Aquitaine Aquitaine
Frankreich

Frankreich: Aquitaine

Ingrid Bardenheuer am 27.05.2009

Schippern und schlemmen: Aquitanien bietet Bootsurlaub von seiner schönsten Seite. Mit Charterboot befuhren wir die Baïse und den Garonne-Seitenkanal.

Aquitaine

Unterwegs in der Region Aquitaine.

Du hast es gut mit uns gemeint, Aquitanien. Deine Küche lehrte uns das Genießen, deine Landschaft das Innehalten. Schon früh, in römischen Tagen, bekamst du deinen Namen: Aquitanien, Wasserland, entlehnt dem lateinischen „aqua“, das für „Wasser“ steht. Wasser gibt es hier, im Südwesten Frankreichs, wahrlich genug: Der Atlantik begrenzt den Landstrich im Westen, von den Pyrenäen im Süden suchen sich unzählige Flüsse ihren Weg zum Ozean, und seit dem 19. Jahrhundert bringt der Garonne-Seitenkanal auf angenehme Weise von Castets-en-Dorthe nach Toulouse. An Bord einer Charteryacht vom Typ Nicols Quattro Estivale gingen wir auf Erkundungstour.

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Unterwegs in der Region Aquitaine.

Du hast es gut mit uns gemeint, Aquitanien, besonders mit dem Wasser. Denn ausgerechnet zu Beginn unserer Reise strömt es in solchen Mengen aus den fernen Pyrenäen heran, dass die Ströme Aquitaniens zu wahren Rabauken werden und unsere Törnpläne wie Treibgut davontragen. Der Lot, den wir ursprünglich befahren wollten, entzieht sich unseren Wünschen durch massives Hochwasser. Die Baïse können wir kurz unter den Kiel nehmen, bis auch ihr der Kamm schwillt. Wir müssen auf ein drittes Gewässer ausweichen: den Garonne-Seitenkanal, ein beschaulicher Wasserweg, den die Wetterkapriolen jenes Frühjahrs nicht anfechten.

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Unterwegs in der Region Aquitaine.

Buzet-sur-Baïse glänzt in der Abendsonne, als wir bei der örtlichen Nicols-Vertretung eintreffen. Die kleine Hafenanlage befindet sich am Garonne-Seitenkanal und liegt in Sichtweite einer Doppelschleuse, die zur Baïse hinabführt. Unser Boot, die „Château de Flaran“, erwartet uns schon.

Am nächsten Morgen brechen wir auf. Der Himmel ist grau, es riecht nach Regen. Die Charterstation gibt uns grünes Licht zum Befahren der Baïse, bittet aber darum, dass wir unser Mobiltelefon eingeschaltet lassen: „Damit Sie erreichbar sind, falls die Lage auf dem Fluss kritisch wird.“

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Unterwegs in der Region Aquitaine.

Die Doppelschleuse unweit der Charterstation hat uns zur Baïse abgesenkt. Deren Pegelstand ist zweifellos erhöht: Die Ufer wirken vollgesogen, das ansonsten türkisblaue Wasser ist lehmfarben. Die Strömung spüren wir kaum, obwohl wir gegenan fahren. Vereinzelt begegnen uns Hausboote, die meiste Zeit sind wir allein unterwegs. Äste treiben an uns vorbei, Baumstämme lugen wie schuppige Alligatoren aus dem Wasser. Das Buschwerk rechts und links am Ufer erscheint undurchdringlich – „Amazonien!“ schießt es mir durch den Kopf. Vernähmen wir jetzt Affengeheul und Papageiengeschrei, hätte es uns nicht weiter überrascht.

Unser Tagesziel für heute soll Nérac sein, das von Buzet-sur-Baïse aus in etwa fünf Bootsstunden zu erreichen ist. Auf der Strecke sind acht Schleusen zu bewältigen, als Zwischenstopps empfehlen sich die kleine Festungsstadt Vianne und der frühere Schifferort Lavardac.

