Scilly-Inseln Scilly-Inseln

Reise: Scilly-Inseln / England

Zu schön, um wahr sein

Christan Tiedt am 08.04.2020

Hier treffen Nordatlantik und Karibik aufeinander: Die Scilly-Inseln vor der Küste Cornwalls gehören zum Außergewöhnlichsten, das Großbritannien zu bieten hat

Wie eine Sichel schießt eine Formation Sturmtaucher dicht über das Wasser, während sich die Papageientaucher lieber treiben lassen. Hoch oben ziehen majestätische Mantelmöwen gemächliche Kreise. Es ist der warme Wind, der vom Land aufsteigt und sie über den Himmel trägt. An diesem Sommertag wirkt das Bild unter ihnen aus ihrem luftigen Blickwinkel beinahe paradiesisch: tiefblaue See ringsum, darin der Archipel aus grünen Inseln, deren Küsten von Stränden gesäumt werden.

Der feine Sand am Meeresboden reflektiert das Sonnenlicht und lässt die Lagunen von innen leuchten. Es könnte die Karibik sein.

Es ist der Nordatlantik. Und der kann auch ganz anders: Wochenlang wüten hier im Winter die Stürme. Und wenn der Wind geht, kommt der Nebel. So werden die Scilly-Inseln, die wie der Kopf eines lauernden Seeungeheuers zwanzig Seemeilen vor der Küste Cornwalls aus dem Meer ragen, zur Falle. Seit Jahrhunderten zersplittern die Kiefer des Ungeheuers gnadenlos, was sie zu fassen bekommen.

Fotostrecke: Scilly-Inseln

Die Seekarten von Scilly sind mit den Namen der Opfer gespickt: "Isabo", "Daphne" und "Endeavour". "Thomas W. Lawson" und "U-1209". Im Jahr 1707 irrte Admiral Cloudesley Shovell bei der Navigation – und verlor nicht nur drei Linienschiffe seiner Flotte: Von den rund 2000 Seeleuten an Bord überlebte ein einziger Mann – es war nicht Sir Cloudesley.

Einige Riffe sind außerdem besonders berüchtigt: Allein bei den Crim Rocks haben 16 Wracks ihre letzte Ruhe gefunden. Insgesamt liegen mehr als 500 rund um die Inseln. Zehntausende Menschen ertranken.

Unsere Anreise verlief zum Glück friedlicher: Während unsere "Rolling Swiss 2" im Hafen von Plymouth auf eine Ersatzpumpe wartet (siehe BOOTE 01/2019), nutzen wir die Zeit für einen Ausflug zu den Isles of Scilly. Längst ist dieses abgeschiedene Fleckchen in der Sommersaison zum Touristenmagneten geworden. Wenn man nicht auf eigenem Kiel anreist, fliegt man mit der Turbopropmaschine ein oder macht die Überfahrt, so wie wir, an Bord der "Scillonian 3", die täglich zwischen Penzance in Cornwall und Hugh Town auf der Hauptinsel St. Mary’s pendelt, wo wir uns für zwei Nächte im Bell Rock Hotel eingemietet haben.

MITTWOCH, 27. JUNI: Heute steht Inselerkundung auf dem Programm; das Boot dafür, ein Powercat 525, den wir für einen Tag von Isles of Scilly Boat Hire gemietet haben, übernimmt Bertrand schon früh am Morgen. Dazu gibt es zwei 40-PS-Außenborder und ein kleines Dingi mit Paddeln, das auf dem Vorschiff zwischen den Bugkörben eingeklemmt ist. Ein Plotter ist auch an Bord und eine einzelne, von Salz und Sonne gebleichte Seekarte für den besseren Überblick.

Jede Menge Steine und Riffe sehen wir vor dem Ufer. Das friedliche Bild trügt also – aber warum sollte es im Inneren der Inseln auch anders sein als entlang ihres räuberischen, felsgespickten Äußeren?

Zudem haben wir heute ordentlich Wind, sicher vier Beaufort aus Südwest. Steif flattern die Flaggen vor dem Himmel. Aus der Landabschirmung geht es quer über den St. Mary’s Sound, wo die lange Dünung anrollt und wir gleich ordentlich Atlantik abbekommen. Kein Problem, das trocknet schnell! Eine gute Seemeile ist es hinüber nach St. Agnes, unserem ersten Ziel. 

Die Felsen vor Porth Conger, einer Einbuchtung zwischen der Insel und ihrer kleineren Nachbarin Gugh, ragen jetzt bei Niedrigwasser wie eine schartige Klinge aus der sich hebenden und senkenden See heraus. Eine der gelben Bojen ist frei, und unser Dingi geht über Bord. Eine paar schnelle Züge brauchen wir nur, dann ziehen wir das Boot so weit es geht den steilen Sandstrand hinauf.

