Neuenburgersee Neuenburgersee

Reise: Juraseen / Schweiz

Südsee am Alpenrand

Dieter Wanke am 20.10.2019

Drei-Seen-Land: Neuenburgersee, Bielersee und Murtensee sind durch Kanäle verbunden und bieten viel Abwechslung

Die beschauliche Ortschaft Estavayer-le-Lac hat einen großen Hafen am Neuenburgersee oder auch Lac Neuchâtel, wo sich die Basis unseres Charterunternehmens befindet. Mit der Verständigung ist das so eine Sache in der Schweiz, insbesondere im befahrenen Revier, denn die Sprach- und Kantonsgrenzen ziehen sich überall durch das Drei-Seen-Land. Unser Ausgangspunkt gehört zum Kanton Freiburg. Hier wechselt sich Schweizerdeutsch mit Französisch manchmal in jeder Ortschaft ab. Nach der Ankunft bei Nasta Marine werden wir von Monika Carrard sehr freundlich auf Deutsch empfangen, obwohl auf der Straße Französisch dominiert. Man ist eben flexibel in der Gegend.

Die Übernahme der perfekt gepflegten Linssen Grand Sturdy 36.9 AC wird mit landestypischer Präzision schnell erledigt. Unserem Start nach Neuchâtel steht nichts mehr im Weg.

Fotostrecke: Drei-Seen-Land

Allerdings sollte man sich einen ausgiebigen Rundgang in dem hübschen Ort nicht entgehen lassen. Also brechen wir erst mal zu einer Erkundung auf. Geboten wird eine idyllische mittelalterliche Altstadt mit dem imposanten Schloss Chenaux aus dem 14. Jahrhundert. In einem der Restaurants verweilen wir für eine kurze Stärkung und genießen ein Sandwich bei herrlichem Ausblick auf die historischen Gebäude in den Gassen. Zurück im Hafen bekommen wir noch die Nachricht, dass alle Gastplätze im Stadthafen Jeunes Rives belegt seien.

Wir sollen im benachbarten Hafen Nid du Crô den Steg neben der Tankstelle ansteuern. So machen wir das. Ein Liegeplatz ist frei und der Fußmarsch in den Ortskern dauert nur wenige Minuten länger.

Nachdem wir ein großes Einkaufszentrum direkt an der Marina passiert haben, kommen wir zwangsläufig am angeblich vollen Hafen vorbei. Zu unserem Erstaunen sind fast alle Gastplätze frei. Vielleicht sind die Yachten, die dort gelegen haben, schon wieder auf dem Weg in ihren Heimathafen. Längere Aufenthalte sind in dem Revier nämlich nicht die Regel. Die sanitären Anlagen sind an unserem Liegeplatz leider nicht sehr attraktiv und die Duschen verschlossen, aber wir sind ja auf der Linssen bestens versorgt. Das lernen wir auf der Reise noch mehrfach zu schätzen. 

Neuchâtel ist Hauptstadt des gleichnamigen Kantons und liegt unmittelbar am Fuß des Juragebirges, das sich über die gesamten Westufer des Neuenburger- und Bielersees erstreckt. In der Regionalmetropole gibt es viel zu entdecken. Erstmals im Jahr 1011 erwähnt, blickt die Stadt auf eine lange Historie zurück. Das Zentrum aus dem Mittelalter mit dem Schloss und der Kollegiatkirche, beide aus dem 12. Jahrhundert, sind sehenswerte Ziele.

Wer einen Überblick über den ganzen See haben möchte, kann sich auf den Weg zum Aussichtsturm an der Bergstation der Seilbahn zum Berg Chaumont machen, um das atemberaubende Panorama zu genießen. Bei guter Fernsicht sieht man von hier auch einige große Alpengipfel, wie den Mont Blanc.

Kulinarisch werden Besucher in der Altstadt fündig. Um den Marktplatz mit der Fontaine du Banneret gibt es zahlreiche Restaurants, die von der französisch geprägten Küche bis zum landestypischen Käsefondue ein reichhaltiges Angebot auf den Speisekarten haben. Wir bevorzugen eines der Freiluftrestaurants direkt am Seeufer und genießen eine große Portion der Nationalspeise "Filet de Perche", auch bekannt als "Eglifilet", was nichts anderes ist als Flussbarsch.

Am nächsten Morgen werden wir von strahlendem Sonnenschein geweckt. Die Fahrt nach Grandson wird uns entlang des kompletten Westufers führen. Ein Abstecher in das wenige Kilometer nördlich gelegene Hautrive mit einem Besuch im Laténium (http://www.latenium.ch) ist zwar sehr reizvoll, würde allerdings einen weiteren Tag beanspruchen, denn in dem größten Archäologiemuseum der Schweiz werden 50 000 Jahre Regionalgeschichte mit unzähligen Exponaten präsentiert.