Eine finstere Wolkenwand baut sich vor uns auf, bald darauf fallen die ersten Regentropfen laut pladdernd auf das Deck unserer „Château de Flaran“. Wir folgen der Baïse weiter zu Berg und spüren irgendwann: Die Dame unter uns wird zunehmend fülliger. Tosend kündigen sich die Schleusen-Wehre an, in deren Bereich uns eine kräftige Strömung packen will. Zum Glück können wir in den Schleusen-Kanälen des Unterwassers sicher festmachen, um einen von uns an Land zu lassen. Seine Aufgabe: mittels Magnetkarte den Schleusen-Vorgang in die Wege leiten.

Unser Boot kommt ohne Schwierigkeiten gegen die Strömung an. Da wir genügend Fahrpraxis mitbringen, gelingen auch alle Manöver. Der nicht nachlassende Regen gibt uns aber zu denken. Wie sich die Situation auf der Baïse in den nächsten Stunden entwickeln wird, lässt sich kaum abschätzen. Wir beschließen, Nérac direkt anzulaufen und Vianne sowie Lavardac auf der Rückreise zu besuchen.

Als wir die Schleuse St-Crabary etwa 6 km unterhalb von Nérac verlassen, fällt mein Blick auf den Haltepunkt im Oberwasser. Der Holzsteg gegenüber der Wehrkrone, über die das Wasser gerade lärmend in die Tiefe stürzt, ist gänzlich überspült. Wie soll man hier an Land kommen, um die Schleuse vorzubereiten? Ich schiebe den Gedanken beiseite, schließlich wollen wir heute nicht zurück. Und wenn es stimmt, dass die Hochwasser auf der Baïse in der Regel schnell überstanden sind, dann werden wir auf unserem Heimweg auch die Schleuse St-Crabary problemlos passieren können.

Nérac kommt in Sicht. Wir freuen uns auf diesen pittoresken Ort und fahren gut gelaunt in die Stadt-Schleuse ein, die unsere letzte für heute sein soll. An einem der Kais oberhalb des Pont Vieux und mit Blick auf das Schloss wollen wir für die Nacht festmachen. Das untere Tor der Schleuse von Nérac hat sich geschlossen, Wasser strömt in die Kammer. Unsere „Château de Flaran“ steigt langsam auf, noch wenige Zentimeter, dann ist es geschafft.

Da klingelt unser Mobiltelefon: „Bitte kommen Sie sofort zurück“, alarmiert uns unsere Charterstation, „es kann
sein, dass die Baïse wegen des Hochwassers für den gesamten Schiffsverkehr gesperrt wird.“ Unsere Stimmungslage wechselt von Rosarot auf Dunkelgrün. Zurück? Noch mal fünf Stunden schippern unter den recht rustikalen Bedingungen eines anschwellenden Flusses?

Die Nicols-Basis bleibt hart, wir sollen drehen. Umgehend.Und wenn möglich bis Buzet-sur-Baïse fahren. Auch ein waschechtes Narrow Boat legt Ruder.„Haben Sie etwas dagegen, wenn wir gemeinsam schleusen?“, werden
wir höflich und in gepflegtem Englisch angesprochen. Aber nein, ganz im Gegenteil: Wir sind froh, den Rückweg nicht allein meistern zu müssen. Das britische Skipperpaar, ausgestattet mit Rettungswesten und Südwester, spult jedes Schleusenmanöver souverän ab.

Als Nachkommen eines großen Seefahrervolkes meistern sie auch den überspülten und nahe der Wehr-Strömung liegenden Warteplatz an der Schleuse St-Crabary mit Bravour. Und während wir in der Schleusenkammer neben dem prächtigen Narrow Boat liegen, plaudern wir über das,was wirklich zählt: heißer Tee, sobald dieser Törntag zu Ende ist.

An einen Zwischenstopp in Lavardac und Vianne ist jetzt nicht mehr zu denken. Wir müssen uns beeilen, um die
Doppelschleuse bei Buzet-sur-Baïse noch vor Dienstschluss zu erreichen.Vergebens. Es fehlen uns am Ende rund 30 Minuten, um bei der letzten Schleusung für heute dabei sein zu können.

