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Reise: Flandern / Belgien

Zwischen den Türmen - Seite 3

Bodo Müller am 28.10.2017

Nach einer halben Stunde kommt ein derart großes Binnenschiff von Norden angeschlichen, dass wir uns kaum vorstellen können, dass es durch die relativ schmale Klappbrücke passt. Die ist in­zwischen voll aufgeklappt, und alle starren auf den Frachter.

Sicherheitshalber verkriechen wir uns ganz an die Seite. Doch das Schiff fädelt sich dermaßen präzise hinein, dass an jeder Seite noch eine Handbreit Luft bleibt. Wir folgen in seinem Schraubenwasser.

Auf dem kanaal Gent-Oostende be­gegnen wir nur wenigen Sportbooten. Der ein­zige Sportboothafen existiert am Süd­ufer des Kanals, in Beernem. Die Zug­­brücken und die einzige Schleuse dort passieren wir im Konvoi mit Frachtschiffen. An­sonsten gibt es auf diesem relativ langen Kanalabschnitt wenig zu sehen und auch keine Möglichkeit zum Anlegen. Nach dreieinhalb Stunden Fahrt kreuzt der Afleidingskanaal van de Leie die Wasserstraße nach Gent. Ab diesem Punkt wird es deutlich lebhafter.

Flandern

Gent - Korenlei und Graslei

Nach weiteren acht Kilometern erreichen wir die Ringvaart Gent, eine Schifffahrtsautobahn, die einen Halbkreis um den Westen von Gent bildet. Sie verlangt auch von erfahrenen Skippern höchste Konzentration, denn hier geht die Post ab: In beiden Fahrtrichtungen verkehren Containerschiffe, Tankschiffe, Holzfrachter sowie Schubverbände mit Schrott, Kies, Kohle und Erz. Das Funkgerät ist keine Sekunde still. Ständig wird auf Flämisch, Französisch und Englisch geredet.

Anfangs versuchen wir, im Verkehrsstrom mitzuschwimmen, stellen aber bald fest, dass wir zu langsam sind und permanent ausweichen müssen. In diesen Situationen habe ich außerdem das Gefühl, dass unser Charterboot untermotorisiert ist.

Viel Verkehr herrscht nicht nur auf dem Wasser, sondern auch an Land, und es ist nervend laut. Der Kanal wird von einer mehr­spurigen Autobahn flankiert – die Was­­­serstraße bildet sozusagen den Grünstreifen in der Mitte. Nach sieben Kilometern können wir dem Verkehr auf dem Was­ser und an Land entfliehen. Wir biegen von der Ringvaart Gent nach links zum Stadtzentrum ab. Jetzt schippern wir relaxed auf dem Fluss Leie, der uns durch ruhige Vororte mitten nach Gent führt.

Abends erreichen wir den Passantenhaven Gent Ketelvest, wo am Westufer ein Dutzend Boote liegen. Der freundliche Hafenmeister zeigt uns einen Liegeplatz, nimmt die Leinen an und reicht das Passwort fürs Internet. In diesem Moment öffnet der Himmel alle Schleusen, und ein wolkenbruchartiger Regen prasselt auf uns nieder. Wir streichen den Spaziergang zur nahen Altstadt von Gent und holen die Spaghetti aus der Backskiste.

Morgens lockt uns das Himmelsblau aus der Koje. Ganze 600 Meter sind es zum historischen Stadtkern. Mit einer Viertelmillion Einwohnern ist Gent etwa doppelt so groß wie Brügge und steht in seiner architektonischen Pracht der kleinen Schwester nicht nach. Gent wurde einst ebenfalls durch den Tuchhandel wohlhabend und mächtig.

Auch hier haben wir wieder das Gefühl, dass ein Tag sehr knapp ist, um einen Eindruck von der Stadt zu erhalten. Mit mehr als 9800 kulturhistorisch wertvollen, denkmalgeschützten Gebäuden konkurriert Gent mit dem touristisch bekann­teren Brügge.

Die Stadtsilhouette wird seit dem Mittelalter von "de drie torens", den drei Türmen, dominiert. Dabei handelt es sich um den Genter Belfried, den Turm der St.-Bavo-Kathedrale und den Turm der Sint-Niklaaskerk am Kornmarkt. Eindrucksvoll schön sind auch die einstigen Gildenhäuser an der Gracht des alten
Hafens, der Graslei und der Korenlei.

An jeder Ecke werden belgische Spezialitäten wie Trüffel (handgefertigte Pralinen in jeder Geschmacksrichtung) oder Cuberdons (geleeartige Süßigkeiten in Form einer Nase) angeboten. Und in den etlichen Restaurants unter freiem Himmel löscht man den Durst vor allem mit dem landestypischen Kriek, einem Bier mit Kirschgeschmack.

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Bodo Müller am 28.10.2017