Oberländischer Kanal Oberländischer Kanal

Reise: Weichselwerder / Polen

Landpartie

Arne Körtzinger am 12.05.2020

Polens Norden: auf Chartertörn über die Flussarme des Weichselwerders und über den Oberländischen Kanal

Fotostrecke: Europas größtes Binnenrevier

Bei herrlichem Sonnenschein empfängt uns Daniel, unser Bootsverleiher, am Sonntagmorgen auf der kleinen Marina in Żuławki, einem Dörfchen an der Elbinger Weichsel. Auf der Autofahrt dorthin waren wir kurz zuvor an stattlichen Vorlaubenhäusern vorbeigekommen – einer von vielen Spuren, die Mennoniten im Weichselwerder hinterlassen haben.

In den Niederlanden, ihrer ursprünglichen Heimat, hatten sie gelernt, Land zu entwässern und urbar zu machen und so dem Meer Meter um Meter abzutrotzen.

Es waren diese Fähigkeiten, die König Sigismund I. bewogen, die Religionsflüchtlinge im 16. Jahrhundert als Siedler ins Land zu holen. So entstand teilweise unter dem Meeresspiegel eine malerische Landschaft mit Kanälen, Windmühlen und Klappbrücken. Es ist diese zeitlose, auch als "Klein-Holland" bekannte Landschaft, die uns in ihren Bann ziehen wird.

Unser schneeweißes Boot "Vabank II" liegt aufgetankt und startklar an seinem Liegeplatz. Voller Vorfreude verstauen wir unser Gepäck und ein paar Vorräte an Bord und richten uns in unserem kleinen, aber feinen Feriendomizil häuslich ein. Daniel erklärt uns – Landratten ohne einschlägige Bootserfahrung, geschweige denn Bootsführerschein – mit sparsamen Sätzen und Handgriffen die Funktionsweise des Bootes und seiner Einrichtung.

Eine Probefahrt mit uns hält er offenkundig nicht für nötig. Wird schon, sage ich mir also, als ich vorsichtig den Gashebel auf rückwärts ziehe und meine "Crew" aus Ehefrau und Sohn die mit einem "Have a nice trip!" hinübergeworfenen Leinen in Empfang nimmt.

Das Ausparken gelingt, und nach einer schwungvollen Linkskurve sind wir unterwegs auf dem "Weichselwerder-Ring", einer Rundroute, die sich trotz intensiver Vermarktung und forciertem Aufbau von touristischer Infrastruktur immer noch wie ein absoluter Geheimtipp ausnimmt. Für die nächsten sechs Tage werden wir zu unserer großen Überraschung und Freude diese idyllische Welt fast für uns allein haben.

Die Szkarpawa (Elbinger Weichsel), ein östlicher Deltaarm der Weichsel, mäandriert inmitten schilfbestandener Ufer nach Osten. Schon nach wenigen Kilometern habe ich, ohne es wirklich zu merken, langsam, aber sicher den Gashebel zurückgenommen – die Landschaft beginnt uns in ihren eigenen, langsamen Rhythmus zu ziehen.

Mit selten mehr als sechs bis acht Stundenkilometern tuckern wir fortan dahin. Seerosen, Fischreiher, Bauernhäuser ziehen unsere Blicke auf sich. Noch kommentieren wir erfreut jedes Storchenpaar auf den sattgrünen Wiesen. Doch bald macht sich tiefe Entspannung breit – als schon die erste Aktion ansteht. 

Vorbei an der geöffneten Drehbrücke einer im Sommer als Touristenattraktion verkehrenden urigen Schmalspureisenbahn erreichen wir Rybina. In dem kleinen Dorf zweigt links hinter der blauen Klappbrücke die Königsberger Weichsel – auf Polnisch Wisła Królewiecka – nach Norden ab.

Einst Hauptwasserstraße von Danzig über das Frische Haff nach Königsberg, verkam sie mit der Zeit zu einem reinen Entwässerungskanal und wurde erst vor zehn Jahren wieder als Wasserstraße instand gesetzt. Heute bietet sich auf ihr ein Abstecher zur Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Stutthof an, wo eine Begegnung mit den in Polen allgegenwärtigen Spuren der jüngeren deutschen Geschichte möglich ist.

Da uns dieser Ausflug wegen eines Defekts an der Klappbrücke verwehrt bleibt, setzen wir unsere Reise auf der
Szkarpawa fort, wo wir nach zwanzig Kilometern das Ziel unserer ersten Tagesetappe, die kleine Marina in Osłonka, erreichen. Moderne Sanitäranlagen, Picknicktische, Grillplatz und ein Beachvolleyballfeld sorgen für den angenehmen Ausklang des Tages.

Nach einem gemütlichen Bordfrühstück in der Morgensonne brechen wir am nächsten Morgen zur zweiten Tagesetappe auf und erreichen rasch die Mündung der Szkarpawa in das Frische Haff. Nach einem kurzen, schilfumrahmten Blick auf die offene Wasserfläche biegen wir jedoch sogleich in die benachbarte Mündung der Nogat, eines 62 Kilometer langen Mündungsarms der Weichsel – ursprünglich ein eigener Fluss, der erst seit einem Hochwasser im Jahre 1361 eine Verbindung zur Weichsel besitzt. Ihn werden wir auf der gesamten Länge durchfahren und als landschaftlich besonders schön schätzen lernen.

