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Frankreich

Frankreich: Südliche Bretagne (Teil 1)

Christan Tiedt am 17.05.2015

Breizh! Bretonisch für Anfänger auf unserem traumhaften Sommertörn durch die südliche Bretagne. Erste Lektion: von Nantes über Belle Île nach Lorient

Fotostrecke: Frankreich: Südliche Bretagne (Teil 1)

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Steilküste von Pen Men auf der Île de Groix

Der Fluss bringt uns zum Meer. Es ist noch früh am Morgen, die Gezeiten wollen es so: In unserem Kielwasser hat die lodernde Sonne gerade erst zu ihrem Aufstieg angesetzt. Die letzten rostigen Hafenkräne von Nantes sind im Dunst achteraus schon nicht mehr auszumachen, als der Ebbstrom voll einsetzt und unwiderstehlich an uns zu zerren beginnt. Hinab geht es, breit und träge fließt die Loire dahin, mit der Farbe von Lehm zwischen sandigen, flachen Ufern. Wie veränderlich ihr Lauf ist, zeigt nichts besser als das zweigeschossige Haus aus Stein, völlig intakt und noch mit Dach, das etwa fünfzig Meter vom Land entfernt in den Fluten steht.

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Port Joinville auf der Île d’Yeu

Die kleinen Orte am Ufer scheinen an diesem Sonntag noch zu schlafen. Wir werden sie nicht wecken; unsere beiden Cummins-Diesel flüstern ihre 1200 Umdrehungen fast vor sich hin. In Le Pellerin kreuzt eine Fähre unseren Weg. Der Fahrer des einsamen Lastwagens an Deck, ein alter Citroën, der einer Bäckerei gehört, winkt uns freundlich zu. Rund fünfzig Kilometer sind es von Nantes bis zur Mündung der Loire bei St. Nazaire. Wir rechnen schon in Seemeilen.

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Kurs auf Noirmoutier

Die Bretagne

Die Bretagne liegt im äußersten Nordwesten Frankreichs. Wer hier wohnt, lebe nicht am, sondern im Meer, sagt man. Kein Wunder, mit der Brandung des Atlantiks vor der Haustür. Die berüchtigte Biskaya hat Menschen und Geschichte der rauen Landschaft geprägt – und ihre lange Seefahrtstradition. Aber auch sonst ist man stolz auf die kleinen und großen Unterschiede zum Rest des Landes, wie die bretonische Kultur und ihre eigene, keltische Sprache. Auch wenn sie längst nicht jeder spricht: Breizh bedeutet Bretagne, das bleibt selbst den Touristen nicht verborgen, und die markante Flagge der Region heißt nach ihren Farben: Gwenn ha du – Weiß und Schwarz.

Doch jetzt weht mitten in der Mündung der Loire das Schweizerkreuz am Heck: Wir sind an Bord der "Rolling Swiss 2", einer Trader 42. Die hochseetüchtige Motoryacht gehört dem Cruising Club der Schweiz und wird für Ausbildungs- und Reisetörns genutzt. Zwei Wochen lang werden wir mit dem CCS die südliche Bretagne erkunden, von Nantes bis hinauf nach Brest. Ein abwechslungsreiches und faszinierendes Revier, weit mehr als Schwarz und Weiß. Im Wechsel zwischen Festland und Inseln wollen wir lebendige Häfen und stille Ankerbuchten anlaufen, karibische Strände, grüne Flussläufe und schroffe Felsküsten erkunden. Ziel der ersten Törnhälfte ist Lorient.

Nautisch ist das Revier durchaus anspruchsvoll, aber bei entsprechender Vorbereitung dennoch gut zu meistern. Gezeitenströme und Tidenhub sind im Vergleich zum Ärmelkanal und zur Nordküste der Bretagne weniger ex-trem. Im Schnitt liegen zur Springzeit, je nach Bezugsort, etwa fünf bis sechs Meter zwischen Hoch- und Niedrigwasser.
Dennoch erfordert die Navigation aktuelle Karten, viel Aufmerksamkeit und gute Seemannschaft: Querab von St. Nazaire wird der weitere Kurs abgesteckt, zunächst nach Süden durch den Chenal du Sud. Wochenendstimmung herrscht in der weiten Bucht, immer mehr Segel leuchten über der kaum bewegten See, obwohl der Wind nicht viel mehr als ein Hauch ist.

