Falmouth St. Anthony Light Falmouth St. Anthony Light

Reise: Kanalküste / England

Per Zufall nach Cornwall

Christian Tiedt am 11.12.2019

Wenn das Wetter alle Pläne ändert: Nicht nur Segler sind vom richtigen Wind abhängig. Teil 1 unserer Törnreportage auf dem Ärmelkanal

Heute soll es endlich losgehen – obwohl schon eine Woche verstrichen ist. Eine Woche mit schönstem Sommerwetter, eigentlich perfekt. Doch ein Defekt fesselte unsere "Rolling Swiss 2" an ihren Liegeplatz in der Sutton Harbour Marina: Eine Kühlwasserpumpe hatte bei der Vorgängercrew den Geist aufgegeben.

Bis das schnell bestellte Ersatzteil geliefert und eingebaut werden konnte, verstrich die erste Hälfte unseres Sommertörns mit dem Cruising Club der Schweiz für uns daher auf ungewohnte Weise – gestrandet, in Plymouth im Südwesten Englands. Unser Ziel sind zwar nach wie vor die Channel Islands auf der anderen Seite des Ärmelkanals, die berühmten Außenposten Englands dicht vor der französischen Küste. Das Programm haben wir aber bereits gehörig zusammengestrichen.

Fotostrecke: Cornwall

Doch jetzt ist unsere Zeit um in dieser Seefahrerstadt, die wir schon viel zu gut kennen: Von der steinernen waterfront des alten Hafens mit seinen weißen Yachten und rostigen Trawlern, vorbei an den "Mayflower Steps", wo 1620 die Pilgerväter in die Neue Welt aufbrachen, hinauf zur Zitadelle und zum "Hoe", Plymouths öffentlichem Park, hoch über den Uferfelsen.

Die Legende besagt, dass Sir Francis Drake, Vizeadmiral der ersten Queen Elizabeth, hier 1588 Bowling spielte, als ihm die drohende Annäherung der Spanischen Armada gemeldet wurde.

Der Entdecker und Gelegenheitspirat ließ es sich jedoch nicht nehmen, erst die Partie in Ruhe zu beenden, bevor er selbst mit seiner Flotte in See stach, um die Angreifer zu vernichten. Weiter zur Grand Parade, der Uferpromenade, bis zum "Tinside Lido". Die halb­runde Form des Art-Déco-Freibades baute man einfach ins Meer hinein. Verlockend an einem Tag wie heute. Doch wir haben anderes vor.

Bereit zum Ablegen! Etwa 85 Seemeilen sind es von Plymouth in südöstlicher Richtung quer über den Kanal bis nach St. Peter Port auf Guernsey, das wir wegen des Hafendrempels um Hochwasser herum anlaufen wollen. Viel zu sehen wird es nicht geben. Außerdem vermeiden wir auf diesem Kurs auch das große Verkehrstrennungsgebiet "Off Casquets" weiter östlich.

Der Gegenverkehr an der Hafenschleuse wird abgewartet, dann gibt es grünes Licht. Bei strahlendem Sonnenschein geht es durch den Eastern Channel am lang gezogenen Wellenbrecher vorbei hinaus auf den Plymouth Sound. Wochenendstimmung auf dem Wasser, schon am Freitagmorgen. Allerdings haben wir die Wetterlage im Hinterkopf: Nach Tagen hat der zuletzt so lustlose Wind von West nach Nordost gedreht und merklich zugenommen. Von den vier bis fünf Beaufort spüren wir in der Landabschirmung zwar noch nichts, doch wie es wohl weiter draußen aussieht?

Der Start zumindest läuft gut. Blaue See ringsumher, Steilküste zur Linken. Felder und Weiden ziehen sich bis zur Kante. Zwei Stunden arbeitet sich unsere Trader 42 so nach Südosten. Die Flagge mit dem Schweizerkreuz am Heck weht frei nach Steuerbord aus. Im Norden passieren wir die Mündung des River Yealm, dann Bigbury Bay und schließlich taucht voraus das scharfe Profil von Bolt Head auf. Die Stunde der Wahrheit rückt näher!

