Auf dem Jabelschen See Auf dem Jabelschen See
Deutschland

Mecklenburgische Großseenplatte

Christian Tiedt am 22.04.2013

Mecklenburgs Oberseen bilden den östlichen Teil der Müritz-Elde-Wasserstraße. Mit dem Charterboot waren wir zwischen Waren und Plau unterwegs.

Auf dem Jabelschen See

Auf dem Jabelschen See

Fotostrecke: Mecklenburgische Großseenplatte

Wer mit dem Flugzeug bei guter Sicht über Mecklenburg fliegt, der sieht, wie wasserreich der Nordosten Deutschlands ist – ein weites Netz silberner Seen, Flüsse und Kanäle überzieht die grüne, nur leicht gewellte Landschaft. Die größte Wasserfläche gehört der Müritz selbst, mehr als 110 Quadratkilometer, doch weiter westlich schließt sich eine Kette weiterer großer, jedoch weniger bekannter Seen an: Kölpinsee, Fleesensee und Plauer See, schiffbar verbunden durch die östliche Hälfte der 170 Kilometer langen Müritz-Elde-Wasserstraße.

Doch bei Sportskippern sind die Oberseen weit weniger bekannt als die im Osten anschließende Kleinseenplatte. Dabei hat das schleusenfreie Revier zwischen Waren und Plau seinen ganz persönlichen Reiz: idyllische Häfen, einen weit erscheinenden Himmel, ein ganz eigenes Licht und Aussichten, wie man sie sonst nur von der Küste her kennt.

Start in der Marina Eldenburg

In der Marina Eldenburg bei Waren übernehmen wir unser Charterboot für die kommende Woche: einen gemütlichen Stahlverdränger vom Typ Aventura 32 Classic, der zur Flotte von Yachtcharter Schulz gehört. Nach der Einweisung und den Formalitäten wollen wir diesen Tag mit seinem sattblauen Sommerhimmel auf jeden Fall noch nutzen. Zum Glück liegt unser Tagesziel, der Stadthafen von Waren, im wahrsten Sinne gleich um die Ecke: Von der Marina Eldenburg steuern wir nach Südosten in den kurzen Reeckkanal hinein, der uns keine zwei Kilometer später auf die Binnenmüritz entlässt. Noch auf dem Kanal kommt uns die "Europa" – mit nostalgischem Charme und geradem Steven der markanteste der vielen Ausflugs- und Liniendampfer, die in der Saison die Seenplatte durchpflügen, und denen man immer den Vortritt lassen sollte – entgegen. Mit voll besetztem Oberdeck und niedergelegtem Schornstein passiert uns der Stolz der "weißen Flotte" mit Kurs auf den Kölpinsee.

Gleich nach der Ausfahrt aus dem schmalen Reeckkanal auf die Binnenmüritz erinnert ein im Wasser stehendes Tafelzeichen unübersehbar an die Höchstgeschwindigkeit: 12 km/h gelten hier auch außerhalb des "ufernahen Schutzstreifens", wie es so schön in der Binnenschifffahrts-Ordnung heißt. Das Einhalten lohnt sich, denn die Wasserschutz-polizeit kennt die Liegestellen mit der besten "Aussicht"!

Erstes Ziel: Waren an der Müritz

Wir sind nicht die Ersten mit dem Tagesziel Waren: Mit uns zusammen streben noch andere Boote der Marienkirche – mit ihrem kupfernen, gewölbten Turmhelm weithin sichtbares Wahrzeichen Warens – entgegen. Und das hübsch he-rausgeputzte Zentrum der Region ist in der Hauptsaison auch bei Bootstouristen beliebt, keine Frage: Jetzt, am späten Nachmittag, sind schon fast alle Plätze an den beiden Gästeschwimmstegen mit Glücklichen belegt: einheimische Charterboote, auf denen Fahrräder klargemacht werden und Kinder auf den Landgang drängen, eine edle Linssen mit großer Schweizer Flagge am Heck und einladend gedeckter Kaffeetafel auf dem Oberdeck sowie eine blank polierte Aak aus Friesland mit leuchtenden Blumenkästen und frisch im Wind flatternder Wäsche.  Willkommen im Im Jaich Stadthafen Waren! Für unsere 9,50 m lange Aventura bezahlen wir 14 Euro, dazu 3 Euro pauschal für Strom und zusätzlich noch 50 Cent Kurabgabe pro Person – nicht ganz billig, aber Waren ist es allemal wert.

Wer etwas Zeit mitbringt, sollte nach einem Bummel über den Markt und die Fußgängerzone beim "Müritzeum" vorbeischauen, dessen gelungener Mix aus Erlebniszentrum, Aquarium und naturgeschichtlicher Ausstellung wirklich sehenswert ist und viel über die Region verrät. Überhaupt Natur: Waren liegt an der Türschwelle des Müritz-Nationalparks, der mit dem Fahrrad oder Bus gut zu erreichen ist.

