Törn: Schlei - Auf Odins SpurenFoto: Ingrid Bardenheuer

Törn: Schlei - Auf Odins Spuren

 

15.12.2016, Lesezeit: 9 Minuten

Zu Zeiten der Wikinger war sie ein bedeutender Handelsweg. Heute gehört die Schlei zwischen Schleswig und Maasholm zu den schönsten Bootsrevieren in Schleswig-Holstein

Weder Fluss noch Fjord, streng genommen auch keine Förde. Mal überraschend tief, dann wieder flach wie ein Tümpel. Hier schmal und gewunden, dort weit wie ein See. Schmelzwasser, das sich am Grund eines eiszeitlichen Gletschers mäandernd seinen Weg suchte, formte ihr Bett. Später strömte Meer nach und machte die Schlei zu dem, was sie jetzt ist: ein Arm der Ostsee. Über rund 23 sm führt sie von Schleimünde landeinwärts nach Schleswig. Aber nicht einfach nur so. Sie schweift durch eine schleswig-holsteinische Bilderbuchlandschaft, vorbei an Gutshäusern, Dörfern und sanft ansteigenden Hügeln, die sich zur Rapsblüte dottergelb färben.

Die maritime Infrastruktur ist ausgezeichnet, die touristische ebenfalls. Beste Voraussetzungen für einen Chartertörn.

Wir buchten bei Renz-Yachting in Schleswig. Die kleine, propere Marina liegt westlich des Wiking-Yachthafens. Das Panorama hier ist grandios: Schloss Gottorf, Schleswigs St. Petri Dom, der Wikingturm. Am Steg erwartet uns eine makellose Greenline 33. Ihr Clou ist ein Hybridantrieb – wahlweise Diesel oder Elektro. Claudia Renz erklärt, wie aus der im Salon liegenden Pantry eine zum Cockpit hin offene Bordküche wird.

Sehr schön, aber ob wir uns diese Annehmlichkeit tatsächlich werden gönnen können? Mediterrane Leichtigkeit trifft nämlich gerade auf norddeutsches Schietwetter. Es plästert, was das Zeug hält. Morgen soll noch eine ordentliche Mütze voll Wind dazu kommen. Wir beschließen, den Start unserer einwöchigen Tour zu verschieben. Hatte Claudia Renz nicht ohnehin gemeint, dass Schleswig einen Hafentag wert sei?

Es war eine lange, beschwerliche Reise, zu der Ibrahim ibn Ahmed At-Tartûschi Mitte des 10. Jahrhunderts aufbrach.

Sie sollte den arabischen Kaufmann und Chronisten von der iberischen Halbinsel in die Unwirtlichkeit des Nordens führen. Dort erreichte Ibrahim ibn Ahmed At-Tartûschi um 965 das "äußerste Ende des Weltmeeres". Und er sah eine "sehr große Stadt" – die Wikingersiedlung Haithabu am Ufer der Schlei. Von hier aus wurden Waren aus dem Ostseeraum knapp 20 km landeinwärts bis zur Treene geschafft, die über die Eider (siehe BOOTE 10/2013) Zugang zur Nordsee hat. So entfiel die riskante Passage um Jütland herum.

Haithabu stieg zum einflussreichsten Handelsplatz im Nordeuropa jener Tage auf und konnte sich bis weit ins 11. Jahrhundert behaupten. Nirgends lässt sich der Welt Haithabus intensiver nachspüren als im Wikinger Museum (www.haithabu.de), das sich nah der Originalstätte befindet. Von Renz-Yachting erreicht man es per Auto in ungefähr 5 Minuten, zu Fuß sind es etwa 3,5 km. Eine Anlegemöglichkeit fürs Boot gibt es auch, im Sportboothafen von Haddeby (72 Liegeplätze, www.tus-busdorf.de). Nett einkehren kann man gleich nebenan.

Nach dem Untergang Haithabus entwickelte sich am gegenüberliegenden Schlei-Ufer eine neue Stadt, das heutige Schleswig.

Bereits um 1100 wurde mit dem Bau des St.-Petri-Doms (www.schleswiger-dom.de) begonnen. Ab etwa 1200 entstand auf dem Holm, heute einer der malerischsten Winkel Schleswigs, das Benediktinerinnenkloster St. Johannis (st-johannis-kloster.de). Es gilt als Schleswig-Holsteins besterhaltene mittelalterliche Klosteranlage. Seit 1994 ist dort das Bibelzentrum Schleswig untergebracht. In einem Themengarten gedeihen Symbolpflanzen und solche, die in der Bibel erwähnt werden. So tummeln sich hier Himmelsschlüsselchen neben Salomonssiegel und Puffbohne – letztere als Beleg alttestamentarischer Essgewohnheiten.

