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Törn: Warthe-Netze-Seenplatte / Polen

Hundert Kilometer Einsamkeit - Seite 2

Bodo Müller am 15.07.2017

Schon von weitem leuchten die goldenen Kuppeln von Licheń: Die Basilika der Muttergottes wurde erst 2005 von Papst Johannes Paul II. geweiht, in Größe und Pracht kann sie es jedoch selbst mit dem Petersdom in Rom aufnehmen. Das sollte man gesehen haben. Weiter nach Konin, wo der Hafen an der neuen Flaniermeile tatsächlich so flach ist, dass man ihn durchwaten kann …

Am Dienstag beginnt dann endlich die Reise auf eigenem Kiel: Wir lösen die Leinen, steuern nach Norden und sind das einzige Boot auf dem Jezioro Ślesińskie, dem Slesiner See, der sich recht schmal durch die fast unberührte Landschaft windet. Nur selten sieht man ein Gehöft, manchmal dafür mit Bootsanleger.

Nach sechs Kilometern geht die Seenlandschaft in den Kanał Ślesiński über. Gespannt blicken wir aufs Echolot: Die Anzeige schwankt zwischen 0,4 und 0,1 Meter Wasser unterm Kiel. Wir reduzieren die Fahrt, um uns hier im Nirgendwo nicht festzufahren. Nach weiteren drei Kilometern stehen wir vor der Schleuse Gawrony. Es ist kurz vor 17 Uhr. Die Schleusenbetriebszeiten sind offiziell von 10 bis 18 Uhr angegeben. Da sich an der Schleuse nichts bewegt und auch keine Möglichkeit zum Anlegen besteht, geben wir einen langen Signalton.

Eine junge Frau kommt aus dem Schleusenwärterhäuschen und teilt uns mit, dass wir heute nicht mehr durchkommen. Der Wasserstand ist so niedrig, dass derzeit nur zweimal täglich, um 10 und um 16 Uhr, geschleust wird. Auch mit noch so freundlichem Bitten lässt sie sich nicht erweichen. Der einzige Liegeplatz, der weit und breit zu sehen ist, ist ein Schwimmsteg, an dem ein Schild steht: "Anlegen verboten". Wir machen fest und verbringen eine ruhige Nacht in absoluter Einsamkeit.

Morgens sind wir das erste Boot in der Schleuse. Wir zahlen 7,24 Złoty, das sind etwa 1,72 Euro. Die Frau erklärt, dass sie bei der 1,6 km entfernten Schleuse Koszewo angerufen hat, damit wir dort auch noch durchgelassen werden. Danach fahren wir nun auf dem Kanał Warta-Gopło weiter nordwärts in Richtung Gopło-See.

Während die Seen relativ klar waren, steht im Kanal eine schwarze Brühe. Offensichtlich ist aufgrund des trockenen Sommers wenig Wasser durchgeflossen. Die Ufer sind weitgehend unbebaut. Unser Echolot zeigt 0,2 Meter unterm Kiel, dann 0,1 Meter und plötzlich gar nichts mehr. Doch unsere Kormoran wühlt sich tapfer durch den aufgequirlten Schlamm.

Bei Kilometer 29 sehen wir unerwartet einen modernen Schwimmsteg am Westufer; darüber thront ein gotisches Gotteshaus auf einer Anhöhe. Es ist die Bischofskirche von Warzymowo aus dem 15. Jahrhundert. Wer hat vor einem halben Jahr-tausend ein solch prächtiges Bauwerk in diese Einöde gesetzt? Wir legen an, was nicht einfach ist, da es auf dem Schwimmsteg weder Klampen noch Poller gibt. Mehrere Infotafeln beschreiben das herausragende Bauwerk der Gotik – doch leider alle auf Polnisch.

Als wir den Gopło-See erreichen, wird auch das Wasser wieder sauber, und die Tiefen nehmen zu. Mit einer Ausdehnung von über 37 Kilometern ist der See mehr als doppelt so lang wie die Müritz. Seine Ufer sind von breiten Schilfgürteln gesäumt, dahinter folgen Laubwälder. Weiter entfernt ragt ab und an ein Kirchturm in den weiten Himmel. Auf dem Wasser sind wir absolut allein. Niemand, der uns entgegenkommt oder überholt, kein weißes Segel. Wildgänse, Schwäne und Reiher haben eine große Fluchtdistanz – ein Zeichen dafür, dass sie hier meistens ungestört unter sich sind.

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Bodo Müller am 15.07.2017