Nur fünf Kilometer nach dem Ablegen passieren wir den Port d'Auvernier. Hier befindet sich eine automatische Kompressorstation (http://www.airstation.ch), um Tauchflaschen zu füllen. Auch unter der Wasseroberfläche gibt es schließlich reizvolle Ziele im See. Wer alles sehen oder erleben will muss jedoch mehr Zeit einplanen, als die uns zur Verfügung stehende Woche.

Wir genießen die sonnige Fahrt entlang der Weinberge und freuen uns, dass unser Zielhafen Grandson im Kanton Waadt bestens auf Gäste vorbereitet ist. An der Außenseite der alten Mole gibt es 16 Gastplätze an Stegen und der Hafenmauer mit Bojen. Der Hafenmeister weist uns bei der Ankunft einen Platz am Steg mit Stromversorgung zu.

Die gibt es für Gäste nur in wenigen Häfen. Die Sanitäranlagen sind vorbildlich. Die Marina liegt direkt am Bahnhof. Mit dem Zug kann in wenigen Minuten Yverdon-les-Bains erreicht werden, was mit dem Boot mangels Liegeplätzen nicht geht. Die Züge sind gut zu hören. Nachts ist allerdings kaum Verkehr. Der Ort gehört zu den ältesten Siedlungen der Region.

Davon zeugt ein gefundener Menhir, auch als "Hinkelstein" bekannt, der auf eine Kultstätte aus der Jungsteinzeit hinweist sowie zahlreiche Funde von Überresten der Pfahlbauten aus der Stein- und Bronzezeit. Die heutige Siedlung entstand etwa zeitgleich mit Neuchâtel. Die Burg Grandson, heute ein beliebtes Ziel von Touristen, wurde 1050 erstmals erwähnt. Benediktiner- und Franziskanermönche prägten den Ort im Mittelalter.

Sehenswert ist neben der Burg das historische Zentrum mit seinen verwinkelten Gassen.

Unser Ziel am nächsten Tag hat einen völlig anderen Charakter und befindet sich am Ostufer des Sees. Es ist Sonntag, deshalb legen wir früh ab. Denn in Gletterens gibt es nicht viele Gastplätze, die wir mit unserer verhältnismäßig großen Yacht anfahren können.

Bei dem makellosen Wetter sollte an Wochenenden eine große Nachfrage einkalkuliert werden. Der Ort ist ein Traumziel für Wasserratten und Naturliebhaber. In dem wunderschönen Hafen entlang eines Kanals liegen die Boote direkt am angrenzenden Schilf. Der Steg an der Einfahrt ist für Gäste gedacht. Direkt daneben ist hier ein großer Sandstrand, der natürlich nicht nur Bootstouristen anlockt. Schon aus der Entfernung ist zu erkennen, dass es zahlreiche Besucher gibt. Wir haben Glück und ergattern den letzten Platz.

Nach einem kurzen Rundumblick haben wir fast den Eindruck in der Südsee zu sein. Weißer Sandstrand auf der Uferseite und leuchtendes türkisfarbenes Wasser auf dem See. Hier lassen sich viele Bootssportler treiben.

Insbesondere am Ostufer mit dem weit in das Gewässer ragenden Sandgrund gibt es zahlreiche Ankermöglichkeiten, wo man einen Badestopp machen oder gar übernachten kann. Nur wenn Starkwind oder Gewitter drohen, sollte besser ein Hafen angelaufen werden. So viele Ankerplätze mit schöner Kulisse gibt es nicht in jedem Binnengewässer. Das zählt zu den Besonderheiten des Reviers. Der Hafen von Gletterens ist ein Neubau, der 2010 vollendet wurde. Der Ort selbst ist eine Feriensiedlung, die wenig zu bieten hat. Dennoch gibt es mit dem nachgebauten jungsteinzeitlichen Pfahlbaudorf "Village Lacustre de Gletterens" (http://www.village-lacustre.ch) ein spannendes Ziel zu erkunden.

Obwohl es sich um ein Touristenzentrum handelt, ist Gastronomie eine Rarität. Darauf muss man vorbereitet sein. Bei den Pfahlbauten gibt es eine Pizzeria, die wir für das Abendessen anvisieren. Als wir ankommen, müssen wir leider feststellen, dass ab 18 Uhr geschlossen ist. Zum Glück haben wir eigenen Proviant dabei. Inzwischen sind alle Besucher verschwunden, und wir liegen ganz alleine am Steg. Montags müssen eben auch die Schweizer wieder arbeiten.

Unser nächstes Ziel ist eine Attraktion der ganz anderen Art im Bielersee, die St. Petersinsel. Hier kommen wir in den Kanton Bern, wo meist Schweizerdeutsch dominiert. Dazu muss zuerst der Canal de la Thielle passiert werden. An der Ostseite der Nordspitze wartet direkt beim ehemaligen Cluniazenser-Kloster, das heute als Luxushotel dient und neben dem Hof des Inselbauern steht, der kleine Port Rousseau auf Gäste.

