Loch Lomond Loch Lomond

Törn: Loch Lomond / Schottland

Bonnie Banks

Christian Tiedt am 27.03.2019

Der schottische Loch Lomond ist das jüngste Charterrevier in Europa. Wir haben seine schönen Ufer erkundet

Fotostrecke: Loch Lomond

Ein Reisebus rollt auf den Parkplatz des Ardlui Hotels. Zischend öffnet sich die vordere Tür und ein Trupp Touristen sprintet mit Kameras und Smartphones im Slalom um Pfützen herum zur Veranda, von der man den besten Ausblick auf den See hat.

Das Timing der rasanten Amerikaner ist gut: Gerade hat die Sonne in ihrem Rücken eines der wenigen Schlupflöcher in den Wolken gefunden. Ihr Schein überflutet die kahlen Bergflanken mit intensivem Licht – und zaubert einen leuchtenden Regenbogen vor den düsteren Himmel, der noch vor wenigen Minuten über Ardlui selbst hing und das Hotel samt Hafen in Schauerböen hüllte.

So plötzlich das Farbenspiel begonnen hat, so endet es wieder, und der Busfahrer sammelt seine Passagieren ein, um auf der regennassen Uferstraße in fliegender Fahrt Richtung Glasgow zu verschwinden.

Später, nach Black Pudding in Bierkruste und einem geschwätzigen Pint Ardlui Lager in der molligen Hotelbar, kehren wir durch den Garten mit seinen Rosenstöcken zur Marina zurück, wo unsere Charteryacht am Gästesteg auf uns wartet. Im Salon wird Whisky eingeschenkt: Glengoyne, ein Single Malt ganz aus der Nähe. Golden funkelt er im Glas, während draußen die Dämmerung einsetzt. Langsam sammeln sich die Schatten rund um den Loch Lomond.

Nimmt man die Wasseroberfläche als Maßstab, ist der Loch Lomond mit 71 Quadratkilometern der größte See Schottlands (und – zum Vergleich – etwas kleiner als der Chiemsee). Bei der Länge muss er sich nur knapp geschlagen geben: 37 Kilometer misst er von Ardlui im Norden bis Balloch im Süden und damit lediglich einen Kilometer weniger als der dafür wesentlich bekanntere Loch Ness.

Der Loch Lomond liegt im Südwesten Schottlands nördlich der Großstadt Glasgow an der Grenze zwischen Lowlands und Highlands.

Er ist das Herzstück des Nationalparks "Loch Lomond & The Trossachs" mit seinem vielseitigen Angebot für Outdoor-Urlauber jeder Prägung, besonders aber für Bergwanderer mit einer Leidenschaft für raue Landschaften.  Gleichzeitig ist der See Europas jüngstes Charterrevier: Seit zwei Jahren bietet Loch Lomond Boating Holidays hier eine Linssen Grand Sturdy 36.9 AC an. "Aries" ist aber nicht nur das erste Charterboot des Reviers, sondern bislang auch sein einziges. Ein besonderer Törn also.

Loch Lomond

Mit dem Charterboot unterwegs auf dem Loch Lomond

Dank des nahen Nordatlantiks (der im wahrsten Sinne hinter der nächsten Bergkette liegt) ist das schottische Maiwetter 2016 so wechselhaft, dass Sonne und Regen sich nie lange aus den Augen verlieren. Schon bei unserer Ankunft in der Cameron House Marina bei Balloch am südlichen Ende des Loch Lomond müssen wir ein paar Minuten in unserem Mietwagen abwarten, während es kräftig aufs Dach prasselt.

Willkommen in Schottland! Die "offizielle" Begrüßung übernimmt dann John Davies von Loch Lomond Boating Holidays, der uns in Empfang nimmt und über den langen Schwimmsteg zu unserem Boot führt.

Der Sportboothafen gehört zu einem exklusiven Resort, das um das gleichnamige Herrenhaus herum angelegt wurde: Cameron House. Altes Mauerwerk trifft auf Moderne. Auf der obersten Zinne weht das Saltire, die schottische Nationalflagge mit dem weißen Andreaskreuz auf blauem Grund. Ein Wasserflugzeug wartet an der Pier. Natürlich spielt man hier auch Golf: Etwas nördlich liegt der hoteleigene 18-Loch-Platz "The Carrick"  so spektakulär über dem Seeufer, dass sich die internationale Profiszene regelmäßig die Ehre gibt.

