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Chartertörn durch Frankreichs wilde Bretagne

Frankreich: Südliche Bretagne (Teil 2)

Christian Tiedt am 08.07.2015

„Haupt der Welt” nennen die Bretonen das rauhe Finistère. Von Lorient führt der zweite Teil unserer Reise durch die südliche Bretagne zum Raz de Sein

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Bretagne: Sonnenuntergang auf den Glénan-Inseln

Wie schön sie sind, die Mädchen von Lorient! Mein Gott, so schön! Der junge Mann mit der Klassikgitarre und den Schellen am Fußgelenk singt das Lied nicht einfach. Es muss aus ihm heraus, mit einer Inbrunst und in einem Tempo, als wenn es um echte Gefühle ginge: "Ce sont les filles de Lorient, jolies!" Er fleht, er drängt, er strahlt. Und spiegelt sich dabei in der Pfütze vor dem Betonwürfel des Kongresspalastes am Quai de Rohan. Das Laternenlicht funkelt in seinen nassen Dreadlocks, bis man merkt, dass er sich tatsächlich winzige LED-Lämpchen hineingeflochten hat.

Noch vor einer halben Stunde sind düstere Regenwolken vom Atlantik über die Stadt gezogen und haben sich über dem Festgelände und den anschließenden Straßen entladen. Gestört hat das Niemanden. Es ist schließlich Sommer, und was nass ist, trocknet wieder. Auch abends. Sonst wärmt man sich eben mit Tanzen auf! Und das macht man rund um den Avant Port: vor den Kneipen an der Place Jules Ferry und auf der anderen Seite beim Jahrmarkt. Es riecht nach Zuckerwatte und gegrilltem Fisch. Überall spielen Livebands.  

Purer Zufall, dass wir mitten in dieser fantastischen fête gelandet sind; es ist Anfang August, und in Lorient hat das jährliche Festival Interceltique begonnen. Eine Woche lang wird jetzt gefeiert, mit Musik die auf irgendeine Weise keltische Wurzeln hat – und das gilt für die klassische Harfe nicht mehr als für Folk-Punk aus Irland und bretonischen Reggae. Eigentlich ist also irgendwie die ganze Welt vertreten, von Cornwall bis Quebec.

Woher genau unser junger Künstler mit der blinkenden Lockenpracht stammt, ist nicht ganz klar: Zum Fußballtrikot der brasilianischen seleção trägt er einen schweren Kilt aus grauer Wolle und an den Füßen nichts. Doch was macht das schon? Seine Gitarre hat er jetzt auf den Rücken geschlungen und eine binioù unter den linken Arm geklemmt, die bretonische Version des Dudelsacks. Mit Leib und Seele setzt er seine eigene Version des alten Seemannsliedes fort. Und die so geprie-senen Töchter Lorients stehen dabei im Halbkreis um ihn herum, in der Hand den Becher mit Cidre und im Gesicht ein verlegenes Lächeln. Kein Zweifel: Er liebt sie wirklich, und sie lieben ihn.
 
Das Feuerwerk, das kurz vor Mitternacht draußen über dem Fluss aufbrandet und den ganzen Hafen illuminiert, wird für uns zum Startschuss für den zweiten Teil unseres Törns durch die südliche Bretagne. Vor einer guten Woche haben wir Nantes an Bord der "Rolling Swiss 2" verlassen. Mit der robusten Trader 42, die dem Cruising Club der Schweiz gehört, haben wir die Küste und die vorgelagerten Inseln für uns entdeckt (siehe BOOTE 3/2015) und unsere erste Lektion Bretonisch gelernt. Von Lorient  aus führt unser Kurs nun weiter nach Norden. Die Szenerie wird schroffer werden, das ist uns klar, aber der eine oder andere karibische Moment wird auch dort hoffentlich auf uns warten.

