Keser Hollandia 40 Classic Aventura 38 AK
Charter

Chartern in der Nachsaison

Christian Tiedt am 28.12.2013

Bootsurlaub bei Temperaturen um den Gefrierpunkt – geht das überhaupt? Wir haben es ausprobiert: auf zwei Kurztörns über Havel und Müritz.

Keser Hollandia 40 Classic

Keser Hollandia 40 Classic

Fotostrecke: Keser Hollandia 40 Classic

Fotostrecke: Aventura 38 AK

Wir sind vollkommen allein auf dem Wasser. Im Sommer, besonders an den schönen Wochenenden, kreuzen sich die Jollen und größeren Segler hier beinahe um Kopf und Kragen. Kein Wunder: Kladower Seenstrecke und Großer Wannsee sind das Wohnzimmer des Wassersports im Westen von Berlin. Paddler, Kajütboote, Flöße, und weiße Flotte komplettieren das Bild in der Hauptsaison. Doch jetzt: Stille, was für ein Kontrast! Kein Hauch weht. Das einzige Geräusch ist das Knistern und Knacken unter dem Bug, als unser Stahlverdränger durch die dünne, aber geschlossene Eisschicht der vergangenen Nacht schneidet. Nur sehr zaghaft steigt das Thermometer am Vormittag über den Gefrierpunkt.

Es ist Anfang April, und obwohl der Frühling laut Kalender schon begonnen hat, ist der Winter noch längst nicht am Ende: Am Ufer recken die Eichen ihre kahlen Äste in den klaren Himmel, und in den schattigen Lagen leuchtet Schnee. Mit anderen Worten: perfekte Bedingungen, um das zu machen, was wir schon längst einmal ausprobieren wollten: Chartern in der Nachsaison!

Geht das überhaupt? Oder besser: Lässt sich das überhaupt aushalten? So lautete natürlich die grundsätzliche Frage (zugegeben, mit leichtem Frösteln). Schließlich bewerben viele Charterfirmen diese Alternative gezielt und locken mit entsprechend ausgestatteten Booten, leer gefegten Revieren, jeder Menge Ruhe – und natürlich niedrigen Preisen.

Also haben wir den Doppeltest gemacht: Jeweils drei Tage waren wir im Berliner Raum und in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs (siehe Karten auf der folgenden Doppelseite), zunächst ab Spandau mit
einer Keser Hollandia 40 C von Bootscharter Keser auf der Unteren Havel, danach ging es mit einer Aventura 38 AK von Yachtcharter Schulz von Waren aus zu einem Kurztörn über die Mecklenburgischen Oberseen.

Also, kann man es aushalten? Die Antwort vorweg: mit einer leistungsstarken Heizung (wie auf den getesteten Booten) sogar ziemlich gut! Aber das ist natürlich nicht der einzige wichtige Aspekt: Was man insgesamt bedenken sollte, bevor man sich zu einem Bootsurlaub in der kalten Jahreszeit entscheidet, welche Vor- und Nachteile es gibt, und was man unterwegs erwarten darf, erfahren Sie deshalb auf den folgenden Seiten.

Häfen und Liegeplätze

Mit dem "inoffiziellen Ende" der Bootssaison Mitte Oktober beispielsweise reduziert sich das Angebot an Liegestellen und Serviceeinrichtungen erheblich: Bei den Vereinen werden nicht nur die Boote aus dem Wasser gekrant, meistens werden auch die Schwimmstege an Land gebracht, um sie vor dem Eis zu schützen. Gleiches gilt für Campingplätze und Stadthäfen. Anlegen ist dann nur noch dort sicher möglich, wo es eine Kaimauer oder feste Steganlagen gibt, die jedem Wetter trotzen. Aber selbst dann bleiben Fragen offen: Sind Wasser- und Stromversorgung eingeschaltet? Sind die Sanitärgebäude zugänglich? Kommt man überhaupt vom Gelände, falls es eingezäunt ist?

Dieses "Glück" haben wir auf unserem ersten Törn mit der Keser Hollandia bei einer Marina in Potsdam: Nach dem Festmachen stehen wir im wahrsten Sinne von innen vor verschlossenem Tor. Wir rufen die am Hafenbüro angegebene Telefonnummer an, aber niemand nimmt ab. Statt noch einmal abzulegen und nach einer anderen Liegestelle zu suchen, verzichten wir auf den Stadtrundgang und machen es uns dafür an Bord gemütlich. Kein Problem, da Charterboote in der Regel mit allem nötigen Komfort ausgestattet sind, und man deshalb – besonders auf größeren Booten – weitgehend unabhängig ist.