Für heute begleitet uns der Fluss jedoch nur über zehn Kilometer, nach denen wir in den Jagiellonenkanal einbiegen. Das zwanzig Meter breite und nur knapp sechs Kilometer lange Bauwerk stammt aus dem 15. Jahrhundert und ist damit der älteste Kanal Polens. Er ersparte den Umweg über das Frische Haff und verkürzte somit den damals wichtigen Wasserweg von Elbląg (Elbing) nach Malbork (Marienburg).

Unmittelbar nach seiner Einmündung in die Elbląg kündigt sich die gleichnamige Stadt, eine alte Hansestadt und heutiges Industriezentrum, durch ihre Fabrikkulisse an. Die im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstörte historische Altstadt wurde und wird nach der politischen Wende 1989 unter Verwendung historischer Gestaltungselemente in historisierendem Stil aus einem Guss neu aufgebaut.

Die heute sehr aufgeräumt, ja fast kulissenartig wirkende Stadt kann ein gewisses Disney-Flair nicht leugnen. Und doch trifft der aufmerksame Besucher auf viele Überraschungen. Etwa die zahllosen abstrakten, zur industriellen Tradition der Stadt passenden Metallskulpturen im öffentlichen Raum, die auf eine bereits in sozialistischer Zeit gestartete "Biennale der Raumformen" zurückgehen.

Oder auch die Galeria EL, eine Galerie für moderne Kunst, die in der Ruine der riesigen St.-Marien-Kirche untergebracht ist und in der sich so ein Kunst-Raum-Erlebnis der besonderen Art bietet.

Am Morgen des dritten Tages dümpeln wir schon um fünf vor neun vor der ersten der beiden Klappbrücken in Elbląg, um auf keinen Fall die stündliche Öffnung zu verpassen. Nur bei Bedarf und für einen kurzen Augenblick öffnen sich dann kurz nacheinander die beiden Brücken und ermöglichen die Durchfahrt.

Heute liegt eine besondere Etappe vor uns – sowohl in landschaftlicher wie in hydrotechnischer Hinsicht. Der langsam verlandende, im Mittel nur etwa 1,3 Meter tiefe Jezioro Drużno, im Gefolge der nacheiszeitlichen Dynamik ursprünglich eine Bucht des Frischen Haffs, entzückt uns nur wenige Kilometer flussaufwärts durch seine reiche Tier- und Pflanzenwelt.

Vollständig mit Seerosen und anderen Schwimmpflanzen bedeckt, von Schilfgras umzingelt, stellt er ein Vogelparadies dar, das wir auf schmaler Fahrrinne durchqueren. Angler ziehen hier im Herbst immer wieder kolossale Hechte aus dem Wasser.

Uns jedoch zieht es weiter zum Kanał Elbląski (Oberländischen Kanal), auf dem uns ein besonderes Technikdenkmal erwartet. Auf einer Strecke von 9,5 Kilometern überwindet der Kanal knapp einhundert Höhenmeter hinauf zum Jezioro Piniewo auf dem Elbinger Höhenzug. Er vollbringt dieses nicht etwa mit einer langen Reihe von Schleusen, sondern über fünf Rollberge. Jeder der bis zu 500 Meter langen Rollberge besitzt eine Standseilbahn, auf der zwei gegenläufige Schienenwagen die Schiffe bergauf bzw. bergab befördern und dabei im Mittel zwanzig Meter Höhendifferenz bewältigen.

Angetrieben wird diese bereits vor gut 150 Jahren errichtete, denkmalgeschützte Technik ausschließlich durch Wasserkraft, die an jedem Rollberg in einem Maschinenhaus über ein unterschlächtiges Wasserrad auf die Seilmaschine übertragen wird. Es ist nicht ganz ohne Herzklopfen, als sich bei unserem ersten Rollberg in Całuny
der Schienenwagen in Bewegung setzt und die sorgfältig eingefädelte und von uns in Position gehaltene "Vabank II" langsam, aber sicher aus dem Wasser hebt.

Doch schon bald schwebt das Schiff sicher über Land, und wir genießen dieses ungewöhnliche Bootserlebnis und lassen unsere Blicke über die weite, liebliche Landschaft schweifen.

Da wir bis zum Abend zurück nach Elbląg wollen, fahren wir nur noch bis zum zweiten Rollberg in Jelenie, wo wir das Maschinenhaus besichtigen, bevor wir auf gleicher Strecke zurückfahren und am frühen Abend nach einem Tag voller Erlebnisse glücklich wieder in Elbląg anlegen – dieses Mal bei einer anderen Marina, die schon ziemlich in die Jahre gekommen ist und der man mit ein wenig gutem Willen "sozialistischen Charme" nachsagen könnte.

