Canal du Midi Canal du Midi
Frankreich

Frankreich: Canal du Midi

Bodo Müller am 03.08.2011

Im Spätsommer durch Südfrankreich: Mit dem Charterboot nahmen wir auf einer der beliebtesten Urlaubs-Wasserstraßen Europas Kurs auf Carcassonne.

Canal du Midi

Mit dem Charterboot unterwegs auf dem Canal du Midi.

Das Licht der tief stehenden Sonne fällt durch die Allee von Platanen und bildet helle und dunkle Flächen auf dem Kanal. Die in dünnen Platten abblätternde Borke zeigt ein Mosaik aus weißen und grünen Flecken. Das herbstlich gefärbte Laub schimmert golden. Auf dem Kielwasser der entgegenkommenden Schiffe tanzen Lichtpunkte. Eine Stimmung, als sei sie von Claude Monet gemalt.

Fotostrecke: Frankreich: Canal du Midi

Wir befinden uns nicht im Garten des Impressionisten, sondern auf einer der ältesten und schönsten Wasserstraßen Frankreichs, dem Canal du Midi.

Canal du Midi

Mit dem Charterboot unterwegs auf dem Canal du Midi.

Die 20 km westlich von Beziers gelegene Kleinstadt Capestang ist der Ausgangspunkt unserer Reise auf der historischen Wasserstraße, zu der die Franzosen auch sagen: Canal des Deux Mers (Kanal der zwei Meere). Hier haben wir bei Vercharterer France Fluviale eine Linssen 29.9 gemietet.

Canal du Midi

Mit dem Charterboot unterwegs auf dem Canal du Midi.

Capestang liegt am km 189. In Richtung Osten mündet der Kanal du Midi bei km 240 in den Étang de Thau, einer großen Lagune an der Mittelmeerküste mit einer Durchfahrt zum Meer. Im Westen, also in Richtung Atlantik, beginnt der Canal du Midi beim km 1 in Toulouse, also etwa in der Mitte zwischen Mittelmeer und Ozean. Seine Fortsetzung zum Atlantik war ursprünglich der Fluss Garonne. Später wurde der Canal latéral à la Garonne gebaut, der nach 260 km bei Bordeaux am Atlantik endet.

Bei dieser Dimension von Entfernungen wird einem sofort klar, dass man in einer Charterwoche nur einen Bruchteil des historischen Kanals zwischen den zwei Meeren erkunden kann. Wie weit kann man fahren in einer Charterwoche?

Auf den Spuren von Monsieur Riquet

Clife, der freundliche Basisleiter unserer englischen Charterfima, sagt nach der Einweisung: „Folgt den Spuren von Monsieur Riquet, dann werdet ihr jeden Tag seine Wunderwerke sehen.“ „Monsieur Riquet?“, fragen wir. „Das ist der Mann, der vor 320 Jahren diesen Kanal baute. Ein fanatischer Erfinder. Er konstruierte Brücken, Schleusen, Tunnel und Schifffahrts-Aquädukte, die es vorher noch nirgends auf der Welt gab“, antwortet Clife.

„Und wie weit kommen wir in einer Woche?“ „Fahrt nach Westen. In drei Tagen hin und zurück kommt ihr bis Trèbes oder Carcassonne – aber das ist völlig nebensächlich. Auf dem Canal du Midi ist der Weg das Ziel.“
Clife kramt in den Schubläden des Bootes, bis er einen Korkenzieher findet. „Das ist das wichtigste Werkzeug auf dem Canal du Midi. Eure Bootsreise führt durch das größte Weinanbaugebiet Frankreichs.“

Nach dem Ablegen an der Basis in Capestang passieren wir mit eingezogenen Köpfen die engste und niedrigste Steinbogenbrücke, die Monsieur Riquet über den Kanal bauen ließ. Danach passt sich die alte Schifffahrtsstraße in sanften Bögen der hügeligen Landschaft an. Die uralten Platanen, insgesamt 60 000, die Pierre-Paul Riquet zu beiden Seiten der Wasserstraße am Treidelpfad pflanzen ließ, bilden ein nahezu geschlossenes Dach.

