Braye Beach, Alderney Braye Beach, Alderney

Reise: Ärmelkanal / England

Ins Blaue hinein

Christian Tiedt am 04.02.2020

Unseren ersten Anlauf zur Überquerung des Ärmelkanals hatten Wind und Wetter verhindert. Was erwartet uns diesmal? Teil 2 unserer Törnreportage

Blaue See voraus, an Backbord die Steilküste Devons. Felder ziehen sich bis zur Kante, eine grobe Woll-
decke in Gelb und Grün, die über die englische Landschaft gebreitet wurde. Einmal mehr lassen wir Plymouth Sound hinter uns: Langsam verblasst die Silhouette der Stadt mit der Zitadelle und der feinen Nadel von Smeaton’s Tower hoch oben im Hoe Park. Es wird unser zweiter Anlauf, um den Ärmelkanal zu überqueren.

Am Anfang unseres Sommertörns, der mit dem Cruising Club der Schweiz in diesem Jahr von Plymouth nach Cherbourg führt, fesselte uns bei Traumwetter zunächst eine kaputte Kühlwasserpumpe an den Steg.

Doch als das Ersatzteil endlich geliefert und eingebaut war, kam der Wind. Aus der für uns völlig falschen Richtung brachte er eine Welle mit sich, die unsere schönen Pläne komplett pulverisierte... Denn eigentlich hatten wir vorgehabt, unterwegs auch die Kanalinseln zu erkunden. Die waren nun außer Reichweite, sowohl räumlich wie zeitlich. Stattdessen liefen wir vor der See ab, um auf das nächste Wetterfenster zu warten, und nahmen uns stattdessen die Südküste Cornwalls bis Falmouth vor (siehe BOOTE 01/2019).

Von dort ging es langsam zurück zum Ausgangspunkt. Die vergangene Nacht verbrachten wir schließlich in Cawsand Bay, und nachdem wir am Morgen ankerauf gegangen waren und die langen Schatten von Rame Head verlassen hatten, nahmen wir zum zweiten Mal Kurs auf den Ärmelkanal. Ein Zwischenstopp noch, heute in Salcombe, dann soll es endlich über den Channel gehen – wäre auch besser so, denn schon in drei Tagen müssen wir in Frankreich sein, um die "Rolling Swiss 2" an unsere Nachfolgecrew zu übergeben.

Fotostrecke: Ärmelkanal / England

Zwei Stunden folgt die Yacht der Küste nach Südosten. Die Mündung des River Yealm zieht vorbei, dann Bigbury Bay und schließlich Bolt Head mit seinem scharfen Profil. Wir drehen nach Norden in das Kingsbridge Estuary. Der Törnführer verrät, dass es sich dabei um ein ria handelt, ein versunkenes Flussdelta, das in diesem Fall allerdings viel zu groß für seine kleinen Zuflüsse ausfällt und eher wie eine Förde wirkt. "

Popular with sailors and holiday makers", heißt es weiter. Salcombe, das es sich etwa eine halbe Seemeile hinter der Barre an den Uferhängen im Westen bequem gemacht hat, liegt noch im Sonnenschein, als uns der Harbour Master mit seinem Boot zielstrebig zu Muringboje "V 17" lotst. Ein Kormoran muss seinen Platz für uns räumen, und bald liegen wir an doppelten Vorleinen sicher im Strom. 

Die ersten Ansichten von Salcombe machen Lust auf mehr: Die small craft moorings beiderseits des Fahrwassers und des Mittelgrundes östlich der Stadt sind voller englischer Yachten, an den Stränden im Westen (die ein wenig an den noblen hamburger Elbvorort Blankenese erinnern) ist das Wochenende vor üppigem Grün in vollem Gange.

Segeldingis, SUPs und Sportboote jeder Art kreuzen durcheinander, Fähren und Harbour Taxis ebenso.

