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Törn: Warthe-Netze-Seenplatte / Polen

Hundert Kilometer Einsamkeit - Seite 3

Bodo Müller am 15.07.2017

Nach sechs einsamen Kilometern verengt sich der See. In einer kleinen Bucht am Westufer hat jemand einen neuen Steg gebaut. Am Ufer auf dem Feld stehen ein Wohnwagen und ein Container mit der Aufschrift "Horyzont Marina". Am Steg liegen drei neue polnische Motorboote, die man chartern kann. Ein junger Mann winkt uns freundlich zu und wünscht gute Reise. Die ersten zarten Keime des nautischen Tourismus sind bereits zu sehen.

Der See wird wieder breiter. Bei Kilometer 43 liegt am Ostufer das Dorf Złotowo; von dort verkehrt eine Fähre zur Halbinsel Tysiąclecia, die als Naturpark ausgewiesen ist. Südlich des Fähranlegers entdecken wir einen Schwimmsteg, einen Strand mit Feuerstelle und eine Imbissbude, die aber schon geschlossen hat. Wir legen an, in der Hoffnung, im Ort eine Einkaufsmöglichkeit zu finden, und laufen bis zur Fähre. Reife Äpfel liegen massenweise am Boden, ein Fest für Vögel und Wespen. Die Mirabellenbäume sind voller Früchte und leuchten goldgelb in der Sonne.

Im Dorf erfahren wir vom Fährmann, dass es weit und breit weder einen Laden noch eine Gaststätte gibt. So viel Einsamkeit hatten wir nicht erwartet. Auf dem Rückweg knoten wir dafür ein T-Shirt zusammen und füllen es mit Mirabellen.

Das war der einzige Ort, den wir um Ufer des endlos lang erscheinenden Gopło-Sees sahen. Stattdessen Schilfwälder, so weit man blicken kann. Für Stunden habe ich das Gefühl, an einem weit entfernten Ort zu sein. Wer Ruhe und Einsamkeit sucht, ist hier genau richtig.

Bei Kilometer 52 erreicht der Gopło-See seine breiteste Stelle. Hier zweigt ein neun Kilometer langer Nebenarm nach Süden ab, der aber nicht mit Motorbooten befahren werden darf, weil dieses Gewässer mit seinen Schilfwäldern und Sumpfgebieten als Brutzone dient. Wir steuern die Kormoran dem Fahrwasser folgend weiter nach Norden. Nach einem langen Tag zeichnet sich am Horizont schließlich ein alter Wehrturm

ab, dahinter die weiße Kuppel einer Industrieanlage. Der moderne Bau ist die größte Zuckerfabrik Polens. Die Wahrzeichen gehören zur Stadt Kruszwica, dem einstigen Kruschwitz.

Ob es hier, am nördlichen Ende des Gopło-Sees, einen Bootsanleger gibt? Wir steuern in Richtung Stadtzentrum. An Backbord entdecken wir tatsächlich eine gepflegte Steganlage. Sie gehört zum Yachtclub Popiel. Wir legen am Kopf eines massiven T-Steges an und sind nicht ganz sicher, ob wir das dürfen.

Ein kräftiger Mann nimmt unsere Festmacher an und reicht uns ein Stromkabel. Zur Begrüßung schüttelt er uns kräftig die Hand und sagt, er heiße Andrzej und sei der Kommodore des Yachtclubs. Dazu gibt er uns einen Zettel mit dem WLAN-Passwort des Clubs. Andrzej zufolge sind wir die ersten Gäste aus Deutschland, darum bekommen wir alles gratis. Er lässt am Fahnenmast die deutsche Flagge hissen und überreicht uns symbolisch eine polnische. Da wir vorher keine Gastlandflagge hatten, setzen wir sie sogleich unter der Steuerbordsaling, wofür sich unsere Gastgeber mit Applaus bedanken.

Der Kommodore macht uns mit einem freundlichen älteren Herrn namens Peter Mruck bekannt, der uns gern die Stadt zeigen möchte. In perfektem Deutsch sagt Peter, er sei der ehemalige Rübenkönig von Kruszwica. Er erzählt, dass die Stadt von 1772 bis 1918 zu Preußen gehörte und Kruschwitz hieß. Die Preußen bauten die Zuckerfabrik und die Eisenbahnlinie und machten die Netze schiffbar. Doch wie wurde ein Deutscher der Rübenkönig einer nun polnischen Stadt?

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Bodo Müller am 15.07.2017