Reise: Deutschland - Berliner UmlandFoto: Bodo Müller

Reise: Deutschland - Berliner Umland

Bodo Mueller  

23.11.2020, Lesezeit: 11 Minuten

Die deutsche Hauptstadt liegt in einem der schönsten Wassersport-Reviere Europas. Wir zeigen Ihnen die Wege in die grüne Weite

Keine andere Metropole in Europa hat ein derart faszinierendes Wassersportrevier zu bieten wie Berlin. Selbst Venedig nimmt sich mit 38 Kilometern an schiffbaren Kanälen dagegen bescheiden aus. Die deutsche Hauptstadt bringt es auf fast die fünffache Länge an Schifffahrtsstraßen, konkret sind es 182 Kilometer innerhalb der Stadtgrenzen von Berlin. Zählt man die märkischen Gewässer im angrenzenden Brandenburg hinzu, sind es über 400 Kilometer schiffbarer Flüsse, Seen und Kanäle.

Wo liegen die schönsten Bootsreviere Berlins? Es sind drei völlig eigenständige Regionen, die jeweils in Berlin beginnen und sich über die Stadtgrenzen hinaus nach Brandenburg ausdehnen. Die Reviere des grünen Umlands sind durch innerstädtische Wasserstraßen verbunden. Eine davon ist die Spree, die durch Berlin-Mitte führt.

Noch mehr Informationen? Den Artikel "Berlins grüne Weite" mit vielen Bildern, nautischen Revierdaten und großem Serviceteil finden Sie in BOOTE-Ausgabe 12/2020 seit dem 18.10.2020 am Kiosk oder online im Delius Klasing-Shop.

Das größte Wassersportparadies am Rand der Hauptstadt ist das von den Flüssen Dahme und Spree durchzogene Seenland im Südosten. Hier gibt es über 40 klare Seen, eingebettet in grüne Landschaft, die, je weiter man nach Osten reist, immer dünner besiedelt ist. Der Müggelsee und der Scharmützelsee zählen zu den größten und bekanntesten Seen der Region. Durch vor über hundert Jahren angelegte Kanäle sind die Seen schiffbar verbunden und sind heute ein einzigartiges Paradies für den Boots­tou­ris­mus.

Das zweite Revier liegt im Norden der Hauptstadt und wird von der Havel gespeist. Es beginnt nördlich der Schleuse Spandau. Die bekanntesten Seen sind der Tegeler See und der Nieder Neuendorfer See. In Richtung Norden führt das Bootsrevier über die Stadtgrenze hinaus bis nach Hennigsdorf, das bereits zu Brandenburg gehört.

Das dritte Wassersport-Eldorado von Berlin ist die Untere Havel südlich von Spandau. Die bekanntesten Seen sind hier der Große Wannsee und der Jungfernsee, dessen südlicher Teil bereits zu Brandenburg gehört. Südwestlich von Potsdam schließt sich das einzigartig schöne Seengebiet der Potsdamer Havel an.

Die drei grünen Wassersportreviere am Rand von Berlin haben noch eine Besonderheit. Sie sind nicht nur über die innerstädtischen Kanäle schiffbar verbunden, sondern zugleich Bestandteil des Netzwerks europäischer Wasserstraßen. So kommt man aus dem Seenland im Südosten Berlins weiter zur Oder und damit nach Stettin. Vom Revier im Norden Berlins kann man weiter­fahren zur Mecklenburger Seenplatte, und von der Potsdamer Havel südwestlich von Berlin führen die Wasserwege weiter zur Elbe. Der von uns gefahrene Törn ist also nur eine von vielen möglichen Varianten, die man schippern kann, wenn man in der Hauptstadt ein Boot mietet.

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In Berlin-Köpenick übernehmen wir eine Linssen Grand Sturdy 36.9 AC und sind vom ersten Augenblick begeistert. Das Schiffchen bietet viel Raum und ist dank Bug- und Heckstrahlruder auch von kleiner Crew leicht zu steuern. Wir steuern von unserem Liegeplatz gegenüber der Köpenicker Schlossinsel um das Rathaus herum in die Müggelspree hinein.