Die Platanen sollen durch ihre dichte Krone die Verdunstung verringern und mit ihren Wurzeln die Ufer festigen. Zusätzlich soll das Herbstlaub mit den schwer verrottenden Blättern das Kanalbett abdichten. Schließlich boten die Bäume seinerzeit Arbeitern und Zugpferden beim Treideln Schutz vor der Sonne.

Wir schippern über mehrere steinerne Kanalbrücken, unter denen kleine Wasserläufe fließen. Beidseitig des Kanals sind schier endlose Reihen von Weinpflanzungen, die hier maschinell geerntet werden. Wir befinden uns in der Region Languedoc-Roussillon, dem bedeutendsten Weinanbaugebiet Frankreichs. Hier wird etwa dreimal so viel Wein produziert wie in allen deutschen Weinanbaugebieten zusammen.

Kein Wunder, dass am Kanalufer immer wieder Schilder mit der Aufschrift „Vins de Pays d’Oc“ (Landwein) stehen, die den Weg zu kleinen Schlösschen weisen, die irgendwo in den Weinfeldern liegen. In Höhe der Ortschaft Argeliers sehen wir rechter Hand bei einer schönen Steinbogenbrücke das einladende Schild des Restaurants „Le Chat qui pêche“ (Die Katze, die fischt).

Davor liegen mehrere Hausboote, die – wie überall am Kanalufer – entweder an Bäumen oder mittels Erdnägeln festgemacht sind. Es ist Samstagnachmittag, uns steht der Sinn nach Fisch und Wein. Wir nehmen auf der wunderschönen, von Weinlaub überdeckten Terrasse Platz. Doch kein Kellner kommt. Auch auf mein Läuten an der Glocke rührt sich niemand. Auf einem verblichenen Schild lese ich: „Open everyday. Exept: Saturday lunchtime, Sunday, Monday lunchtime“ ...

Ein freundlicher Franzose vom Nachbarboot gibt uns Nachhilfeunterricht in Landeskunde: „Wann gegessen wird, bestimmt in Frankreich nicht der Gast, sondern der Wirt.“ Er empfiehlt uns, weiterzufahren bis nach Le Somail, wo es hinter der Brücke ein gutes Restaurant direkt am Kanal geben soll.

Eindrucksvolle Aquädukte und Brücken

Wir fahren über das eindrucksvolle Aquädukt Pont-Canal de la Cesse. Etwa zehn Meter unter uns strömt der Fluss Cesse unter dem Canal du Midi hindurch. Das malerische Le Somail gilt als einer der schönsten Orte an der Wasserstraße und ist so etwas wie das kulturelle Zentrum der Region.

Wir passieren die alte Steinbogenbrücke und gehen gleich danach an Backbord längsseits vor dem „Le Comptoir Nature“ (Tresen der Natur). An den Gartentischen am Ufer genießen wir das letzte Abendlicht und bestellen ein Glas Rotwein.

Ein freundlicher Kellner mit Pferdeschwanz sieht auf seine Uhr und sagt, dass die Bar nur von 15 bis 18.30 Uhr geöffnet sei. Wir lernen dazu, dass das Gartenlokal, in dem es ausschließlich Getränke gibt, hier als Bar gilt. Wir sind genau fünf Minuten zu spät. Er sieht mein langes Gesicht und meint: „You are foreigner? Okay, I bring you wine. Enjoy the sunset.“ 

Während er serviert, erklärt er, dass die Essenszeit im Restaurant von 19 bis 21.30 Uhr ist. Wir reservieren einen Tisch und sollen es nicht bereuen. Ein Menü kostet zwischen 15 und 30 Euro und besteht aus Salat, Vorspeise, Hauptgericht und Dessert. Alles ist frisch zubereitet, und wir schlemmen wie „Gott in Frankreich“.

Frisches Baguette gibt es morgens im schwimmenden Supermarkt von Madame Claudine auf dem Binnenschiff „Tamata“. Gleich daneben kommen Bücherfreunde auf ihre Kosten. Das „Le Trouve tout du Livre“ von Madame Gourgues gilt mit mehr als 50 000 Titeln als eines der größten und bestsortierten Antiquariate Frankreichs.