Wir vertäuen die „Château de Flaran“ an einem kleinen Bootsanleger im Grünen und beäugen bang den Wasserstand. Bald sind wir uns sicher, dass die Baïse nicht weiter ansteigt. Beruhigt verziehen wir uns in die Kojen, nicht ohne in der Nacht noch einmal einen Blick auf den Fluss zu werfen.

Auch am anderen Morgen zeigt sich die Baïse unverändert. Das Thema „Schifffahrtssperre“ ist vom Tisch,das Problem „Hochwasser“ allerdings noch nicht. Abermals den Weg nach Nérac einzuschlagen, erscheint uns daher wenig verlockend. Wir lösen die Festmacher und nehmen Kurs auf Buzet-sur-Baïse.

Dass uns die Charterbasis zurückbeordert hat, war angesichts der schwierigen Lage auf dem Fluss sinnvoll und korrekt. Auch wenn wir die Nacht noch auf der Baïse verbringen mussten, so war es doch ein gutes Gefühl, die Station in der Nähe zu wissen. Der Baïse billigen wir ihre Sperenzchen zu, schließlich ist es nichts Ungewöhnliches, dass ein Fluss im Mai noch einmal über die Ufer tritt. Aber wir hätten das Gewässer gern so kennengelernt, wie es tatsächlich sein soll: freundlich und entspannend.

Die knapp 200 km lange, kanalisierte Baïse entspringt in den Pyrenäen und mündet etwa fünf Flusskilometer nördlich von Buzet-sur-Baïse in die Garonne. Rund 65 km – der Abschnitt zwischen Valencesur-Baïse und der Garonne – sind schiffbar. Gut geeignet für einen einwöchigen Charterurlaub ist die Route von Buzetsur- Baïse nach Valence-sur-Baïse und retour (insgesamt etwa 120 km und 40 Schleusen).

Zu den Glanzpunkten dieses romantischen Törns gehören zweifellos die Ortschaften Nérac, Moncrabeau
und Condom. Eine Ahnung von der Schönheit Néracs haben wir bekommen: nett gelegene Kais, verwinkelte Gassen und malerische Fassaden, das prächtige Château hoch über der Baïse. In Nérac gibt es eine Reihe von Lokalen und Geschäften, samstags ist Markt.

Ein ausgesprochen kreativer Flecken ist Moncrabeau. Im August, wenn der „König der Lügner“ zur Wahl ansteht, wird an diesem Ort – höchst ehrenhaft! – geflunkert. Ganzjährig neckt Moncrabeau auf einem ausgeschilderten „Lügner-Pfad“. Das Städtchen verfügt über Versorgungsmöglichkeiten und ist alles in allem ein stimmungsvoller Winkel, was wirklich nicht geschwindelt ist. Die blühende Fantasie seiner Bewohner lenkte übrigens ein Kirchenmann aus dem benachbarten Condom in gesittete Bahnen: Er gab Moncrabeau im 17. Jahrhundert eine „Lügner-Akademie“, die noch heute existiert.

Um es gleich vorwegzusagen: Condom heißt nicht so, weil man hier jener zarten Hülle huldigt, die der Vereitelung gewisser Folgen dient. Schon deshalb nicht, weil Franzosen zum „préservatif“ greifen,wenn etwas Bestimmtes gefühlvoll zu verpacken ist. Dass die Bezeichnung „Condom“ insbesondere englisch- und deutschsprachige Besucher freudig erregt, wurde in Condom allerdings liebend gern aufgegriffen: mit einem Kondom-Museum.

Die Stadt besitzt überdies ein Armagnac-Museum und etliche kirchengeschichtliche Zeugnisse. Märkte (mittwochs, samstags) und Geschäfte laden zum Bummeln ein, in den Restaurants kommen die Köstlichkeiten der Gegend auf den Tisch.

Nur wenige Küchen vermögen Gaumen und Seele so zu streicheln wie die aquitanische: meeresfrische Austern aus Arcachon, Jambon de Bayonne und Knoblauchsuppe, Entenbrust und Pauillac-Lamm, zum Dessert „tourtière“ – ein Gebäck, etwa mit Äpfeln und Pflaumen aus Agen, die zuvor in Armagnac eingelegt waren.