Die wenigen Segelyachten auf unserem Kurs sind unter doppeltem Reff schon mächtig am Stampfen, obwohl das letztes Stück bis Prawle Point noch im Schutz der Küste liegt. Dann endet England – und wir kriegen die volle Wucht des Windes zu spüren: ein Stakkato harter Wellenschläge. Deren Kämme kommen aus dem Nordosten heran über die ganze Länge der Lyme Bay. Fast 50 Seemeilen, um Anlauf zu nehmen.

Die Wirkungsrichtung der See könnte für uns nicht ungünstiger sein: Nur etwas vorlicher als von Backbord querab trifft sie unseren Rumpf. Die Yacht  kommt mächtig ins Rollen. So gut es geht, keilen wir uns auf den Sitzplätzen ein. Als die Pendelei zu wild wird, luven wir etwas an, von 130 auf 115 Grad. Das macht die Bewegungen zwar erträglicher, aber geholfen ist uns auch nicht, da wir auf diesem Kurs zu weit nach Osten kommen – geradewegs auf das Verkehrstrennungsgebiet zu, das wir niemals korrekt queren könnten.

Davon abgesehen: Noch acht Stunden so weiter? Unten scheppert es gewaltig, als die Besteckschublade auffliegt und ihren Inhalt über den Salonboden verteilt. Es gibt nur eine Wahl: umdrehen. Zumindest haben wir jetzt die noch immer recht ruppige See von hinten, als es für die ersten zwei Stunden zurück in Richtung Plymouth geht. Dass ein erneuter Aufenthalt dort nicht infrage kommt, versteht sich von selbst. Und wenn wir nicht nach Osten können, bleibt nur der Westen: Cornwall.

Es könnte schlimmer sein, da sind wir uns schnell einig. Denn auch die Küste, die unser neues Ziel für die nächsten Tage ist, gehört immerhin zu den reizvollsten der Britischen Inseln. Die Kanalüberquerung wird aufgeschoben. 275 Grad liegen jetzt an. Als wir die Whitsand Bay passieren, erschöpft sich der Wind zu unserem Erstaunen mehr und mehr ab und schläft schließlich ganz ein.

Die ölige Wasseroberfläche ist nun nahezu glatt. Täuschen lassen wir uns nicht: Dieses Seerevier ist durch seine vielen Halbinseln und Kaps geradezu berüchtigt dafür, dass das lokale Wetter unter der Küste erheblich abweichen kann.

Streifendelfine sorgen für das erste Naturerlebnis des Tages, sicher zwei bis drei Dutzend sind es, die unseren Kurs kreuzen, eine Viertelstunde mit unserer Bugwelle spielen und selbst auf dem Rücken schneller sind als wir. Deutlich ist das Pfeifen ihrer Spautlöcher beim Atmen über Wasser zu hören.

Mit der turmhohen rot-weißen Bake von Gribbin Head voraus, laufen wir bald darauf bei St. Catharines Point in den River Fowey ein. Es ist ein weites und flaches Flussdelta, das sich im Landesinneren vielfach verzweigt.

Rechterhand liegt der kleine Fischerort Polruan, links Fowey selbst, an den Uferhängen reihen sich weiße Häuser mit weiter Aussicht aneinander. In langen Reihen hängen Segelyachten, Motorkreuzer und Fischerboote an ihren Murings sanft schwojend im Strom. An der Pier leuchtet rosa der "King of Prussia": Unser Törnführer verrät, dass das Gasthaus nach einem einheimischen Freibeuter und Schmuggler benannt sei, der Opfer und Verfolger gerne mit der preußischen Flagge verwirrte. Oder dass der umtriebige Skipper so ausgesehen habe wie Friedrich der Große.

