Mecklenburgische Großseenplatte Mecklenburgische Großseenplatte

Törn: Mecklenburgische Großseenplatte

Große Freiheit

Christian Tiedt am 22.09.2019

Weiter Wasserflächen und keine Schleusen: Die Mecklenburgische Großseenplatte ist für einen Törn zum Entspannen wie gemacht

Dichter Urwald und lichte Moore bedeckten dieses Land, als die Obotriten vor mehr als eintausend Jahren von Osten kamen, um sich zwischen Elbe und Oder anzusiedeln. Lange davor hatten die Gletscher der Eiszeit hier nicht nur sandige Höhenzüge und sumpfige Niederungen hinterlassen, sondern auch unzählige Seen mit ihrem Schmelzwasser geformt.

Eines dieser Gewässer war jedoch ungleich größer als alle anderen in der Umgebung: Selbst an klaren Tagen war das jenseitige Ufer nur ein dunkler Strich und Stürme konnten solche Wellen aufpeitschen, dass die Boote auf dem Trockenen blieben. Das war kein See mehr, sondern ein kleines Meer! Morize auf Slawisch – Müritz.

Aber selbst wenn die Fischer noch heute ein Lied über ihre Launen singen können, entschädigen die schönen Tage für alle Wetterkapriolen. Denn wo sonst kann man binnen in Deutschland eine gute Stunde geradeaus steuern, ohne irgendwo anzustoßen? Höchstens noch auf dem Bodensee.

Und natürlich macht nicht nur die Müritz allein die Mecklenburgische Großseenplatte aus: Im Westen schließen sich Kölpinsee, Fleesensee und Plauer See an. Keine Schleuse stoppt die Fahrt von Plau am See, das bei Kilometer 120 der Müritz-Elde-Wasserstraße liegt, und Buchholz bei MEW-Kilometer 180.

Das macht sechzig entspannte Kilometer; an einem Stück, wenn man möchte. Viel mehr kann auch das „Schwäbische Meer“ nicht bieten. In diesem Jahr sparen wir uns deshalb die Schlange an der nächsten Sportbootwartestelle und wählen die „Große Freiheit“ für unseren Charter-Sommertörn im Nordosten.

Los geht’s in der Marina Eldenburg bei Waren, der Hauptbasis von Yachtcharter Schulz. Am Steg wartet schon „Serena“ auf uns, ganz in Weiß und nagelneu.

Mit dieser Stahlyacht vom Typ Schulz 37 wollen wir das Revier in der kommenden Woche erkunden. Da noch Gewitter angesagt sind, werden wir erst morgen starten und lassen uns nach Einweisung und Übergabe mit dem Einkaufen und Einräumen entsprechend Zeit.

Während im Süden Wolkentürme in eisige Höhe wachsen, machen wir es uns achtern in der warmen, aufgeladenen Luft bequem. Der erste Sherry geht natürlich über Bord – sicher ist sicher. Und siehe da: Das Donnergrollen bleibt fernab, auf uns fällt kein Tropfen.

Der nächste Tag beginnt dafür diesig, aber so gut wie windstill. Als wir ablegen und den Bug nach Westen drehen, erscheint eine Drohne über uns. Wie eine übergroße Libelle folgt sie uns ein Stück den Reeckkanal entlang. Doch als es um die erste Biegung geht, verliert sie das Interesse an uns.

Der Ausgang des Kanals, der die Binnenmüritz bei Waren mit dem Kölpinsee verbindet, liegt schon nach einem guten Kilometer vor uns. Zwischen den beiden steinernen Molen geht es hinaus auf offenes Wasser. Die bewaldeten Ufer liegen im blassen Dunst des Morgens. Es sind Naturschutzgebiete; die Halbinsel Damerower Werder im Norden, im Süden das Blüchersche Bruch.

Angler haben sich schon die besten Plätze reserviert, unbewegliche Silhouetten in ihren Kähnen. Wir halten uns an das betonnte Fahrwasser, das Abstand zu den gesperrten Uferstreifen der Naturschutzgebiete wahrt. So fahren wir auf den Göhrener Kanal am westlichen Ende des Kölpinsees zu, der uns nach 600 Metern in den Fleesensee entlässt, an dem auch Malchow liegt, unser erstes Etappenziel.

Um den Stadthafen dort zu erreichen, müssen wir jedoch vorher das einzige nennenswerte Hindernis des Reviers passieren – die neue Drehbrücke im Ortszentrum.