Die Île du Pilier mit ihrem Leuchtturm bleibt weit an Steuerbord. Eine Insel wie ein Riff, heimtückisch bei schwerer See, doch an einem Tag wie heute bleiben die dunklen, gut sichtbaren Felsen harmlos und stumpf. Schließlich kommt das erste Tagesziel des Törns in Sicht: die hohen grauen Molenmauern von L’Herbaudière, dem Hafen  im Norden der Île de Noirmoutier.

L’Herbaudière / Île de Noirmoutier

Noirmoutier ist die südlichste Insel der Bretagne und ein beliebtes Urlaubsziel – auch für Gäste auf eigenem Kiel. Über zwanzig Kilometer zieht sich ihr flaches, sandiges Profil ins Meer hinaus, Dünen und Salzgärten bedecken das  Landesinnere – das "weiße Gold" gehört noch immer zu den wichtigsten Einnahmequellen.

Am Kopfende eines Steges gehen wir ins Päckchen. Bord-à-bord, wie man hier sagt. Gängige Praxis, um den Platz in den Häfen auszunutzen. Für die Koordinierung sind die Mitarbeiter der Capitainerie zuständig, also der Hafenmeisterei. Vom Boot aus weisen sie Neuankömmlinge ein. Bevor man einen Hafen anläuft, sollte man sich dennoch immer über Funk anmelden, um den Bootsnamen und die Abmessungen durchzugeben – im Idealfall auf Französisch (auch der Versuch zählt!). In L’Herbaudière wird (wie in den meisten anderen Sportboothäfen der Region) dafür der UKW-Anrufkanal 9 genutzt. (www.portdeplaisance-herbaudiere.com).

Mit ihren flachen Dächern haben die meist weißen Häuser einen mediterranen oder karibischen Touch, auch Dank der einen oder anderen Palme in den Blumenkästen. Viele Touristen sind am Hafen unterwegs, zu Fuß und auf Fahrrädern. Hin und wieder knattert ein Mofa auf der Rue Marie Lemonnier vorbei oder ein Méhari: die offene Spaßversion der legendären "Ente" gehört hier noch immer zu den beliebtesten Mietwagen, vorzugsweise in Zitronengelb oder Giftgrün.

Im Fischereihafen stapeln sich ausgeblichene Netze und bunte Fischkisten wie in aller Welt. Die wettergegerbten Hecktrawler mit hohen Vorsteven und herben Namen, "An-Taal" oder "Bord-Lion", könnten sicher das eine oder andere Garn über die Launen der Biskaya spinnen.

Dann die Dünen und der Strand, ein Campingplatz, spielende Kinder und Sonnenanbeter. Am Ende der Landzunge ragt ein alter Artilleriebunker aus dem warmen Sand. Der graue Veteran von Hitlers "Atlantikwall" ist nach dem Abzug der Deutschen einfach hier in den Ruhestand gegangen. Jetzt sitzt ein junges Pärchen hoch oben auf dem rissigen Beton und wartet auf den Sonnenuntergang. 

Port Joinville / Île d’Yeu

Wir verlassen die Bretagne für einen kurzen Abstecher zum südlichsten Punkt unserer Reise: Die Île d’Yeu gehört bereits zur angrenzenden Vendée. Auch hier schützen hohe Wellenbrecher den äußeren und den inneren Hafen von Port Joinville – auch wenn sich der Tag noch von seiner sommerlich-unschuldigen Seite zeigt. Wieder geht es nur im Päckchen, obwohl wir schon am frühen Nachmittag nach zweistündiger Überfahrt eintreffen; zielstrebig führt uns das Boot der Capitainerie zu einer belgischen Ketsch, bei der wir längsseits gehen (www.vendee.cci.fr/ports-vendeens).

Hier, wie auch in allen noch folgenden Häfen, treffen wir auf einen bunten Mix an Nationalflaggen: Natürlich kommen die meisten Yachten aus Frankreich, das englische Red Ensign ist die zweithäufigste Flagge, und danach kommen in lockerer Folge Niederländer, Deutsche und der Rest Europas, von Malta bis Finnland. Sogar Yachten aus Amerika, Japan und Australien werden unseren Weg kreuzen.