Ein Auge beim Duschen zugedrückt, lässt sich das wohlverdiente Feierabendbier auf der Bank unter alten Bäumen dennoch wunderbar vor der Fabrikhallenkulisse genießen.

Tag vier und fünf führen uns über die mit jedem Kilometer schöner werdende Nogat nach Südwesten. Der Fluss weitet sich gelegentlich seeartig im hügeliger werdenden Land, fließt in großen Bögen zwischen oft bewaldeten Ufern. Hier ein uriges Anglerplätzchen, dort ein Häufchen Häuser auf dem hohen Ufer – es ist diese Strecke bis nach Biała Góra, die es uns landschaftlich am meisten angetan hat.

An den seichten Ufern lässt sich das Boot wunderbar im Schilf für eine Kaffeepause oder auch eine Nacht auf dem Fluss vor Anker legen. Vielleicht zwei, drei Boote begegnen uns an diesen Tagen – ansonsten teilen wir die herrliche Landschaft nur mit ein paar Kühen, die seelenruhig im Fluss stehen und uns aus großen Augen anschauen. Selbst an den Schleusen – vier an der Zahl bis zur Weichsel – sind wir meist die einzigen Kunden. Bereits eine halbe Stunde vorher haben wir uns telefonisch angemeldet und um Schleusung gebeten.

Beim Eintreffen müssen wir daher nicht lange warten. Alles – das Öffnen und Schließen der Tore und Schieber – geschieht hier von Hand und in Seelenruhe. Ein paar Złoty und unsererseits holprige Brocken Polnisch werden mit dem Schleusenwärter ausgetauscht, noch ein paar Fotos hinterher, dann ist die Schleuse bereits voll, das Tor geöffnet, und wir gleiten hinaus auf die Nogat, die uns in Malbork nicht nur eine schön gelegene Marina für die Nachtruhe bietet, sondern mit der weltberühmten Marienburg auch einen absoluten Höhepunkt unserer Reise.

Über die als größter Backsteinbau Europas bekannte, als UNESCO-Weltkulturerbe geschützte und wunderschön am Ufer der Nogat gelegene Ordensburg des Deutschritterordens gäbe es viel zu berichten. Ich will es bei dem Stichwort "unbedingt sehenswert" und einem Hinweis auf die hervorragende Audioführung belassen, die den Besucher für drei bis vier Stunden auf eine Reise voller spannender Geschichten entführt und am Abend beim Einschlafen in der Marina von Biała Góra noch in Bildern nachwirkt.

Der letzte Tag gibt unserer Reise zum Abschluss noch einen ordentlichen Schuss Abenteuer. Vor uns liegt die Weichsel, jener 1048 Kilometer lange, mächtige und kaum regulierte Fluss, der als der letzte wilde Strom Europas gilt. Kaum ein anderer Fluss ist so eng mit der Geschichte eines Volkes, seinem Wohl und Wehe, verbunden.

Alle großen Niederlagen, aber auch alle großen Neuanfänge fanden hier statt. Die Weichsel ist die Königin der polnischen Flüsse und ein Symbol der nationalen Identität. Und doch trennt der Strom, der einem Rückgrat gleich das Land von Süden nach Norden durchfließt, dieses in eine wirtschaftlich blühende westliche und eine rückständige östliche Hälfte, im Volksmund auch als "Polen A" und "Polen B" bekannt.

All dieses jedoch findet zunächst kaum unsere Aufmerksamkeit. Es sind die flotte, bisweilen starke Strömung und ein Flussbett voller Untiefen und Sandbänke, die uns als Anfängern einiges abverlangen. Grüne Rauten und rote Quadrate zeigen uns, wo im 300 bis 400 Meter breiten Strom die Fahrrinne am linken beziehungsweise rechten Ufer verläuft.

Gelbe Kreuze an beiden Ufern markieren jene Linie, auf der wir von einem Ufer zum anderen wechseln müssen. Hochkonzentriert halten wir nach diesen Zeichen Ausschau und pendeln so ständig und mitunter im stumpfen Winkel von über 45 Grad von Ufer zu Ufer. Die Strömung ist kräftig und trägt uns in einigen Stromschnellen umso flotter voran.

Unser anfänglich etwas angstvoller Blick sucht nach Auffälligkeiten im Hauptstrom, die auf Buhnen, unter Wasser liegende Felsen und Schwellen hinweisen. Bald jedoch haben wir den Dreh raus, und es macht sich Entspannung breit, lässt den Blick über hohe Deiche, Dörfchen und viel Landschaft schweifen.

In Tczew auf dem linken Ufer legen wir eine Mittagspause ein. In einer bar mleczny ("Milchbar"), einer in
Polen weitverbreiteten und sehr beliebten Art von Selbstbedienungsrestaurant mit polnischen Gerichten, stärken wir uns. Am alten Markt darf dann bei herrlichem Sommerwetter auch ein leckeres polnisches Softeis nicht fehlen, ehe wir uns auf die letzten Kilometer im Weichselwerder machen.

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Arne Körtzinger am 12.05.2020