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Törn: Atlantikküste / Portugal

Im Land der Entdecker

Thomas Kittel am 18.08.2019

Langfahrt: Mit ihrer „Azura“ erkundeten die Kittels im vergangenen Sommer Portugal – vom rauen Norden bis zur sonnenverwöhnten Algarve

er Wechsel der Gastflagge zeigt es an: Nach dem weiten Weg von Deutschland über Nordsee, Ärmelkanal und Biskaya, liegt unser letzter Reiseabschnitt vor uns: die Küste Portugals bis zu unserem Ziel Portimão im Süden.

Die Etappe beginnt im spanischen Vigo, das wir bei herrlichem Sommerwetter verlassen. Für kurze Zeit begleiten uns Delfine. Bis auf einen kurzzeitig stark auffrischenden Südwind, der in keinem Wetterbericht erwähnt war, verläuft die Fahrt nach Porto völlig problemlos.

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Der Mündungsbereich des Douro begrüßt uns mit quirliger Strömung, bevor ein RIB der portugiesischen Coast Guard auf uns zuschießt, das Schiff umrundet und sich dann per Funk meldet. Man stellt nur die üblichen Routinefragen nach Ziel, letztem Hafen, Anzahl und Nationalität der Personen an Bord. Dann liegt die Douro Marina auch schon im hellen Sonnenglanz vor uns.

Ein Schlauchboot der Hafenmeisterei leitet uns zu unserem komfortablen Liegeplatz in der gepflegten modernen Anlage. Nach der Anmeldung wandern wir durch Afurada, wo Restaurants und Bewohner gleichermaßen auf der Straße ihren Grill anheizen.

Es liegt ein rauchiger Geruch von Essen in den Gassen und eine mediterrane Atmosphäre in der Luft. Das Leben spielt sich zu einem großen Teil draußen ab: Kinder spielen selbstvergessen mit ihren Puppen, die Menschen sitzen vor ihren mit Kacheln verzierten Häusern und die Restaurants decken die Tische für den Abend ein. Wir lassen uns hineinfallen in diese Stimmung, während über der Flussmündung langsam postkartenreif die Sonne versinkt...

Portugal

Porto begrüßt uns voller Leben und mit fast majestätischem Gepräge. Die Stadt liegt am Nordufer des Douro gegenüber von Vila Nova de Gaia, das wir zunächst für einen Stadtteil von Porto halten. Beide Ufer steigen steil an und geben dem Tal den Charakter eines gewundenen Canyons, der von mehreren sehr hohen Brücken überspannt wird.

Die "Ponte Dom Luís I" stellt dabei die schönste und bekannteste Brücke dar – eine 1881 bis 1886 erbaute stählerne Bogenkonstruktion mit zwei Etagen, die mit ihrer Form als Vorbild für die weltbekannte Brücke in Sydney diente. 

Auf dem Wasser herrscht reges Treiben: Touristenboote, die in ihrer Form den "Rabelos" nachempfunden sind, mit denen früher der Wein den Douro hinab zur Portweinproduktion transportiert wurde, unterschiedlichste Sportboote und zahlreiche Flusskreuzfahrer bestimmen das Bild.

Restaurants, Cafés, Weinkellereien und Läden aller Art säumen die Ufer, auf denen sich die Touristenscharen aus aller Herren Länder ein Stelldichein geben.

Wir verlassen Porto, und nach einer Nacht im Hafen von Figueira da Foz und einem grauen Tag mit regnerischem Wetter erkennen wir schließlich schemenhaft und das in tiefhängende Wolken gehüllte Cabo da Roca – den westlichsten Punkt des europäischen Festlandes. Eine Stunde vor Lissabon reißt die Bewölkung endlich auf und fast übergangslos wird aus grauem Himmel ein blauer. Auch die See wechselt umgehend ihre Farbe, der Wind frischt auf und zaubert kleine Krönchen auf die Wellen.