Oben am Turks Head sitzen die Urlauber in der Sonne. Sand auf dem Beton, Pflanzen aus anderen Breiten und Blüten, in fantastischen Formen, die bei uns nur Botaniker kennen. Drinnen im Pub erzählen verblichene Flaggen und Schwarz-Weiß-Fotos auf der dunklen Täfelung von stoischen Fischern und dem einstigen Stolz der Royal
Navy, der "Hood" und der "Vanguard". Versuchen am Ufer entlang und über die schmalen, von hohen Hecken umschlossenen Felder zum nicht mehr genutzten Leuchtturm zu kommen, verlieren uns aber im Labyrinth.

Mit Vollgas jagen wir zurück nach St. Mary’s, um Marc einzusammeln. Unser Skipper hat noch für unser Picknick eingekauft. Am Dingi-Steg von Hugh Town ist allerdings inzwischen ebenfalls Niedrigwasser. Zweimal furcht unser Propeller durch den zum Glück sehr feinen Sand. Schließlich geht es aber vollbesetzt nach Tresco, der reizvollsten Insel des Archipels, wie es heißt. Ein Blick auf die Seekarte verrät, dass die Navigation hier bei dieser Tide selbst mit einem kleinen Boot nicht ohne ist. Tonnen gibt es nicht, Unterwasserhindernisse dafür umso mehr.

An der Pier von Crow Point im Süden der Insel ist kein Platz für uns, und der Wind sorgt für so raue Verhältnisse, dass auch Ankern keine gute Idee ist – nicht zuletzt, weil man mit unserem winzigen Dingi kaum gegen an pullen kann. Also wagen wir die Weiterfahrt in den Nordosten der Insel nach Old Grimsby. Aber diese Bucht muss man erst einmal erreichen. Entsprechend spannend wird die Fahrt:

Helles Wasser bedeutet Sandgrund, dunkle Stellen deuten auf Bewuchs am Boden – oder eben Felsen dicht unter der Oberfläche. Diamond Ledge, die Pentle Rocks, Tea Ledge. Hin und her geht es im Zickzack, langsam voraus. Gelotet wird mit dem Bootshaken, sicher ist sicher. Häufig haben wir nur einen Meter Wassertiefe. Dann bleibt nur der Weg mitten durch den Kelp, der dicht rund ums Boot wogt.

Bald haben wir ordentlich Salat in den Antrieben und müssen stoppen, um die Propeller zu befreien. Der Strom hat ganz schön Biss! Aber wir schaffen es, und die Mühe wird belohnt: Die Bucht ist wunderschön. Felsen im Osten, im Norden die kleine Insel St. Helen, dahinter Round Island mit seinem weißen Leuchtturm. Im Westen erstreckt sich die weite, sandige Bucht von Old Grimsby Harbour. Wir finden eine Boje, rudern an Land und tragen das Dingi diesmal bis oberhalb des Muschel- und Seegrasstreifens der Hochwassermarke. Landgang! Morten macht auf Robinson und probiert es barfuß, "was hier irgendwie dazugehört". Eine harte Probe, selbst für seine Ledersohlen ... Aber tatsächlich herrscht Entspannung pur.

Wie Blütengirlanden umfloren Blumenhecken die kleinen Cottages, und die lang hingestreckten Liegestühle im Ruin Beach Café, das auch auf die Bahamas passen würde, sehen mehr als einladend aus.

Strohhüte und schaumgekrönte Getränke, Spiegelbrillen und spärlicher Schatten. Am Ufer ziehen wir zum Old Block House, einer Ruine auf einer Anhöhe, die im Süden die Bucht überblickt. Hier breiten wir unser Picknick aus: Pimm’s, Erdbeeren und Sandwiches mit Coronation Chicken aus dem Co-op in Hugh Town.

Für die Abbey Gardens mit ihren tropischen Baumkronen und Farnwäldern haben wir leider keine Zeit, dafür nehmen wir den Betonplattenweg auf die andere Inselseite nach New Grimsby, das mit sauberen Gassen, akkurater Beschilderung und seinem souvenirbestückten Shop fast wie eine Hotelanlage wirkt. Gegenüber liegt die vermutlich ebenso schöne Nachbarinsel Bryher, und an der Pier von New Grimsby, die in den Sund hineinragt, stehen Menschen Schlange und warten auf die Fähre zurück nach St. Mary’s.

