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Frankreich

Frankreich: Bretagne

Ingrid Bardenheuer am 14.03.2014

Liaison Amoureuse: über Canal d’Ille-et-Rance und Vilaine mit dem Charter-Hausboot durch Frankreichs malerischen Nordwesten – die Bretagne.

Bretagne

Auf Rance und Vilaine durch die Bretagne.

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Liaison Manche - Océan. Wie verführerisch das klingt, Liaison. Tief im Brocéliande, dem sagenumwobenen Wald der Bretonen, entspann sich einst eine schicksalhafte "liaison amoureuse" zwischen Merlin, dem Zauberer, und Viviane, der schönen Hüterin des Wassers. Tristan, der Ritter, und Isolde, die Königstochter, fanden auf einer Seereise in die Bretagne zueinander, Auftakt einer "amour fou", einer verrückten Liebe.

Nun steht das französische "liaison" aber auch ganz prosaisch für "Verbindung". Liaison Manche - Océan meint einen Schifffahrtsweg, der die bretonische Halbinsel quert und so Ärmelkanal und Atlantik auf angenehme Weise verknüpft. Rance Maritime, Canal d’Ille-et-Rance und Vilaine bilden die Route. Mit einem Charterboot von Le Boat folgten wir Canal d’Ille-et-Rance und Vilaine von Dinan bis Messac. Und am Ende war es dann doch das, was wir uns von einer Liaison insgeheim erhoffen – eine romantische Begegnung.

Am Le-Boat-Stützpunkt in Dinan geraten wir fürs Erste ins Plaudern. Auf Englisch. Deutsch habe er nur kurz in der Schule gehabt, bedauert Basisleiter Loïc Boulais, verstehen ginge, sprechen weniger. Und wie zum Beweis führt er einen teutonischen Zungenbrecher an. "Charterversicherung – sehen Sie?", grinst er. Auch wenn ihm jede Silbe tadellos über die Lippen geht, wir bleiben bei Englisch und wechseln zum Thema Tipps. Loïc Boulais hat so viele parat, dass wir Mühe haben, alle abzuspeichern. Am Steg erwartet uns schon, blitzblank geputzt und mit allem Nötigen versehen, ein Boot vom Typ "Clipper (4+2)". Ratzfatz verstauen wir unsere Sachen an Bord.

Dinan zieht uns magisch an.

Wir bummeln den Hafenkai entlang, bewundern historisches Fachwerk, inspizieren die Speisekarten der Restaurants. Beim Vieux Pont geht ein schmaler Straßenzug ab, die Rue de Petit-Fort. Neugierig betreten wir das holperige Pflaster. Und als habe uns ein Zauber aus der Zeit genommen, finden wir uns mit einem Mal in einer mittelalterlichen Gasse wieder.

Wir können uns kaum sattsehen an den großartig restaurierten Fassaden, aber oben, im Zentrum, gibt es ja noch mehr davon – und dazu ein Schloss aus dem 14. Jahrhundert. Wir entdecken Läden und Lokale, staunen über die gewaltige Stadtmauer, die das alte Dinan über eine Länge von beinahe drei Kilometern umschließt. Da hat unsere Reise durch die Bretagne wirklich atemberaubend begonnen.

Dinan liegt am Ufer der Rance, die einen Abschnitt der Liaison Manche - Océan bildet. Unterhalb von Dinan, bei der Schleuse Le Châtelier, beginnt die gezeitenabhängige Rance Maritime, die nach rund 23 km bei Saint-Malo in den Ärmelkanal fließt. Oberhalb von Le Châtelier ist die Rance Teil des 1832 fertiggestellten Canal d’Ille-et-Rance. Bis Évran folgt der Kanal dem Kurs der Rance. Von dort bis Montreuil-sur-Ille schuf man eine künstliche Verbindung zur Ille, deren Bett der Canal d’Ille-et-Rance als Nächstes nutzt.

In Rennes trifft er auf die regulierte Vilaine, die nach 137 km bei Arzal in den Atlantik mündet. Von Dinan bis Messac sind es etwa 127 km – knapp 80 km auf dem Canal d’Ille-et-Rance, weitere 47 km auf der Vilaine. Gespickt ist unsere Strecke mit insgesamt 57 Schleusen. Am Haupt der Schleusentreppe von Hédé gelangen wir an den höchsten Punkt unserer Reise – gut 65 m.