Wir passieren Cascais und müssen schon bald auf die zahlreichen Bojen der Fischer achten, die hier in Küstennähe ihre Netze und Körbe auslegen. Und als bei der Festung "Forte de Sao Julião da Barra" um die Ecke biegen, liegt sie in ganzer Breite und Schönheit vor uns: die über zwei Kilometer lange Hängebrücke über den Tejo. Im Windschatten der Küste und zunehmender Nähe zum Land nimmt die Temperatur sofort spürbar zu. Wir brauchen noch fast eine Stunde, bis wir die angepeilte "Marina Doca de Alcantara" erreicht haben.

Nachdem wir zunächst keinen richtigen Liegeplatz finden, legen wir uns provisorisch an einen freien Steg. Als ich das weit entfernte Hafenmeisterbüro aufsuche, erlebe ich das Kontrastprogramm zu den bislang superhilfsbereiten Hafenmeistern in Portugal: grimmige Miene, ablehnende Körpersprache, kurzangebundener Tonfall – er hätte keinen Platz für uns und wir sollten sofort wieder ablegen. Im Kontrast dazu sehe ich jede Menge leerer Liegeplätze – aber die seien alle für "Residents", die morgen oder übermorgen oder so zurückkämen. Ich mache mich so klein wie möglich und versuche, mich über sein Mitgefühl heranzupirschen. Schließlich greift er zum Telefonhörer und als er fertig ist, sagt er nur kurz: "Two nights okay, then leave."   

Fast genau unter der Tejo-Brücke merkt man erst, welche Dauergeräuschkulisse der Straßenverkehr auf dieser Brücke abstrahlt: ein ununterbrochenes lautes Rauschen, wie wenn eine U-Bahn durch einen Tunnel fährt, erfüllt die Luft, sodass an draußen sitzen nicht zu denken ist. Aber das ist uns heute auch egal und tut der Freude keinen Abbruch, Lissabon – eines der Traumziele unserer Reise – auf eigenem Kiel erreicht zu haben.

Wir unternehmen eine legendäre Rundfahrt mit einer uralten roten Tram. So etwas haben wir noch nicht erlebt: engste Kurvenradien und steilste Steigungen erscheinen beim bloßen Hinschauen nicht durchfahrbar zu sein. Das immer noch riesige Streckennetz führt zum Teil so nah an den Häusern entlang, dass man mit einer ausgestreckten Hand die Wände streicheln könnte.

Schon bei der Einfahrt haben wir vom Wasser aus den historischen Torre de Belém gesehen, der die Glanzzeit des portugiesischen See- und Handelsimperiums versinnbildlicht. 1521 gebaut, begrüßte er die ankommenden Seefahrer, konnte aber auch mit seinem auf der anderen Seites des Tejo gelegenen Zwillingsturm feindliche Schiffe ins Kreuzfeuer nehmen.

An Portugals große Entdecker erinnert das mächtige Padrão dos Descobrimentos ganz in der Nähe. Von seinem hohen Turm hat man einen prächtigen Blick in alle Richtungen, während auf dem Platz davor eine große Kompassrose mit Weltkarte die Seereisen und Entdeckungen portugiesischer Seefahrer aufzeigt. Der von Vasco da Gama 1498 entdeckte Seeweg nach Indien überragt dabei alles und war die Grundlage für den Aufstieg des Landes zur führenden Handels- und Seemacht des 16. Jahrhunderts.

Wir verlassen das traumhafte Lissabon in Richtung Cascais und setzen die Reise am nächsten Tag auf Südkurs fort. Bei herrlichsten Bedingungen umrunden wir das hohe Cabo Espichel mit seinem weithin sichtbaren Leuchtturm und fahren in seinem Windschatten Richtung Setúbal. Unsere gute Laune wird jäh gedämpft, als wir auf der Halbinsel Troía von dem extra empfohlenen Yachthafen wegen Platzmangel abgewiesen werden.

Der Grund wird schnell klar: Der Schwimmsteg für größere Yachten ist wegen eines technischen Defekts gesperrt. Da der kleine Stadthafen von Setúbal überfüllt scheint und dort zudem niemand Englisch spricht, fällt auch er für uns aus. So bleibt als letzte Hoffnung nur Sesimbra vor der Mündung des Sado, aber als man am Telefon meine Bootslänge hört, lacht man nur: "Das geht bei uns nicht."  