Wer nach so vielen bibliophilen Schätzen etwas leichtere kulturelle Kost mag, kann sich wenige Meter weiter im Musée du Chapeau auf recht amüsante Weise mit der französischen Geschichte befassen – in Form von Hüten.
Wir lassen das malerische Le Somail achteraus und steuern den noch schleusenlosen Ka-nal in Richtung Westen. In Ventenac-en-Minervois ist die ganze Nordseite des Ortes zum Bootsanleger ausgebaut und von Hausbooten belegt. Wir finden den letzten freien Platz unmittelbar vor dem Weinschloss. Château de Ventenac zählt zu den größten Weinschlössern am Kanalufer.

Für die Region typische Rebsorten

Hier werden die für die Region so typischen Landweine aus den Rebsorten Syrah, Cabernet, Merlot, Chardonnay und Cinsault gekeltert. Das Weinmuseum ist einen Besuch wert. Alle Weinsorten können kostenlos probiert werden. Ganz klar, dass hier jede Crew anhält und dann gut gelaunt mit einem Karton voller Wein an Bord zurückkehrt.

Mit dem Wein am Steuer scheint so mancher am Canal du Midi einen lockeren Umgang zu pflegen, was an vielen Brückendurchfahrten deutliche Spuren hinterlassen hat. Aber alle Boote sind reichlich mit Fendern behangen, die hier während der Fahrt immer draußen bleiben.

Gleich neben dem Weinschloss passieren wir bei km 159 das berühmte Aquädukt Pont-canal de Répudre. Es wurde 1676 vom Kanalbauer Riquet errichtet und war die erste Kanalbrücke in Frankreich und die zweite auf der Welt. Die seinerzeit sensationelle technische Meisterleistung bestand nicht allein darin, dass Schiffe auf einer gemauerten Brücke einen natürlichen Fluss in zehn Metern Höhe überqueren.

Obendrein beschreibt diese künstliche Schifffahrtsstraße einen U-förmigen Bogen. Die geniale Leistung Riquets bestand darin, dass er den Canal du Midi nicht durch ein Tal, sondern über die Hügel oberhalb des Aude-Tals führte, um ihn vor den zerstörerischen Überschwemmungen der unregulierten Nebenflüsse der Aude zu schützen.

Wir passieren die Orte Paraza und Roubia, wo es Anlegemöglichkeiten mit einer Zapfsäule für Trinkwasser gibt. Gleich darauf folgt das nächste technische Denkmal, die Schleuse Argens. Sie ist eine der berühmten Rundkammerschleusen, in die üblicherweise vier Hausboote passen. 

Wir machen die Erfahrung, dass man beim Bergauf-Schleusen von Bord aus keinen Poller belegen kann, weil diese nicht an der Schleusenwand, sondern irgendwo oben auf der Wiese platziert sind – von Bord aus weder zu sehen noch zu erreichen. Auch erleben wir, dass der Schleusenwärter keine Leine anfasst, die man zu ihm hinaufwirft. Erst später erfahren wir, dass es dafür hygienische Gründe gibt (siehe dazu Info-Kasten „Badeverbot“).

Rundkammerschleusen und Schleusentreppen

Erfah­rene Canal-du-Midi-Skipper lassen vor dem Bergauf-Schleusen ein Crew-Mitglied an Land, das die hochgeworfenen Leinen annimmt. Jeder, der mit Leinen hantiert, trägt Handschuhe. Der Schleusenhub liegt meist zwischen zwei und vier Metern. Ist der Höhenunterschied größer, besteht die Schleuse aus mehreren Kammern. Wegen des großen Hubs und der Verwirbelungen beim Füllen der Kammern funktioniert das Festmachen mit nur einer Leine auf der Mittelklampe nicht.

Und noch eine Besonderheit zeichnet die Schleusen am Canal du Midi aus: Man kann hier einkaufen. Der Schleusenwärter bietet meist Landwein an, dazu frisches Brot, Obst und Gemüse aus eigenem Garten sowie regionale Spezialitäten wie Konfitüren und Käse.