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Bretagne:

D ie Küste, der wir dabei folgen, gehört schon zur Halbinsel Finistère: Finis terrae, das "Ende der Welt", so nannten die römischen Legionäre, die mit Julius Cäsar nach Gallien zogen, dieses Land. An die freundlichen Küsten Italiens gewöhnt, mag ihnen diese rauhe Region, umtost von den Wogen einer endlosen Wasserwüste, tatsächlich so vorgekommen sein. Für die stolzen Bretonen ist es dagegen seit langem Penn ar Bed – das "Haupt der Welt", das sich aus dem Meer erhebt und jedem Sturm die Stirn bietet.

Dazu gehört auch die Zeit des Zweiten Weltkrieges, deren gewaltige Zeugen noch heute den Hafen von Lorient dominieren: Bevor der Fluss Blavet unter den Mauern der alten Zitadelle das offene Meer erreicht, drängen sich an Steuerbord die grobschlächtigen U-Bootbunker von Keroman ins Blickfeld. Nach der Eroberung Frankreichs 1940 machte Admiral Dönitz die Stadt zu seinem Befehlstand für die sogenannte "Schlacht im Atlantik", die Englands Lebensadern – den Nachschub über See – abschnüren sollte. Von seiner Villa in Kernével hatte er freie Sicht auf die Werftanlagen und ihre Bunker, deren größter auf 130 Metern Breite Schutz für ein ganzes Rudel "Grauer Wölfe" bot.

Seine 7,5 Meter dicke Stahlbetondecke konnten selbst die stärksten allierten Bomben nicht durchschlagen. Die Bevölkerung von Lorient wurde bei den zunehmenden Luftangriffen der Alliierten dagegen schwer getroffen: Tausende verloren ihr Leben und weite Teile der Stadt wurden zerstört, während die Bunker noch bei Kriegsende weitgehend unversehrt aus den rauchenden Trümmern ragten.

Nachdem es sich als schlicht zu aufwendig erwiesen hatte, die Kolosse zu schleifen, nutzte sie die französische Marine für ihre eigenen Unterseeboote bis zur Aufgabe des Stützpunktes 1997. Heute befindet sich ein Museum auf dem Gelände.

Vor dem schwarz-weißen Leuchtturm der "Trois Pierres" schwenken wir nach Steuerbord in die "Passe de l’Ouest" und folgen den roten Fahrwassertonnen hinaus in den breiten Kanal zwischen der flachen Festlandsküste mit ihren Ferienorten und der Silhouette der Île de Groix im Süden. Der Wind kommt schwach von vorn und kann sich kaum dazu aufraffen, auch nur ein wenig Bewegung in die träge See zu bringen. Mit 1400 Umdrehungen auf beiden Wellen und rund sieben Knoten Fahrt geht es gemächlich nach Westen.

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Bretagne:

Concarneau ist unser Ziel, ein lebhafter Touristenort an der Baie de La Forêt, egal ob man von der Land- oder Seeseite kommt. Entsprechend ominös klingt auch der Hinweis in unserem Törnführer: "besuchen ja, aber besser nicht im Juli oder August". Und tatsächlich wird es nicht ganz einfach, einen Platz in der Marina zu finden, obwohl es gerade früh am Nachmittag ist. Erst nachdem zwei RIBs verholt wurden, können wir uns längsseits auf der Innenseite des Haupsteges hinter einer edlen 20-Meter-Ketsch von den Kanalinseln einsortieren, die mit poliertem Messing und weißer Leinwand in der Sonne fast schon blendet.

Hauptattraktion von Concarneau ist seine mittelalterliche Altstadt: die Ville Close ist nicht nur von einer hohen Granitmauer umgeben, sondern liegt auch mitten im Hafen und ist – zumindest bei Hochwasser – nur über eine Brücke oder mit der Fähre erreichbar. Zur Hauptsaison fluten Besucherstöme durch das enge, steinerne Bett der Rue Vauban; Restaurants und Geschäfte aller Art warten auf Kundschaft, die den Namen Breizh nicht nur in der Erinnerung nach Hause trägt, sondern auch auf allen möglichen und unmöglichen Souvernirs. Der bretonische Namenszug und die weiß-schwarzen Farben der Region sind Design-Grundlage für Spitzendessous, Strickmützen, Spielzeug (aus China), bretonischen Dosenkuchen und natürlich die Öffner dafür.

