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Reise: Polen

Großpolenring

Maximilian Simchen am 25.08.2021

Drei Mann in einem Boot: Er gehört zu den letzten großen Abenteuern auf Europas Wasserstraßen. Drei Studenten haben die Herausforderung angenommen – im offenen Stahlboot mit Außenborder

Die Vorbereitung
"Ihre Großes Packet ist auf die Tür rein", steht auf dem Zettel, den ich im Briefkasten unserer Studenten-WG finde. Wir sind uns zwar nicht sicher, ob wir den Ersatz-Außenborder wirklich brauchen, haben aber vor zwei Jahren auf der Oder gelernt, dass ein Propeller schneller als man denkt irgendwo im Flussgrund steckt, wo er normalerweise nicht hingehört. Und nun haben wir eine Rückfall­ebene gekauft – wie ein zweites Leben in einem Jump-’n’-Run-Spiel.

Tatsächlich steht im Treppenhaus ein wirklich großer Karton. Die "This-Side-Up"-Pfeile zeigen Richtung Fußboden. Als ob auch sie uns sagen möchten, dass auf der bevorstehenden Tour nicht alles so funktionieren würde, wie es einmal geplant war. Pannen gehören eben dazu. Eine halbe Stunde später stehe ich im Wohnzimmer und drücke liebevoll die etwas deformierte Motorhaube des brandneuen "2,5er" halbwegs in Form.

Das Boot
Die Wahl fällt auf ein historisches, genietetes Stahlboot. Ein anderes hätten wir ohnehin nicht gehabt. Es gibt keine Kajüte, dafür aber eine super Persenning mit fast Sitzhöhe. Wir verbringen einen mehrtägigen Arbeitseinsatz mit Winkelschleifer, 2K-Farbe und wohlriechendem Schiffsbodenöl. Außerdem kaufen wir eine Kompressor-Kühlbox. Diese dient zur Bereitstellung von stets frischem Obst und Gemüse. Wir haben aber festgestellt, dass sich genauso gut diverse Bierchen darin unterbringen lassen. Der Stahlrumpf ermöglicht die Befestigung sämtlicher Ausrüstungsgegenstände nach dem Kühlschranktür-Prinzip: Von den Solarzellen über den Betriebsstundenzähler bis hin zum Echolotgeber ist alles reversibel mit Magneten befestigt.

Unser Team
Die Bootsmannschaft besteht aus drei Studenten: ein Elektrotechniker für Leistungselektronik (Micha), ein Musiker (Mattes) und ein Maschinenbauingenieur (ich). Es stimmt durchaus, dass diese drei Gewerke auf Tour ab und zu nützlich sind. Gewiss aber sind die Liebe zu Boot und Fluss, eine ordentliche Portion Teamfähigkeit sowie ein kleines bisschen Leidensbereitschaft die eigentlichen Voraussetzungen.

Geplante Route
Der Wielka Pętla Wielkopolski, wortwörtlich übersetzt die "große Schleife von Großpolen", ist sogar auf dem Wasserweg von Deutschland aus erreichbar. Hierfür fährt man in den Grenzfluss Oder und dann die Warthe (polnisch: Warta) hinauf. Die eigentliche Rundfahrt beginnt in Santok. Dort biegt man zunächst in die Netze (Noteć), denn gefahren wird die Runde, zwecks Nutzung der Fließrichtung und -geschwindigkeit, im Uhrzeigersinn. Die Netze wird zum Kanal und geht östlich geradeaus, theoretisch sogar bis zur Weichsel (Wisła). Bei Lisi Ogon, das ist kurz vor Bydgoszcz, wird nach Süden in einen Kanal abgebogen, der irgendwann wieder auf die "Original-Netze" trifft. Folgend durchfährt man den unheimlich langen Gopło-See sowie eine weitere Seenkette, bis man wieder auf die Warthe stößt. Nach etwa 710 Gesamtkilometern wird der Kreis in Santok geschlossen. So weit der Plan. Unsere Vorfreude wird plötzlich unterbrochen, als Micha auf den Webseiten des polnischen Wasserstraßenamtes zwei gesperrte Schleusen, "under construction", entdeckt. Die Schleuse Krzyz liegt auf der Netze und ist die erste, die wir passieren würden. Schleuse Lochowo, Baustelle Nummer zwei, liegt geografisch quasi am Scheitelpunkt der Route.

Erst als das Kartenmaterial für den alternativen Bootsurlaub in Deutschland schon in der Post ist, denke ich mir einen Plan aus: die erste Baustelle in Krzyz schon bei der Anreise mit dem Trailer umfahren und die Schleuse Lochowo in Absprache mit dem zuständigen Wasserstraßenamt noch kurz vor der eigentlichen Außerbetriebsetzung passieren. Grünes Licht bekommen wir tatsächlich erst wenige Tage vor Abfahrt, gesendet vom privaten E-Mail-Account eines Schleusenwärters. Die Dienst-Mail ist nämlich defekt. Lieber Schleusenwärter Simon, an dieser Stelle danken wir dir von ganzem Herzen.

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Maximilian Simchen am 25.08.2021
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