Da es erst früher Nachmittag ist, fahren wir notgedrungen weiter nach Sines. Die Geburtsstadt Vasco da Gamas sieht von weitem nicht sehr einladend aus: Betonmole, Öltanks, Kräne. Hinter den Molen liegen nicht nur ein paar größere Tanker, sondern eine zweite Mole, die den Fischereihafen und den Yachthafen schützt. Doch wenn man nichts erwartet, ist man oft positiv überrascht.

Der Hafenmeister könnte mit seiner erlesenen Verbindlichkeit am Empfang eines großen Hotels arbeiten, Restaurants gibt es reichlich, der Strand ist penibel gesäubert, die gepflegte Uferpromenade vom Feinsten. In der Bucht dümpeln malerisch ein paar Segler und Fischtrawler vor sich hin, und die hochgelegene Altstadt lädt mit galerieartigen Aufgängen und Fahrstuhl ein.

Am nächsten Morgen legen wir bei strahlender Sonne und scheinbarer Windstille ab, aber kaum sind wir aus dem Schutzbereich der Mole und dem Windschatten der Küste, nehmen Seegang und Wind deutlich zu. Aus nordwestlicher Richtung rollen bis zu drei Meter hohe Wellen heran – ein Mix aus atlantischer Dünung und einer Windsee mit 5–6 Bft aus Nord.
Aber kurz bevor wir die südwestlichste Spitze des europäischen Festlands mit dem Cabo de São Vicente umrunden, klart es auf und die Sonne kommt wieder heraus. Wind und Dünung nehmen drastisch ab. Schon bald gleiten wir wie auf einer Kaffeefahrt an der Küste der Algarve entlang und ziehen uns die Jacken aus.

Wir erreichen unseren Zielhafen Lagos am Nachmittag und genießen die beschauliche Fahrt in die schmale wuselige Mündung des Flusses. Die Marina de Lagos liegt hinter einer Fußgängerklappbrücke, die Altstadt und Marina verbindet. Der ständige Strom an Passanten wird mehrfach am Tag unterbrochen, um größere Schiffe wie uns durchzulassen. Vorher müssen wir auch hier am Empfangsponton anlegen, um "einzuchecken". Lagos stellt das Maximum an charmanter Professionalität dar, das wir bislang hier erlebt haben.

Nach der Pflicht kommt die Kür – und so gönnen wir uns nach erfolgreicher Bewältigung der kontinentalen Atlantikküste noch ein paar Wochen an der Algarve. Während in Norddeutschland schon die ersten Herbststürme durchziehen, strahlt über Lagos Mitte Oktober noch die warme Sonne vom makellos blauen
Himmel. Bei Temperaturen zwischen 25 °C und 30 °C brauchen wir nicht viel Fantasie, um uns wie im Sommer zu fühlen.

Als erstes wollen wir den Rio Guadiana so weit wie möglich hinauf. Dazu fahren wir zur spanischen Kleinstadt Ayamonte an der Mündung des Flusses in den Golf von Cádiz. Gegenüber liegt das portugiesische Vila Real de Santo António, das man mit einer alten Fähre in einer Viertelstunde erreichen kann. Beide Mündungsorte überraschen uns mit einer hübschen und lebendigen Innenstadt. Alles wirkt sehr gehegt und gepflegt. Das gilt auch für die Marina, die nicht nur sehr günstig zur Altstadt liegt, sondern auch über hervorragende Liegeplätze und Infrastruktur verfügt.

Der Rio Guadiana ist einer der mit 745 km längsten Flüsse der iberischen Halbinsel. Er entspringt in Spanien und bildet an zwei Abschnitten die Grenze zwischen Spanien und Portugal. So hissen wir zum ersten Mal die Gastlandflaggen von zwei Ländern gleichzeitig! Der Rio Guadiana soll zwar bis Mértola schiffbar sein (70 km), ist aber nur bis Alcoutim (40 km) ausgetonnt – das allerdings erstklassig.

Das Flusstal ist wenig besiedelt und wirkt daher noch sehr ursprünglich, ja manchmal fast etwas urweltlich. Er ist von immer weiter ansteigenden Bergen gesäumt, die in ihrer Kahlheit eine besondere Atmosphäre erzeugen.