Für Boote unserer Größe gibt es nur einen Liegeplatz, der sich dank Bug- und Heckstrahlruder der Grand Sturdy gut anlaufen lässt. Wie am Namen des Hafens leicht erkennbar, war der Philosoph Jean-Jacques Rousseau schon zu Besuch; selbst Goethe verbrachte hier etwas Zeit.

Viel ist bei unserer Visite nicht los. Der Rundgang ist schnell erledigt, könnte allerdings bei Bedarf noch mit einer Wanderung über die knapp zwei Quadratkilometer große Insel, die ein Naturschutzgebiet bildet, ausgedehnt werden.

Wir freuen uns schon auf das Grillen beim Lagerfeuer direkt am Anleger, das wir für den Abend einplanen, denn es gibt einige fest eingerichtete Feuerstellen mit Tischen und Bänken direkt vor dem Steg. Allerdings zieht am späten Nachmittag heftiger Dauerregen auf, der uns einen Strich durch die Rechnung macht. Die Bordküche kommt so abermals zum Einsatz.

Am nächsten Tag steht Biel auf der Besuchsliste. Nur wenige Kilometer nach dem Auslaufen ist der Hafen in Sicht. Hier geht es nicht so beschaulich zu, wie im Naturschutzgebiet der Insel. Gastplätze für größere Yachten gibt es nur an der Westseite hinter der Einfahrt. Stromversorgung ist wie so oft nicht zu finden. Auch die Hafenmeister machen sich in dem Revier nicht selten rar. Manchmal ist ein Briefkasten montiert, der zum Einwurf der moderaten Gebühren auffordert.

Biel ist mit gut 50 000 Einwohnern die größte Stadt, die im Drei-Seen-Land besucht werden kann. Sehenswert ist natürlich die Altstadt. Die ist allerdings einige Kilometer vom Hafen entfernt. Wir passieren eine florierende Innenstadt mit zahlreichen Einkaufsmöglichkeiten.

Wer Shopping auf dem Plan hat, liegt hier goldrichtig. Biel ist das Zentrum der Uhrenindustrie.

Außer der Zentrale der Swatch Group und der Produktion von Rolex sind hier viele bekannte Marken vor Ort. Das bringt spürbar Geld in die Stadt. Auch Biel hat eine lange Geschichte, die sich durch Fundstücke von Pfahlbauten über mindestens 5000 Jahre belegen lässt.

In der sehr gut erhaltenen und von Bächen durchzogenen Altstadt aus dem 15. bis 18. Jahrhundert sind überwiegend Kleinbetriebe wie Metzger, Bäcker, sowie die Gastronomie zu finden. Das Zentrum bildet der großzügige Burgplatz mit dem Gerechtigkeitsbrunnen, von dem mehrere Gassen abzweigen.

Am Ende unserer Erkundungsreise steht noch ein Besuch in Murten auf dem Plan. Dazu fahren wir an den ebenso mit Weinreben gespickten Westhängen des Bielersees zurück durch den Kanal in den Neuenburgersee, um dann gleich im Nordosten den Canal de la Broye zum überschaubaren Murtensee zu nehmen.

Nur vier Gastplätze soll es in der malerischen Marina geben. Bei unserer Ankunft ist zwar keiner belegt, aber es zeigt sich, dass unsere Linssen gerade so zwischen die Dalben eines einzigen Platzes passt, die anderen sind zu eng. Glück gehabt.

Auf Yachten mit solchen Dimensionen ist man hier offensichtlich nicht vorbereitet. Immerhin gibt es Strom. Die bildhübsche Altstadt mit ihrer gut erhaltenen Befestigungsmauer samt Wachtürmen aus dem Mittelalter ist nur wenige Schritte vom Hafen entfernt. Die Bausubstanz um die Hauptgasse mit dem Berntor stammt überwiegend aus dem 17. oder 18. und ist in hervorragendem Zustand.

Überall tummelt sich hier die Gastronomie, die zum Verweilen einlädt. Ein Spaziergang entlang des Wehrgangs der Ringmauer, die ab 1238 entstand und mehrfach erweitert wurde, bietet eine exzellente Aussicht auf den historischen Kern von Murten.

Nach einem sonnigen Ausflug in der herrlichen Kulisse bleibt uns am nächsten Tag nur der Rückweg zur Charterbasis nach Estavayer-le-Lac mit schönen Erinnerungen an einen sehr abwechslungsreichen Törn einschließlich einer Vielzahl von Highlights.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Oktober-Ausgabe 2018 von BOOTE. Oder Sie laden sich das PDF zum Test weiter unten herunter. 

Dieter Wanke am 20.10.2019