Beiboot klar und ab zur "Fotosafari", die uns vom Ponton für Tender zuerst durch die Gassen, dann über die Dächer der Stadt und schließlich ins "Fortescue Inn" führt, über dem der Abend herandämmert. "Salcombe Ale" kommt in Gläsern mit Plimsoll-Lademarke, wie man sie von der Bordwand großer Schiffe kennt. Schnell ist das Pint gelenzt. Zurück an Bord wird dann der verbleibende Törnablauf festgelegt: zuerst morgen nach Alderney, um zumindest noch einen Eindruck von den Kanalinseln zu bekommen, bevor übermorgen die letzte Etappe nach Cherbourg ansteht.

Als wir um 5.30 Uhr aufstehen, liegt das Flusstal unter dichtem Nebel. Die weißen Häuser am Ufer hat der dichte Schleier verschluckt. Auf den Yachten um uns herum regt sich noch nichts. Doch es soll ein schöner, nur schwachwindiger Tag werden. Zwanzig Minuten später slippen wir unsere Muringleinen und wenden den Bug stromab Richtung offene See. Zwischen den scharfen Riffs von Pound Stone und Black Stone hindurch passieren wir vorsichtig die Barre. Dann nimmt die Tiefe zu. Achteraus beginnt sich die noch tief stehende Sonne zielstrebig durch den Nebel zu brennen.

Der Tag wird lang werden, mit zehn bis elf Stunden müssen wir bis Alderney rechnen. Also gibt es zum ersten und einzigen Mal auf diesem Törn eine Wacheinteilung mit zwei Wachen zu jeweils drei Stunden. Morten und ich fangen an, die anderen legen sich wieder hin.

Die direkte Route würde durch das Verkehrstrennungsgebiet "Off Casquets" führen, das wir vermeiden müssen.

Also halten wir zunächst etwas weiter westlich, um die Südwestecke des VTGs anzupeilen. Dafür steuert der Autopilot um 123°. Zu Beginn fahren wir aber einige Kurven, um Fischern und ihren Bojen auszuweichen, die zum Glück schon früh auf der nahezu glatten See auszumachen sind. Drüben wird auf den recht alten Booten schwer geschuftet. Wolken von Möwen warten auf das, was abfällt. Wir passieren die "Tenacious", die "Quest" und die "Jack G", während sich die hohe Küste Englands langsam im Dunst auflöst. Nach der kurzen Nacht verläuft der frühe Vormittag auf der Brücke etwas zäh.

"Supercharger" hilft, eine extra starke Kaffeemarke.

Gegen 11 Uhr beginnen wir das viele Seemeilen breite Hauptfahrwasser zu kreuzen. Der Verkehr nach Westen reiht sich hintereinander auf wie ein Flottenverband in Kiellinie: Containerfeeder, ein rostiger russischer Tanker, hochbordige Autotransporter. Breite AIS-Pfeile auf dem Plotter. Etwas später in der Gegenrichtung ist nicht ganz so viel los, dafür macht die 290 Meter lange "Hyundai Supreme" mit 16 Knoten so viel Tempo, dass auch wir uns beeilen müssen, um noch mit sicherem Abstand vor ihrer schäumenden Bugwelle durchzurutschen.

Die zwischenzeitlich aus West aufgekommene schwache Brise ist bereits wieder in sich zusammengefallen, als wir den Kurs südlich des Trennungsgebietes auf E ändern – und geradewegs zurück in den Nebel geraten. Eine echte Überraschung bei dem blauen Himmel über uns. Die Sichtweite beträgt gerade noch zwei Bootslängen. Radar und AIS sei Dank, bekommen wir aber keine großen Probleme. Die verbliebenen drei Stunden ändert sich nichts; wir nutzen die freie Zeit für das erste und letzte Sonnenbad auf dem Vorschiff, das den Namen verdient. Praktisch: Der Nebel kühlt hervorragend.

Schließlich heben sich die Schleier so weit, dass Alderney wie ein matter Scherenschnitt an Steuerbord auftaucht. Bald runden wir den massigen Kopf der lang gestreckten Mole von Braye Harbour und laufen in den Hafen ein. Der freundliche Hafenmeister führt uns mit seinem flachen Bass Boat zu einer Muringboje, hilft beim Festmachen und hat gleich jede Menge Informationen parat; zum Einklarieren (per Formular und Briefkasten), zum Essen ("Braye Chippy" am Hafen), zum Service ("sechs neue Duschen, besser als in Cowes!"). Lachen. Jedenfalls ist Alderney – dessen 2000 Einwohner inzwischen keine dauerhafte Fährverbindung mehr "nach draußen" haben – ein sehr bootsfreundliches Fleckchen.

