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Törn: Warthe-Netze-Seenplatte / Polen

Hundert Kilometer Einsamkeit - Seite 4

Bodo Müller am 15.07.2017

"Ich bin in Pommern aufgewachsen. Als ich 17 war, steckte mich die Wehrmacht in eine Uniform und verfrachtete mich nach Dänemark. Das hat mir das Leben gerettet. Zu Kriegsende flüchteten Hunderttausende Deutsche vor den Russen nach Westen. Ich floh in die Gegenrichtung, wollte einfach nur nach Hause und durfte bleiben. Fortan hieß ich nicht mehr Peter, sondern Piotr, ging in eine polnische Schule, machte Abitur und studierte Landwirtschaft – und wurde der Rübenkönig von Kruszwica", ergänzt er augenzwinkernd.

Peter fährt uns mit dem Auto zum Schloss Kobylniki im Norden der Stadt. Der preußische Gutsherr Tadeusz Twardowski, Besitzer von über 900 Hektar Land, auf dem er Zuckerrüben anbaute, ließ sich im Jahre 1886 "aus der dünnen Rente, die die Landwirtschaft abwirft" ein Märchenschloss mit botanischem Park errichten, der bis ans Wasser reicht. Heute beherbergt es ein Hotel mit Restaurant.

Also steuern wir unsere Kormoran abends in Richtung Schloss und rufen an, um einen Tisch zu reservieren. Doch niemand will Deutsch oder Englisch verstehen. Schließlich versuche ich es mit Russisch – doch da knallt die Gegenseite den Hörer auf. Wir tuckern zurück in die Altstadt. Dort gibt es eine Pizzeria, in der wir ausgesprochen freundlich bewirtet werden. Das Essen ist einfach, aber gut und kostet unglaublich wenig.

Das bekannteste Wahrzeichen von Kruszwica ist der Mäuseturm. Angeblich hatte König Kazimierz Wielki Mitte des 14. Jahrhunderts eine Burganlage errichten lassen. Während des schwedischen Überfalls 1655 bis 1657 wurden Stadt und Mauern niedergebrannt. Übrig blieb lediglich der Mäuseturm. Er kann bestiegen werden; von oben hat man einen herrlichen Ausblick auf die Seenlandschaft beiderseits von Kruszwica.

Wir wollen noch ein Stück weiter nach Norden in Richtung Bydgoszcz fahren. Die kanalisierte Netze verbindet mehrere Seen und sollte durchweg schiffbar sein. Doch Yachtclub-Kommodore Andrzej meint, dass wir nicht weit kommen würden. Der Sommer sei zu trocken gewesen. Die Netze und mehrere der kleinen Rinnenseen, durch die die Wasserstraße führt, hätten stellenweise nur noch weniger als einen Meter Wassertiefe. Das könnte selbst für einen Stahlverdränger mit nur 75 Zentimeter Tiefgang knapp werden.

Wir wollen es aber zumindest versuchen, umrunden die Altstadt von Kruszwica, passieren zwei Straßenbrücken und steuern nach Norden. Hier endet der Gopło-See und geht in einen wunderschönen Kanal über. Allerdings ist er so schmal, dass man das Hausboot darin nicht mehr wenden könnte – aber wir haben ja noch mehr als eine Handbreit Wasser unterm Kiel.

Doch auch die ist schon bald aufgebraucht: Mitten im Kanal zeigt das Echolot plötzlich nicht mehr an, und unser solides Schiffchen wird immer wieder weich abgebremst. Beim Blick auf den schwarzen Modder im Schraubenwasser denke ich: bloß nicht stecken bleiben! Wir könnten nicht umdrehen, ja noch nicht einmal aussteigen und Hilfe holen, da das "Fahrwasser" rechts und links von Schilf und Sumpfgebieten gesäumt ist. Als die Abendsonne auflodert, wird die Fahrt immer langsamer und unser Kielwasser immer schlammiger. Besorgt sehe ich auf mein Handy: kein Netz mehr. Abgesehen von ein paar Fischreihern sind wir in tiefster Einsamkeit angekommen.

Doch dann erreichen wir eine offene Wasserfläche, den Jezioro Szarlejskie. Unsere Kormoran macht einen kleinen Satz nach vorn und quirlt wieder durch sauberes Wasser. Doch unsere Freude währt keine Hundert Meter: Mit einem sanften Ruck bleiben wir stecken. Das Wasser um uns herum sieht jetzt so aus, als könne man es für Moorpackungen verwenden. Völlig aussichtslos, hier noch weiterzuwollen.

Mit beherzter Rückwärtsfahrt befreien wir unser Boot und drehen auf dem Teller. Im letzten Büchsenlicht geht es den wunderschönen, einsamen Wasserweg zurück nach Kruszwica – und zum Komfort des Yachtclubs Popiel. Am vorletzten Tag treten wir die Rückreise nach Süden über den langgestreckten Gopło-See an. Es ist wieder Einsamkeit pur. Stundenlang zu beiden Ufern unberührte Schilfwälder.

Erst als wir am letzten Tag in den Slesiner Kanal hinein fahren und uns unserem Ausgangshafen Ślesin nähern, kommt etwas Leben auf. Zwei Boote einer lokalen Charterfirma passieren mit uns die Schleusen Warzymowo und Koszewo und begleiten uns bis zur Marina Ślesin.

Wir haben noch etwas Zeit bis zur Bootsrückgabe und fahren in Richtung Süden über den Jezioro Mikorzyńskie bis zum Jezioro Pątnowskie. Völlig unerwartet begegnen wir hier mehreren Segel- und Motorbooten. Es ist ein sonniger Samstag, und die Bootsleute aus Ślesin und Konin genießen den Spätsommer auf dem Wasser. Über die Schleuse Pątnów würde man theoretisch bis nach Konin an der Warthe kommen. Dort waren wir vor einer Woche mit dem Auto. Aber das Wasser der Warthe ist für uns noch immer zu flach. Wir kehren um, steuern zur Charterbasis in Ślesin zurück und lassen ein eindrucksvolles Revier in unserem Kielwasser.

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Bodo Müller am 15.07.2017