Den Landgang durch das Holländerviertel von Potsdam können wir übrigens am nächsten Abend nachholen: Am Tiefen See ist der Anleger bei einem Aldi-Markt völlig verwaist, und bis es dunkel wird, hat sich kein anderes Boot gezeigt, um uns diesen Liegeplatz streitig zu machen. So können wir am nächsten Morgen sogar noch entspannt für das Frühstück einkaufen.

Auch auf dem zweiten Törn mit der Aventura hatten wir Dank der frühen Reisezeit freie Wahl in den Stadthäfen – das gilt für Waren ebenso wie für das etwas weiter westlich in der Großseenplatte gelegene Malchow. Kein Abhetzen auf dem Weg zum Hafen, keine Befürchtungen, dass einem die letzte Lücke vor der Nase weggeschnappt wird oder man zwischen voll belegten Stegen umständlich manö-vrieren muss.
Die Angaben von Törnführern und Gewässerkarten in Bezug auf Häfen und Liegestellen haben in der Nachsaison nur eingeschränkte Gültigkeit. Besser ist es, sich vor Törnbeginn beim Vercharterer genau zu informieren, wo man mit einem Platz sicher rechnen kann.

Revier und Reisezeiten

Natürlich stehen nicht alle Charterreviere die ganze Nachsaison hindurch zur Verfügung: In Gebieten, die vorwiegend von der Sportschifffahrt genutzt werden (also besonders im Bereich der Mecklenburgischen und Märkischen Gewässer) stellen die meisten Schleusen den Betrieb von Anfang Dezember bis Ende März komplett ein. Für die Berufs- und Güterschifffahrt wichtige Bundeswasserstraßen sind davon aber ausgenommen; also etwa die durch Berlin führenden Ost-West-Verbindungen wie Havel-Oder- und Spree-Oder-Wasserstraße. Die aktuellen Betriebszeiten (und mögliche außerplanmäßgige Sperrungen) werden im Internet auf den Seiten der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) veröffentlicht: www.elwis.de.

Die beiden von uns befahrenen Reviere machen in diesem Zusammenhang kaum Probleme: Im Berliner Raum sind die Schleusen das ganze Jahr über in Betrieb. Die Mecklenburgischen Oberseen zwischen Rechlin, Waren und Plau sind sogar schleusenfrei. Einziges Nadelöhr ist die Drehbrücke in Malchow aufgrund ihrer geringen Durchfahrtshöhe. Sie stellt den Betrieb von Anfang Dezember bis Ende März ein. Das Revier hat außerdem den Vorteil, dass die Charterbescheinigung zum Skippern ausreicht und kein amtlicher Sportbootführerschein benötigt wird.

Achtung Eisgang!

Ein winterlicher Faktor kann aber dennoch einen Strich durch die Rechnung machen: Eisgang. In der Regel muss von November bis April damit gerechnet werden, dass die Wasserstraßen bei anhaltend niedrigen Temperaturen so stark von Pack- und Treibeis behindert werden, dass die zuständigen Wasser- und Schifffahrtsämter die Schifffahrt einstellen lassen.

Die zu Beginn geschilderte hauchdünne Eisschicht, die wir auf dem ersten Törn auf der Kladower Seenstrecke vorfanden, ist zwar kein Hindernis. Unser zweiter Törn wäre dagegen fast dem Eis zum Opfer gefallen. Denn als wir in der zweiten Aprilhälfte in Waren eintreffen, liegt der Eisaufbruch der geschlossenen Eisdecke auf
Seen und Kanälen gerade zehn Tage zurück. Davor, so erzählt man uns, wäre "auf dem Wasser überhaupt nichts gegangen". Sollte der bereits gebuchte Törn aus diesem Grund kurzfristig unmöglich werden, muss man sich mit dem Vercharterer über das weitere Vorgehen einigen.

Einmal auf dem Wasser, kann man die fast perfekte Einsamkeit in vollen Zügen genießen, egal ob bei langsamer Fahrt oder vor Anker – und mit entsprechender Kleidung (oder ein paar warmen Decken) kann man es bei trockener Witterung sogar an Deck gut aushalten.

Boote und Ausstattung

Wassertemperaturen im niedrigen, einstelligen Bereich werden sich in erster Linie auf die Kabinen auswirken, die teil-weise unter der Wasserlinie liegen. Damit es nachts nicht zu kalt wird, ist eine leistungsstarke Heizungsanlage deshalb Pflicht. Beide von uns gefahrenen Charterboote waren mit Dieselheizungen ausgerüstet, die den Vorteil haben, keinen Strom zu verbrauchen.

