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Reise: Flandern / Belgien

Zwischen den Türmen - Seite 2

Bodo Müller am 28.10.2017

Der Kanal führt nördlich und östlich um das historische Stadtzen­trum herum. An Steuerbord kommt ein Park mit jahrhundertealten Windmühlen auf, die als Sint-Janshuismolen bekannt sind und zu den Sehenswürdigkeiten von Brügge zählen.

Die Zugbrücken, die wir nun passieren, gehören bereits zum mittelalterlichen Verteidigungssystem der einst reichen Handelsmetropole. An Steuerbord, wo die Altstadt liegt, muss sich der Verkehr, der die Brücken passiert, durch schmale Tore in mächtigen Wehrtürmen fädeln. Immer wieder kommt es zu Unterbrechungen, wenn die Schiffe eine Brückenöffnung anfordern.

Wir passieren die historische Kruis­poortbrug und kündigen der Verkehrs­leitzentrale über UKW an, dass wir nicht weiterreisen, sondern in den Stadthafen Coupure einlaufen möchten. Gerade will ich den Hafenmeister auf Kanal 18 anfunken, damit er die Hängebrücke über der Hafeneinfahrt hochzieht, da sehe ich ihn schon mit dem Fahrrad kommen. Er winkt mir zu und öffnet die Brücke.

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Altstadt Brügge - Rozenhoedkaai

Offensichtlich hat er den Funkverkehr mit der Verkehrsleitzentrale abgehört. Der freundliche Mann gibt uns einen Liegeplatz ganz im Innern des Coupure-Hafens, gleich neben der Altstadt. Dort wartet schon seine Frau, die die Leinen unseres Bootes annimmt. Der Hafenmeister folgt mit dem Fahrrad, überreicht uns das WLAN-Kennwort, einen Stadtplan und Prospekte über Sehenswürdigkeiten und Restaurants.

Die Frau des Hafenmeisters sagt, wir hätten den schönsten Liegeplatz, gleich neben der "Marieke" von Jacques Brel. Die lebensgroße Bronzefigur von Jef Claerhout neben unserem Steg zeigt ein hübsches junges Mädchen mit freizügigem Dekolleté, wehendem Haar und Mini­kleid.

Es ist jene Marieke, von der einst der berühmte Chansonnier Jacques Brel sang: "Ach Marieke, Marieke, ich liebte dich so sehr zwischen den Türmen von Brügge und Gent." Es war Brels patriotisches Liebeslied an seine Heimat Flandern.

Das nie im Krieg zerstörte oder modern überbaute Brügge zeigt sich noch heute in seiner mittelalterlichen Schönheit. Damals war Brügge mit seiner schiffbaren Anbindung zur Nordsee eine der reichsten Städte Europas. Tuchherstellung und -handel hatten den Wohlstand begründet. Das von Kanälen, Wällen, Zugbrücken und Wehrtürmen umgebene Stadtzentrum zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe.

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Altstadt Gent

Vom Bootshafen sind es wenige Schritte bis in die Altstadt. Wir sind von der Schönheit überwältigt: Grote Markt, Provinciaal Hof, Heilig-Blut-Basilika, Rathaus und Rozenhoedkai – nirgendwo gibt es so viele mittelalterliche Prachtbauten auf engstem Raum. Auf dem Grote Markt backen fliegende Händler die typischen belgischen Waffeln und belegen sie mit Sahne und Früchten. In den malerischen Gassen rund um den Markt präsentieren die Chocolatiers ihre feinsten Pralinen.

Zum Abend empfiehlt es sich, eines der vielen Brauhäuser anzusteuern. Belgien hat eine große Tradition im Brauen exotischer Biere mit Fruchtgeschmack, die es sonst nirgendwo gibt. Angeblich kennt und trinkt man in Belgien 500 verschiedene Sorten Fruchtbier.

Brügge bietet so viele Sehenswürdig­keiten, dass man mehrere Tage bleiben müsste. Unser Problem ist, dass wir das Boot nur für eine Woche gechartert haben. Daher müssen wir der flämischen Schönheit bereits nach einer Nacht den Rücken kehren, wenn wir wie geplant auch noch Gent sehen wollen.

Tags darauf um 14.30 Uhr verlassen wir den Hafen Coupure in Brügge und biegen nach Steuerbord in den kanaal Gent-Oost­ende ein. Unser Ziel ist die 55 Kilometer entfernte Metropole Gent. Wir melden uns über UKW-Kanal 18 bei der Verkehrsleitzentrale an und bitten um Öff­nung der Gentpoortbrug, erhalten aber die Antwort, dass wir warten müssen.

Ein großes Frachtschiff kommt von Norden, für dieses sollen wir Platz machen. Erst hinter dem Frachter dürfen wir die Klappbrücke passieren. Da über diese eine wichtige Zufahrtsstraße in die City führt, kann sie nicht wegen eines einzelnen Bootes geöffnet werden.

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Bodo Müller am 28.10.2017