Wer im Schleswiger Stadthafen (148 Liegeplätze, www.hafen-schleswig.de) festmacht, ist bereits nach wenigen Gehminuten im Herzen der alten Fischersiedlung Holm. Zwei Tipps zum städtischen Port: Gönnen Sie sich frischen Fisch, zum Beispiel im "Bistro Esch", und hinterher ein Eis vom "Kaphörnchen" – es soll das beste der Gegend sein. Bummelt man von Renz-Yachting über Land Richtung Holm (ca. drei km), liegt ein Kulturdenkmal ersten Ranges am Weg: Schloss Gottorf, einst Residenz der Herzöge zu Schleswig-Holstein-Gottorf und heute Sitz zweier Landesmuseen (www.schloss-gottorf.de).

Das Kleinod mit seiner über 800-jährigen Geschichte erhebt sich unweit des westlichsten Zipfels der Schlei. An deren östlichsten Punkt, Schleimünde, wollen wir.

Auf der umgerechnet gut 42 km langen Strecke bekommen wir es mit nur zwei "Hindernissen" zu tun, den Klappbrücken in Lindaunis und Kappeln (siehe Info-Kasten). Erstere könnten wir in geschlossenem Zustand passieren, heißt es. In Kappeln aber dürfte es knapp werden. Da wir weder unsere genaue Bootshöhe noch den aktuellen Wasserstand kennen, möchten wir die Öffnung der Kappelner Brücke abwarten. Ihre Bedienung pflegt wie am Schnürchen zu laufen, mit viel Zeitverzug ist also nicht zu rechnen. Der große Schlag von Schleswig bis Schleimünde ist demnach kein Hexenwerk, vielleicht fünf Stunden entspannter Fahrt. Auf dem Rückweg ist dann Hafenhopping angesagt, getreu dem Motto: Bleiben, wo’s gefällt!

Wir lassen die Silhouette Schleswigs hinter uns und folgen dem markierten Fahrwasser, Kurs Schleimünde. Da die Schlei stellenweise sehr flach sein kann, halten wir uns penibel an Tonnenstrich und Karte. Das Manövrieren bereitet keinerlei Schwierigkeiten, die Greenline folgt willig dem Ruder. Auf Kleine Breite und Stexwiger Enge folgt die Große Breite. Plötzlich rappelt und ruckt es. Nanu? Wir haben, typisch Große Breite, gut Kabbelwasser querab. Nichts Weltbewegendes, aber doch erstaunlich. Die sanfte Schlei "kann" also auch kratzbürstig.

Gleich nach der Großen Breite, die sich etwa 4 km weit ausdehnt, haben wir das nächste Extrem unter dem Kiel: die Enge von Missunde, mit rund 140 m die schmalste Stelle der Schlei.

Nach Norden geht jetzt das Brodersbyer Noor ab, Richtung Süden das Missunder Noor – Ausbuchtungen, von denen es ein gutes Dutzend an der Schlei gibt. Steuerbord voraus erscheint sodann ein zerrupftes Etwas: Kieholm, eine von mehreren Inselchen in der Schlei. Das Eiland trägt den Beinamen "Liebesinsel", da es ansatzweise herzförmig geraten ist (romantischere Deutungen nicht ausgeschlossen). Bedauerlicherweise ist Kieholm den Launen von Mutter Natur ausgesetzt. Nun wird die "Liebesinsel" immer weniger.

Wir schlüpfen unter der Klappbrücke von Lindaunis hindurch, nehmen in Kappeln die Brückenöffnung um 11.45 Uhr und erkennen bald in der Ferne den Leuchtturm von Schleimünde. Dort geht es hinaus aufs Meer. Das war nicht immer so. Jahrhundertelang musste die Schifffahrt mit den natürlichen Verbindungen zwischen Schlei und Ostsee vorlieb nehmen, die sich ein gutes Stück weiter nördlich der gegenwärtigen Passage befanden. Der erste dieser Fahrwege versandete schon zu Wikingerzeiten. Der zweite etwas weiter südlich ließ sich ebenfalls nicht frei halten und wurde aufgegeben. Ende des 18. Jahrhunderts legte man den jetzigen Durchbruch an. 1871 ging der noch heute existierende Leuchtturm in Betrieb.

Seitdem wurde der Gute siebenmal komplett umgestrichen. Rekord, sagt die WSV. Seit diesem Sommer trägt der rund 15 m hohe Oldie erstmals Grün-Weiß.

Für viele ist die einstige Lotsenstation Schleimünde ein besonderer Ort. Nicht nur, weil sie ausschließlich vom Wasser aus zu erreichen ist und so etwas Entrücktes hat. Da ist der geschützte Hafen mit seiner legendären "Giftbude". Ein uriger Treffpunkt mit kleiner Gastronomie. Am Strand lässt sich wunderbar Ausschau halten nach Hühnergöttern und Katzengold, typischen Steinen der Ostsee. Und vielleicht ziehen gerade Schweinswale vorüber? Nicht weniger spannend ist eine Führung durch das angrenzende Naturschutzgebiet Schleimündung (www.jordsand.eu). Und selbst das geht auf der Lotseninsel: saunieren. Verständlich, dass Schleimündes Hafen (19 Liegeplätze, www.lotseninsel.de) an schönen Tagen übervoll ist.