Da die meisten Besucher dem Schwarm folgen, ist es in den Nebengassen fast schon absurd ruhig. Und wer den Weg zurück durch den kleinen Park über die zinnenbewehrte Mauer wählt, wird mit Aussichten belohnt, die die schwitzenden Touristen im Gedränge weiter unten nur von den Postkarten auf den Ständern der Andenkenläden kennenlernen werden.

Auch bei einem Besuch im Paradies  muss das Wetter stimmen, und es sieht gut aus am nächsten Tag: Bei einer leichten Brise aus Südwest machen wir zunächst einen Schlag quer über die Bucht nach Bénodet, um einen Eindruck von den schiffbaren Flussläufen der Bretagne zu bekommen. Mit der Flut geht es den Odet hinauf.

Was für ein Kontrast! Auf beiden Seiten drängt tiefgrüner Laubwald bis dicht ans Wasser und gibt nur hin und wieder den Blick frei auf die fensterreichen Fassaden und gestutzten Gärten eines Landsitzes, manoir genannt, oder gleich auf ein château.

Ganz bis nach Quimper kommen wir leider nicht, denn die Hauptstadt des Dé-partements Finistère wird für ihre kunstvollen Töpfereien gerühmt. Dort müssten wir uns an der Hafenmauer trockenfallen lassen. Wir haben aber noch mehr vor! Zurück zum Meer also, mit dem einsetzenden Ebbstrom hinaus auf die Bucht und in gerader Linie weiter. Dort draußen, so flach, dass sie noch unter dem Horizont verborgen sind, liegen die Glénan-Inseln.

Über die Entstehung des kleinen Archipels, knapp zehn Seemeilen vor der Küste, gibt es viele Geschichten; wahrscheinliche, unwahrscheinliche und schöne: Eine von ihnen berichtet, wie ein keltischer Held auf der Rückkehr von einer langen Abenteuerreise das Meer überquerte und die heimatliche Küste schon in Sicht hatte. Doch ein schwerer Sturm zog auf, das Schiff kenterte und jeder Mann an Bord ging mit ihm unter. An seiner Brust trug der Held jedoch eine kostbare Perlenkette, die er aus der Fremde mitgebracht hatte und die er seiner Verehrten zum Geschenk machen wollte. Sie sank ebenfalls auf den Meeresboden. Doch wo sie lag, wurde sie im Laufe der Zeit zu weißem Sand zerrieben, und aus jeder der acht Perlen enstand eine der Glénan-Inseln – künftigen Schiffbrüchigen als Rettung in der Not.

Tiefblau ist der Atlantik auf unserem Weg hinüber, und eine alte Dünung aus Südwesten gibt der "Rolling Swiss 2" Gelegenheit, ihrem Namen gerecht zu werden. Etwa auf halbem Weg passieren wir die Île aux Moutons. Wir lassen die "Schafsinsel" mit ihrem Leuchtturm in Luv und halten zu den Unterwasserfelsen der Pourceaux ebenfalls einen respektvollen Abstand. Jetzt liegen die Glénan rechts voraus. Wie feine Nadeln ragen die Masten der ankernden Yachten hinter ihren flachen Rücken empor.

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Bretagne:

Die Ansteuerung erfolgt von Norden, vorbei an der Einzelgefahrenstelle "La Pie" und im Osten um die Île de Bananec herum. Hinter dem Pointe de Baleine treffen wir auf das betonnte Fahrwasser, das tiefer zwischen die Inseln führt und auch von den schnellen vedettes aus Concarneau genutzt wird, die Tagesgäste hierher bringen. Und viele Jugendliche, denn auf den Inseln befinden sich einige der besten Segelschulen Frankreichs – kein Wunder, bei diesen Verhälnissen. Es ist viel los, einen freien Platz finden wir aber dennoch, und um zwei Uhr nachmittags liegen wir mit einem Calvados im Glas und zwei Vorleinen an der Boje so sicher wie in Abrahams Schoß.

