Törn: Dänische Ostsee - Kattegat und SkagerrakFoto: Morten Strauch

Törn: Dänische Ostsee - Kattegat und Skagerrak

 

3.9.2020, Lesezeit: 9 Minuten

Von Aalborg bis nach Oslo: Teil 1 der Reise führt vom Limfjord über Skagen bis nach Kristiansand in Südnorwegen

Wo Dänemark im Norden endet, treffen die Elemente aufeinander: Wie ein schmaler Keil ist die Spitze Jütlands geformt, ein sandiger Dorn in der Flanke des Meeres – genau an jener Stelle, wo Nordsee und Ostsee zusammentreffen. Kein Wunder, dass es um jenes störende Stückchen Land herum zu jeder Jahreszeit rauh zugehen kann.

Foto: Morten Strauch
Foto: Morten Strauch

Andererseits gehören der Westwind und die donnernde Brandung zu dieser wilden Ecke Europas einfach dazu. Sie lassen das Herz wieder schlagen. Man spürt, dass man lebt. Hjertestarter heißt einer der größten Hits der dänischen Rockband Nephew, in dem es um genau dieses Gefühl geht. Das passt ziemlich gut.Wir bekommen diese wiederbelebende Kraft zu spüren, als wir mit dem Cruising Club der Schweiz im vergangenen Jahr um Mittsommer herum zwei Wochen lang zwischen Dänemark und Norwegen auf Törn sind.

Für die fünfköpfige Crew an Bord der "Rolling Swiss 2" bekommt der Begriff "Sommerfrische" jedenfalls eine völlig neue Bedeutung. Denn es bläst ordentlich. Doch dafür wäscht der Wind den Himmel rein und lässt alles in eigenem Licht erscheinen – Dünen, Fels und Meer.

Der erste Teil unseres Reisetagebuchs führt von Aalborg über das Kattegat und die Insel Læsø bis nach Skagen, bevor wir den großen Schlag über das Skagerrak nach Kristiansand in Angriff nehmen. Der weitere Verlauf durch die Schärenwelt der norwegischen Südküste und über den Oslofjord bis nach Oslo selbst folgt dann in den folgenden Teilen.

VON AALBORG NACH HALS

Beim Frühstück im Scandic-Hotel sind wir komplett: Skipper Marc, Isabelle und Christoph bilden die Schweizer "Abordnung", dazu kommen Morten und ich, die beiden Nordlichter. Erste Einschätzungen zum geplanten Routenverlauf, die Windprognose kennt jeder. Ob es mit Læsø klappt? Für das Skagerrak werden wir ein Wetterfenster brauchen. Trotzdem Vorfreude und große Erwartungen. Wenn’s nicht so früh wäre, könnte man anstoßen...

Foto: Morten Strauch
Foto: Morten Strauch

Mit dem Taxi geht es zum Vestre Lystbådehavn von Aalborg. Weht schon ganz gut! Taschen an Bord, Kabinen beziehen und dann zum Einkaufen: Mit zwei vollen Einkaufswagen klappern wir zurück zur "Rolling Swiss 2". Nachdem alles seefest verstaut ist, gibt’s ein schnelles Briefing für unsere erste Etappe nach Hals, und um 14.20 Uhr erwachen die beiden Diesel unserer Trader 42. Los geht's!

Bei W4 und zerrissenem Himmel legen wir ab und drehen eine Runde vor der Eisenbahnbrücke, bevor sie sich öffnet und wir dem Limfjord mit dem Wind von achtern nach Osten folgen können. Der verläuft einmal quer durch den Norden Jütlands, so, dass das Panorama im Norden genau genommen zur zweitgrößten Insel Dänemarks gehört – Vendsyssel-Thy. Unser Ziel ist der kleine Fährort Hals am östlichen Ausgang des Fjords.