Durch die erste Schleuse

Bald nach unserem Start am anderen Morgen empfängt uns auch schon die erste Schleuse. Wir laufen in die Kammer ein und steigen, vom betagten Schleusen-Terrier wachsam beäugt, sachte auf. Nach kaum zehn Minuten ist alles vorbei. So flott geht’s auch weiter: Sämtliche Schleusen auf der Tour werden bedient, zumeist ohne Verzug. Mittags (12.30 h –13.30 h) ruht der Betrieb, ideal, um einen Landausflug einzuschieben.

Wir wollen heute bis Tinténiac kommen, als Etappenstopp bieten sich hier unter anderem Léhon und seine Abtei an oder der Ort Évran. Wir entscheiden uns für Letzteren. Évran hat einen großzügigen Wasserwanderrastplatz und verfügt über Gaststätten sowie eine Bäckerei und Metzgerei.

Nach einer entspannten Fahrt durchs Grüne erreichen wir Tinténiac, ein nettes Städtchen mit allen Versorgungsmöglichkeiten. Blickfang ist die Église de la Sainte-Trinité. Beim Bau des Gotteshauses Anfang des 20. Jahrhunderts wurden auch Relikte einer mittelalterlichen Kirche verwendet, die zuvor an dieser Stelle gestanden hat. Restaurant-Tipp: Empfehlenswert ist das "L'Auberge des Voyageurs", etwa fünf Minuten zu Fuß vom Kanal entfernt.

Über Geschmack lässt sich nicht streiten

An unserem Liegeplatz bekommen wir aber jetzt erst einmal Besuch vom angrenzenden Camping Municipal. Zwei Herren treten mit ernster Miene und zügigen Schrittes an unser Boot heran. Wir ziehen vorsorglich den Kopf ein, müssen aber nur die Übernachtungsgebühr begleichen – unterm Strich 1,85 Euro. Für Mann und Maus.

Bevor wir am Tag darauf wieder starten, erstehen wir erst noch ein duftendes Baguette. Das muss betont werden, weil die geschätzte Brotstange endlich so ist wie sie sein soll: locker und knusprig. Bislang hatten die Dinger den Wohlgeschmack deutscher Supermarktware, was der europäischen Integration geschuldet sei, aber trotzdem bedauerlich ist.

Dies Baguette jedoch macht der französischen Backkunst allerhöchste Ehre. Und dazu eine typisch bretonische Wurstspezialität, eine Andouille de Guémené. Doch unsere rheinisch-westfälischen Mägen, gestählt durch Panhas und Stippgrütze, streiken. So lecker die Andouille de Guémené auch aussieht, ihre Würze legt sich lähmend auf unseren Appetit. Geschnittenes und aufgerolltes Nutztiergedärm mit Raucharoma ist eben so eine Sache.

Ganz oben angekommen

Unser Tagesziel soll Saint-Médard-sur-Ille sein. Bis dorthin sind es rund 20 km und 20 Schleusen. Etwa 4 km oberhalb von Tinténiac werden wir sicher ins Schwitzen kommen: Dort erwartet uns die Schleusentreppe von Hédé, elf "écluses" auf rund zwei Kanalkilometern. Weit gefehlt, der Aufstieg gerät dank des freundlichen und umsichtigen Schleusenpersonals zu einem Spaziergang.

Dafür nochmals merci, Mesdames et Messieurs. Wer sich über den Kanal informieren möchte, kann im Unterwasser der Écluse La Madeleine anlegen und das Museum am Schleusenwärterhaus besuchen. Gleich daneben befindet sich auch ein Restaurant. Bis ins hübsche Hédé sind es etwa 1,5 km, allerdings leicht bergauf. Dort gibt es weitere Lokale sowie Einkaufsmöglichkeiten und als Sehenswürdigkeit eine Burgruine. 

