Revier: Rhein-Marne-Kanal - KanalarbeitFoto: Dieter Wanke

Revier: Rhein-Marne-Kanal - Kanalarbeit

 

3.11.2017, Lesezeit: 6 Minuten

Schon bei einem Kurztörn mit vier Übernachtungen auf dem Rhein-Marne-Kanal reiht sich Höhepunkt an Höhepunkt – elsässische Leckerbissen natürlich inklusive

Wie bei vielen Wasserstraßen in Europa lag die Blütezeit des 1853 in Betrieb genommenen Rhein-Marne-Kanals in einer längst vergangenen Epoche. Bis zur Fertigstellung der kanalisierten Mosel 1979 war er mit
315 Kilometern der längste Kanal in Frankreich.

Mit insgesamt 154 Schleusen und weiteren Kanälen werden Verbindungen in die Champagne und nach Burgund sowie zur Mosel, der Saar und dem Rhein geschaffen. Heute wird das inzwischen
293 Kilometer lange Gewässer nur noch touristisch genutzt.

Die große Anzahl zu kleiner Schleusen bedeutete das Aus im modernen Gütertransport, doch der Wassertourismus boomt.

In wenigen Tagen lässt sich mit dem Boot bei kurzen Dis­tanzen die Mehrzahl der Highlights erkunden. Zu den wasserbautechnischen Leckerbissen der von uns gefahrenen Strecke gehören zwei Schiffstunnel und ein ungewöhnliches Hebewerk, das die Boote mittels Schrägaufzug auf das andere Niveau transportiert.

Eine Technik, die mit diesem Bauwerk erstmalig eingesetzt wurde und in Europa so nur noch ein weiteres Mal in Form des Schiffshebewerks Ronquières auf dem Kanal Charleroi–Brüssel existiert. In der kurzen Reisezeit zwischen Hesse und Saverne gibt es also viel Spek­takuläres zu entdecken.

Die Basis von Le Boat, wo eine neue Horizon auf uns wartet, befindet sich im kleinen Örtchen Hesse bei Kanalkilometer 241.

Wer sich für den Törn mit Lebensmitteln eindecken will, sollte das in einem der Supermärkte im nahe gelegenen Sarrebourg tun. Aber auch die Ortschaften an den Ufern bieten dazu Gelegenheit. Als wir unser Boot am späten Nachmittag übernehmen, bleibt nicht viel Zeit für einen großen Schlag. Die gut vier Kilometer nach Niderviller sind aber schnell bewältigt. Festgemacht wird im Hafen­becken der Basis von Kuhnle-Tours.

Der Kern des 1200-Seelen-Ortes ist nach einem Kilometer Fußweg erreicht, die Auswahl an Gaststätten jedoch mager. Neben der "Auberge Tannenheim" mit regionaler Küche unmittelbar am Hafen wartet in der Ortsmitte das vorzügliche "Restaurant M" (www.restaurant-m-niderviller.com) auf Gäste.

Es befindet sich unmittelbar an der traditionsreichen Porzellan- und Stein­­gutfabrik Faïencerie de Niderviller, die 1735 gegründet wurde und weit über die Grenzen Frankreichs bekannt ist. Ein Museum, die Traditionswerkstätten und das denkmalgeschützte Fabrikgebäude können besichtigt werden. Noch heute wird hier keramische Kunst gefertigt.

Am nächsten Morgen ist bereits nach zwei Biegungen der Wasserstraße die Einfahrt zum 475 Meter langen Tunnel Niderviller erreicht. Die Ampel zeigt Grün, wir können direkt passieren. Es ist stockfinster, nur gelegentlich erhellt eine Lampe die Wände. Die Charterboote verfügen eigentlich über angebaute Scheinwerfer, bei unserer Horizon fehlen sie aber noch. Doch es geht auch so. Allerdings ist höchste Konzentration gefragt.

Entlang der alten Treidelpfade sind Schienen zu erkennen, denn nachdem Pferd und Esel ausgedient hatten, wurden die Kähne mit kleinen Elektrolokomotiven durch den Kanal geschleppt. Kaum zurück im Tageslicht, folgt hinter der nächsten Biegung die Einfahrt zum 2,3 Kilometer langen Tunnel Arzviller . Parallel dazu verläuft der Tunnel der Bahn­linie Paris–Straßburg. Schon während der Anfahrt wechselt die Ampel auf Grün.