Wir bekommen einen Platz längsseits am Gastponton vor dem dicht bewaldeten Ostufer, gleich gegenüber der Lifeboat Station. Einige historische Rettungsboote liegen dort; wir erfahren später, dass am vergangenen Wochenende hier ein Veteranentreffen stattgefunden hat. Fast alle werden heute als Hausboote genutzt. Im Norden, vor der nächsten Schleife, kreuzt eine alte Kettenfähre den Fluss.

Die Hitze steht über dem Wasser, als wir so schnell wie möglich das Dingi klarmachen und übersetzen. Einem auslaufenden schwerfälligen Schwimmbagger lassen wir den Vortritt, ebenso dem Harbour Taxi, das mit hoher Bugwelle vorbeischießt. Vom Anleger für die Beiboote schlendern wir über die Fore Street bis zum Town Quai. Alles ist voller Besucher; die engen Gassen ebenso wie die kleinen Parks. Schatten ist heute viel wert.

Wer trotzdem in der Sonne sitzt, kühlt sich mit Pimm’s, lokal gebrautem "Korev" oder Eis mit clotted cream and fudge. Man hört die Einschläge der Kalorienbomben!

Auch Foweys übrige Pubs haben alle etwas mit Schiffen zu tun: Holzschilder und Goldlettern locken ins "Ship Inn", ins "Galeon Inn", und in den "Lugger". Kleine Läden für Mode, Bücher und Souvenirs flankieren die Gassen. Und dann die Bäckereien: Auf silbernen Tabletts türmen sich Cornish Pasties und French Pastries: Food for your Soul! Am Ende landen wir im "Lugger", wo die Wirtin wie die Queen aussieht – wesentlich passender als der "olle Fritz"...

Kurz vor Mittag legen wir zu ununterbrochenem Glockengeläut. Die See bleibt still, der Himmel überzieht sich jedoch mit einem weißen Schleier. St. Austell Bay, Mevagissey Bay und Dodman Point bleiben an Steuerbord. Die Steilküste ist hier weniger imposant aber dennoch größtenteils durchgängig, kleine Ferienorte und einzelne Häuser durchsetzen das sandige Braun der Küste. Dann folgt Falmouth Bay mit dem weißen Leuchtturm von St. Anthony Head, den grauen Mauern von Pendennis Castle und der Stadt dahinter. Doch Falmouth ist erst morgen dran.

Heute geht es noch ein paar Seemeilen weiter zum Helford River, laut Törnführer einer der schönsten Spots der Südküste. Wir finden sogar eine große, grüne Muringboje, deren Schwimmer samt Leine wir aber erst bis zur rostigen Kette an Deck holen müssen, bevor wir unsere Leinen durchziehen können. Wir haben Stauwasser, doch bald dreht sich der Bug der "RS 2" seewärts um der kommenden Flut zu begegnen. Ein schnelles Bier, dann ins Dingi und zum Kieselstrand vor der "Ferry Boat Inn" bei Helford Passage am Nordufer, dem Treffpunkt für Yachties hier, wie ich gehört habe.

Den Dingi-Liegeplatz am kleinen Schwimmsteg gibt’s nur für fünf Pfund. Nicht besonders einladend. Das sparen wir uns und schleppen unser Boot auf dem muschelübersäten Strand weit nach oben. Um kurz die Lage zu checken reicht die Zeit. Weiße Mauern, wenige Häuser, Felder ringsumher. Am kleinen Kiosk an der "Promenade" gibt es Pfefferminzeis und SUP-Boards zu mieten. Das "Ferry Boat Inn"(die namensgebende Personenfähre gibt es noch) ist fast leer. Selbst auf der Terrasse sind kaum Tische besetzt. Keine Spur von den Bootscrews, die hier scharenweise einfallen sollen. Immerhin ist Hochsommer!

Direkt durchs Dorf führt der "South West Coast Trail", ein beliebter Fernwanderweg. An der Kliffkante entlang, vorbei an friedlich grasenden Kühen und durch dunkle Hohlwege folgen wir ihm länger als geplant, bis zu einem Punkt mit guter Aussicht über die Bucht: Jetzt laufen auch immer mehr Yachten ein – eine Perlenschnur, die sich in sanftem Bogen in die Bucht hinauszieht. Wieder unten, strömen uns tatsächlich die ersten bierdurstigen Crews entgegen. Und unser Schlauchboot liegt noch einen Meter von der Wasserkante entfernt. Gutes Timing!

