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Reise: Schottland

Lord of the Isles - Seite 3

Thomas Kittel am 04.07.2018

Nach der Umrundung von Cape Wrath im äußersten Nordwesten des schottischen Festlandes ist Mainland,  die größte der Orkneyinseln, unser nächstes Ziel. Ursprünglich wollten wir dort zunächst den Fähr- und Fischereihafen Stromness anlaufen, doch eine Nachfrage per Funk ergibt, dass unsere 22 Meter lange "Azura" für die Stege der dortigen Marina zu groß ist.

Bleibt also noch Kirkwall, die "Hauptstadt" des Archipels. Zunächst müssen wir dafür den berühmt-berüchtigten Pentland Firth überqueren. Durch Strömungen, Tide und Wind kann es hier zu extremen Turbulenzen im Wasser kommen, vor denen Seekarten, Handbücher und Reiseberichte ausdrücklich warnen.

Wir haben drei bis vier Beaufort aus Westen, herrliches Wetter und auflaufendes Wasser in Richtung Osten. Ich schiebe die Regler der Maschinen auf 1200 Umdrehungen, was uns etwa 10 kn Geschwindigkeit gibt, stelle den Autopiloten auf 90° und warte darauf, was wohl passiert. 

Je näher wir der Meerenge kommen, umso mehr nimmt unsere Geschwindigkeit zu – in der Spitze auf über 18 kn (!). Das vorher wenig bewegte Wasser wirkt auf ein­mal wie aufgewühlt, als säße Neptun mit einem großen Quirl auf dem Meeresboden. Und dann beginnt das Schiff radikal aus dem Kurs zu laufen.

Ich muss den Autopiloten ständig nachjustieren. Schließlich bin ich bei einer Einstellung von 50°. Ich muss also um 40° (!) vorhalten, damit unser Schiff auf Ostkurs bleibt.

Wir erreichen Kirkwall im Norden von Mainland bei strah­lendem Sonnenschein und finden einen Platz in der großen, gepflegten Marina. Das Land ringsum, baumlose Felder und Wiesen, ist flach. Über dem Ort mit seinen grauen und weißen Häusern erhebt sich das spitze Turmdach der St.-Magnus-Kathedrale. Die Inseln gehörten ursprünglich zu Norwegen, bis sie im 15. Jahrhundert zu Schottland kamen – friedlich, als Mitgift einer Hochzeit zwischen den beiden Königreichen.

Südlich von Mainland erstreckt sich der größte Naturhafen der britischen Inseln: Scapa Flow. In beiden Weltkriegen wurden die Orkneys so zu einer wichtigen Flottenbasis der Royal Navy. 1919 versenkte sich hier auf geheimen Befehl hin ein Großteil der internierten deutschen Hochseeflotte selbst – insgesamt mehr als 50 Schiffe.

Die meisten Wracks wurden gehoben, die verbliebenen ziehen heute vor allem Taucher an. Daneben sind die Ork­neys heute aber vornehmlich Ziel für Naturliebhaber.

Zahlreiche Fähren zu verbinden sie einerseits mit dem Festland, andererseits mit den mehr als 70 Inseln zwischen Hoy im Süden und Ro­naldsay im Norden. Außerdem ist der Hauptort Kirkwall Anlaufpunkt für Kreuzfahrtschiffe und bietet ein lebendiges Kleinstadtleben mit viel Kultur – und einem großen Sommerfestival.

Die steinzeitlichen Relikte auf den Orkneys, darunter eindrucksvolle Steinkreise, zählen zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Der nördlichste Teil unserer Reise – und ihr Wendepunkt – soll die Inselgruppe Shetland werden. Ihr erster Außenposten liegt bereist etwa auf halbem Weg dorthin auf unserer Route: Fair Isle, nicht viel mehr als ein größerer Felsen in weiter See und nur etwa fünf Kilometer lang.

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Thomas Kittel am 04.07.2018