Revier: Kroatien-Journal - MandarinenernteFoto: Bodo Müller

Revier: Kroatien-Journal - Mandarinenernte

 

25.5.2021, Lesezeit: 6 Minuten

Mandarinen per Boot: Das Neretva-Delta im Süden Kroatiens ist die einzige Region der Welt, in der Mandarinen per Boot geerntet werden. Wir haben mitgepflückt

Wo sind wir? Die Wasserstraßenkreuzung sieht überall gleich aus: rechts Mandarinenbäume, links Mandarinenbäume. Vorn und hinten Mandarinenbäume. Wohin das Boot steuern? Wir haben weder Seekarte noch Kompass oder GPS an Bord. Ich suche nach der Abendsonne. Wie zum Hohn schiebt sich eine Wolkenwand davor und schickt kalte Böen über den subtropischen Dschungel. Unser lađa (sprich: ladscha) ist ein traditionelles Holzboot mit Außenborder. Im Schlepp haben wir ein kleineres Lađa, voll beladen mit Mandarinen.

Böen treiben unseren Schleppverband ins Schilfufer. Kein Schild weist den Weg durch das Labyrinth aus zig Kilometern Wasserwegen mit Hunderten kleinen Inseln. Überall stehen Mandarinenbäume. So weit das Auge blicken kann, leuchtet die orangefarbene Pracht reifer Früchte. Sollten wir den Weg aus dem Irrgarten nicht mehr finden, müssten wir zumindest nicht verhungern.

Was nützen Erntehelfer mit Booten voller Mandarinen, wenn sie nicht in der Lage sind, die Früchte zum Sammelpunkt zu schippern? Ich stelle mich auf die Sitzbank im Boot. Keine Chance, über das Meer von Millionen Mandarinenbäumen hinweg zu sehen. Seevögel ziehen über uns. Am Ufer machen sich quakende Frösche über die orientierungslosen Bootsfahrer lustig.

Noch mehr Informationen? Das Kroatien-Journal mit vielen weiteren Bildern finden Sie in BOOTE-Ausgabe 06/2021 seit dem 19.05.2021 am Kiosk oder online im Delius Klasing-Shop.

Der süßliche Duft frisch geernteter Früchte hängt in der Luft. Ich fühle mich in eine exotische Region in Südostasien versetzt. Das Klima, die wilden Tiere, die exotischen Früchte – das kann doch nur in Asien sein! Aber nein, nicht in Vietnam oder Malaysia werden Mandarinen per Boot geerntet, sondern in der EU. Doch die meisten EU-Bürger wissen das nicht, weil man diese megaleckeren Mandarinen, die genau genommen gar keine sind – dazu später mehr –, in der EU (fast) nirgendwo zu kaufen bekommt.

Wir schalten den Außenborder ab, lauschen den Fröschen und essen Mandarinen. Was sonst! Ich rufe den Fröschen zu: "Heute vergeht euch das Quaken. Abends gibt es Frosch-Pfanne!"

Wir hören einen Außenborder. Ist das unser Mandarinenfarmer, der nach uns sucht? Das Geräusch kommt näher, verschwindet, kommt wieder näher. Ja, er wird uns schon finden. Mit dem Sonnenuntergang wird es schnell kalt und dunkel. Ich übermittle dem Farmer per Handy unseren Standort, damit er uns schneller "rettet".

Das Neretva-Delta im Süden Kroatiens ist das einzige Gebiet weltweit, wo Mandarinen per Boot geerntet werden. Mit einer Fläche von 120 Quadratkilometern ist das Delta ungefähr so groß wie die Müritz in Mecklenburg. Schon von 1881 an wurden die Randbereiche des Sumpfgebiets durch Melioration landwirtschaftlich nutzbar gemacht. Die ersten Mandarinenbäume kamen 1933 durch ein Geschenk des japanischen Konsuls an das Königreich Jugo­slawien ins Neretva-Delta.

  Im zentralen Teil des Deltas sind die auf Inseln stehenden Mandarinen-Plantagen nur per Boot erreichbarFoto: Bodo Müller
Im zentralen Teil des Deltas sind die auf Inseln stehenden Mandarinen-Plantagen nur per Boot erreichbar
  Im zentralen Teil des Deltas sind die auf Inseln stehenden Mandarinen-Plantagen nur per Boot erreichbarFoto: Bodo Müller
Im zentralen Teil des Deltas sind die auf Inseln stehenden Mandarinen-Plantagen nur per Boot erreichbar

Zum Erstaunen der dortigen Bauern und der japanischen Gäste entwickelten sich die im Schlamm des Flusses wurzelnden Bäumchen so prächtig, dass sie viel mehr und wesentlich größere Früchte trugen als in Asien. Vor allem waren die Mandarinen aus dem Delta ungleich aromatischer und saftiger, als man sie aus Japan kannte.