Nun sind wir ganz oben, an der Scheitelhaltung des Kanals. Mit der nächsten Schleuse beginnt unser Abstieg in Richtung Rennes. Die Route bleibt unverändert stimmungsvoll – Landschaft satt. Dass wir nicht vollends ins Träumen verfallen, liegt auch daran, dass uns von Zeit zu Zeit ein Schuss Adrenalin in die Adern fährt. Nämlich immer dann, wenn wir uns samt unserer "Clipper" unter einer 2,50 m hohen Brücke hindurchzwängen müssen.

Eichentore für die Kanalschleusen

Eine ziemlich enge Angelegenheit, die wir getreu dem rheinischen Motto "et hät noch immer jot jejange" schadlos hinter uns bringen. Saint-Médard-sur-Ille, unser Übernachtungsplatz, ist nett gelegen, zeigt sich aber etwas unausgeschlafen. Bäcker, Lebensmittellädchen, ein einfaches Lokal – zum Versorgen genügt’s.

Rennes ist jetzt noch knapp 28 Kanalkilometer entfernt. Für einen Zwischenhalt lohnen Saint-Germain-sur-Ille, Betton und Saint-Grégoire. Jede Ortschaft hat auf ihre Weise etwas Besonderes. In Saint-Germain-sur-Ille lockt der Betrieb von Jean Deffains. Er und seine Kollegen zimmern die tonnenschweren Eichentore der Kanalschleusen. Die Werkstatt kann, am besten nach Voranmeldung, besichtigt werden (Telefon 0033 2 99 66 96 20).

Betton hat ausgezeichnete Versorgungsmöglichkeiten. Gleich am Wasserwanderrastplatz liegt das Restaurant "dupont & dupont", ein paar Schritte weiter ein Supermarkt. Im nahen Zentrum stoßen wir auf weitere Lokale und Geschäfte. Landmarke ist Bettons neo-romanische Kirche.

Rennes, Metropole der Bretagne

Saint-Grégoire grenzt bereits an Rennes. Trotzdem, wir bleiben. Der Tag ist fortgeschritten, und auch in Saint-Grégoire können wir einkaufen und gut einkehren. Lust auf richtig gute Galettes de blé noir? Das Leibgericht der Bretonen, Buchweizenpfannkuchen, gibt es in der "Crêperie du Marché" in vielen leckeren Variationen. Sehr empfehlenswert. Im Hafen hätten wir gern Frischwasser nachgebunkert, aber weder per Schlauch noch durch Verlegen kommen wir an die Zapfstelle heran. Dort hat sich ein Hausbootfahrerkollege trotz eindeutiger Beschilderung für die Nacht eingerichtet und sodann verzogen. Dann müssen wir uns eben bis morgen gedulden.

Die Metropole Rennes glänzt im frühen Sonnenlicht. Wir wechseln vom Canal d’Ille-et-Rance auf die Vilaine und treffen, gleich oberhalb der letzten Kanalschleuse, auf ordentlich gelegene Halteplätze. Nur wenige Schritte, und wir sind mitten im Herzen der Hauptstadt der Bretagne.

Die Bretagne. Trotzig ragt sie ins Meer hinaus. Fast scheint es, als kehre sie dem Kontinent den Rücken zu und nehme stattdessen lieber die Rauheit der See in Kauf. Die Region ist reich an Mythen, und manches macht glauben, dass irgendwo in der Bretagne das Diesseits seine Nahtstelle zur Anderwelt hat. Rätselhaft auch das: Wer richtete vor 7000 Jahren tonnenschwere Steinreihen in der Gegend auf, baute gigantische Dolmen? Wie und wozu bloß? Lange nach der Megalithkultur wanderten keltische Stämme ein. "Aremorika" nannten sie das Gebiet, "Land vor dem Meer".

Gwenn ha du – „weiß und schwarz“

Wenig hinterließ die römische Ära. Wenig? Nein! Dass Asterix und Obelix, unsere modernen Comic-Helden, ausgerechnet auf bretonischem Boden mit Römern raufen, kommt schließlich nicht von ungefähr. Später, im beginnenden frühen Mittelalter, wird die Halbinsel zum Zufluchtsort britischer Kelten. Die Grande-Bretagne hat fortan eine kleine Schwester, die Bretagne. Sie wird in der Sprache der Neuankömmlinge "Breizh" genannt. Heute ist "Breizh" mehr als nur ein Name, es ist das Bekenntnis zur eigenen Kultur.