Da überrascht es kaum, dass auch in der Marina alles vom Feinsten ist und die Boote wesentlich größer ausfallen, als man es auf einem so begrenzten Revier vielleicht erwarten würde. Jetskis und Wakeboarder, Sealines und Fairlines. Dafür kaum Segler. Platzhirsch ist eine Princess 43. "Insgesamt gibt es etwa 600 Boote auf dem See", erklärt John Davies. Ein gutes Drittel davon liegt jetzt um uns herum. "Das klingt nach viel", ergänzt er, "aber der See hat so viele schöne Stellen, dass man sich eigentlich nie in die Quere kommt".

Was genau er damit meint, zeigt er uns dann an Bord im großformatigen Navigation Guide des Loch Lomond: Während seine nördlichen zwei Drittel nur einen schmalen Wasserstreifen bilden, dessen steile Ufer selten mehr als 500 Meter voneinander entfernt sind, ist das südliche Drittel von einem ganz anderen Panorama geprägt, flach und voll bewaldeter Inseln.

Genau genommen sind es 22. Mit dem Finger zieht John eine Linie quer über den See: "Ein richtiges kleines Labyrinth mit guten Ankerbuchten". Die hat er ebenso mit rotem Stift in der Karte markiert, wie die sicheren Durchfahrten. Und jene Flächen, die gemieden werden müssen, weil sie (besonders bei niedrigen Wasserständen) dicht unter der Wasseroberfläche mit überraschenden Hindernissen gespickt sind. Neun offizielle Gefahrenstellen listet allein der Revierführer auf. Wir werden aufpassen.

Am nächsten Tag sind wir nach dem morgendlichen Schauer startbereit. "Aries" legt ab, unser Schlauchboot-Dingi für Landgänge im Schlepp. In weitem Bogen verlassen wir die Bucht von Balloch, wo wir gestern noch mit dem Auto eingekauft haben, und gehen auf Nordkurs.

Bald haben wir an Steuerbord die Spitze von Inchmurrin querab, der ersten Insel. An Backbord erhaschen wir durch das Laub der Eichen am Ufer immer wieder Blicke auf andere herrschaftliche Häuser und das gestutzte Grün der Golfplätze.

Weiter landeinwärts steigen die ersten Höhenzüge auf. Diese Gipfel waren einmal so hoch wie der Himalaya heute, doch der unablässige Einfluss von Wind, Wasser und Eis über hunderte Millionen Jahre hinweg hat sie rund geschliffen – und so eine andere eindrucksvolle Landschaft geformt:

Hier beginnen die schottischen Highlands. Karge Hänge, überzogen vom Schattenmuster der wandernden Wolken. Aber nicht ohne Farben: Ganze Felder von Hasenglöckchen und Ginster leuchten auf, wenn ein Sonnenstrahl sie trifft.

Für "Aries" wird es jetzt eng, doch die schmale Durchfahrt westlich der Insel Inchtavannach ist betonnt. Unser Echolot wird dennoch nervös. Also "dead slow": Schleichfahrt. Unser Ziel ist das Dorf Luss, dessen Kirchturm und Seebrücke schon voraus in Sicht kommen. Vorsichtig nähern wir uns an. Beiderseits der hölzernen Pier gibt es flache Stege mit je zwei Liegeplätzen. Wir haben Glück, doch im klaren Wasser können wir sehen, dass wir kaum noch eine Handbreit unter dem Bug haben! Ganz vorsichtig legen wir uns soweit nach hinten an den kurzen Steg wie möglich. Geschafft. Auf zum Landgang.

Der Spaziergang durch die Gassen von Luss ist wie eine Zeitreise, denn die meisten seiner Häuser stammen aus dem 19. Jahrhundert, aus Zeiten der Königin Victoria. Die blühenden Vorgärten, der bemooste Friedhof und der Blick vom Strand dürften sich seitdem kaum verändert haben.

Früher bauten die Bewohner Blauschiefer ab und bewirtschafteten die Eichen in einem 24-Jahre-Zyklus, um aus der Rinde Gerbstoffe zu gewinnen. 1747 veränderte Luss jedoch das Schicksal des gesamten Landes: Im Tal oberhalb setzte man die ersten blackfaces aus. Die robuste Schafrasse gedieh so prächtig, dass die aufkommende Textilindustrie im Süden bald nach ihrer dichten Wolle hungerte.