Die Tunnelbeleuchtung ist jedoch an mehreren Stellen ausgefallen. Wir reduzieren die Drehzahl, denn es ist wirklich eng, und wir sehen fast nichts. Eine kräftige Taschenlampe wirkt Wunder. Doch die Durchfahrt zieht sich hin. Ohne Zweifel ein einzigartiges Ereignis mit sehr besonderer Stimmung. Nach zwanzig langen Minuten erreichen wir endlich die Ausfahrt.

Gut drei Kanalkilometer weiter wartet schon die nächste Attraktion auf uns: das Hebewerk Saint-Louis/Arzviller (www.plan-incline.com/de). Ein Stau ist hier normal, es muss also erst mal in der Wartezone festgemacht werden. Ein Landgang zur Erkundung der Anlage sollte unbedingt eingeplant werden. Auch Führungen sind möglich. Der Transport der Boote in dem mehr als 40 Meter langen Trog über eine schiefe Ebene mit 41 Grad Gefälle und einen Höhenunterschied von fast 45 Metern ist ein "nautisches Erlebnis" der besonderen Art.

Das Spektakel sollte man sich ruhig erst von den Aussichtsplattformen ansehen. Gegengewichte ziehen das Becken in nur vier Minuten nach oben oder unten, sodass nur geringe Unterstützung von zwei 120 PS starken Elektromotoren nötig ist. Seit 1969 ersetzt der Schrägaufzug die gefürchtete Schleusentreppe von Arzviller mit 17 Kammern auf nur vier Kanalkilometern. Zum Passieren benötigte man damals einen ganzen Tag.

Wer Zeit hat, kann im Anschluss noch im Talbecken festmachen und übernachten. Für ein Abendessen wartet die "Brasserie des Éclusiers" im nur 750 Meter entfernten Henridorff auf Gäste.
Nun beginnt die Schleusenarbeit: Vier automatische Staustufen müssen noch passiert werden, bis der nächste Stopp in Lutzelbourg erreicht ist. Nach der dritten Schleuse kann gegen Gebühr an der Basis von Locaboat festgemacht werden (falls Platz vorhanden ist). Von hier aus bietet sich ein herrlicher Blick auf die Rui­ne der mittelalterlichen Burg. Zentraler und kostenlos liegt man jedoch am linken Ufer direkt im Ort. Strom und Wasser werden am Münzautomaten bezahlt.

Am Abend führt es uns in die gut besuchte "Bierstub d’Eselbahn" im Ort. Der Name erinnert an die längst abgerissene Schmalspurbahn, die ihren Spitznamen bekam, weil sie so langsam wie der Ritt auf dem Lasttier war. Für den Aufstieg zur Burg ist es in unserem Fall leider zu spät.

Am folgenden Tag sind noch einmal neun Schleusen zu meistern, bevor wir am frühen Nachmittag in die große Marina von Saverne einlaufen. Die Stadt hat eine lange Geschichte und existiert seit der Römerzeit, damals als Militärstation "Tres Tabernae" (Drei Tavernen), an die auch der heutige Name noch erinnert. Besser als in der Marina im großen Bassin des Rhein-Marne-Kanals mit Blick auf die Fassade des Rohan-Schlosses kann man kaum liegen.

Der zwischen 1780 und 1790 errichtete Bau sollte als Sitz der Straßburger Fürstbischöfe dienen. Doch bevor der Innenausbau fertig war, machte die Französische Revolution dem Prälaten einen Strich durch die Rechnung. So wurde das Gebäude nach langem Leerstand erst 1858 zum Stadtmuseum. Heute beherbergt es Kunst- und archäologische Sammlungen.

Das Stadtzentrum ist nur wenige Minuten vom Hafen entfernt. In der Fußgängerzone erwartet den Besucher historische Fachwerkarchitektur aus dem 16. und 17. Jahrhundert sowie ein reichhaltiges gas­tronomisches Angebot, das von der typischen Weinstube "Taverne du Katz" im bekanntesten Fachwerkhaus der Stadt bis zur Sternegastronomie im "La Staeffele" reicht. Es sei denn, man kommt wie wir an einem Montag, denn da haben die meisten Restaurants geschlossen.

Am nächsten Tag herrscht Sauwetter. Aber es steht ja lediglich der Rückweg an. Wir entschließen uns, die 28 Kilometer zu­rück nach Hesse durchzufahren, da das Boot bereits morgens um 9 Uhr abgegeben werden muss. Trotz der vielen Schleu­sen und der Wartezeiten am Hebewerk lässt sich das gut bewerkstelligen. Zum Glück haben wir bei der Horizon die Option, auf den unteren Steuerstand zu wechseln. Im bequemen, gut geheizten Salon macht die Fahrt auch bei Dauer­regen noch Spaß – und in den beiden
Tunneln ist es ja eh trocken …