Eine elektrische Heizung ist unter diesen Voraussetzungen keine Alternative: Ohne Landstromanschluss am Liegeplatz ist die Verbraucherbatterie an Bord im Handumdrehen leer gesaugt. Natürlich spricht nichts gegen Thermodecken und Daunenschlafsack; eine zumindest halbwegs warme Kabine verhindert jedoch zusätzlich die Bildung von lästigem Kondenswasser an Decke und Wänden (oder schwächt sie zumindest ab). Wichtig: Die Lamellen an den Auslassen müssen geöffnet sein!

Verfügt das gewünschte Charterboot nur über einen erhöhten Außenfahrstand (wie bei den meisten Typen mit Achterkabine), sollte man darauf achten, dass Stoffverdeck und Seitenteile eine geschlossene "Kuchenbude" ergeben. Viele Stahlverdränger haben einen Heizungsauslass auf der Brücke, der den kleinen Raum schnell auf angenehme Temperaturen bringt.

Mehrere Charterfirmen (wie auch die von uns genutzten) haben Boote in der Flotte, die besser für Törns in der Nachsaison geeignet sind als andere. Deshalb ist es sinnvoll, sich nicht unbedingt im Voraus festzulegen, sondern direkt nachzufragen und die Empfehlungen und Hinweise des Vercharterers in die eigenen Überlegungen einzubeziehen.

Ein weiterer Grund übrigens zu guter Letzt: Der Preisunterschied zwischen Haupt- und Nachsaison kann pro Charterwoche bis  zu 50 Prozent betragen.

DER ERSTE TÖRN

Die Charterfirma Bootscharter Keser verfügt über eine Flotte von 25 Kajütbooten und Motoryachten, die,
je nach Typ, Platz für 2 bis 8 Perso-nen bieten. Drei Stützpunkte stehen zur Auswahl: Werder/Havel, Berlin-Spandau und Rechlin/Müritz. Informationen und Buchung über Bootscharter Keser, An der Havel 38, 14542 Werder/H., Tel. 030-362 08 00. www.bootscharterkeser.de

Das Boot Unterwegs waren wir mit einem Stahlverdränger des Typs Keser Hollandia 40 Classic. Länge: 12,50 m, 6+2 Schlafplätze (3 Doppelkabinen, 2 Nasszellen),  Vollausstattung, Kartenplotter, Heizung oben und und unten, Bug- und Heckstrahlruder, Wochenpreise: 1299-2299 Euro.

Die Route Von der Charterbasis in Berlin-Spandau sind wir über die  Kladower Seenstrecke (Untere-Havel-Wasserstraße) bis nach Potsdam gefahren. Am nächsten Tag ging es dann auf der Potsdamer Havel über den Schwielowsee, an Werder vorbei und weiter über den Großen Zernsee, bevor es auf dem Sacrow-Paretzer-Kanal zurück Richtung Potsdam ging. Am Vormittag des dritten Tages erfolgte die Rückfahrt von Potsdam nach Berlin-Spandau. Insgesamt zurückgelegte Strecke: rund 70 km.

DER ZWEITE TÖRN

Die Charterfirma Yachtcharter Schulz bietet Kajütboote und Motoryachten für 2 bis maximal 14 Personen an. Vier Stützpunkte stehen zur Verfügung: Waren/Müritz, Wernsdorf bei Berlin, Neukalen/Peene und Barth am Barther Bodden. Informationen und Buchung: Yachtcharter Schulz, An der Reeck 17, 17192 Waren/M., Tel. 03991-12 14 15. www.bootsurlaub.de

Das Boot Für diesen Törn haben wir ebenfalls einen Stahverdränger ähnlicher Größe gechartert. Die Aventura 38 AK ist 11,50 m lang und bietet in zwei Doppelkabinen Platz für vier Personen. Zur umfangreichen Ausstattung gehören eine TV-Satellitenanlage, Dieselheizung und Bug- und Heckstrahlruder. Die Wochenpreise liegen zwischen 1140 und 2405 Euro.

Die Route Vom Ausgangspunkt in der Marina Eldenburg drehten wir eine kleine Runde über die Müritz (bis etwa auf Höhe Klink), bevor wir für den Abend in Waren festmachten. Am nächsten Tag ging es über Kölpin- und Fleesensee an Malchow vorbei und weiter über den Petersdorfer bis zum Plauer See. In Plau wurde kurz angelegt, danach ging's zurück nach Malchow. Die Rückfahrt nach Waren stand am letzten Tag auf dem Programm. Insgesamt zurückgelegte Strecke: ebenfalls rund 70 km.

Christian Tiedt am 28.12.2013