Vier Inseln bilden hier einen nach fast allen Seiten geschützten Naturhafen, dabei  ist die Größte – St. Nicholas – bis auf zwei Stunden um Hochwasser herum über einen harten Sandrücken mit der Nachbarinsel verbunden. Das Wasser ist glasklar. Ein wirklich paradiesisches Fleckchen, wie gemacht für den dramatischen Sonnenuntergang, der einen großartigen Tag in gleißendem Gold ausklingen lässt.

Delfine! Es ist nicht das erste Mal auf diesem Törn, aber so viele auf einmal waren es noch nie. Es sind Streifendelfine, eine ganze Schule, die kurz nach Sonnenaufgang auf uns aufmerksam geworden sind und von der Seeseite unseren Kurs kreuzen. Einige Minuten begleiten sie uns, schießen vor dem Bug hin und her und machen pfeilschnelle Sprünge.

Nun sind alle an Bord wach, und dampfender Kaffee macht die Runde. Querab an Steuerbord liegt bereits der Pointe de Penmarc’h mit dem Leuchtturm "Eckmühl" im Morgendunst, benannt nach einem General Napoleons, der den Ortsnamen nach siegreicher Schlacht als Ehrentitel führen durfte – ein Stück Bayern an der Biskaya. Die Küste verläuft nun nach Nordwesten und bildet die Bucht von Audierne. Finistère geht dem Ende entgegen!

Hier, im Seegebiet L’Iroise, treffen der Ärmelkanal und der Atlantik aufeinander. Wer das "Haupt der Welt" umschiffen will, muss sich also auf Einiges gefasst machen. Zu allem Übel ragt dazu im Süden die Chaussee de Sein wie eine Speerspitze in die offene See, ein zehn Seemeilen langer Keil aus scharfen Felsen, an dem sich in früheren Zeiten unzählige Schiffe die Rümpfe zerrissen haben. Am östlichen Ende dieses mörderischen Riffs liegt jedoch eine einsame Insel, die Île de Sein, und zwischen Insel und Festland haben sich die Gezeiten mit Gewalt über Jahrtausende hinweg einen Weg gebahnt, der heute eine zwei Seemeilen breite Passage bildet – den berüchtigten Raz de Sein. 

Den Küstenhandbüchern können die Schilderungen der dort lauernden Risiken gar nicht anschaulich genug sein, besonders wenn ein oder mehrere Faktoren zusammenkommen: Sturm, schlechte Sicht, die falsche Tageszeit (auf den Stand der Tide bezogen; sechs Knoten sind keine Seltenheit), und natürlich Wind gegen Strom. Auf einem Foto ist nicht viel mehr als weißes, brodelndes Chaos zu erkennen. Die lakonische Bildunterschrift dazu lautet: "ein nicht besonders stürmischer Tag".

Nautisch wird die Gefahrenzone von drei Punkten begrenzt: Dem Leuchtturm "Tévennec" im Norden, der Süd-Kardinalbake "Le Chat" im Südwesten und dem West-Kardinalzeichen "La Plate", zusammen mit dem Leuchtturm "La Vieille", im Osten. Wir haben unsere Ankunft in diesem "Bermudadreieck" auf die Stauwasserzeit gelegt, die eine Stunde nach dem Hochwasser in Brest eintritt und eine halbe Stunde anhält. Doch selbst ohne Strömung und nennenswerten Wind zittert und zuckt das Meer wie ein unruhiges Tier. Unseren Liegeplatz für die Nacht auf der nahen Île de Sein werden wir uns jedenfalls besonders sorgfältig aussuchen.  

Der letzte Teil der Reportage mit dem Törnabschnitt von der Île de Sein bis nach Brest erscheint in BOOTE-Ausgabe 9/2015.
 

Christian Tiedt am 08.07.2015