  Unser Charterboot steuert vom Seddinsee in die DahmeFoto: Bodo Müller
Unser Charterboot steuert vom Seddinsee in die Dahme
  Unser Charterboot steuert vom Seddinsee in die DahmeFoto: Bodo Müller
Unser Charterboot steuert vom Seddinsee in die Dahme

Vor dem Rathaus wird der berühmteste Köpenicker mit einer lebensgroßen Statue geehrt. Er hieß Friedrich Wilhelm Voigt und war nicht Ehrenbürger, sondern Gauner, Kleinkrimineller und Hochstapler, der die meiste Zeit seines Lebens in Gefängnissen saß. Trotzdem bekommt er ein Denkmal? Ja, und auch ein eigenes Museum im Rathaus! Mit einer geborgten Uniform und folgsamen Soldaten klaute er am 16. Oktober 1906 die Stadtkasse und ging als Hauptmann von Köpenick in die deutsche Geschichte ein.

Nach drei Kilometern erreichen wir unser Tagesziel, die SpreeArche. Da schwimmt tatsächlich in der Weltstadt Berlin eine hölzerne Arche auf dem Wasser und wird vom schönsten Abendlicht vergoldet. Ob wir anlegen dürfen? Ein junger Mann nimmt un­sere Leinen an. Er heißt nicht Noah, sondern Frank Cotte. Er ließ 2013 von einer holländischen Firma einem Beton-Schwimmkörper gießen, baute darauf eine Arche aus Holz und verankerte sie in einer Bucht auf der Müggelspree. Die Behörden standen Kopf. Für nichts hatte Cotte eine Genehmigung. Doch der Mann hat ein dickes Fell und da es bereits seine zweite Arche ist, auch Erfahrungen mit Ämtern.

Damit niemand aus ökologischen Gründen der Arche das Wasser abgraben kann, steckt ihr Keller voller innovativer Technik. Hier wird aus dem Wasser der Spree Trinkwasser gewonnen, das sauberer ist als das Berliner Leitungswasser. Und das Abwasser aus Restaurantbetrieb und Toiletten wird in einer mehrstufigen Kläranlage derart gereinigt, dass es am Ende, bevor es in die Spree geleitet wird, sauberer ist als das Wasser des Flusses. Seine schwersten Stürme musste der neuzeitliche Noah in Amtsstuben und vor Gerichten abwettern. Doch er und seine Arche trotzten allen Unwettern. Heute ist die Köpenicker SpreeArche einer der beliebtesten Orte zum Essen und Feiern in einzigartigem Ambiente. Gäste mit Booten sind willkommen (www.spreearche.de).

Morgens stoppen wir zum Einkaufen am Sportbootanleger Friedrichshagen, der kurz vor der Ausfahrt zum Müggelsee liegt. Für unser Charterboot sind die Stege etwas klein geraten. Vom Anleger sind es wenige Schritte bis zu Deutschlands bekanntestem Discounter. Mit gefülltem Kühlschrank queren wir den Großen Müggelsee und passieren das Lagunen-Städtchen Neu Venedig. Leider ist der Himmel grau, und der Charme der von Kanälen durchzogenen Siedlung kommt nicht so richtig rüber. Im sich östlich anschließenden Dämeritzsee steuern wir nach Nordosten, passieren den Flakensee und erreichen die Schleuse Woltersdorf. Sie bildet das Tor zum oberen Teil der Rüdersdorfer Gewässer.

Schon seit dem 16. Jahrhundert gibt es hier eine Staustufe für die Schifffahrt. Der Grund sind die Kalklagerstätten bei Rüdersdorf, die seit 800 Jahren als Baumaterial genutzt werden. In vorindustrieller Zeit waren Kähne und Schiffe die einzigen Transportmittel, um schwere Schüttgüter in großen Mengen zu transportieren. Mit dem Bauboom in Berlin zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden derart große Mengen an Kalkstein, Branntkalk und Zement benötigt, dass die Wasserstraßen von den Rüdersdorfer Kalkbergwerken bis ins Zentrum von Berlin leistungsfähig ausgebaut werden mussten. In diesem Zuge entstand 1882 die neue Schleuse Woltersdorf.