Aalborg zieht vorbei: ein neues Wohnquartier und etwas Industrie, rostige Kräne, dann die Aquavitfabrik, ein großer Block aus rotem Ziegel. Doch bald schließen sich sandige Ufer an, dahinter Tannenwald, Wiesen und Sommerhäuser.

Folgen dem Tonnenstrich – die Ecken außerhalb des Fahrwassers sind zum Teil sehr flach. Nach gut zwei Stunden erreichen wir Hals, das Kattegat ist schon zu sehen. Der nüchterne aber nicht ungemütliche Hafen ist gut belegt mit Seglern und Motoryachten, Fischern und Lotsen. Draußen warten die beiden Eisbrecher "Isbjørn" und "Danbjørn" an dicken Trossen auf den Winter. Wir finden gerade noch einen Platz am Kopfende des Gästestegs.

Hals ist ein aufgeräumter Ferienort mit adretten Blumenkästen und sauberen Fassaden. Ein Supermarkt, ein paar Restaurants und Cafés, nichts Spektakuläres. Die Grillterrasse am Hafen wird von anderen Gastliegern gut genutzt. Gönnen uns ein Eis mit guf, unglaublich süßem Schaum in knalligem Rosa. Eine dänische Spezialität, wie man uns versichert...

NACH VESTERØ AUF LÆSØ

Regen in der Nacht, rasende Wolken am Morgen. Sechs Beaufort aus West. Knatternde Flaggen zum hellen Heulen in den Riggs. Auch die Sonne kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Bedingungen alles andere versprechen als Langeweile. Wir versuchen nach dem Auslaufen zunächst unter Land nach Norden zu steuern, doch die ruppige Welle von Backbord querab spielt nicht mit. Also vor dem Wind ablaufen und schräg rüber nach Læsø, das etwa 25 Seemeilen im Nordosten liegt. Grau und kalt ist es, Regenschauer ziehen über das Kattegat. Westlich der Insel wird es sehr flach und die anrennende See entsprechend steil. Der Autopilot hat keine Lust mehr. Wir schalten ihn ab.

Foto: Morten Strauch
Foto: Morten Strauch

Einlaufend kommt uns die Autofähre nach Frederikshavn entgegen, explodierende Gischt vor dem Bug. Um 14.00 Uhr sind wir endlich im Loch, liegen längsseits an der 15-Meter-Pier nahe der Touristeninformation von Vesterø, dem Haupthafen von Læsø. Erster Eindruck: Man merkt, dass auch die Nordsee nicht weit ist: Weiße, tief geduckte Häuser oben auf dem Deich und ein großer, leerer Parkplatz vor dem Fähranleger, über den der Sand gepeitscht wird. Das kleine Giebeldach eines Leuchtfeuers ist mit Seetang bedeckt.

Zum Rundgang kommt die Sonne raus. Viele Sportboote und Segelyachten an Muringleinen, rostrote Hütten und himmelblaue, hölzerne Fischkutter. Davor stapeln sich verrostete Scherbretter, Hummerkörbe und Netze. Vom weiten Strand aus wirkt das dunkle, schaumgekrönte Meer in diesem Licht noch dramatischer. Schnell hat man Salz auf den Lippen – Læsøs bekanntestes Exportprodukt.

Tatsächlich: Das sydesalt, das in einer Siedehütte im Süden der Insel gewonnen wird, soll auch für die Gesundheit gut sein. Verspricht zumindest der Wellness-Tempel von Vesterø, der unter einem modernen Glasdach in der ehemaligen Dorfkirche untergebracht ist. Kaufen Brot und Bier von der Insel, dazu einen Beutel rejer – fangfrische Garnelen. Und natürlich Salz.

NACH FREDERIKSHAVN

Trügerisch blauer Himmel, doch der Wind lässt kein Stück nach. Im Gegenteil, Sturmwarnung für das Kattegat beim Seewetterbericht vom DWD. Zwei Meter Welle weiter draußen, wir dürfen voll gegenan. Tagesziel ist eigentlich Skagen, aber im Grunde ist schon am Morgen klar, dass das unrealistisch ist. Selbst bei provisorisch eingeworfenen Kaugummis gegen Seekrankheit.

