Gibraltar Gibraltar

Reise: Straße von Gibraltar

Am Rand Europas

Thomas Kittel am 04.03.2020

Über Ceuta und Gibraltar geht es ins Mittelmeer. Der berühmte Felsen von Gibraltar liegt aber keineswegs direkt an der nach ihm benannten Meerenge

Auf unserem langen Weg ins Mittelmeer sind wir wieder auf See und vor der spanischen Atlantikküste in Richtung der Meerenge von Gibraltar unterwegs. Schon aus großer Entfernung kann man die Silhouette des über 4000 Meter aufragenden Atlasgebirges auf dem afrikanischen Kontinent erkennen.

Gibraltar

Unterwegs passieren wir das historisch bedeutsame Kap Trafalgar, wo Admiral Nelson 1805 die französisch-spanische Armada vernichtend besiegte. Damit begann die mehr als ein Jahrhundert andauernde britische Vorherrschaft zur See.

Weniger historisch, aber für uns ebenso bedeutsam ist die Frage, welchen Hafen wir als nächstes ansteuern sollen: Tarifa am südlichsten Punkt des europäischen Kontinents? Oder trauen wir uns sogar zu, Ceuta anzusteuern, eine von drei kleinen spanischen Exklaven an der afrikanischen Küste?

Gibraltar

Unser maritimer Reiseführer beschreibt Tarifa zwar als einen durchaus attraktiven Touristenort, gleichzeitig aber auch als eher yachtunfreundlichen Fährhafen, sodass wir uns kurzerhand entschließen, es im wahrsten Sinne links liegen zu lassen.

Was uns später unsere Freunde von der Segelyacht "Blaubär" berichten, bestätigt im Nachhinein unsere Entscheidung: ein Gewusel von Fähren, kaum Liegeplätze, allgegenwärtige Polizei, überall Zäune und hinter den Zäunen – Flüchtlinge.

Gibraltar

Die Flüchtlingsrouten im Mittelmeer haben sich von der Türkei und Griechenland ins westliche Mittelmeer verschoben. Wir hoffen inständig, kein Boot zu sehen und damit von Gewissensentscheidungen verschont zu bleiben. 

Mit dem Schub des bei Flut ins Mittelmeer strömenden Atlantikwassers durchqueren wir die Meerenge und halten uns zunächst unterhalb der europäischen Küste, bevor wir nach Ende des Verkehrstrennungsgebiets von Gibraltar den Kurs Richtung Afrika ändern. Es herrscht reger Schiffsverkehr und ein frischer Wind, der das Wasser zusätzlich zur Strömung noch kabbeliger macht.

Gibraltar

Wir wissen nicht genau, was uns in Ceuta erwartet und die nicht abreißenden Dringlichkeitsmeldungen per Funk von Tarifa Radio über Schlauchboote mit Flüchtlingen verbreiten eine eigenartige Atmosphäre.

Dazu gesellen sich im Kopf die Bilder aus dem Fernsehen, wo verzweifelte Menschen über haushohe Drahtzäune klettern. Als wir in Ceuta einlaufen, sehen wir jedoch nichts von alledem und haben zudem nicht das Gefühl, in Afrika zu sein.

Ceuta hat immerhin 85 000 Einwohner, einen betriebsamen Fährhafen und eine sehr ordentliche Marina. Wir liegen direkt neben den Schnellbooten der "Guardia Civil", die uns – wenn auch etwas widerwillig – sogar beim Anlegen hilft.

Denn zum ersten Mal müssen wir mit dem Heck an die Pier und den Bug mit Muringleinen festmachen – eine Prozedur, die im Mittelmeer zum Standard gehört, uns aber noch völlig unvertraut ist. Die Nerven sind etwas angespannt und wir lernen auch kräftig dazu, aber schließlich liegt unsere "Azura" sicher am Kai.