Die öffnet in der Saison jeweils von 9 bis 20 Uhr zur vollen Stunde. Da wir Zeit haben, scheren wir jedoch kurz nach dem Kanal nach Norden aus dem Fahrwasser aus und lassen an einem schönen Plätzchen auf drei Metern Wassertiefe unseren Anker fallen, um das Frühstück nachzuholen.

Auf der Wasserskistrecke im Süden sind Wakeboarder am Start und aus dem Hafen des "SBS Yachthafenresorts Fleesen" in Untergöhren (www.sbs-fleesensee.de) laufen Hausboote aus. Zusammen nehmen wir Kurs auf die "Inselstadt" Malchow.

Die neue Drehbrücke ist erst fünf Jahre alt und ersetzt eine baufällige Vorgängerin an gleicher Stelle. Sie überwindet das Nadelöhr zwischen der sogenannten Altstadtinsel (der Malchow seinen besonderen Namenszusatz verdankt). Es lohnt sich, nicht zu früh vor einer Öffnung einzutreffen, da es im schmalen Trichter vor der Ostseite der Brücke schnell eng wird.

Eine Signalanlage zeigt den Status an. Die Einfahrt zum Stadt- und Gasthafen liegt danach gleich um die Ecke auf dem Nordufer; die Außenseite der Hafenmauer gehört allerdings den Ausflugsschiffen. Wir suchen uns innen einen Platz am Fingersteg und gehen mit dem Heck an die Pier. Strom und Wasser sind in Reichweite, Sanitäranlagen und Hafenbüro im Servicegebäude untergebracht. 

Auf dem Ufer gegenüber ragt der neugotische Turm der Klosterkirche aus den Bäumen. Sie beherbergt das "Mecklenburgische Orgelmuseum", das auch Konzerte veranstaltet.   

Uns interessiert diesmal aber ein anderes Stück Geschichte: Das "DDR-Museum" – passend untergebracht im alten "Film Palast" an der Kirchenstraße, dreht die Uhr dreißig Jahre und weiter zurück. Ein Sammelsurium an Alltagsgegenständen, vom Röhren-TV aus dem VEB Fernsehgerätewerk Staßfurt über den Palast der Republik aus Formo-Bausteinen (der DDR-Variante von Lego) bis zur kratzigen FDJ-Bluse. Darüber schwebt Honnis gerahmtes Honiglächeln. Sehenswert!    

Weit haben wir es nicht am nächsten Tag: Es geht nach Südwesten über den schmalen Malchower See und dann den noch schmaleren, schilfgesäumten Recken. Hinter der Autobahnbrücke der A19 beginnt der Petersberger See.

Das Fahrwasser verläuft hier dicht am Südufer; besonders auf die roten Tonnen muss geachtet werden. Vom Plauer See trennt uns jetzt nur noch ein 500 Meter langer Durchstich, an dessen südlicher Einfahrt der Lenzer Hafen liegt, wo natürlich auch Gäste unterkommen (und es neben vollem Service auch eine Bootstankstelle und eine Gaststätte mit Terrasse gleich am Kanalufer gibt: www.lenzer-hafen.de).

Auch beim "Lenzer Krug" gegenüber dürfen Gäste festmachen. Zur Abkühlung: Der Badestrand am Ufer des Plauer Sees ist zu Fuß nur ein paar Minuten entfernt. Wir haben für die Mittagspause aber andere Pläne, passieren die recht niedrige Straßenbrücke (Durchfahrtshöhe: vier Meter; auf den Brückenpegel achten) und steuern danach auf dem Plauer See nach Norden.

Mit einer Länge von 14 Kilometern kommt der im Ranking der größten Seen Deutschlands immerhin auf Platz sieben. Mit dem bewaldeten Ufer der Halbinsel Plauer Werder an Backbord und der ausgetonnten Wasserskistrecke an Steuerbord führt unser Kurs in die Wendorfer Bucht hinein, wo am nordwestlichen Ende der Schwimmsteg des Sportboothafens der "Fischerei Alt Schwerin" auf uns wartet.

Das Geschäft ist schon in vollem Gange, wir finden trotzdem noch einen Tisch auf der Terrasse des Restaurants. Es gibt Flusskrebse aus eigener Zucht und Räucheraal mit Schwarzbrot. Wer selbst Rute und Rolle dabei hat, bekommt hier übrigens die nötige Angelkarte

Der westlichste Punkt unseres Törns ist jetzt greifbar nahe: Wir kehren zum Fahrwasser zurück und überqueren den an dieser Stelle gut vier Kilometer breiten (und heute sehr sommerlichen) Plauer See. Jollen mit schlaffen Segeln dümpeln vor sich hin und hoffen auf den kleinsten Windhauch. Bei der "Seelust", die uns jetzt entgegenkommt, ist das Oberdeck bis auf den letzten Platz mit Ausflüglern in Sonnenbrille besetzt.