Der zentrale Teil des Neretva-Deltas konnte bis in die 1950er-Jahre weder zur Landwirtschaft noch zur Jagd oder zum Fischfang genutzt werden, da dort die Malaria-Mücke verbreitet war. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ der kommunistische Staatschef Josip Broz Tito (1892–1980) mit technischer Hilfe aus der Sowjetunion weite Teile des Neretva-Deltas trockenlegen. Einerseits um die Malaria auszurotten, andererseits sollten die Bauern aus umliegenden Dörfern durch Melioration Felder zum Gemüseanbau erhalten.

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Mit modernen Maschinen wurden Hunderte Kilometer Kanäle ausgebaggert, die mit Booten und kleinen Schiffen befahrbar waren. Dazwischen entstanden Hunderte rechteckige kleine Inseln, die ursprünglich überwiegend per Boot erreichbar waren. Titos Plan von den Gemüsefeldern ging nur zum Teil auf. Die Neretva-Bauern vermehrten die japanischen Mandarinen. Heute stehen davon mehr als 2,5 Millionen Bäume im Delta und zeigen zur Erntezeit von September bis November ihre orangefarbene Pracht.

Die Neretva-Mandarine ist kernlos, hat eine dünne Schale, die sich leicht entfernen lässt, und bringt es im Delta auf einen Fruchtsaftgehalt von 52 Prozent. Und sie schmeckt so unglaublich lecker, dass man nie wieder andere Mandarinen essen möchte. Genau genommen ist sie gar keine Mandarine, sondern ein in Südjapan zur Zierde angepflanzter Zitrusbaum namens Satsuma (Citrus unshiu) und nicht identisch mit einer Mandarine (Citrus reticulata).

Das Geräusch des Außenborders kommt näher. Aus einer Weggabelung, die wir gar nicht sahen, schießt Farmer Vedran Jurinovic aus dem Dickicht. Er gibt ein kurzes Zeichen, dass wir ihm folgen sollen. Er führt uns kreuz und quer durchs Schilf­dickicht. Überall hängen die Mandarinen über den Wasserwegen, sodass man sie vom Boot aus greifen kann. Wir queren einen Fluss, dann einen offenen See und sehen schon Vedrans Delta­haus im Dschungel.

  Transportiert werden die frisch geernteten Früchte in traditio­nellen Lađa – inzwischen aber mit Außenbordern betriebenFoto: Bodo Müller
Transportiert werden die frisch geernteten Früchte in traditio­nellen Lađa – inzwischen aber mit Außenbordern betrieben
  Transportiert werden die frisch geernteten Früchte in traditio­nellen Lađa – inzwischen aber mit Außenbordern betriebenFoto: Bodo Müller
Transportiert werden die frisch geernteten Früchte in traditio­nellen Lađa – inzwischen aber mit Außenbordern betrieben

Die frisch geernteten Früchte verladen wir in Obstkisten. Ein Teil davon soll auf dem Markt verkauft werden, ein anderer Teil wird zu Saft gepresst. Vedrans Fami­lienerbe besteht aus 50 000 Mandarinenbäumen, die überwiegend auf Inseln stehen und per Boot geerntet werden müssen. Da in den letzten Jahren immer mehr feste Straßen ins Delta gebaut wurden, werden nur noch etwa 20 Prozent der Bäume vom Boot aus geerntet. Diese Art der Mandarinenernte ist jedoch ein unvergessliches Erlebnis.

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Der Gedanke, dass hier Touristen mit gecharterten Booten durchs Delta fahren, ist noch neu. Vedran lädt uns auf seine Terrasse ein. Er holt die Peka aus dem Feuer und öffnet die eiserne Kasserolle. Ein leckerer Duft zieht über die Schilfwälder. Als ich den Inhalt der Peka erblicke, zieht es meine Mundwinkel nach unten. Kein Lammfleisch oder Fisch schwimmt in der Bratensoße, sondern Hunderte Frösche. Doch wider Erwarten schmeckt auch die Frosch-Peka sehr lecker.

Vedran, der eigentlich Fitnesstrainer ist, veranstaltet als Erster geführte Boots­törns durch das Delta. Wer ein bislang touristisch noch völlig unbekanntes Gebiet von Europa kennenlernen möchte, sollte ihn kontaktieren: +385-95-888 54 78, www.exploreneretva.com.

Reisen mit einem schnellen RIB durch die Hauptwege des Deltas organisiert der Segelboot-Vercharterer www.plocesailing.com.

Mitten im Delta liegt die nur per Boot erreichbare Konoba Neretvanska kuća ("Neretva-Haus"), die Anreise erfolgt mit zu Touristenbooten umgebauten Lađa: http://neretvanska-kuca.com.