  Vor der MoltkebrückeFoto: Bodo Müller
Vor der Moltkebrücke
  Vor der MoltkebrückeFoto: Bodo Müller
Vor der Moltkebrücke

Heute sieht man nur noch selten ein mit Kalk beladenes Schiff auf den Rüdersdorfer Gewässern fahren. Die Stadt Rüdersdorf, die bis zur Wende unansehnlich grau aussah, wandelt sich zu einem beliebten Wohnort am Wasser. Die meisten Industrieanlagen sind stillgelegt. Im Zentrum des Orts, wo einst Kalk gebrannt wurde, kann heute der weitläufige Museumspark Rüdersdorf besichtigt werden. Seit September 2020 hat der Museumspark sogar einen eigenen Sportboothafen (www.ruedersdorf-kultur.de).

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Im schönsten Abendlicht fahren wir die Rüdersdorfer Gewässer wieder zu Tal, biegen im Dämeritzsee in den wildromantischen Gosener Kanal ein und überqueren im letzten Büchsenlicht den Seddinsee. Obwohl es höchste Hochsaison ist, können wir die Sportboote an einer Hand abzählen. Um uns herum Wald und einsamste Natur. Gänsegeschnatter und andere Vogelstimmen sind die einzigen Geräusche, die wir wahrnehmen. Im Süden des Sees lassen wir den Anker fallen. Es fühlt sich an, als wären wir in einem exotischen Naturparadies angekommen. Aber unser Anker liegt im 9. Stadtbezirk von Berlin.

Mit Blick auf den Müggelturm steuern wir morgens die Dahme abwärts. Bald sind die Ufer bebaut: Prächtige Villen und Wassersportvereine wechseln einander ab. In Köpenick fahren wir von der Dahme in die Spree und dann stromabwärts in Richtung Stadtzentrum. Ab hier sind die Ufer komplett zugebaut. Es dominieren alte Industrieanlagen in rotem Backstein, die teilweise zu Apartments mit Seeblick umgebaut wurden. An anderen Stellen wird abgerissen und neu gebaut. Von den Gewerbebetrieben aus der Gründerzeit und aus der DDR bleibt nicht viel übrig. Angesagt ist jetzt Wohnen im Loft am Wasser.

Wir tangieren den Rummelsburger See, wo sich eine alternative Hausbootszene etabliert hat, biegen nach Backbord zur Insel der Jugend ab und bekommen den letzten freien Gastliegeplatz am Segelschiffrestaurant KLIPPER. Die um den Traditionssegler gebaute Terrasse ist brechend voll, und wir haben nicht reserviert. Ich sage der Kellnerin, dass sie, mangels eines freien Tisches, das Essen bei uns an Bord servieren kann. Das stimmt sie freundlich. Sowohl Räucherfisch mit Bratkartoffeln als auch Gemüsepfanne schmecken lecker. Künftig würde ich Liegeplatz und Tisch reservieren (Tel. 030-532 164 90).

Als zweites Revier im grünen Berliner Umland wollen wir den Nieder Neuendorfer See im Norden der Hauptstadt besuchen. Der Weg dorthin führt mitten durch die City von Berlin. Und die lohnt es sich anzusehen. Zwischen 10.30 Uhr und 19 Uhr dürfen nur Fahrzeuge das Stadtzentrum passieren, die mit UKW-Sprechfunk ausgerüstet sind. Unser Charterboot ist mit Funk ausgerüstet. Zur Rushhour ist die Spree aber voller Ausflugsschiffe und ein langsam fahrendes Sportboot eher ein Verkehrshindernis. Das wollen wir uns nicht antun.

Foto: Bodo Müller
Foto: Bodo Müller

Wir fahren darum zunächst Richtung Mühlendammschleuse und biegen kurz davor nach Backbord in den Spreekanal ein. Zur Linken passieren wir die Oldtimer-Flotte im Historischen Hafen Berlin. Die Sportbootliegestelle befindet sich im Spreekanal hinter zwei niedrigen Bogenbrücken. Ob wir da hindurchpassen? Wir legen den Mast. Knapp eine Handbreit Luft bleibt zwischen der Linssen und dem Brückenbogen. Zu meinem Erstaunen liegt nur ein weiteres Sportboot am öffentlichen Anleger neben der berühmten Museumsinsel. Wer sich für das historische Berlin, Kunst und Kultur interessiert, liegt hier genau richtig.