Bretonisch, verwandt mit dem Irischen und Walisischen, gilt als die letzte in Europa noch existierende keltische Sprache. Inzwischen sollen, so das bretonische Tourismusbüro, wieder 200 000 Menschen das "Brezhoneg" beherrschen. Keine zehn Prozent der Bretonen, aber immerhin. "Gwenn ha du", "weiß und schwarz", ist die Bezeichnung der bretonischen Flagge. Ihr Tuch – vier weiße und fünf schwarze Streifen, dazu elf "Hermelinschwänze" – weht überall in der Region, nicht nur hier, in der Kapitale Rennes.

Vor fast 300 Jahren, am 23. Dezember 1720, kommt es in der Stadt zur Katastrophe. Eine Feuerwalze frisst sich eine Woche lang durch das alte Rennes. Nahezu 1000 Gebäude gehen in Flammen auf. Einige der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Fachwerkhäuser überstehen die Tragödie und gehören nun, aufwendig restauriert, zu Rennes’ Schätzen. Dort, wo der Brand wütete, wurde die Stadt noch im
18. Jahrhundert neu erbaut – diesmal vorwiegend aus Stein, mit den klaren Linien des Klassizismus.

Ein Gebäude wie ein Schiffbug

Im 19. Jahrhundert erhielt Rennes eine kunstvolle Grünanlage, den Stadtpark Thabor. Hervorgegangen ist das Kleinod aus dem Obsthof einer Abtei. In Rennes lässt es sich überdies wunderbar shoppen und schlemmen.
Als die Randbezirke der Metropole hinter uns liegen, zeigt die Vilaine ihre wahre Schönheit. Immer wieder gibt uns ihr Verlauf eine Ahnung von Weite.

In Pont-Réan beenden wir die Etappe, ein sympathischer Ort mit ufernahen Restaurants sowie einer Bäckerei, Metzgerei und einem kleinen Laden, der von Keksen bis zu Schrotkugeln alles zu führen scheint. Anderntags passieren wir die pittoreske Moulin du Boël. Sie stammt von 1652 und ist damit eine der ältesten Wassermühlen der Gegend.

Bergseitig ist das Gebäude wie ein Schiffsbug konstruiert und setzt so einem Hochwasser der Vilaine nur wenig Widerstand entgegen. Sanft mäandernd, mit kaum wahrnehmbarer Strömung, nimmt uns der kanalisierte Fluss nach Messac mit. Hier heißt es Abschied nehmen von einem fantastischen Bootsrevier – der Bretagne

CHARTER-INFORMATIONEN

Das Unternehmen Der renommierte Hausbootferien-Anbieter Le Boat kann auf mehr als 40 Jahre Erfahrung zurückgreifen. Die Firma betreibt mittlerweile 42 Stützpunkte in neun europäischen Ländern. Allein in Frankreich stehen neun attraktive Regionen zur Auswahl. Le-Boat-Kunden profitieren zudem von einer stattlichen und überaus vielfältigen Flotte: insgesamt fast 900 Hausboote in fünf Komfortklassen. Info und Buchung: Le Boat, Theodor-Heuss-Str. 53-63, 61118 Bad Vilbel, Tel. 06101-55 791 12, www.leboat.de

Das Boot  Die "Clipper (4+2)" ist ein geräumiges und umfassend ausgestattetes Boot. Das Modell verfügt über zwei getrennte Schlafkabinen, jede mit zwei Kojen und eigenem Sanitärbereich. Zwei weitere Schlafplätze lassen sich im Salon herrichten. Die Pantry ist perfekt eingerichtet. Das Boot hat einen Innen- und Außensteuerstand sowie großzügig bemessene Tanks für Frischwasser und Kraftstoff. Zu den Annehmlichkeiten gehören Heizung, Radio/CD und DVD-Flachbildschirm. Der Mietpreis für eine Woche beträgt je nach Saisonzeitpunkt zwischen 1790 und 3095 Euro, plus Betriebskosten und 100 Euro Zuschlag bei Einwegfahrt. Bootsdaten: Länge 10,98 m, Breite 3,96 m, Motor 50-PS-Diesel.

Ingrid Bardenheuer am 14.03.2014