Überhaupt, der Armagnac. Er wird in einem Gebiet südlich von Nérac aufwendig hergestellt und gilt als die älteste Spirituose französischer Herkunft. 1411 findet der Armagnac erstmals schriftliche Erwähnung; sein naher Verwandter, der Cognac, soll erst zwei Jahrhunderte später auf die Welt gekommen sein. „Armagnac“ ist, wie „Cognac“ auch, eine kontrollierte Ursprungsbezeichnung. 

An die Armagnac-Region schließen sich die Anbauflächen edler Rebensäfte an. Hier, nördlich von Nérac, reifen Rot-,Rosé- und Weißweine der „Appellation Buzet Contrôlée“. Eine Weinprobe bei der Winzergenossenschaft „Les Vignerons de Buzet“ in Buzetsur- Baïse ist unbedingt empfehlenswert. Wer den einen oder anderen feinen Tropfen für zu Hause erwirbt, der kann gewiss sein: Besser lässt sich aquitanisches Lebensgefühl nicht über den Urlaub hinaus bewahren.

Durch die Doppelschleuse von Buzet-sur-Baïse verlassen wir die Baïse. Ihr Hochwasser ist kein Malheur, denn wir können unseren Bootstörn umgehend auf dem verträumten Garonne- Seitenkanal fortsetzen. Der 194 km lange Canal Latéral à la Garonne, so die französische Bezeichnung des Garonne-Seitenkanals, ist ein
wichtiges Bindeglied zwischen Atlantik und Mittelmeer. Bei Castets-en-Dorthe, ungefähr 60 km südöstlich von Bordeaux, zweigt der Seitenkanal aus der Garonne ab und führt nach Toulouse, wo er auf den Canal du Midi trifft.

Der Canal Latéral à la Garonne, fertiggestellt 1856, wurde als Alternative zur Garonne gebaut, die nach wie vor ein problematisch zu befahrendes Gewässer ist. Der insgesamt 650 km lange Fluss entspringt in den Pyrenäen und verbindet sich etwa 80 km unterhalb von Castets-en-Dorthe mit der Dordogne zur Gironde, einer etwa 75 km langen und bis zu 12 km breiten Trichtermündung in den Atlantik.

Zwischen den Mündungen von Baïse und Lot in die Garonne liegen knapp fünf Stromkilometer, die schiffbar gemacht wurden, um von dem einen zum anderen Nebenfluss wechseln zu können. Charterbootkunden müssen für diese Passage einen kostenpflichtigen Lotsendienst in Anspruch nehmen.

Voll schiffbar ist die Garonne ab Castets-en-Dorthe zu Tal. Wir betrachten die Garonne lediglich vom Ufer aus: Der Strom führt wie seine Zuflüsse gerade Hochwasser und drängt mit einer derart urtümlichen Gewalt dem Meer entgegen, dass wir intuitiv vor ihm zurückweichen. Ganz klar, dass auf der Garonne zum Zeitpunkt unserer Reise jeglicher Schiffsverkehr ruht. 

Aber uns bleibt ja der Garonne-Seitenkanal, der heute ein beliebtes Ziel für Freizeitschiffer ist. Die Tour in nordwestliche Richtung bis Castetsen-Dorthe und zurück nach Buzet-sur-Baïse lässt sich in rund vier Tagen bewältigen (etwa 114 km, 22 Schleusen). Für die entgegengesetzte Strecke von Buzet-sur-Baïse nach Montech und retour benötigt man eine Woche (etwa 186 km, 58 Schleusen). Beide Abschnitte haben ihre Höhepunkte.

Da ist Castets-en-Dorthe am unteren Endpunkt des Garonne-Seitenkanals, der hier wie ein schmales Band neben der majestätisch dahinfließenden Garonne liegt. Castets-en-Dorthe hat recht ordentliche Anlegemöglichkeiten. Bäckerei, Metzgerei und zwei Gaststätten sind vorhanden. Bei unserem Besuch präsentiert sich das Städtchen noch ein wenig frühjahrsmüde – im Sommer wird mehr los sein, schon der hiesigen Schleuse wegen, die Kanal und Fluss verbindet. Charterbootfahrer dürfen diese Schleuse nicht mehr passieren, was kein Manko ist, denn der Garonne-Seitenkanal hat genug Schönes zu bieten.