Loch Lomond

Mit dem Charterboot unterwegs auf dem Loch Lomond

Geldgier ergriff die Grundbesitzer in ganz Schottland und sie begannen, für die Schafe ihre Kleinpächter zu vertreiben – der Beginn der berüchtigten highland clearances, einer humanitären Katastrophe, die Hunderttausende zur Auswanderung zwang und noch immer nachhallt. In Luss widmet man sich heute jedoch wieder traditionellen Handwerken, webt kilts mit den Mustern der örtlichen Familien, stellt bagpipes her – also Dudelsäcke – und freut sich über Gäste.

Den Abend verbringen wir auf Johns Empfehlung hin im gemütlichen "Loch Lomond Arms Hotel" bei Haggis, Neeps an’ Tatties, dem schottischen Nationalgericht: Gefüllter Schafsmagen, Rüben und Kartoffelstampf. Wenn eine Sauce serviert wird, gehört Whisky hinein. Wie viel bestimmt der Koch...

eim Abschied von der Pier in Luss sind wir genauso vorsichtig wie beim Anlegen am vorigen Tag; dennoch wirbelt "Aries" eine ganze Menge Sand auf. Mit dem Wasserstand ist das so eine Sache. Zum Glück gibt es für den Notfall aber eine Alternative: Gäste von Loch Lomond Boating Holidays dürfen nach vorheriger Absprache (die Anmeldung übernimmt John Davies) auch am Steg der "Lodge on Loch Lomond" keine 500 Meter weiter nördlich festmachen. Dort ist das Wasser tiefer und "Colqohoun’s Restaurant" mit Seeblick scheint uns ebenfalls sehr einladend.

Einmal frei vom Ufer machen wir uns  auf die Weiterreise nach Norden. Der südliche Seeteil mit seinem Gürtel aus Inseln liegt erst einmal hinter uns. Der Wind kommt von Backbord und lässt die Gösch mit dem schottischen Löwen am Bug frisch nach Lee flattern.

Ruhig zieht unser Stahlverdränger seine Bahn über das dunkle, überraschend ruhige Wasser. Eine Kanne Darjeeling kommt dampfend aus dem Salon herauf. Tee ist auch in Schottland fester Bestandteil der Kultur: So gründete Teebaron Thomas Lipton sein Imperium 1870 in Glasgow und viele der schnellen "Teeklipper" jener Zeit entstanden auf den Werften der Stadt.

Kurz nach Mittag passieren wir Ross Point mit seinen Felsen und Untiefen. Danach verengt sich die Sicht voraus deutlich: Rasch rücken die Ufer zusammen und wie ein schmales Tal führt der Loch Lomond mitten in die Bergwelt der Highlands hinein. Selbst an Backbord, wo die wichtige Landstraße A82 nun direkt am Wasser verläuft, erheben sich nur noch wenige Dörfer oder vereinzelte Hotels.

An Steuerbord wechseln sich dichter Laubwald und blanker Fels ab. Hin und wieder sieht man Menschen unter dem Blätterdach, Wanderer auf dem West Highland Way. Hoch über ihnen dominiert jetzt ein majestätischer Gipfel das gesamte Panorama: Ben Lomond. Mit knapp eintausend Metern Höhe ist er der südlichste der Munros. So werden die großen Berge Schottlands nach jenem Mann genannt, der sie vor mehr als 100 Jahren als Erster dokumentierte: Sir Hugh Munro.

Immer schmaler wird das Tal nun, vorbei am markanten Wasserkraftwerk von Sloy und der kleinen Insel Vow, bis es hinter der Landspitze von Rubha Ban sanft in der Bucht von Ardlui ausläuft – dem Ort vom Beginn dieser Geschichte.  Wobei die Bezeichnung "Ort" kaum zutrifft: Denn die Gäste des Hotels, zu dem noch einige Lodges und ein kleiner Caravanpark mit schmalem Strandstreifen gehören, haben diesen nördlichsten Zipfel des Sees für sich allein.

