sich mit uns für den frühen Morgen des nächsten Tages, um einen sehr speziellen Ort zu besuchen: das kleine Gehöft Rui, in dem die beiden Schwestern Ingrine und Gurine wohnten, zwei in ganz Norwegen bekannte Persönlichkeiten. Die einst achtköpfige Familie lebte auf einer keinen Terrasse auf 200 Meter Höhe in ihrem eigenen kleinen Kosmos. Nachdem vier der sechs Geschwister nach Amerika ausgewandert und die Eltern gestorben waren, lebten die ältesten Schwestern Ingrine und Gurine bis ins hohe Alter allein und hatten noch nie ihren Hof verlassen. Als in den Fünfzigerjahren der bekannte Journalist Knut Eidem bei ihnen zu Gast war, um einen Artikel zu schreiben, fragte er sie, ob es denn keinen Ort gebe, der sie einmal reizen würde. "Doch, den König würden wir gern einmal in seinem Schloss in Oslo besuchen", gaben die beiden Schwestern scherzhaft zu – und glaubten ihren Augen kaum, als sie wenige Wochen später eine Einladung erreichte. Der König hatte den Zeitungsartikel gelesen.

 An der Schleusentreppe Vrangfoss kann es zu einer Stunde Wartezeit kommen, falls eins der Dampfschiffe in der Kammer istFoto: Christian Tiedt
An der Schleusentreppe Vrangfoss kann es zu einer Stunde Wartezeit kommen, falls eins der Dampfschiffe in der Kammer ist
 An der Schleusentreppe Vrangfoss kann es zu einer Stunde Wartezeit kommen, falls eins der Dampfschiffe in der Kammer istFoto: Christian Tiedt
An der Schleusentreppe Vrangfoss kann es zu einer Stunde Wartezeit kommen, falls eins der Dampfschiffe in der Kammer ist

Der Auf- und Abstieg über 1200 Treppenstufen hat uns ins Schwitzen gebracht. Genau die richtige Vorbereitung auf den nächsten Programmpunkt: die Soria Moria Sauna, die an einem langen Steg in flachem Wasser direkt hinaus auf den Bandak gebaut wurde. Selten bietet eine Sauna solch einen Panoramablick. Und was gibt es Authentischeres, als nach dem Schwitzen in den eiskalten See zu springen?

Der Zeitplan drängt ein wenig, denn für den Abend ist ein Stopp im kleinen Ort Lårdal geplant. Doch der ist nur zehn Kilometer entfernt, die Batterien sind voll geladen, und die Kapazität ist ausreichend, um ein wenig Gas zu geben. Also lassen wir uns noch kurz über die Serpentinen auf den Berg im Norden des Ortes fahren, um eine echte norwegische Stabkirche zu besuchen. Das hölzerne Gotteshaus in Eidsborg haben die Wikinger einst wie ein Schiff gebaut, mit Stäben als Spanten und hölzerner Beplankung, von außen zur Konservierung mit Teer bemalt. Bis heute sind in Norwegen noch 28 solcher Kirchen erhalten.

Die Fahrt nach Lårdal macht Freude, denn keine Schleusen oder Batteriekapazitäten schränken die Rauschefahrt ein. In der Marina begrüßt uns der Wirt des kleinen Hafenrestaurants, kassiert die Liegegebühren und wirft uns ein paar Elch-Burger auf den Grill. Eine Delikatesse.

Seit Dalen sind wir auf dem Rückweg, und die Route wirkt vertraut. Doch es wird auch nicht langweilig, sie ein zweites Mal zu befahren. Der erneute Zwischenstopp an der Schleuse Lunde bietet wieder einmal keine Sehenswürdigkeiten. Doch solche Ladestopps sind eben ein Teil des Erlebnisses "Elektroboot".

Am folgenden Tag machen wir noch einen Abstecher in den Ort Gvarv im Norden des Norsjø, in dem sich das nördlichste Weingut der Welt befindet – nach eigenen Angaben. Doch einen Kilometer weiter östlich reizt uns die Lindheim Ølkompani viel mehr, denn wir haben gelesen, dass das kleine Familienunternehmen nicht nur seit vier Generationen Obst anbaut, sondern seit 2013 auch Bier und Apfelwein braut. In über 130 Eichenfässern lagern und reifen zwei Dutzend Sorten. Zu viele, um sie zu probieren. Die schön gestalteten Flaschen sind aber auch ein gutes Mitbringsel.

Am letzten Reisetag liegt eine überschaubare Strecke mit nur zwei Schleusen vor uns. Als das letzte Tor öffnet, können wir wieder salzige Luft riechen. Das Meer ist nur noch ein paar Kilometer entfernt, die Basis aber leider auch, und die Reise ist zu Ende. Wehmütig? Absolut. Der Kanal gehört ohne Frage zu den schönsten Wasserstraßen Europas. Dieses Revier mit einem Elektroboot zu befahren hat das Erlebnis noch besonderer gemacht.

Wie könnte man die unvergessliche Woche besser abschließen als mit einem Saunagang? Die Betreiber der Flotte haben mitgedacht und einen Sauna-Ponton direkt neben die Boote gelegt. Optimal, um am letzten Abend mit Blick durch die beschlagenen Scheiben das Abenteuer Telemark-Kanal noch einmal Revue passieren zu lassen. Als besonderen Clou besitzt die Sauna eine Bodenluke ins Hafenbecken. Wer den Sprung wagt, wird das eiskalte Wasser aus den Bergen sicher nicht mehr vergessen.