Das große Bojenfeld ist voller Yachten, die träge um ihre Leinen schwojen. Wir nehmen zwar den kürzeren Weg zurück nach Old Grimsby, der uns auch an der Kirche mit ihren bemoosten Grabsteinen vorbeiführt, dennoch spürt Morten jetzt seine Füße. Wir schaffen es gerade so in die Liegestühle auf der Terrasse des Ruin Beach Café. Zum Abkühlen gibt es Pale Ale aus Cornwall, zwei "Eureka" in herrlich beschlagenen Gläsern. Wie das passt: Hier haben wir tatsächlich etwas ganz Besonderes gefunden!

Donnerstag, 28. Juni: Unser letzter Tag auf den Scillies und noch einmal volles Programm: Auschecken im Bell Rock Hotel. Unsere Barkasse zur Insel St. Martin’s, die wir heute vor unserer Rückreise nach Penzance und Plymouth noch besuchen wollen, fährt erst um Viertel nach zehn, also haben wir noch etwas Zeit.

Am Hafen herrscht aber schon ordentlicher Trubel. Ganze Schulklassen sind heute mit der "Scillonian" angelandet, teilweise in Uniform. Unsere Tickets nach St. Martin’s kosten neunzehn Pfund, und an der Treppe wartet schon "Britannia", ein offene Holzbarkasse, auf die ihr Skipper mächtig stolz ist – weil sie eben kein plastic sei.

Die Überfahrt ist angenehm, fast ohne Wind. Das Wasser schillert, die Strände blenden. Was für ein Kontrast zu gestern Abend: Da schied Deutschland bei der Fußball-WM sang- und klanglos aus. Ein Ereignis, dass wir live im "Mermaid" miterleben durften, unserem Stamm-Pub während des knapp dreitägigen Aufenthalts... Gut, dass wir nicht weit vom Zapfhahn saßen.

An Bord bietet man uns jetzt höfliches Mitleid an. Der sprichwörtliche britische Sportsgeist ist offenbar trotz drohenden Brexits nach wie vor lebendig. Selbst der bullige Lockenkopf mit der tätowierten Spitfire auf dem Arm hält sich zurück: Don’t hate the game!

Wegen des niedrigen Wasserstands legen wir an der Pier von Lowertown im Westen von St. Martin’s an. Mediterraner geht’s nicht: Blasses Grün sprießt aus trockener Erde, und Bienen tanzen um die Blüten. Staubige Pfade winden sich im harten Sonnenlicht. Zunächst folgen wir der Inselstraße, dann geht es durch den Busch. Farn raschelt zu beiden Seiten, und Bruchsteinmauern teilen die geplatzte Erdkrume in ein Muster aus zerbröselnden Winkeln. Fehlen nur die Zikaden!

Tief unten in einer stillen Bucht an der Nordseite der Insel liegt ein einsamer Segler an der Boje. Etwa vier Kilometer sind es bis St. Martin’s Head, das letzte Stück, Chapel Down, liegt höher und ist deutlich karger. Heidelandschaft. Weicher Moorboden, blühende Erika.

Marcs Telefon klingelt: Good news, die Reparatur an der "Rolling Swiss 2" ist abgeschlossen! Nach der Rückkehr nach Plymouth können wir also wirklich auf Törn gehen. Zunächst ist allerdings noch die große weiß-rote Bake an der Kliffkante unser Ziel, immerhin mehr als elf Meter hoch und bei Tag wichtigste Orientierungshilfe für alle Schiffe, die von Osten auf Scilly zuhalten. Daneben liegen die Ruinen der alten Kapelle. Ein weiterer wunderschöner Platz zum Picknicken vor blauem Panorama.

Dann nehmen wir den Küstenpfad, bis Par Beach in Sicht kommt. Fast verschlägt es uns die Sprache – der nahezu silberne Strand, davor die Lagune mit weiteren Sandbänken und den vorgelagerten Eastern Isles, einer Galerie von Felsen. Ein paar Sonnenschirme sorgen für Farbtupfer, ein trockengefallenes Fischerboot, Kajakfahrer und Paddleboarder.

Zwischen Palmen und Orchideen hindurch folgt die letzte Strecke zur Pier von Higher Town, wo wir uns auf die warmen Felsen setzen und uns nicht länger gegen Urlaubsstimmung wehren können. Was jetzt noch fehlt, bevor die Barkasse kommt? Über die Felsen steigen wir ins warme Wasser. In Shorts zwar, aber was soll’s? Es ist die beste Idee des Tages, herrlich lassen wir uns treiben. Ganz leicht werden wir. Scilly ist wirklich zu schön, um wahr zu sein...

Diese Reportage lesen Sie in der Mai-Ausgabe 2019 von BOOTE. 

Christan Tiedt am 08.04.2020