Ostsee im Winter Ostsee im Winter

Essay: Ostsee im Winter

Stille Nacht

Christian Tiedt am 29.12.2018

Häfen im Winter: Wo im Sommer kein Platz frei bleibt, herrscht in der dunklen Jahreszeit vor allem eines: Ruhe. Entlang der Kieler Bucht haben wir Eindrücke gesammelt, von Fehmarn bis zum Kleinen Belt

Auf dem Grillplatz liegt das Treibgut knöcheltief, Strandgras, Seetang und kleine Äste, das die Sturmflut der letzten Tage hier abgelegt hat. Jetzt sind Wasser und Wind wieder verschwunden, und auf der flachen Bucht knistert das dünne Eis. Der Hafen von Orth liegt so verlassen wie zuvor da, eine lange Reihe von Holzpfählen erstreckt sich vor dem leeren Steg bis zur Einfahrt. Im trüben Zwielicht ist die Fehmarnsundbrücke gerade noch auszumachen: ein dürrer Bogen unter rissigem Himmel.

Ostsee, Anfang Januar.

Der Sommer scheint endlos weit entfernt. Wer jetzt hier zwischen den langen Molen einlaufen sollte, fände zwar einen Liegeplatz, aber die Zeit müsste er sich allein vertreiben. Die einzigen anderen Dauergäste – zwei Motorsegler – halten Winterschlaf.

Fotostrecke: Stille Nacht

Auch an Land findet man statt einladendem Licht nur entschuldigende Worte in den Fenstern: Winterpause, Auszeit, Betriebsferien. Warme Gedanken macht nur ein Wegweiser: "Hawaii: 9836 Seemeilen". Der Seewetterbericht beim Hafenmeister stammt vom 31. Oktober und warnt vor Starkwind auf dem Skagerrak. Heute herrscht Stille. Ein paar Monate noch, dann werden die Boote wieder dicht an dicht liegen und ihre Crews sich über einen freien Tisch im "Kap Orth" freuen...

Und Kaiser Wilhelm der Große wird nicht mehr das einzige Gesicht sein, dem man begegnet. Solange blickt seine schneeweiße Büste stolz über der leeren Hafen. Von den Kanten seines Backenbartes hängen Eiszapfen.

Schilksee, diese Landschaft aus Beton am Westufer der Kieler Förde. Ihren ohnehin blassen Bauten tut das Grau der Jahreszeit nicht gut. Auch der Kranz stählerner Fackeln über der Hafenmeisterei, aufgestellt für den olympischen Segelsommer 1972, ist kalt. Wellen einer auslaufenden Skandinavienfähre waschen über den Tangstreifen am Strand.

Im Schutz der Molen des Sportboothafens ist das Wasser dagegen glatt und spiegelt ein Muster von Schwimmstegen und Pfahlreihen. 1200 Liegeplätze, freie Auswahl. Leere, soweit das Auge reicht – mit einer Ausnahme an Steg 2: Seenotrettungsboot "Walter Rose" kennt keine Winterpause.

Alle anderen stehen aufgepallt an Land, "Lena", "Rumbalotte" und "Mrs. Jones". Sie warten auf den Frühling, wenn der Platz vor dem Kran nicht verwaist ist wie jetzt und man zum Wassern Schlange steht.

Selbst in der Hochsaison meldet die "Dänische Südsee" nur äußerst selten tropische Temperaturen. Stören tut das niemanden – im Gegenteil. Die Häfen zwischen Fünen und Langeland sind in schöner Regelmäßigkeit so voll, dass die späten Ankommer nur noch quer vor den belegten Boxen festmachen können.

Manchmal reichen die Päckchen fast von einer Pier zur anderen. Auch in Marstal auf Ærø. Doch im Winter ist dieses Lieblingsziel wie verwandelt. Wenn sich die frühe Dämmerung über die regennassen Gassen hinunter zur Havnegade senkt, liegt die gepflasterte Kaje fast verlassen da.

An der Werft vorbei durchs Gras zum Sejlklub. Ein einsamer Jollenkreuzer liegt vergessen an einem der langen Stege, mit Grünspan überzogen und schon etwas Schlagseite. Kein Mensch in Sicht. Doch bei den Schuppen, wo die Fischer ihre Netze und Schwimmer lagern, hat jemand auf der schmutzigen Platte eines Campingtisches mit der Fingerspitze einen Gruß hinterlassen: ses til sommer – Sehen uns im Sommer.

Dieser Artikel stammt aus der Januar-Ausgabe 2018 von BOOTE.

Christian Tiedt am 29.12.2018