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Um 7 Uhr fahren wir durch Mühlendammschleuse und sind im Herzen Berlins. Die Ausflugsschiffe fahren noch nicht. Es ist still auf dem Wasser. In aller Ruhe passieren wir das wieder errichtete Hohenzollern-Schloss, das jetzt Humboldt-Forum heißt, den Dom und den Bahnhof Friedrichstraße. Am Anleger Schiffbauerdamm wird gerade ein Liegeplatz frei. Wir machen fest und frühstücken mit Blick auf Reichstag und Bundeskanzleramt. Kurz vor 10 Uhr fahren die ersten Ausflugsschiffe und geben einen Vorgeschmack, wie unruhig es auf der Spree bald sein wird.

Wir legen ab, lassen Reichstag und Bundeskanzleramt an Backbord liegen. Ab dem Hauptbahnhof wird es wieder ruhig auf der Spree. Wir passieren die Schleuse Charlottenburg und sind am frühen Nachmittag im Unterwasser der Schleuse Spandau, wo wir uns in einen Pulk wartender Sportboote einreihen.

Oberhalb von Spandau werden die Ufer der Havel schnell wieder grün bzw. sind mit Villen bebaut. Abends erreichen wir den Nieder Neuendorfer See, das schönste Gewässer im Norden Berlins. Genau genommen ist es eine Verbreiterung der aus Mecklenburg-Vorpommern kommenden Havel. Das Wasser ist sehr sauber und lädt zum Baden ein. Einen Steinwurf nördlich vom See liegt im Land Brandenburg der Ort Hennigsdorf. Hier gibt es im Yachtzentrum Nordwest und im Stadthafen Gastliegeplätze. Wir haben Glück und erhalten im Heiligenseer Segel-Club e.V. im Nordosten des Nieder Neuendorfer Sees einen Gastplatz, wo wir freundlich aufgenommen werden. Im Nordwesten des Nieder Neuendorfer Sees, wo der Havelkanal aus der Oberen Havel-Wasserstraße abzweigt, wurden die Aufschüttungen der früheren Grenzübergangsstelle nach der Wende zurückgebaut und renaturiert. Dieser Bereich ist heute Brutstätte und Rückzugsgebiet von Seevögeln. Auch wenn man in der Ferne den Fernsehturm sieht, ist der Norden von Berlin ein einzigartiges Naturparadies.

Foto: Bodo Müller
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Wir richten den Bug nach Süden, Ziel sind die Gewässer um Potsdam. Leider müssen wir in Spandau zwei Stunden warten. Theoretisch könnten wir bis in den Abend hinein südwärts fahren, aber wir brauchen eine Marina, die nicht nur Frischwasser, sondern auch eine Fäkalienabsauganlage hat.

Vier Kilometer südlich der Schleuse Spandau liegt am Westufer die Marina Lanke. Das familiengeführte Unternehmen liegt sehr schön und ruhig und bietet jeden Service rund ums Boot. Zu später Stunde werden wir freundlich aufgenommen und können morgens den Tank abpumpen lassen (www.marina-lanke.de).

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Südlich der Scharfen Lanke beginnt das Seengebiet der Unteren Havel. Wieder sind wir auf dem Stadtgebiet von Berlin – doch ringsum ist alles grün. Die Villen am Ufer werden weniger. Nur der Grunewaldturm bleibt als Landmarke im Blick.

Auf dem Jungfernsee passieren wir die Grenze nach Brandenburg und sind gleich in der City von Potsdam mit seinen preußischen Prachtbauten. Südlich schließt sich das Seengebiet der Potsdamer Havel an. Wieder ist ringsum alles grün. Nur ab und zu ragt die Spitze eines märkischen Kirchturms in den stahlblauen Himmel. Krönender Abschluss unseres Törns ist der Ort Werder, wo wir einen Gastplatz im Segelverein Einheit Werder bekommen. Wir liegen an der historischen Insel-Stadt mit etlichen Kneipen und jeder Menge Kultur.

Über den Sacrow-Paretzer Kanal schließen wir den Kreis um Potsdam, wo wir für die letzte Nacht am Südufer des Jungfernsees anlegen. Über den Teltowkanal führen wir unser Schiffchen auf kürzestem Weg zurück nach Köpenick. Zurück bleibt die Erinnerung an einen schönen Törn durch die unglaublich grüne Landschaft am Rand Berlins.