Ein Spaziergang durch die City bringt die nächste Überraschung: Das Stadtbild ist völlig europäisch geprägt, und im Zentrum gibt es eine lange Shoppingmeile. Offenbar locken diverse steuerliche Vorteile nicht nur Marokkaner zum Einkaufen über die Grenze, sondern ebenso Besucher vom spanischen Festland. Auch der Diesel ist hier deutlich billiger, kann aber mit dem nahen Gibraltar nicht konkurrieren – so muss unser Tankstopp noch warten.

Vor unserer Abfahrt mache ich noch einen Abstecher an die stark bewachte europäische Außengrenze zu Marokko – allerdings ohne meine Frau, die von Ausflügen dieser besonderen Art nicht viel hält. Bereits im Bus beschleicht mich ein komisches Gefühl. Die Mehrzahl der Fahrgäste sind verschleierte arabische Frauen mit vollen Einkaufstüten. Von der letzten Bushaltestelle vor der Grenze muss man noch etwa 500 Metern auf einer Straße laufen, die von scheinbar untätigen oder zur Grenze strömenden Menschen bevölkert wird.

Alle übrigen Personen außer mir sind Araber und ich und fühle mich zunehmend unwohl, obwohl ich noch in Spanien bin. Der dreckige Strand und der Müll auf der anderen Straßenseite, in dem teilweise Menschen herumgraben, tun ein Übriges, um bei mir eine bedrückende bis unheimliche Stimmung aufkommen zu lassen. So breche ich diesen Ausflug ins Ungewisse kurz vor den Kontrollgebäuden ab und mache mich mit schnellen Schritten auf den Rückweg.

Von Ceuta führt uns der Weg nun direkt nach Gibraltar. Im Gegensatz zu unserer geografischen Vorstellung liegt der berühmte Felsen nicht direkt an der nach ihm benannten Meerenge, sondern kurz dahinter. Der "Europa Point" an seinem südlichen Ende begrenzt die Bucht von Algeciras nach Osten. Die auf Reede liegenden Frachter und Tanker stehen dem Schiffsaufkommen in der Straße von Gibraltar in nichts nach.

Nach dem Tanken zu unschlagbar niedrigen Preisen legen wir uns in die "Ocean Village Marina" – sehr nah am Zentrum, aber auch sehr nah an Sportsbars, Restaurants und Discomusik. Wir könnten vom Schiff aus mitsingen oder ohne aufzustehen die Liveübertragung der englischen Premier League auf riesigen Bildschirmen verfolgen.

Gibraltar wird von den Engländern und ihrer Kultur dominiert – wer wollte auch etwas anderes erwarten.

Absolut sehenswert ist der Felsen von Gibraltar, dessen oberer Teil als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist. Dort leben auch die berühmten Affen, die neben ihrer Zutraulichkeit eine kleptomanische Ader entwickelt haben. Wer nicht aufpasst, kann schnell seine Brille, Handtasche oder Einkaufstüte los sein. Wir haben mit eigenen Augen gesehen, wie ein Rucksack geöffnet und eine herauslugende Papiertüte gemopst wurde. Allerdings war keine Nahrung darin und das uninteressante, gerade erst gekaufte T-Shirt landete im Nichts.

Grundsätzlich empfiehlt sich eine Fahrt mit der Seilbahn auf die über 400 Meter hohe Felswand und dann der mehrstündige Spaziergang wieder hinunter. Dabei kommt man unter anderem an der riesigen St.-Michael’s-Tropfsteinhöhle vorbei und kann kurz danach seine Schwindelfreiheit auf einer schwankenden Hängebrücke unter Beweis stellen.

Bei herrlichen Wetterbedingungen manövrieren wir uns aus dem engen Hafen und zirkeln durch die auf Reede liegenden Schiffe. Nach Umrundung des "Europa Points" mit Leuchtturm und großer Moschee nimmt "Azura" Kurs auf Marbella.

Die vollständige Reise lesen Sie in der April-Ausgabe 2019 von BOOTE.

Thomas Kittel am 04.03.2020
    Anzeige
  • Branchen News
    Anzeige
  • Das könnte Sie auch interessieren