Der zum Hotel gehörende Hafen kann sich jedoch sehen lassen. Ein richtiges Becken, ein schöner Schwimmsteg mit Strom für Gäste, sogar einen Travellift gibt es. Eine kleine Fähre bringt Wanderer zum Weg auf dem gegenüberliegenden Ufer und ein Wakeboardboot startet eine Ausflugstour. Darüber hinaus halten sich die Sehenswürdigkeiten in Grenzen – wenn da nicht der Bahnhof wäre.

Denn Ardlui liegt an der "West Highland Line", einer der schönsten Eisenbahnstrecken der Welt. "Das sollte man sich nicht entgehen lassen", riet uns John Davies. Genug Zeit haben wir, also verlängern wir unseren Aufenthalt am Nordende des Sees, um am nächsten Tag vom Wasser auf die Schiene zu wechseln.

Mit lautem Dieselröhren läuft der zwar nicht mehr neue, dafür aber pünktliche Regionalzug aus Glasgow kommend um 9:40 Uhr ein. Sechs Wagen sind es, drei davon werden mit uns bis nach Mallaig am Atlantik fahren – durch eine wilde und einsame Landschaft, in der sich niemand je die Mühe machte Straßen zu bauen. Drinnen herrschen die Farben der Neunziger vor, Lila, Orange und Mintgrün.

Fast alle Plätze sind besetzt. Deutsche, Italiener und Amerikaner, darunter viele Backpacker. Es geht durch Täler und über Moore. Rotwild blickt uns nach, die Schafe lassen sich nicht dagegen nicht stören. Ab und zu hält der Zug an einer Station im Nirgendwo. Das Wetter ist bescheiden, trotzdem bleibt uns die Fahrt eindrucksvoll in Erinnerung. John hatte nicht zuviel versprochen.

Ein Höhepunkt sind die zwanzig steinernen Bögen des Glenfinnan-Viaduktes. In den Filmen über Harry Potter liegt das Bauwerk auf der Strecke nach Hogwarts. Dann der Atlantik mit den Western Isles, dunkle Schatten am regenverschleierten Horizont: Eigg, Rum und Skye. Mallaig selbst präsentiert sich als relativ unspektakulärer Fährhafen mit alten Trawlern, Rost und fliegende Funken auf den Hellingen.

Trotzdem sind viele Touristen unterwegs, die weiter zu den Inseln wollen. Wir gönnen uns stattdessen im "Tea Garden Café" ein "Black Dark Ale", das so dunkel wie der Himmel selbst ist, bevor es nach gut zwei Stunden Aufenthalt auf die knapp vierstündige Rückreise zurück zum Loch Lomond geht.

üdkurs liegt an, unter blauem Himmel! Perfekt für unsere geplante abschließende Nacht vor Anker. Wieder überqueren wir die mit 190 Metern tiefste Stelle des Sees. Und wieder wird es kurz darauf zwischen Inverbeg und Rowardennan so flach, dass wir den Alarm des Plotters ausschalten müssen. Das Wasser ist nun spiegelglatt. Über uns zieht ein Fischadler seine Kreise.

Östlich runden wir Inchlonaig, dann folgt die von Unterwasserfelsen flankierte, eng betonnte Durchfahrt zwischen Inchcruin und Inchfad. "Aries" schwenkt ihren Bug nach Backbord und hält auf Port Bawn zu, eine sandige Bucht im Südwesten von Inchcailloch, der – wie viele sagen – schönsten Insel des Archipels. Langsam motoren wir in die Bucht. Der Steg an Backbord ist dem Waterbus vorbehalten, einer kleinen Fähre, die zwischen Luss und Balloch pendelt, und den Rangern des Nationalparks.

Also fällt unser Anker vor dem östlichen Ufer.  Zwei Kajaks sind auf den Strand gezogen, dahinter beginnt der dichte Laubwald. Natur pur. Wir schnüren unsere Stiefel und rudern im Dingi hinüber. Dann machen wir uns von der Rangerhütte aus an den Aufstieg zum Tom na Nigheanan, dem höchsten Punkt der Insel.

Auf steilem Pfad geht es zwischen Farnen und bluebells hinauf, bis wir über den Kronen der Bäume sind und mit einem fantastischen Blick über den Loch Lomond belohnt werden. Sonne satt zum Abschluss eines sehr schönen Törns. Dass dadurch keine Chance mehr auf Regenbögen besteht, können wir verschmerzen.  

Die Törnreportage stammt aus der Januar-Ausgabe 2018.

Christian Tiedt am 27.03.2019