Der Wind hat aufgefrischt, Schauer kündigen sich an. Unter solchen Vorzeichen hält es uns nicht im abgeschiedenen Schleimünde. Wir laufen den Sportboothafen Maasholm an (450 Liegeplätze, www.maasholm.de) und stoßen auf zwei nebeneinanderliegende Boxen ohne Liegeplatzschild. Wir nehmen die eine und dürfen, kaum dass die Festmacher liegen, alles wieder abbauen und in die andere umziehen. Die ist tatsächlich frei. Bei der anderen hatte der Platzinhaber sein Schild mit auf Törn genommen. Ergo: Ohne Schild ist nicht gleich ohne Schild!

Maasholm erweist sich als hübscher Fischerort mit Lokalen, kleinem Supermarkt, Bäckerei und Fischverkauf.

Alles ist vom Hafen aus bequem zu Fuß zu erreichen. Wir essen sehr guten Dorsch im "Restaurant Raub" und gehen noch ein bisschen durchs Dorf. Nach Westen hin fallen uns Einbuchtungen am Ufer auf, die sogenannten "Kahnstellen". Diese Plätze wurden im frühen 20. Jahrhundert für die flachgehenden Nachen der Schleifischer gebaut. 48 "Kahnstellen" existieren noch. Man hat sie saniert und unter Denkmalschutz gestellt. Empfehlenswert ist auch eine Wanderung zum Naturerlebniszentrum Maasholm, knapp 4 km vom Yachthafen entfernt (www.nez-maasholm.de).

Unsere nächsten Stopps sind Kappeln und Arnis. Die Greenline legen wir in Kappelns Gastliegerhafen (35 Liegeplätze, www.kappeln.de). Man macht querab zum Fahrwasser fest, muss also mit Strom rechnen. Grundsätzlich kein Problem, zumal Sorgleinen zwischen den Boxen Führung geben. Lästig kann der Schwell werden, den manche Skipperkollegen draußen in Erwartung der nächsten Brückenöffnung produzieren. Ansonsten ist der Gastliegerhafen ein famoser Platz (weitere Liegemöglichkeiten siehe Törnliteratur). Hier, am Kai, reiht sich ein Lokal ans andere. Shoppen geht auch. Oben im Zentrum setzt sich das Ganze fort.

Und gefühlt ist er immer um einen herum: "Der Landarzt". Die gleichnamige ZDF-Serie spielte an der Schlei, wurde von 1987 bis 2013 ausgestrahlt und brachte es in der Zeit auf sagenhafte 297 Episoden.

Die Spuren des TV-Dinos sind nicht verweht, im Gegenteil, man kann auf ihnen wandeln, etwa in Kappeln (www.ostseefjordschlei.de). Über einen idyllischen Weg spazieren wir später hinüber nach Arnis (ca. 3,5 km). Fest in Kappeln, zu Fuß ins verträumte Arnis, man könnte es auch genau umgekehrt machen. Übernachten in Arnis hat den höheren Romantikfaktor, in Kappeln ist mehr los. Bootsplätze hat Arnis jedenfalls genug.

Im Arnisser Noor unterhält die Wassersportgemeinschaft Arnis einen gepflegten Yachthafen (265 Liegeplätze, www.wsg-arnis.de). Weitere Anlegemöglichkeiten gibt es zu beiden Seiten der kleinen Halbinsel, auf der sich Arnis erstreckt. Ob auf eigenem Kiel oder Schusters Rappen, dem Zauber von Deutschlands kleinster Stadt wird sich niemand entziehen können.

Mit Fischbude und Bäckerei sind die Einkaufsgelegenheiten überschaubar, dafür stehen mehrere Restaurants zur Wahl.

Am südlichen Ortsrand weist ein hölzerner Glockenturm zur historischen Schifferkirche. "Dies ist der schönste Platz auf Erden", hat wer in das ausliegende Besucherbuch geschrieben. Dem ist nichts hinzuzufügen. Nur diese Empfehlungen noch: Schauen Sie auf Ihrer Rückfahrt bei der Marina Hülsen vorbei, ein gemütlicher Flecken im Grünen (www.marina-huelsen.de). Das "Hafencafé" serviert Leckereien wie duftendfrischen Flammkuchen. Und freitags Räucherfisch, direkt aus dem Rauch.

Der perfekte Ort für einen genussvollen Törnausklang ist nicht zuletzt das "Fährhaus Missunde" an der Missunder Enge. Entlang des Nordufers kann man festmachen, doch Achtung, auch hier setzt Strom (www.faehrhaus-missunde.de). Die Große Breite ist diesmal spiegelblank. Wir schalten den Diesel aus, stellen auf "electric" und starten neu. Der Elektroantrieb läuft an und bringt uns heim, nahezu lautlos und der Abendsonne entgegen.