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Untere Havel und Potsdam

Nischt wie raus nach Wannsee - Teil 2

Christian Tiedt am 12.09.2016

Potsdam wollen wir uns natürlich genauer ansehen, umso erfreuter sind wir, als nur zwei Kilometer weiter in der Marina am Tiefen See gerade ein Gästeplatz am Feststeg frei wird. Für den laufenden Meter bezahlen wir 1,80 Euro, dazu kommen noch einmal 1,50 Euro pro Person. Duschmarken kosten 1 Euro, die Strompauschale richtet sich nach der Bootsgröße (www.marina-am-tiefen-see.de). Für den Landgang in die Altstadt ist der kleine Hafen ideal, und wer nicht so gern zu Fuß geht, kann ein Fahrrad mieten.

Ins Holländische Viertel

Auf der Suche nach einem kühlen Schluck geht es zuerst ins nahe Holländische Viertel. Unter Friedrich Wilhelm I. 1831 begonnen, sollte das neue Quartier geschäftstüchtige Handwerker aus den Niederlanden nach Preußen locken – mit einer perfekten Kopie ihrer Heimat. Sumpf wurde trocken gelegt, Baumstämme eingerammt, ein Fundament aufgeschüttet. Darauf entstand ein Schachbrett von Straßen und Häusern, 134 insgesamt, komplett mit Traufen und Treppengiebeln, wie in Utrecht oder Amsterdam.

Sein Sohn Friedrich II., bald selbst der "Alte Fritz", stellte das Viertel fertig. Nur die Neubürger machten sich etwas rar, und am Ende zogen doch viele preußische Beamte ein.

Im April wird trotzdem noch immer groß gefeiert: das Tulpenfest, was sonst? Wir gönnen uns in der urigen "Hohlen Birne" in der Mittelstraße erst einmal ein echtes Potsdamer Bier im Stangenglas. Das kommt aus nächster Nähe vom anderen Havelufer aus dem Forsthaus Templin, einer kleinen Bio-Brauerei. Hätte es so feine Braukunst schon damals gegeben, würden heute vielleicht doch mehr Vissers und Van Dijks in Potsdam wohnen.

Welterbe auf allen Ufern

Aber damit ist das Kulturprogramm in der brandenburgischen Landeshauptstadt natürlich noch lange nicht am Ende; selbst ohne Schloss Sanssouci und seine Gärten ließen sich mehrere Hafentage in Potsdam füllen. Dutzende weiterer Repräsentationsbauten, die Glanz und Gloria des aufstrebenden Königreiches Preußen widerspiegeln sollten, zählen heute als Gesamt-ensemble zum UNESCO-Welterbe: vom barocken Neuen Palais, in dem später – zu Kolonialzeiten – sogar die "Spitze des Kilimandscharos" einen Platz fand, bis zum Belvedere auf dem Pfingstberg, für dessen elegante Kollonaden Preußens Hofarchitekten nach Italien blickten.

Der Tiefe See öffnet sich im Norden auf die – besonders an Wochenenden – wohl geschäftigste Wasserstraßenkreuzung im Revier: Vor den hellen Fassaden des Schlosses Babelsberg, das sich auf dem steilen Südufer im gleichnamigen Park erhebt, zweigt hier der Griebnitzsee ab, der weiter zum Teltowkanal führt. Im Norden spannte die berühmte Glienicker Brücke ihr stählernes Tragwerk über die Engstelle zwischen Potsdam und Berlin. Dahinter folgt der Jungefernsee, von wo man westwärts zum Sacrow-Paretzer-Kanal abbiegen oder der Seenkette der Havel weiter nach Spandau folgen kann – unsere Route.

Die Brücke der Agenten

Doch zunächst die Glienicker Brücke, die nicht nur die beiden Nachbarstädte trennt, sondern während des Kalten Krieges hinweg auch eine ganz besondere Nahtstelle zwischen den Blöcken darstellte. Dreimal wurden hier bis 1986 gefangene Agenten ausgetauscht, insgesamt 40 Personen, darunter der amerikanische Spionage-Pilot Gary Powers, der 1960 über der Sowjetunion abgeschossen worden war. Erst im vergangenen Jahr brachte US-Regisseur Steven Spielberg einen Film über die „Bridge of Spies“ in die Kinos.

Für die Dreharbeiten musste die Brücke für ein paar Tage in die Zeit der Deutschen Teilung zurückversetzt werden. Dafür wurde sie mit Kontrollposten, Staatswappen und DDR-Laternen ausstaffiert und – als Ironie der Geschichte – natürlich auch wieder komplett gesperrt.

Wer die "Agentenbrücke" selbst überqueren will, kann dafür an der öffentlichen Sportbootliegestelle auf der Potsdamer Seite festmachen. Allerdings ist es hier durch den Schwell der vielen Sportboote, Wassertaxis und Ausflugsschiffe sehr unruhig.

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Christian Tiedt am 12.09.2016