Foto: Morten Strauch
Foto: Morten Strauch

Ablegen um 10.20 Uhr, um die Mole rum und mitten rein. Morten will für Fotos aufs Vorschiff und befindet sich sofort im Schleudergang. Zwischenzeitlich steigt die See sogar im Salon ein (durch die Steuerbordtür), und ein Flaschenbier explodiert im Kühlschrank. Genug geprügelt (und gefeudelt). Dann lieber doch auf kurzem Weg nach Frederikshavn! Um 12.45 Uhr liegt die "RS2" längsseits an den Gästeplätzen ganz innen bei der Tankstelle der Marina. Ein weitläufiges Gelände im Süden der Stadt, über das der Wind pfeift.

Mit Fahrrädern vom Hafenbüro geht es in weitem Bogen an der Bucht entlang zum schmucklosen Zentrum, vorbei an den Kampfschiffen der Flottenbasis, die zu Zeiten des Kalten Krieges den Ostseeausgang bewachte. Ab in die Fußgängerzone, Fish & Chips auf dem Bürgersteig. Im Windschatten brennt die Sonne!
Weiter zum großen Fährhafen, der Verbindungen nach Göteborg und Oslo anbietet. Parkplätze, Stellflächen, Lagergebäude und Fußgängerbrücken. Ein großer Silo. Vom Wasser sieht man fast nichts.

Da wir noch ein bisschen Sonne wollen, radeln wir weiter zum Palmestranden im Norden. Hier wachsen zwar wirklich Palmen unter dem nun strahlend blauen Himmel, aber der Strand ist im wahrsten Sinne leergefegt. Auch über ein verwaistes Beachvolleyball-Feld pfeift der Wind. Ein Schmetterball gegen den Sturm würde zum Bumerang. Kattegat statt Karibik!

NACH SKAGEN

Gestern hätte man es noch nicht vermutet, aber unser Wetterfenster scheint sich genau zum richtigen Zeitpunkt zu öffnen – und schon heute Nacht geht es (wahrscheinlich) hinüber nach Norwegen. Deswegen stehen wir zeitig auf, damit wir um 08.00 Uhr pünktlich ablegen können. Der Wind hat bereits begonnen, umzulaufen und kommt jetzt schwach aus Osten.

Zuerst geht es deshalb zur vorgelagerten Insel Hirsholm hinüber, einem Naturschutzgebiet, eigentlich nicht viel mehr als eine größere Sandbank. Eine kleine Gruppe gelber Häuser im Schutz alter Bäume, darüber der Leuchtturm. Bunkerruinen an den Enden der Insel und ein schöner, tiefer Hafen (mit einem allerdings etwas wackligen Gästesteg an der Nordmole). Der Platz am Hauptanleger ist für die kleine Fähre aus Frederikshavn reserviert.

Foto: Morten Strauch
Foto: Morten Strauch

Nur eine Handvoll Einwohner zählt Hirsholm, dafür unzählige Seevögel, die ein Mordsgeschrei machen. Und ein paar Feriengäste. Gemähte Grasstreifen gelten als Wege, die Häuser sind ohne Strom und Wasser. Es gibt nur ein Toilettenhäuschen. Kein Café, kein Geschäft. Man ist zum Entspannen gezwungen. Diese Abgeschiedenheit gefällt, leider können wir nur eine Stunde bleiben. Skagen ruft!