Über die Müritz nach Röbel

Am nächsten Tag liegt Südkurs an, denn bevor wir uns den übrigen drei Oberseen zuwenden, wollen wir die Müritz zumindest noch etwas weiter erkunden. Das Sommerwetter hält. Von Süden weht ein leichter Hauch und schafft es kaum, die tiefblaue Oberfläche des "kleinen Meeres" aufzurauen. Denn so nannten die seit Langem hier ansässigen Slawen den See: morcze – Müritz. Allerdings ist ein Wetterwechsel mit wesentlich mehr Wind für die nächsten Tage angesagt. Wir werden sehen. Unter dem östlichen Ufer folgen wir dem grünen Tonnenstrich, passieren Klink, das vieltürmige Schloss (einst Rittergut, jetzt Wellnesshotel) mit seinen in der Sonne blitzenden Wetterfahnen und auch den ruhig gelegenen Wasserwanderrastplatz in seinem Schatten.

Auch die tiefe Bucht des Sietower Seearms lassen wir an Steuerbord liegen. Stattdessen geht es noch ein wenig weiter, bis wir den Röbeler Binnensee erreicht haben. Bunte Bootshäuser, Vereinsschuppen und Stege ragen ins Wasser, und nach einer letzten Biegung kommt auch Röbel in Sicht. Wir machen am städtischen Anleger gegenüber der hoch aufragenden, gotischen Marienkirche fest, einem Schwimmsteg mit soliden Fingerstegen, der insgesamt gut zwei Dutzend Gastliegeplätze mit Strom und Wasseranschluss bietet. Die Liegegebühren betragen 1 Euro pro laufenden Meter, Duschen 50 Cent, Strom 50 Cent pro Kilowattstunde.

Röbel ist wie die kleinere (und ruhigere) Schwester Warens: Auf einem unterhaltsamen, historischen Stadtbummel trifft man auf die Spuren des Wachsergeanten Bartholomäus Bradhering oder des eisern gerüsteten Stadtgründers, Ritter Nicolaus zu Werle, und kommt schließlich zur historischen, vollständig restaurierten Mühle auf dem ehemaligen Burghügel am Rande der Altstadt. Unser Tipp für einen schmackhaften Abend ist der "Müritzhof" (Straße des Friedens 77, 100 m südlich der Marienkirche). Ebenfalls interessant (nicht nur bei schlechtem Wetter): das Freizeitbad Müritztherme, etwa 1,5 Kilometer vom Anleger entfernt (Am Gotthunskamp 14,).

Grüne Idylle in Sietow

Die nächste Tagesetappe ist nur ein Katzensprung, kaum zehn Kilometer lang und führt uns ins Grüne, zum Wasserwanderrastplatz des kleinen Dorfes Sietow am gleichnamigen Seearm. Da wir zu einem Zeitpunkt eintreffen, als die letzten Spätaufsteher gerade ablegen, haben wir freie Wahl an dem langen, festen T-Steg und nehmen einen Platz ganz außen. Das Panorama ist fantastisch: Zwischen den schilfgesäumten Ufern der Bucht glitzert die offene Müritz. Strom und Wasser gibt es auch hier am Steg, der Liegeplatz kostet 1,10 Euro pro Meter; Duschen 50 Cent, WC 20 Cent, Strom 50 Cent pro Kilowattstunde.

Nun aber zum Mittagsimbiss: Denn bei der "Fischerhütte", nur ein paar Schritte entfernt am Hafen, kringelt blauer Rauch verlockend aus dem Schornstein. Mit leckerem Räucheraal und gebratener Müritzmaräne auf dem Brötchen, lassen wir bei den hölzernen Bootsschuppen am Steg die Beine baumeln und halten die Gesichter in die Sonne. Was für ein Seeblick!  Wir nehmen Abschied von der Müritz, es ist Zeit für die übrigen Oberseen!

Zunächst folgen wir unserer eigenen Kurslinie nach Norden und kommen über die Binnenmüritz wieder in den Reeckkanal. Die Marina Eldenburg, unsere Charterbasis, zieht vorbei, und nach einem weiteren Kilometer öffnet sich die weite Wasserfläche des Kölpinsees vor uns. Immerhin sieben Kilometer lang und im östlichen Bereich mehr als vier Kilometer breit, verengt er sich nach Westen zwischen dem Damerower Werder im Norden und dem Göhrener Winkel im Süden. Wegen der schnell abnehmenden Wassertiefe außerhalb der Fahrrinne muss der Tonnenstrich hier unbedingt eingehalten werden.

Abstecher zum Jabelschen See

Kurz vor dem Ende des Sees mit der Überleitung zum Fleesensee zweigt ein kleines, ebenfalls betonntes Nebenfahrwasser ab und scheint auf den ersten Blick am bewaldeten Nordufer zu enden. Tatsächlich jedoch befindet sich dort gut versteckt eine Durchfahrt – allerdings ohne die übliche weiße Raute als Ansteuerungshilfe: Sie führt über ein sehr schmales und nur 300 Meter langes Fließ zum kleinsten, aber schönsten der Oberseen: dem Jabelschen See. Nur vier Kilometer lang und mit im Schnitt kaum mehr als 500 Metern Abstand zwischen den bewaldeten Ufern, ist er eine kleine, grüne Idylle für sich.