Das Panorama verspricht Einiges: Felsen, Sanddünen, jede Menge Festungsanlagen, vom viktorianischen Fort bis zum Atlantikwall-Bunker, kleine Wälder und verlorene weiße Häuser.

Tolle Strände! Mit dem Dingi geht es zum Landgang: Hohe Piers, ein Radkran zum Entladen des Versorgungsschiffes und ein Container mit der Aufschrift "Alderney" nehmen uns in Empfang. Dazwischen das übliche Streugut aller Häfen der Welt: Fischkisten, Hummerkörbe, alte Fender, Sand und rissiger Beton. Fetzen von grünen Nylonfestmachern wehen im Stacheldraht. Beim Segelclub gibt es ein kleines Missverständnis, was die Ortszeit betrifft: Ist es fünf oder sechs Uhr? Natürlich fünf – man sei schließlich "in England". Allerdings redet man hier zumindest von Frankreich statt vom Kontinent.

Wir trinken unser mitgebrachtes Carling auf einer Bank mit Blick auf das Becken des beinahe trockenen inneren Fischereihafens und besorgen in der örtlichen chandlery (einem kleinen Schuppen mit tätowiertem blonden Mädel hinter dem Tresen) eine Gastflagge von Alderney – angesichts des kurzen Aufenthaltes allerdings eher als Souvenir.

Danach packen wir unsere Sachen zusammen, um noch zum Leuchtturm von Mannez zu wandern. Schönes Abendlicht und Stille, verlassene Häuser, um die der Wind weht, ein fast verwaister Campingplatz und schreiende Möwen. Überall stolpert man über Bunker. Vor allem das "Odeon" nahe dem Leuchtturm sticht hervor, das wie ein Filmpalast im Art-Déco-Stil der Dreißigerjahre wirkt. Vom Logenplatz auf einem Felsgrat überblickt es den Westen der Insel. Hinter seiner elegant geschwungenen Fassade verbarg die deutsche Küstenartillerie Feuerleitung und Entfernungsmesser.

Zurück nach Braye Beach, wo wir auf einsamer Bank die letzten ruhigen Stunden und den letzten Sonnenuntergang des Törns verbringen. Schauen noch im "Divers’ Inn" am Hafen vorbei, wo Skipper Marc versucht, seine letzten Guernsey-Pfund loszuwerden.

Zusammen mit der größeren Nachbarinsel bildet Alderney nämlich eine eigenständige Verwaltungseinheit im direkten Besitz der Krone. Sie sind nicht einmal Teil des Vereinigten Königreiches – und das führt nun einmal zu eigener Flagge und eigenem Geld, selbst wenn man gerade 65 000 Seelen zählt.

Drei dieser locals machen heute Abend Musik mit Gitarre, Geige und Gesang. Fischer, die vom Farmen singen. Vielleicht ist es auch umgekehrt. Etwas schief zwar, aber dafür umso stimmungsvoller. Wir trinken "Doom Bar" aus Cornwall, das nach einem verhängnisvollen Riff und damit ziemlich passend benannt ist, und haben das bestimmte Gefühl, dass dieser Inselbesuch viel zu kurz war. Was uns nicht davon abhält, ihn dennoch in vollen Zügen zu genießen.

Trotzdem: Um 7.30 Uhr heißt es nach unserer Stippvisite schon wieder Abschied nehmen. Wir lösen die Leinen, nehmen Fahrt auf – und stecken schon kurz hinter der Mole wieder im Nebel. Im Vergleich zu gestern ist er sogar spürbar dicker, grauer und nasser. Die Sonne schimmert nur als blasse weiße Scheibe über uns. So geht es ohne Sicht auf das Alderney Race hinaus. Die rund acht Seemeilen weite Passage zwischen der Ostspitze der Insel und dem Cap de La Hague im Norden der Normandie ist für seine extremen Gezeitenströme berüchtigt.