Ebenso vielfältig sind die verschiedenen regionalen Gastflaggen eines Törns, die man hier neben Gwenn ha du gern im Hafen zeigt: Galizien, Cornwall, die Löwen der Normandie oder die Triskele der Isle of Man, drei im Dreieck angeordnete, laufende Beine. Verständigungsprobleme gibt es keine, die Stimmung ist immer locker und kollegial. Da muss schon eine Störfront aufziehen, um auf den Booten für Aufregung zu sorgen. Schnell marschiert eine düstere Wolkenwand von Nordwesten herauf, die ersten Böen lassen die Anemometer tanzen und die Fallen pfeifen. Spätestens jetzt sucht jeder einen trockenen Platz unter Deck – wer es nicht schafft, bekommt den schweren Regen waagerecht zu spüren. Dreißig Minuten dauert der Vollwaschgang, dann mischt sich die Sonne unter die letzten Tropfen.

Längst sind die letzten Pfützen abgetrocknet, als es am Abend in die Stadt geht, durch enge Gassen weiß gekalkter Häuser mit blauen Fensterläden, bis wir vor einer einladenden Fensterfront stehen bleiben. Das Restaurant heißt "Le Gavroche", serviert werden moules à la crème und choucroute de la mer, Muscheln und Sauerkraut, einfache Gerichte, von denen man die Finger trotzdem nicht lassen kann ...

Le Palais / Belle Île

Der Wind bleibt. Bei vier bis fünf Beaufort geht es am nächsten Tag unter sommerlichem Himmel zurück nach Norden. Der Atlantik ist tiefblau, der Schwell moderat, die kürzere Windsee aber unangenehm. Obwohl keine Schaumkronen zu sehen sind, setzt der Bug immer wieder hart ein. Die Sonnenliege wäre jetzt ein schlechter Platz, denn die Gischt fliegt immer wieder bis nach achtern und prasselt auf die Scheiben.

Unser Ziel ist Belle Île, die "schöne Insel", rund fünfzig Seemeilen weiter nördlich. Fast vier Stunden stampft die "Rolling Swiss 2" mit sieben Knoten und rechtweisend 325 Grad durch die See. Ein französischer Einhandsegler auf Gegenkurs funkt uns an, um sich ein bisschen zu unterhalten. Jede Abwechslung ist willkommen! Er schwärmt von den Ankerbuchten im Süden von Belle Île, wir wollen aber direkt in den Hauptort Le Palais. Ein Hafen? Nein, das wäre ihm zu laut, sagt unser unbekannter Freund, jetzt schon weit achteraus. Zum Abschied wünscht er uns dennoch ein gute Zeit und bon voyage. Endlich erreichen wir bei Pointe du Skeul die Landabschirmung von Belle Île, und schlagartig ist wieder Sonntag – selbst dienstags, wie heute: Im Schutz der Küste liegen die Boote reihenweise vor Anker, unser Segler hat mit den Reizen dieses Fleckchens nicht übertrieben!

Schon an der Hafeneinfahrt von Le Palais nimmt uns die Capitainerie in Empfang, routiniert und freundlich wie immer. Auf Nachfrage entscheiden wir uns, im Avant-port zu bleiben, dem äußeren Hafen, unterhalb der Citadelle Vauban, einer mächtigen Festung, die heute neben einem Museum auch ein Luxushotel beherbergt. Unsere Bugleine führt (mit freundlicher Hilfe des Servicebootes) bald zur mehrere Meter entfernten Mauer, das Heck liegt an der Muringboje. Weitere Yachten kommen dazu und werden einsortiert. An Land kommen wir nur mit dem Dingi – aber das ist kein Problem. Für Beiboote gibt es sogar einen eigenen Schwimmsteg am Quai Bonelle vor der Promenade (www.belle-ile.com).

Einzige Möglichkeit für den "direkten Landgang" wäre ein Platz im Bassin à-flot: Während der innere Hafen fast komplett trockenfällt, hält eine Schleuse in einem weiteren Becken dahinter den Wasserstand konstant. Allerdings würde es dort sehr voll, warnt man uns, und zudem ist die Ein- und Ausfahrt nur jeweils eine Stunde vor und nach Hochwasser möglich. Dann doch lieber das Schlauchboot! Vorsicht allerdings vor den großen Fähren und schnellen vedettes, die die Touristen auf die Insel bringen und auf nichts Rücksicht nehmen außer auf ihren Fahrplan.