Unter den weit über das Wasser hängenden Ästen bieten sich viele reizvolle Ankerplätze; wer es fester möchte, trifft es im Yachthafen Maribell genauso gut: solide Stege mit Strom und Wasser, modernes Sanitärgebäude, WLAN, sogar ein kleiner Badesandstrand ist vorhanden. Für Gastlieger wird 1 Euro pro Meter fällig, Strom ist pauschal für 2,50 Euro zu haben. Duschen 1 Euro.

Das nahe gelegene, gemütliche Jabel schmückt sich mit einer schön restaurierten Dorfkirche, Versorgungsmöglichkeiten sind im Ort vorhanden. Am Abend zieht es uns ins "Toplicht"; von der erhöhten Terrasse des urigen Restaurants schweift der Blick bei Bier und Zander dann über die Boote im Hafen und den See.

Viel Wind auf dem Weg nach Malchow

Mehr Wind und ein erster Regenschauer am nächsten Tag, als wir weiter nach Westen schippern. Aus dem Jabelschen See heraus und über den kurzen Fleesenkanal in den Fleesensee: Aufgewühlt ist das Wasser hier an diesem Ende der knapp fünf Kilometer weiten Wasserfläche, und unser Stahlverdränger muss sich durch die eine oder andere Welle stemmen. Der Rumpf ruckt, Schaumkämme sind zu sehen, und Gischt kommt über. Plötzlich ist es eine echte Seefahrt. Eigentlich hatten wir vor, dem SBS Yachthafenresort einen Besuch abzustatten, das am Südufer gleich zwei Sportbootanleger in schöner Lage betreibt, aber die Schauerböen lassen uns den Plan ändern.

Weiter geht’s, zumindest warm und trocken. Wir runden die grüne Tonne am Sackberg und kommen endlich in den geschützten Bereich des Malchower Sees, an dessen schmalster Stelle die gleichnamige Stadt liegt. Das eigentliche Nadelöhr ist zum Zeitpunkt dieser Reise im Sommer 2012 noch die alte, historische Drehbrücke –, aber inzwischen ist ein moderner Nachfolger im Bau. Das alte Bauwerk war zu marode, um es erhalten zu können. Zum Saisonbeginn 2013 wird die Brücke zwar noch nicht fertig sein, die Arbeiten sollen dann aber so weit abgeschlossen sein, dass die Wasserstraße nach winterlicher Sperrung wieder passierbar ist.

Gleich südlich der Brücke nutzen wir ein Wolkenloch, um einigermaßen trocken im Stadthafen von Malchow festzumachen. Das Hafenbecken ist zwar eng, dafür jedoch gegen Schwell gut geschützt, und die Sanitäranlagen sind vorbildlich. Die Liegeplätze verfügen über Strom- und Wasseranschluss, die Gebühr beträgt 1 Euro pro Meter und 1 Euro pro Person. Duschen kostet 50 Cent, die Kilowattstunde Strom ebenso. Das ehemalige Zisterzienserkloster auf dem gegenüberliegenden Ufer beherbergt in der neugotischen Klosterkirche inzwischen das Mecklenburgische Orgelmuseum: ein interessanter Einblick in die kunstvolle Welt aus Schnitzwerk und Zinn, von Gedackt, Salicional, Zartflöte und all den anderen Registern, die sich noch "ziehen" lassen. (Konzertveranstaltungen.

Über den Plauer See nach Plau am See

Zum Glück hat es etwas aufgeklart, als wir am folgenden Morgen ablegen. Weiter geht es über den Petersdorfer See, nicht viel mehr als ein breiterer Flussabschnitt, der in luftiger Höhe vom Betonbogen der Autobahnbrücke (A 19) überspannt wird. Die betonnte Fahrrinne verläuft vor dem südlichen Ufer und sollte wegen der geringen Tiefen besser nicht verlassen werden.Wir haben den letzten der großen Mecklenburgischen Oberseen erreicht – den Plauer See, der von Nord nach Süd knapp 15 Kilometer misst und ungefähr auf halber Höhe von der Müritz-Elde-Wasserstraße gequert wird.

Unser letztes Ziel ist Plau am See am Westufer – von dort führen Fluss und Kanal weiter nach Schwerin oder zur Elbe. Unsere Aventura findet einen Platz längsseits am Gastanleger Metow (Liegekosten: 1 Euro pro Meter, 50 Cent pro Person und Kilowattstunde, Duschen (1 Euro) und WC schräg gegenüber am Hafen des Wasserwanderrastplatzes Plau. Die Stadt bietet neben guten Versorgungsmöglichkeiten auch das sehenswerte Stadtmuseum in einer Burganlage aus dem späten Mittelalter (Burgplatz). Am frühen Abend schlendern wir am Metowufer entlang Richtung Plauer See und finden eine Baustelle an der Promenade: Zur Saison 2013, also zum Erscheinungstermin dieser Reportage, entsteht dort ein neuer Gasthafen mit 70 Liegeplätzen und einem Aussichtsturm im Leuchtturm-Look – für noch mehr Seeblick auf dem nächsten Törn.

Christian Tiedt am 22.04.2013