Am nächsten Tag geht es nur "um die Ecke" nach Falmouth, keine zehn Seemeilen, nautisch also keiner Rede wert. Beim Einlaufen passieren wir ein paar graue Riesen: Transporter der Royal Navy. In der Port Pendennis Marina finden wir nur mit Glück einen Platz im Päckchen, auch deshalb, weil eine gigantische High-Tech-Ketsch aus Bermuda allein schon mindestens fünf Liegeplätze am Gästesteg belegt. Dafür liegt das "National Maritime Museum of Cornwall" direkt am Hafen. Drinnen dreht sich vieles um den spezialisierten Bootsbau dieser Gegend, um pilot gigs und quay punts etwa. Beide Typen waren voll auf Geschwindigkeit getrimmt, geruderte Lotsenboote die einen, gesegelte Frachttender die anderen.

In beiden Fällen galt nämlich: Wer ein einlaufendes Schiff zuerst erreichte, hatte auch den Job!

Zeit zur Umkehr: Der Wind dreht, und wir müssen in den nächsten Tagen ja noch über den Kanal. Zurück nach Osten also, um einen guten Absprunghafen für die Überfahrt nach Frankreich zu finden. Von St. Anthony Head peilen wir am nächsten Tag deshalb auf E-Kurs zunächst die Eddystone Rocks an. Der Wind steht bereits im Südwesten und lässt uns anfangs noch ordentlich rollen. Drei Stunden geht das so, der Autopilot zeigt mit 095° in den diesigen Osten. Dauert aber nicht mehr lange, bis der berühmte Leuchtturm voraus sichtbar wird.

Wir überlegen schon, wie dicht wir vorbeiziehen wollen, als von Steuerbord ein Fahrzeug auf uns zuhält. Schlanke Silhouette, hoher Mast, kein AIS und stattliche Bugwelle. Die Küstenwache? Stur steuern wir weiter geradeaus, bis das andere Boot dann tatsächlich im großen Bogen von achtern aufkommt und fast mit uns gleichzieht. Dann knistert es im Funk: "Rolling Swiss 2, this is Border Force Vessel ,Vigilant‘, over". Die haben uns am Haken, und so kurz vor dem Ziel – dem Leuchtturm – müssen wir den Grenzschützern nach Süden Richtung Cawsand Bay bei Plymouth folgen. Wieder einmal. Zwar nicht mit ruinösen 15 Knoten, sondern nur mit ökonomischen 8 Knoten, aber unser Plan, noch weiter nach Salcombe zu fahren, ist dahin.

Anyway! Wir scheren ins Kielwasser des grauen Bootes ein. Schließlich erreichen wir die Bucht, wo Morten und ich gleich am ersten Wochenende bei strahlendem Sonnenschein mit der Ausflugsfähre vorbeigeschaut haben. Die "Vigilant" wirft Anker, und wir gehen mit unseren eigenen Leinen längsseits.

Zwei Beamte steigen über, freundlich und korrekt. Der Skipper kommt mehrfach nach unten, um nach dem Rechten zu schauen. Passkontrolle, Mehrwertsteuernachweis und ein paar Blicke in die Schapps im Salon. Statt Schmuggelware nur englische Haferkekse. Das war’s. Rollend lässt uns die abdampfende "Vigilant" in ihrer Hecksee zurück. Und wir bleiben einfach, wo wir sind:

Cawsand scheint nämlich eine echte Perle zu sein – über die wir ohne die freundliche "Hilfe " der Border Force wohl nicht gestolpert wären. 

Diese Reportage lesen Sie in der Januar-Ausgabe 2019 von BOOTE. 

 

Christian Tiedt am 11.12.2019
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