Meilhan-sur-Garonne zum Beispiel, etwa 17 Kanalkilometer oberhalb von Castets-en-Dorthe. Der Anlegeplatz gefällt uns gut, das nahe Restaurant „Aux Amis de la Péniche“ ebenso. Meilhan-sur-Garonne selbst liegt hoch über dem Kanal. In dem kleinen Ort lassen sich nicht nur die Bordvorräte auffüllen. Bemerkenswert ist vor allem die Aussicht, die man von hier oben hat: Bis zum Horizont können unsere Blicke schweifen, derweil sich tief unter
uns Kanal und Fluss begegnen – der von Menschenhand geschaffene Wasserweg schmalund gesittet, die Garonne kraftvoll mäandernd.

Ein netter Haltepunkt ist Pont-des-Sables,weitere 11 Kanalkilometer zu Berg. Wer gut zu Fuß ist oder Fahrräder an Bord hat, der sollte im etwa 6 km entfernten Marmande vorbeischauen. Allein der herrlich bunte Markt (Dienstag bis Samstag) lohnt eine Stippvisite.

Nach einem sonnigen Tag auf dem Wasser laufen wir die Liegestelle Villeton an, ein gepflegtes Plätzchen im Grünen, an dem sich ein Lokal und ein kleines landwirtschaftliches Museum befinden. Kaum haben wir es uns auf der „Château de Flaran“ gemütlich gemacht, sehen wir auch schon jemanden, der von Boot zu Boot geht und offenbar etwas Wichtiges mitzuteilen hat. Ich spitze die Ohren und vernehme das Wörtchen „orage“.

Wenig später klopft es auch bei uns an die Bordwand: Ein kräftiges Gewitter sei im Anmarsch, lässt uns ein Herr
auf Französisch wissen, und wir täten gut daran, zusätzliche Festmacher auszubringen. Bevor der freundliche Monsieur weitergeht, wirft er noch einmal einen Blick über die Boote am Anleger. Wir fühlen uns angenehm umsorgt und staunen nicht schlecht, als wir erfahren, wer sich so rührend um uns Skipper gesorgt hat: Es war der örtliche Bürgermeister. Das Wetterspektakel entpuppt sich als harmloses Frühjahrsgeplänkel, es bleibt bei einem dramatischen Wolkenspiel und ein paar Tropfen Regen. Anderntags ist der Himmel wieder blau. Wir lösen die Leinen.

Der Bootsanleger von Damazan kommt in Sicht. Die Ortschaft ist aus einer mittelalterlichen Bastide hervorgegangen. Befestigte Siedlungen dieser Art stehen für eine der aufregendsten Epochen Aquitaniens: das Zeitalter unter englischer Herrschaft. Die Ära begann mit dem uralten Spiel um Liebe, Leidenschaft und Machtgier. Eleonore von Aquitanien, Protagonistin und Erbin des Landstrichs, war erst mit dem französischen König vermählt, dann mit dem englischen. Sie gilt als eine der bemerkenswertesten Frauen der Historie und führte ein Leben, das Hollywood nicht spannender hätte erfinden können. Erst 1453, rund 250 Jahre nach ihrem Tod, fiel Aquitanien an die französische Krone. 

Weiter geht’s. Fast lautlos zieht die „Château de Flaran“ ihre Bahn. Vom Ufer schallt Vogelgezwitscher herüber, leise plätschert das Wasser. Manchmal bilden die Bäume rechts und links am Kanal ein Blätterdach, das sich über unseren Köpfen nahezu schließt. Sonnenlicht fällt als schmaler Streifen auf die Wasseroberfläche, wo es funkelt und sich allmählich im Halbdunkel verliert.