Unser Ziel ist schon erkennbar: Der Leuchtturm auf der Mole von Plau am See liegt recht voraus.

Hier endet das Großseenland! Der Verlauf der Müritz-Elde-Wasserstraße folgt ab hier regulierten Fluss- und Kanalabschnitten bis zur Elbe bei Dömitz, immerhin noch 120 Kilometer entfernt. Die erste Schleuse wartet dagegen schon in Plau, also gleich um die Ecke. Statt in die Mündung der Metow einzufahren (die in ihre Richtung führt), halten wir uns aber rechts vom Leuchtturm und suchen uns einen Platz im neuen, gut geschützten Fischerhafen (dessen Fingerstege aber durchaus in erster Linie für Sportboote gedacht sind).

Ringsherum ist in den vergangenen Jahren das bunte Ensemble eines Hafendorfes mit Ferienwohnungen, Servicegebäude und Hafenkiosk mit Imbiss entstanden – und eben der Leuchtturm, der zwar von der unteren Gallerie eine schöne Panoramaaussicht über den See bietet, die Bezeichnung als "echtes" Seezeichen aber dennoch verdient.

Im oberen Stockwerk befindet sich nämlich das Leitfeuer für die Ansteuerung von Plau am See. 

Für uns geht es am anschließenden Tag zunächst auf gleichem Weg wieder zurück: Über Plauer See und Lenzer Kanal, an der Drehbrücke von Malchow vorbei und weiter durch den Fleesensee. Nachdem wir den Göhrener Kanal zum Kölpinsee passiert haben, schwenken aus dem Fahrwasser nach Backbord, wo die kurze Durchfahrt zum Jabelschen See im Uferdickicht verborgen liegt. Ein Tonnenpaar hilft jedoch bei der Ansteuerung, ebenso eine grün-weiß-grüne Tafel an einer Birke westlich der Einfahrt.

Vorsichtig hinein in den grünen Tunnel – für ein paar Minuten Amazonas!

Und dann hinaus auf den Jabelschen See, der zwar nur Kleinster der "Großen", dafür aber umso malerischer ist. Strohhelles Schilf säumt die Wasserkante, der Wald dahinter ist dicht und grün. In den stillen Buchten spiegeln sich Wolken und Ankerlieger. Im Yachthafen der Ferienanlage "Maribell" im Nordwesten des Sees machen wir an Fingersteg und Pfählen fest – idyllischer geht es kaum.

Bei einem Spaziergang kann man sich im kleinen Dorfladen versorgen und der Backsteinkirche einen Besuch abstatten. Den Abend lassen wir bei dem Ausblick natürlich "zuhause" ausklingen – auf unserem Achterdeck.

Nun fehlt nur noch die Müritz selbst, um unseren Törn komplett zu machen. Nach dem Kölpinsee lassen wir unsere Charterbasis also zunächst noch links liegen und folgen dem Reeckkkanal bis zur Binnenmüritz. Waren ist gut zu erkennen, der Turm der Marienkirche eine unübersehbare Landmarke. Wir aber folgen dem Fahrwasser an der Tonne "Eldenburg" nach Süden und zwischen den beiden Landspitzen von Behrenswerder und Ecktannen hinaus auf die offene Müritz, die nicht friedlicher sein könnte. Eine lange Prozession von Charteryachten und Hausbooten ist unterwegs, eine echte Wasserstraße;

wie eine Perlenschnur verbindet der Urlaubsverkehr die beiden Ausgänge des Sees in Nord und Süd.

Schloss Klink zieht vorbei, ebenso die weite Ausbuchtung des Sietower Seearmes. Wir peilen das nächste Nebengewässer an, den Röbeler Binnensee und dem Stadthafen an seinem Ende, wo wir noch eine entspannte Nacht am Schwimmsteg verbringen.

Ziel unseres letzten Tages ist dann Waren selbst. Aber so schnell geht es nicht: Über der Müritz liegt unerwartet dichtester Nebel. Bis in den Röbeler Binnensee reicht er hinein. Es dauert seine Zeit, bis die Sonne stark genug ist und sich die Schleier heben – das "Kleine Meer" ist eben immer für eine Überraschung gut.

Diesen Artikel lesen Sie in der September-Ausgabe 2018 von BOOTE. Das Heft ist im DK-Shop erhältlich.

Christian Tiedt am 22.09.2019