Nach einem Kilometer folgt die mittelalterliche Stadt Argens-Minervois mit einem Schloss aus dem 14. Jahrhundert hoch über dem Kanal. Hier gibt es ein großes Hafenbecken, in dem eine ganze Hausboot-Flotte stationiert ist. Die Versuchung, die alte Stadt anzusehen, ist groß. Doch es ist unmöglich, an jedem Baudenkmal anzuhalten, weil es zu viele davon gibt.

Gegen 18.30 Uhr laufen wir in die Doppelschleuse Pechlaurier ein. Es wird die letzte des Tages sein, denn 19 Uhr ist an allen Schleusen „fin du travail“. Noch gut zwei Kilometer sind es bis zur nächsten Schleuse vor den Toren der Stadt Homps, unserem Tagesziel.

Doch wir kommen nicht mehr dorthin. Hinter der Schleuse kochen weiße Rauchschwaden aus dem Kühlwasseraustritt. Wir stoppen die Maschine, legen das Schiff ans Ufer, spannen eine Vor- und Achterleine quer über den Treidelpfad und binden sie an die Platanen. Der Kühlwasserfilter ist sauber. Wir tippen auf den Impeller.

Beim Vercharterer läuft schon der AB, und wir sprechen unser Malheur und unsere Position aufs Band.
Wir sind völlig allein. Auf einer Seite der Kanal, auf dem kein Schiff mehr fährt, auf der anderen ein endloses Weinfeld. Eine unglaubliche Stille umgibt uns. Zum Glück haben wir ja eine Kiste „Vins de Pays d’Oc“ gekauft. Der Abend ist gerettet.

Während die Morgensonne den Nebel über dem Kanal durchbricht, werden wir unsanft geweckt. Ein Radfahrer pocht ans Boot und beschwert sich mit einem Schwall französischer Flüche, weil wir die Leinen quer über den Treidelpfad gespannt haben. Er hat ja recht. Wir finden in der Backskiste Erdnägel und schlagen sie ins Ufer. Mit einem freundlichen „merci“ radelt er weiter.

Kurz darauf pocht es erneut ans Boot. Was haben wir noch falsch gemacht? Auf dem Treidelpfad parkt das Service-Auto der Charterfirma France Flu­viale. Ein freundlicher junger Mann zeigt strahlend einen neuen Impeller hoch und hechtet an Bord. Nach einer Stunde schnurrt die Maschine wieder.

Im Zentrum des nautischen Tourismus

Wir nehmen die Schleusen von Ognon und Homps und laufen in das Städtchen Homps ein, wo wir am Ortseingang vor einer Pizzeria anlegen. Homps scheint ein Zentrum des nautischen Tourismus’ zu sein. Der Kanal ist voller Boote. Jetzt ist Ende September – wie voll mag es hier im Sommer sein? Beidseitig des Kanals gibt es meh­rere Lokale, in denen man vom Ufer aus dem Schiffsverkehr zusehen kann.

Nachmittags steuern wir weiter westwärts, passieren die Schleuse Jouarres und erreichen kurz vor dem Ort La Re­dorte das sehr schöne Wasserbauwerk Épanchoir d’ Argentdouble (Überlauf des Flusses Argentdouble). Hier hat Monsieur Riquet erneut bewiesen, wie sich technische Innovation und Schönheit vereinen lassen. Genau betrachtet ist es ein kompliziertes Bauwerk: In einem Bogen überquert der Kanal auf einem Aquädukt einen unregulierten Fluss. Das Ost­ufer der Überfahrt ist flankiert von einer weiteren Brücke aus zwölf gemauerten Bögen. Durch sie wird überschüssiges Kanalwasser in den Fluss abgeleitet. Und über die obere Brücke führt der Treidelpfad.

Gleich danach folgt der Ort La Redorte, dessen Zentrum etwa einen Kilometer weiter landeinwärts liegt. In La Re­dorte gibt es reichlich Liegeplätze an der langen Ortspier mit einigen Säulen für Strom und Wasser. Die Chips für die Automaten kann man in dem Lokal La Rivassel kaufen.

Wir schaffen abends noch die Schleuse Puichéric und machen für die Nacht unterhalb der nächsten Schleuse Aiguille, die bereits geschlossen hat, fest. Am Liegeplatz unter den Platanen kann man gratis Wasser bunkern. Und auf den bereits maschinell abgeernteten Weinfeldern findet man noch viele reife Trauben.