Mit bis zu zwölf Knoten ist die Tide hier unterwegs. Geschwindigkeiten, bei denen sich an notorischen Stellen stehende Wellen bilden – Stromschnellen auf offener See. Selbst mit zwei starken Cummins-Dieseln im Heck muss diese Größe bei der Törnplanung einkalkuliert werden, besonders wenn der Wind gegenan steht.

Selbst bei Windstille wie heute spüren wir, wie sich der Ebbstrom der "RS 2" entgegenstemmt: Die Yacht bockt und schlingert.

Aber ansonsten ist das einzige, was zur Besorgnis anregt, unser erhöhter Treibstoffverbrauch, da wir unsere acht Knoten über Grund halten wollen. Wir haben in Cherbourg noch Einiges vor. Dafür müssen wir mit den Umdrehungen für eine gute Stunde von 1400 auf 1900 hinaufgehen. Wir nutzen die Zeit, um den gerade erst geheißten Löwen von Alderney an Steuerbord schon wieder "abzutakeln". Nun flattert dort die französische Trikolore im Fahrtwind.

Wie ein Vorhang wird der Nebel schließlich fortgezogen, und die flache, freundliche Küste der Halbinsel Cotentin liegt blassblau an Steuerbord. Nur wenige Felsen, dafür viel Strand sind zu sehen. Dahinter sanft ansteigende Felder. Der Leuchtturm am Cap de la Hague strahlt hell in der Sonne. Keine zwei Stunden später kündigt sich auch der Hafen von Cherbourg durch seine lange Mole an. Ebenfalls mit den Forts und Bunkern der Jahrhunderte gespickt, liegt er wie eine Festungsmauer schützend vor der Grand Rade – der Großen Reede. Viele Angelboote sind hier unterwegs, das klare Wasser wimmelt von Fischen. Die letzte Seemeile bringt uns zur Tankstelle des Port Chantereyne. Die Marina ist die mit Abstand größte auf diesem Törn, was auch an der zentralen Position Cherbourgs im Kanal liegt.

Neben französischen Flaggen flattern auch jede Menge britische an den zahllosen langen Schwimmstegen, dazu niederländische, deutsche, belgische und schwedische. Es ist viel los: Vom Solent trifft gerade die Flotille der britischen Princess-Eigner ein, immerhin acht Yachten. Gleichzeitig läuft eine Armada Optis aus, ordentlich hintereinander gebunden und von einem RIB geschleppt. Zwischendrin sorgt die Capitainerie mit ihrem eigenen Boot für Ordnung und weißt Liegeplätze zu. Wir können am Kopfende des Pontons P längsseits gehen. Leinen fest, Motoren aus – und damit ist unsere siebte gemeinsame Saison mit dem CCS beendet.

Über dem Hafen steht die Luft. Dreißig Grad im Schatten. Man wird schon beim Gedanken ans Aufräumen schweißnass. Blick in den Bordkühlschrank auf dem Achterdeck: sieht nicht gut aus, nur noch eine Notration. Nach der Vollwäsche für die "Rolling Swiss 2" bummeln wir am Dock vorbei, in dem ein roter Trawler einsam auf den Rosthammer wartet, und dann am Außenhafen voller Angelboote und am fast leeren Fischereihafen entlang.

Unterwegs hallt Jubel aus einer Seitenstraße, irgendwo läuft Public Viewing – und die Franzosen haben auf dem Weg ins WM-Finale gerade das entscheidende zweite Tor gegen Uruguay gemacht. In einem kleinen Park nahe der Marina sitzen Jugendliche und lassen sich das Wetter schmecken: Weinflaschen kreisen, Zigaretten qualmen und der Glanz des frühen Abends spiegelt sich in den Sonnenbrillen. Dass wir plötzlich in Frankreich sind, will noch nicht so recht in unsere Köpfe. Wir haben es geschafft. Liberté toujors!
 

Diese Reportage lesen Sie in der März-Ausgabe 2019 von BOOTE.

Christian Tiedt am 04.02.2020
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