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Reise: Deutschland

Berliner Umland - Teil 3

Bodo Müller am 23.11.2020

Morgens stoppen wir zum Einkaufen am Sportbootanleger Friedrichshagen, der kurz vor der Ausfahrt zum Müggelsee liegt. Für unser Charterboot sind die Stege etwas klein geraten. Vom Anleger sind es wenige Schritte bis zu Deutschlands bekanntestem Discounter. Mit gefülltem Kühlschrank queren wir den Großen Müggelsee und passieren das Lagunen-Städtchen Neu Venedig. Leider ist der Himmel grau, und der Charme der von Kanälen durchzogenen Siedlung kommt nicht so richtig rüber. Im sich östlich anschließenden Dämeritzsee steuern wir nach Nordosten, passieren den Flakensee und erreichen die Schleuse Woltersdorf. Sie bildet das Tor zum oberen Teil der Rüdersdorfer Gewässer.

Schon seit dem 16. Jahrhundert gibt es hier eine Staustufe für die Schifffahrt. Der Grund sind die Kalklagerstätten bei Rüdersdorf, die seit 800 Jahren als Baumaterial genutzt werden. In vorindustrieller Zeit waren Kähne und Schiffe die einzigen Transportmittel, um schwere Schüttgüter in großen Mengen zu transportieren. Mit dem Bauboom in Berlin zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden derart große Mengen an Kalkstein, Branntkalk und Zement benötigt, dass die Wasserstraßen von den Rüdersdorfer Kalkbergwerken bis ins Zentrum von Berlin leistungsfähig ausgebaut werden mussten. In diesem Zuge entstand 1882 die neue Schleuse Woltersdorf.

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Vor der Moltkebrücke

Heute sieht man nur noch selten ein mit Kalk beladenes Schiff auf den Rüdersdorfer Gewässern fahren. Die Stadt Rüdersdorf, die bis zur Wende unansehnlich grau aussah, wandelt sich zu einem beliebten Wohnort am Wasser. Die meisten Industrieanlagen sind stillgelegt. Im Zentrum des Orts, wo einst Kalk gebrannt wurde, kann heute der weitläufige Museumspark Rüdersdorf besichtigt werden. Seit September 2020 hat der Museumspark sogar einen eigenen Sportboothafen (www.ruedersdorf-kultur.de).

Noch mehr Informationen? Den Artikel "Berlins grüne Weite" mit vielen Bildern, nautischen Revierdaten und großem Serviceteil finden Sie in BOOTE-Ausgabe 12/2020 seit dem 18.10.2020 am Kiosk oder online im Delius Klasing-Shop.

Im schönsten Abendlicht fahren wir die Rüdersdorfer Gewässer wieder zu Tal, biegen im Dämeritzsee in den wildromantischen Gosener Kanal ein und überqueren im letzten Büchsenlicht den Seddinsee. Obwohl es höchste Hochsaison ist, können wir die Sportboote an einer Hand abzählen. Um uns herum Wald und einsamste Natur. Gänsegeschnatter und andere Vogelstimmen sind die einzigen Geräusche, die wir wahrnehmen. Im Süden des Sees lassen wir den Anker fallen. Es fühlt sich an, als wären wir in einem exotischen Naturparadies angekommen. Aber unser Anker liegt im 9. Stadtbezirk von Berlin.

Mit Blick auf den Müggelturm steuern wir morgens die Dahme abwärts. Bald sind die Ufer bebaut: Prächtige Villen und Wassersportvereine wechseln einander ab. In Köpenick fahren wir von der Dahme in die Spree und dann stromabwärts in Richtung Stadtzentrum. Ab hier sind die Ufer komplett zugebaut. Es dominieren alte Industrieanlagen in rotem Backstein, die teilweise zu Apartments mit Seeblick umgebaut wurden. An anderen Stellen wird abgerissen und neu gebaut. Von den Gewerbebetrieben aus der Gründerzeit und aus der DDR bleibt nicht viel übrig. Angesagt ist jetzt Wohnen im Loft am Wasser.

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Bodo Müller am 23.11.2020
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