Morgens fahren wir in die Schleuse Aiguille. Der Schleusenwärter hat aus Schrott Plastiken geschweißt und seine Kunstwerke rund um die Kammer drapiert. Nach drei weiteren Schleusen erreichen wir die Stadt Trèbes und machen unterhalb der Mehrkammerschleuse fest. Wir sind am westlichsten Punkt unseres Törns angekommen.

Die nächste Station wäre Carcassonne

Von Trèbes könnte man zwar auf dem Kanal weiterfahren bis zur berühmten Stadt Carcassonne. Doch auf dem Wasserweg, der hier einen weiten Bogen nach Norden macht, wären es 14 km und sieben Schleusen, also je ein Tag hin und zurück. Das gibt unsere Charterwoche nicht her, denn wir müssen das Boot ja wieder zurückbringen. Mit dem Bus sind es nur 8 km bis Carcassonne.

Direkt an der viel frequentierten Mehrkammerschleuse Trèbes liegt das schöne Gartenlokal „Le Moulin de Trèbes“. Hier gibt es regionale Spezialitäten, einen guten Landwein, und man kann beim Schlemmen dem lebhaften Treiben in der Schleuse zusehen. Am Weg von der Schleuse zur Bushaltestelle findet man die „Confiturerie de L’Écluse“ von Madame Marie-Thérèse. Die 71 Jahre junge Dame stellt Konfitüren aus Wein her – einfach lecker!

Die Festungsstadt Carcassonne, auf einem Plateau über dem Kanal gelegen, ist unbedingt sehenswert. Der Bau der riesigen Burg begann um 1230. In 15 Jahren errichtete man eine äußere Mauer von 1,5 km Länge und eine 1,3 km messende innere Mauer. So galt Carcassonne als die am schwersten befestigte Stadt in Südfrankreich. Allerdings wurde die Wirksamkeit der Verteidigung nie auf die Probe gestellt. Seit 1997 zählt die Festung Carcassonne zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Tore der Bastion stehen heute offen. Neben Souvenirshops gibt es in der mittelalterlichen Stadt schöne Lokale, wo man das Erreichen des Reiseziels feierlich begehen kann. Vor uns liegt jetzt die Rückreise. Auf dem Canal du Midi ist der Weg das Ziel. 

WAS SKIPPER WISSEN MÜSSEN

Der Canal du Midi historisch: Der Canal du Midi war die größte Baustelle im Europa des 17. Jahrhunderts und gilt noch heute als herausragende Ingenieurleis­tung. 12 000 Arbeiter bauten in nur 14 Jahren mit Schaufeln und Hacken eine 240 km lange Wasserstraße – was selbst im 21. Jahrhundert schwer zu überbieten wäre. Parallel wurden 63 Schleusen mit 98 Kammern gebaut. Die spektakulärsten Bauwerke sind die 50 (!) Steinbogenbrücken, auf denen der Kanal über Flüsse geführt wird. Eine Sensation war auch der weltweit erste Kanal­tunnel mit 160 m Länge, der in sechs Tagen entstand.

Die Idee zum Bau des Kanals hatte der Salzsteuereinnehmer Pierre-Paul Riquet (1609 – 1680), der weder Architekt noch Ingenieur war. Besessen von seinem Plan, eignete er sich im Selbst­studium die theoretischen Kenntnisse an und konstruierte in 30-jähriger Arbeit die Pläne für den Kanal. 1662 präsentierte er sie dem französischen Finanzminis­ter Colbert, 1666 genehmigte König Ludwig XIV. den Bau. Ein Jahr später begannen die Arbeiten und am 24. Mai 1681 wurde der Kanal feierlich eröffnet. Sein Erfinder Riquet war ein halbes Jahr vorher verstorben. Der Canal du Midi ist seit 1996 UNESCO-Weltkulturerbe. )

Die Charterfirma: Der Familienbetrieb France Fluviale bietet seit 1993 führerscheinfreien Bootsurlaub auf den Binnengewässern Frankreichs an. Die Firma unterhält die Stützpunkte Vermenton und St. Florentin in Burgund sowie Capestang am Canal du Midi. Das kleine Unternehmen legt großen Wert auf persönlichen Service und gute Qualität. Neben den hochwertigen Booten vom Typ Linssen (29.9 bis 34.9 Fuß) werden auch regional typische Hausboote für 4 bis 8 Personen angeboten.