Kinderleicht sind die Schleusen zu bedienen: Mittels einer Stange, die an einem Drahtseil über dem Kanal befestigt ist, startet man das Schleusen-Programm. Die eigentliche Schleusung wird in der Kammer per Knopfdruck oder Hebelziehen ausgelöst. Und wenn sich auch mal nichts tut – c’est la vie. In der Regel bringen hilfreiche Geister den Schleusen-Mechanismus rasch wieder in Gang.

Etwa drei Kilometer oberhalb von Buzet-sur-Baïse quert der Canal Latéral à la Garonne die Baïse. Die Passage ist beeindruckend, auch wenn sich der Pont Canal sur la Baïse bescheiden gegen die 580 m lange Kanalbrücke
ausmacht, die bei Agen über die Garonne führt. Bis dorthin werden wir es aber nicht mehr schaffen, schließlich muss Zeit für den Rückweg zur Charterstation bleiben.

In Sérignac-sur-Garonne machen wir noch einmal fest, bevor es retour geht. Auch wenn wir hier nicht unbedingt idyllisch liegen,so ist Sérignac-sur-Garonne doch ein erneuter Beweis dafür, dass vermeintlich unscheinbare Orte sehr wohl ihren Reiz haben. Die ehemalige Bastide besitzt einen urigen Dorfkern, stilvoll ist das Restaurant „Le Prince Noir“. Nicht zu vergessen der kleine Lebensmittelladen, dessen bodenständiges Angebot uns noch im
Nachhinein das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt.

Dass wir Fahrräder dabeihaben, erweist sich wieder einmal als praktisch.So müssen wir all die Leckereien nicht mühsam zurück zum Bootsanleger schleppen, der ein Stück weit vom Zentrum entfernt liegt. Ein Privatboot, das weiter vorn vertäut ist, bewegt unsere Fantasie: Der norwegische Halbgleiter mit Heimathafen in Dänemark hat alles an Bord, was ein sicherer Törn über See erfordert. Mitten in der französischen Provinz steigt uns der
Duft von Großer Fahrt und weiter Welt in die Nasen.

Und der gemeinsame Name von Canal Latéral à la Garonne und seinem „Alter Ego“, dem Canal du Midi, bekommt auf einmal einen ganz besonderen Klang: Canal des Deux Mers,Kanal der zwei Meere.

WAS SKIPPER WISSEN MÜSSEN

Firma, Boot und Preise: Die Firma Nicols ist Spezialist für Hausbootferien in Frankreich, Deutschland und Portugal. Kunden können zwischen 18 Bootstypen aus vier Baureihen wählen. In Buzet-sur-Baïse, wo unsere Tour begann, arbeitet Nicols mit der Firma Aquitaine Navigation zusammen (www.aquitaine-navigation.com).
Die Charterstation ist sehr ansprechend, Lebensmittelladen und zwei Lokale sind zu Fuß erreichbar. „Wir finden es schön hier“, erzählt uns das Team an der Rezeption, und diese Begeisterung spiegelt sich auch im Service wider, der kompetent und zuvorkommend ist. Die allgemeine Einweisung erhielten wir auf Deutsch, die technische auf Englisch.

In der Pantry erwartete uns eine Flasche Buzet-Wein. Während wir mit dem Boot unterwegs waren, parkte unser Auto auf einem abgeschlossenen Stellplatz (kostenpflichtig). Die nächsten Flughäfen sind in Bordeaux (etwa 120 km) und Toulouse (etwa 140 km).

Wir fuhren eine Nicols Quattro Estivale, die zum Törnzeitpunkt ein Jahr alt war. Der Bootstyp, der mit maximal sechs Personen belegt werden kann, ist ideal für eine vierköpfige Crew. Die Nicols Quattro Estivale gefällt durch ihr freundliches Interieur und den üppigen Lebensraum. Im Vorschiff befinden sich zwei Kabinen mit jeweils zwei
Kojen. Zu jedem Schlafbereich gehört eine Nasszelle inklusive Waschbecken, Dusche und WC. Der Salon mit Steuerstand, Pantry und Sitzecke (zu zwei weiteren Kojen wandelbar) ist dank großer Fenster lichtdurchflutet. In der Küchenzeile sind ein 4-flammiger Herd samt Backofen sowie ein 220-l-Kühlschrank mit Gefrierfach untergebracht. Das Boot verfügt unter anderem über Radio/CD und Warmluftheizung. Außensitzplätze gibt es vorn, achtern und auf der Flybridge, wo sich ein zweiter Steuerstand befindet. 