Der Wind hat auf Nord gedreht, also stemmt sich die "RS 2" auf NNW-Kurs erneut gegen die Wellen, die aber nicht so extrem sind wie gestern. An Backbord die niedrige Küste mit ihren Dünen. Gegen 12.00 Uhr vor Skagen. Die Reede ist voller Ankerlieger, vor allem Tanker und Bulker. Der Hafen ist unerwartet groß für einen so kleinen Ort: Becken neben Becken mit Werften. Große Fabriktrawler und Offshore-Versorger drängen sich an der Pier.

Gegenüber der Sportboothafen mit seinen roten Buden – Norweger und Schweden dürften sich wie zuhause fühlen. Noch ist es zwar nicht allzu voll, aber das wird sich zum Abend ändern. Skagen ist ein beliebtes Ziel für den Zweitagestörn der skandinavischen Nachbarn – zum Alkoholbunkern, meint Morten. Wer den "Getränkehandel" gleich am Hafen sieht, glaubt das sofort. Bekommen tatsächlich Besuch vom Zoll. Unsere Schweizerflagge am Heck hat Interesse geweckt, und wir erscheinen wohl nicht unverdächtig. Kommen aber ohne Durchsuchung davon.

Zum Landgang: Der Ort hinter dem gewaltigen Hafenareal scheint winzig und verschlafen. Häuser in Sonnengelb, mit Zäunen und Fenstern so weiß wie die Wolken. Dazu Namen wie "Ankerhus", "Solvang" oder "Kystens Perle". Strandgras, Hecken und Büsche aus Wildrosen. Sand, Fahrräder und Urlauber überall. Zu Fuß an der Straße Richtung Norden zum Skagen Grå Fyr, dem "grauen Leuchtfeuer".

Wir erklimmen den Turm und werden mit einem grandiosen 360-Grad-Panorama belohnt: Unter uns ein Meer aus Dünen mit Skagen im Süden. Im Norden die Landspitze von Grenen, deren schmaler Sandstreifen sich verliert, wo die Meere zusammentreffen: Dort kann man tatsächlich mit einem Bein in der Nordsee und dem anderen in der Ostsee stehen.

Zurück zum Hafen, wo so mancher Gastlieger aus den nördlichen Nachbarländern schon Wein zum Bier trinkt. Auf einem Steg spielen Quetschkommode, Banjo und Hammond-Orgel herrliche Schnulzen. Ausgelassene Feierlaune. Zum feierlichen Abschied von Dänemark landet Jomfruhummer auf dem Teller.

ÜBER DAS SKAGERRAK

Als wir um kurz vor Mitternacht aufstehen, liegt der Hafen völlig ruhig da. Fast Windstille, gutes Timing! Um 00.05 Uhr legen wir ab, Morten und ich haben die Hundewache bis vier Uhr morgens übernommen. Richtig dunkel ist es nicht, im Norden hängt das Licht noch über dem Horizont. An den Trawlern und dem vor Reede liegenden, hell erleuchteten Gastanker vorbei weiter nach Skagens Rev, das sich vor Grenen erstreckt. Dem Patrouillenboot dort sind wir egal, und die Nordkardinaltonne markiert unsere letzte größere Kurskorrektur für lange Zeit.

Schon bald wird es wieder heller über dem Skagerrak. Schiffe ziehen vorbei, darunter zwei Großsegler: die rumänische Bark "Mircea" und die russische "Kruzensthern", wie das AIS verrät. Masten und Rahen wie mit der Feder gezeichnet. Die Leuchttürme von Skagen liegen beide achteraus. Immer weiter auf Westkurs.

Die Ablösung kommt kurz vor 04.00 Uhr nach oben. Heißer Kaffee! Wir bleiben aber noch etwas wach, um uns das fantastische Farbenspiel am Himmel anzusehen, das sich jetzt hinter den aufgefächerten Wolken immer weiter über der trägen See ausbreitet. Erst dann geht es für ein paar Stunden in die Koje – und als ich um 08.00 Uhr zurück auf den Fahrersitz klettere, liegt die norwegische Küste bereits als blassblauer Streifen vor uns.

Fortsetzung folgt