Die Linssen 29.9 AC Die von uns gecharterte Linssen 29.9 AC ist ein klassischer Stahlverdränger in edlem Design, mit dem man zwischen den leicht lädierten Plastik-Hausbooten auf dem Canal du Midi schon auffällt. Das Boot hat vorn und achtern je eine komfortable Doppelkabine mit Nasszelle (vorn WC/Dusche, achtern WC). Der großzügige Salon verfügt über eine reichlich ausgestattete Pantry. Der Steuerstand ist außen. Wir übernahmen das Boot in einem optisch und technisch einwandfreien Zustand.

Technische Daten: Länge über alles 9,35 m, Breite 3,35 m; Motor Volvo Penta 40 kW (55 PS) (für Charterbetrieb gedrosselt), Spritverbrauch rund 4 l/h.

Die Preise Die Linssen 29.9 AC kostet je nach Saison zwischen 1470 und 2310 Euro pro Woche. Kaution 1000 Euro, Endreinigung 100 Euro. Pro Betriebsstunde werden 7 Euro für Diesel berechnet; bei einer Charterwoche kommt man durchschnittlich auf ungefähr 200 Euro.

Infos und Buchung: France Fluviale, Burgundy Cruisers SARL, 1 Quai du Port, F-89270 Vermenton, Tel.: 0033 (0)3 86 81 54 55, Fax: 0033 (0)3 86 81 67 87. E-Mail: france-fluviale@orange.fr, Info: www.francefluviale.com

Schleusenzeiten und Höchstgeschwindigkeit: Vom 1. Mai bis 30. September wird täglich von 9 bis 19 Uhr geschleust, von 12.30 bis 13.30 Uhr ist Mittagspause. Die maximale Geschwindigkeit beträgt 8 km/h. In engen Durchfahrten, in Orten und an unübersichtlichen Stellen wird eine niedrigere Geschwindigkeit durch Schilder angezeigt.

Das Badeverbot: Wie viele Binnengewässer Frankreichs ist auch der Canal du Midi mit Erregern der Infektionskrankheit Leptospirose infiziert. Diese Erreger gelangen durch den Urin infizierter Säu­getiere ins Wasser beziehungsweise auf die Ufer. Durch Hautverletzungen oder über die Schleimhaut kann sich der Mensch anstecken. In Frankreich wird die Krankheit vor allem durch Nutrias verbreitet.

Die im 19. Jahrhundert aus Argentinien zu Zuchtzwecken eingeführten Tiere sind teilweise ausgewildert und haben sich an den Kanälen immens vermehrt. Aus diesem Grunde fassen die Schleusenwärter keine Leine an. Wer an Bord mit Leinen hantiert, sollte auf jeden Fall Handschuhe tragen. Es versteht sich von selbst, dass man im Canal du Midi nicht baden darf.

Die Literatur: 

  • David Edwards-May: „Binnengewässer Frankreichs: Alle schiffbaren Flüsse und Kanäle“, Edition Maritim, Hamburg, 49,90 Euro. www.delius-klasing.de
  • Bernd-Wilfried Kiessler: „Canal du Midi“, Edition Maritim, Hamburg, 16,90 Euro.
  • „Guide n°07 – Midi/Camargue“, nautischer Atlas mit Reiseführer, französisch, englisch, deutsch. Editions du Breil, F-11400 Castelnaudary, 18,50 Euro. Dieser Atlas befindet sich an Bord der Charterboote. Ansonsten ist er über www.carte-fluviale.com zu bestellen.
  • „L’Officiel du Canal du Midi et du Canal du Rhône à Séte“, nautischer Atlas mit Reiseführer, französisch, englisch. Das Werk wird durch Anzeigen finanziert und ist kostenlos in Touristen­büros sowie an der Charterbasis erhältlich.
Bodo Müller am 03.08.2011