Die Nicols Quattro Estivale war angenehm zu fahren, da sie recht kursstabil lief. Auf der Hochwasser führenden Baïse hätten wir uns allerdings ein Bugstrahlruder gewünscht. Unser Boot befand sich in einem gepflegten Zustand, sinnvolles Informationsmaterial war an Bord. Badenixen und Wassermänner werden sich freuen: An die Nicols Quattro Estivale lässt sich ein Mini-Pool anhängen (Extra).

Technische Daten: Länge 10,85 m, Breite 3,80 m, Dieselmotor 1 x 29,44 kW (40 PS) Volvo Penta, Frischwassertank etwa 750 Liter, Kraftstofftank etwa 270 Liter.

Für die Nicols Quattro Estivale sind je nach Preisperiode zwischen 1715 Euro/Woche und 2638 Euro/Woche zu zahlen. Kürzere Buchungszeiträume sind möglich. Nicols offeriert verschiedene Rabatte, zum Beispiel einen Familienspezialpreis. Bettwäsche ist im Mietpreis enthalten. Der Verbrauch von Kraftstoff, Gas usw. wird nach Betriebsstunden abgerechnet. Nicht im Charterpreis inbegriffen sind unter anderem auch die Endreinigung und der Zuschlag für Garage oder Parkplatz. Fahrräder kosten je Exemplar 30 Euro/Woche. Die Kaution beträgt 900 Euro (Boot) plus 150 Euro (Endreinigung) und wird bei ordnungsgemäßer Rückgabe des Bootes erstattet
(Preise 2009).

Information und Buchung: Groupe Nadia, Nicols Yacht, Auenheimer Str. 26a, 77694 Kehl, Tel. 07851-885 19 80, Fax 07851-885 19 85, www.nicols.de

Tipps für den Törn: Führerschein Für unseren Chartertörn benötigten wir keinen Bootsführerschein. Liegeplätze Außer den genannten Anlegemöglichkeiten befinden sich weitere entlang der beschriebenen Strecke. Die Bootsanleger größerer Orte bieten in der Regel einen kompletten Service mit Trinkwasser, Strom, Dusche, WC. Das Festmachen am Ufer außerhalb ausgewiesener Liegestellen ist auf dem Garonne-Seitenkanal durchweg
erlaubt.

Fahrhinweise: Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf der Baïse beträgt 6 km/h. Der Garonne-Seitenkanal darf mit maximal 8 km/h befahren werden. Auf dem Kanal gibt es Schleusengruppen, die ohne Stopp zu passieren sind.

Vignette: Wer die französischen Wasserstraßen mit dem eigenen Boot befährt, muss zuvor eine gebührenpflichtige Vignette erwerben. Info:www.vnf.fr

Törnführer und Karten:

  • David Edwards-May: Binnengewässer Frankreichs. Alle schiffbaren Flüsse und Kanäle. Edition Maritim, Hamburg. ISBN 978-3-89225-409-6. (Neuauflage Frühjahr 2010).
  • Gewässerkarte Frankreich. Mit den Hauptwasserstraßen der Benelux-Länder. Bearbeitet von Konrad Nussbaum. Edition Maritim, Hamburg. ISBN 978-3-89225-367-9.
  • Jean Morlot: Canaux du Midi. Garonne, Gironde, Baïse, Lot Aval. Guide Vagnon de tourisme fluvial n° 7. Les Éditions du Plaisancier,Neyron. Französisch, Englisch, Deutsch. ISBN 2-85725-302-8.
  • Claude Vergnot:Les Voies navigables du Midi. navicarte 11. Éditions Grafocarte, Issy-les-Moulineaux. Französisch, Englisch,Deutsch. ISBN 2-7416-0054-6.
Ingrid Bardenheuer am 27.05.2009