Alcoutim mit seiner alten Burg bietet einen fantastischen Blick auf das gegenüberliegende spanische Sanlúcar de Guadiana mit seinem auf einer hohen Bergspitze gelegenen Kastell. Beide Orte sind mit einer kleinen Personenfähre verbunden, die gleichzeitig ein Symbol für die Zusammenarbeit der beiden Grenzorte darstellt. Aufgrund ihrer Abgelegenheit waren sie trotz der häufigen Auseinandersetzungen beider Länder eng befreundet und ließen sich nur in Kriegstagen auseinanderdividieren. 

Die unterschiedlichen Zeitzonen in Spanien und Portugal (eine Stunde zurück) bescheren uns eine weitere Besonderheit, die in dieser Form wohl Seltenheitswert haben dürfte. Die Kirchturmuhren auf beiden Seiten des Flusses schlagen zur vollen Stunde konsequenterweise zwei verschiedene Uhrzeiten. Die portugiesische Seite bimmelt dabei sogar zweimal – einmal etwa acht Minuten früher und einmal kurz nach den Spaniern.


Bevor wir den Rio Guadiana wieder flussabwärts fahren, ändert sich vorübergehend das Wetter. Ein paar Tiefausläufer des Orkans, der Irland und die Britischen Inseln heimsucht, streifen auch die Iberische Halbinsel. Starker Wind und zum ersten Mal auch leichter Nieselregen sind die Folge, aber nicht von langer Dauer.

Nach einem Zwischenstopp auf der spanischen Isla Canela geht es bei herrlichem Wetter weiter in die Lagunen von Faro und Olhão. Über eine exzellent ausgetonnte Fahrrinne erreichen wir die Marina, die sich aber als wenig gastfreundlich und auch etwas gammelig entpuppt. Da sich der Tag nun dem Ende zuneigt, ist der nächste geeignete Hafen zu weit weg. Und so bleiben wir in der geräumigen Lagune vor der Ilha Da Culatra und ankern – zum ersten Mal auf dieser Tour.

Auf nach Vilamoura, das man schon aus zehn Meilen Entfernung an seinen hohen Hotelbauten erkennen kann. Die Marina ist riesig und ebenfalls wie ein Hotel organisiert – das kennen wir schon. Bei Bedarf wird man per Boot abgeholt und zum Office gebracht. Ansonsten besteht der Ort aus einer unendlich erscheinenden Aneinanderreihung von Pubs, Cafés, Restaurants und Shops. Zu unserer Überraschung herrscht hier nach wie vor reges Treiben – dominiert von Engländern. Allzu spannend finden wir das alles nicht und setzen die Fahrt bald in Richtung unseres endgültigen Zielortes Portimão fort, dessen Naturhafen von zwei riesigen Molen geschützt wird.

Nach der Ankunft bekommen wir mal wieder Besuch vom Zoll. Nach dem Frühstück klopfen zwei nette Beamte ans Schiff. Neben der Routine erfahren wir etwas Neues:

Wer sich länger als 183 Tage pro Jahr in portugiesischen Gewässern aufhält, muss eine Steuer auf die installierten PS bezahlen.

Was es nicht alles gibt! Für uns wären das etwa 4000 Euro. Wir sind zwar insgesamt länger hier, aber verteilt auf die Jahre 2017 und 2018. Insofern geht der portugiesische Fiskus leer aus und wir lassen die Korken knallen! 

Die Vorbereitungen für das Einwintern unserer "Azura" beginnen, der Krantermin naht. Mit dem Aufräumen wandern zwangsläufig auch die Gedanken voraus und unser "anderes erstes Leben" beginnt wieder in unser Bewusstsein zu rücken. Nach insgesamt fünf Monaten Abwesenheit freuen wir uns jetzt auf die Herbst- und Winterzeit zuhause und schließen langsam mit der Bootssaison 2017 ab.

Hinter uns liegt eine wunderbare Zeit mit unzähligen schönen Erlebnissen, vielen Besuchern und herrlichem Wetter. Das macht Appetit auf mehr – und so werden wir im nächsten Jahr unsere Reise in Richtung Mittelmeer fortsetzen.
 

Diesen Artikel finden Sie in der August-Ausgabe 2018 von BOOTE. Hier erhältlich.

Thomas Kittel am 18.08.2019