Wer keinen größeren Ausflug über die "schöne Insel" plant, etwa zum Leuchtturm von Poulains, zu den Stränden von Locmaria im Süden oder zu den Klippen der Côte sauvage, die schon Claude Monet mit feinen Pinselstrichen verewigte, der sollte sich zumindest die Aussicht von den Festungsmauern hoch über dem Hafen nicht entgehen lassen – auch wenn man dafür ein Museumsticket lösen muss.

 Île d’Houat

Wer keinen Seemeilenrekord aufstellen will, legt hin und wieder einen Badestopp ein – und jetzt sind auch wir dran: Die langen Sandstrände und das glasklare Wasser der Île d’Houat sind dafür wie gemacht. Die kleine Insel liegt gut geschützt zwischen Belle-Île und dem Festland am äußeren Rand der Bucht von Quiberon. Alleine sind wir natürlich nicht, als unser Anker am nächsten Tag bei fünf Metern Wassertiefe auf den sandigen Grund der Rade de Houat gleitet. Aber der Platz reicht selbst bei großzügigen Schwojkreisen für alle aus. Mit dem Dingi geht es zum Strandspaziergang. Doch Vorsicht: Bei fallendem Wasser liegt das unbeaufsichtigte Beiboot schnell hoch und trocken, gewollt oder ungewollt.

Wer den ganzen Tag Zeit hat, nutzt seinen Jollenkreuzer oder Daycruiser auf diese Weise als Strandkorb. Uns jedoch zieht es noch weiter: Nach den letzten Tagen wollen wir mal wieder auf dem Festland vorbeischauen und haben uns im Port Haliguen von Quiberon angemeldet, an der Südostspitze der gleichnamigen Halbinsel. Nach den so reizvollen Inselhäfen hat es der kleine Badeort allerdings schwer,  uns aus der Reserve zu locken – besonders am Ende eines "anstrengenden" Badetages. Wir lassen den Abend an Bord ausklingen.

Port Tudy / Île de Groix

Die letzte Insel der ersten Törnhälfte funkelt dagegen wieder wie ein echtes Kleinod: Knapp 2000 Einwohner hat die nur rund 15 Quadratkilometer große Île de Groix. Alles ist damit mindestens zwei Nummern kleiner als auf Belle Île, aber mindestens genau so schön. Auch hier entscheiden wir uns wieder für einen Platz im äußeren Hafen von Port Tudy, diesmal zwischen zwei Murings, um nicht von den eingeschränkten "Öffnungszeiten" des Bassin à-flot abhängig zu sein.

Die Davits mit dem Schlauchboot werden abgesenkt, und kurz darauf sitzen wir im "Café de la Jetée" und schmieden Pläne, jeder mit einem kalten "Britt" vor sich, dem bekanntesten Bier der Bretagne. Es wird mit blé noir gebraut, Buchweizen, einer auch sonst weit verbreiteten Zutat hier – egal, ob es sich um Crêpe oder Whisky handelt. Yec’ Hed Mad! – sehr zum Wohl! Früher wurde Thunfisch auf Groix angelandet, heute sind es Urlauber. Für die sind Fahrräder zwar auch hier das Hauptverkehrsmittel, wer es ganz eilig hat, kann aber auch einen Jeep mieten: Damit sind die nur knapp sechs Kilometer entfernten Steilklippen von Pen Men im Rekordtempo erreicht – und auch wenn unser roter Suzuki die Blüte seines Offroad-Lebens schon lange hinter sich hat, ist seine robuste Federung auf der Piste zur Küste mehr als einmal höchst willkommen.

Pen Men ist an diesem sonnigen Tag ein Paradies für sich. Tief unter uns schäumt die Brandung um die Granitfelsen, oben kreisen Seevögel in den warmen Aufwinden. Die Sicht reicht weit auf den Atlantik hinaus. Im Osten liegt dagegen Lorient, das Ziel der ersten Törnhälfte. Aber dort wollen wir ja erst morgen hin. Also durchatmen – und den Ausblick genießen!       ■

Den zweiten Teil der Reportage mit dem Törnabschnitt von Lorient bis zum Raz de Sein finden Sie hier.

Christan Tiedt am 17.05.2015