Portugal: Grande Lago d'Alqueva Portugal

Törn: Grande Lago d’Alqueva / Portugal

Zu den weißen Städten

Christian Tiedt am 05.04.2013

Im trockenen Süden Portugals erstreckt sich Europas jüngster und größter Stausee: der Grande Lago d’Alqueva – ein faszinierendes Charterrevier.

Portugal: Grande Lago d'Alqueva

Portugal:

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Staubtrocken zerbröckelt die Erde zwischen den Fingern. Selbst jetzt im Herbst, im Schatten der knorrigen Korkeiche, fühlt man die Glut der Sonne. Es könnte Afrika sein. Es ist Portugal. Bis zum Horizont dehnen sich die sanften Hügel, bedeckt von gelblichem Gras; ein Steppenmeer in allen Schattierungen der Trockenheit. Dazwischen dunkle Flecken: einsame Olivenbäume, kleine Wälder aus Korkeichen, wie von Riesen verstreute Felsen auf den Hängen. Weite und Stille sind atemberaubend. Alentejo nennen die Portugiesen diese Landschaft; „jenseits des Tejo“ erstreckt sie sich bis nach Spanien und die ebenso heißen Provinzen Extremaduras und Andalusiens. Seit jeher gehörte sie zu den ärmsten, einsamsten und trockensten Ecken Europas; auf Wasser deutete nur wenig hin.

Doch ein Bauwerk änderte alles: 2002 wurde der große Staudamm von Alqueva fertig gestellt.Damit wurde dem einzigen nennenswerten Fluss der Region, dem südwärts fließenden Rio Guadiana, ein Riegel aus Beton vorgeschoben. Zwei Jahre später war nördlich seiner Mauer der Grande Lago d’Alqueva entstanden, mit einer
Länge von 83 km und einer Fläche von 250 km2 Europas größter Stausee – ein Meer mitten in der Wüste. Hauptziele des ehrgeizigen Jahrhundertprojektes waren die Stromerzeugung und ein fast unerschöpflicher Wasservorrat für Dürreperioden.

Ganz nebenbei ist so auch ein Bootsrevier entstanden, das in Europa seinesgleichen sucht. Grund genug für die Charterspezialisten von Nicols, den Grande Lago d’Alqueva in ihr Angebot aufzunehmen. In Kooperation mit der Amieira Marina, dem bislang einzigen modernen Sportboothafen am See, wurde eine Charterbasis eingerichtet. Inzwischen liegt dort eine kleine Flotte von weißen Hausbooten der unterschiedlichen Nicols-Typen das ganze Jahr über für abenteuerlustige Crews bereit.

Als wir verspätet mit dem Mietwagen aus Lissabon in Amieira eintreffen, wartet Basemanagerin Joana schon auf uns. Umso schneller und völlig unkompliziert läuft dafür das Einchecken ab. So ist beispielsweise die Charter führerscheinfrei – und nicht nur das: In Portugal gibt es schlicht nichts, dass auch nur entfernt an eine Binnenschifffahrtsstraßenordnung erinnert. Joana zuckt die Achseln: "Kein Wunder. Bis vor Kurzem gab es im ganzen Land ja auch keinen See dieser Größe", erklärt sie auf Englisch. 

An Bord unserer gemütlichen Nicols Duo bekommen wir dann die technische Einweisung. Batterien, Farbkartenplotter, sogar ein vorausschauendes Echolot mit Bildschirm ist an Bord! Zum Anlegen am Ufer, lautet die Begründung. Denn Stege gebe es noch nicht überall. Ankern ist dagegen auf dem See tabu – "die Leine kann
sich zu leicht in einem Baum auf dem Grund verfangen", erklärt
Joana.

Etwas später sitzen wir mit einer Flasche frischem Roten (der Alentejo ist auch als "Kalifornien Portugals" bekannt) im Heck. Bis die Sterne über dem stillen Hafen aufziehen, schauen wir uns die Karte an, die Joana mit Tipps und Anmerkungen versehen hat, und lesen im Reiseführer über die "weißen Städte", zu denen wir morgen aufbrechen wollen.

Alqueva: neue und alte Mauern

Ein sanfter Südost weht, als wir die Leinen loswerfen und uns auf dem Rio Degebe, an dieser Stelle schon Teil des Sees,zu unserem ersten Ziel aufmachen: dem Staudamm. Stille liegt über den Hügeln zu beiden Seiten, verdörrtes,hartes Gras leuchtet in der Sonne.Der breite Streifen aus grauem, rissigem Lehm amUfer verrät den gesunkenen Wasserspiegel.

Der Sommer hat dem See hart zugesetzt. Hin und wieder tauchen grellweiße Mauern zwischen den Hügeln auf;Höfe, die zu einem Latifúndio gehören, dem hier noch immer weit verbreiteten Großgrundbesitz. Ziegen und Pferde suchen Schatten. Ein majestätischer Eukalyptusbaum breitet seine schweren Äste über das Wasser; sein alter Gefährte hat nicht so viel Glück gehabt: Zehn Meter weiter ragt er als verblichenes Gerippe aus dem See.

An der "Mündung" des Degebe in den Rio Guadiana versperren Inseln den Weg,sie sind nicht auf der Karte verzeichnet. Eine Folge der Dürre? Wir halten uns genau an die rot-weißen Rundtonnen des Fahrwassers. Die Seezeichen sind übrigens die einzige Navigationshilfe im Revier: Gut sichtbar, nummeriert und mit dem Kürzel des jeweiligen Nebenflusses versehen, führen sie sicher ans Ziel. Aber mit dem Kartenplotter an Bord wäre es
ohnehin ein mittleres Kunststück, sich zu verirren ...

Im weiten Halbkreis spannt sich der mächtige Damm im Süden über den Talausgang. Gelbe Bojen grenzen den Gefahrenbereich ab.Wir fahren zu einer seichten Bucht etwas östlich und gehen mit dem Boot längsseits an den winzigen, hölzernen Schwimmsteg. Die kleine, moderne Anlage in der Bucht nördlich ist zwar fast leer, aber Dauerliegern vorbehalten und abgeschlossen. Doch es geht auch so. Motor aus, Stille.

Schnell wird der Picknick-Rucksack gepackt, bevor es zum Staudamm geht. Der gigantische Bogen mit seiner
Technik aus Turbinen, Umspannern, Sperrtoren und der futuristischen Architektur wirkt wie ein Raumschiff in der ländlichen Einöde, oder besser noch, wie eine Zeitmaschine: Auf der einen Seite liegen Gegenwart und Zukunft mit dem tiefen Blau des Sees und den über die Berge führenden Hochspannungsmasten, auf der anderen geht der Blick tief hinunter in die Vergangenheit zum Guadiana, wie er früher einmal aussah: Gemächlich folgt er seinem felsigen Cañon nach Süden, Richtung Meer.

Spannende Gegensätze! Obwohl das Wasserkraftwerk im Staudamm vor Kilowattstunden nur so strotzt, gibt es bei uns am Steg weder Strom noch Wasser – wie an allen anderen Liegestellen übrigens auch. Das soll sich in der näheren Zukunft aber ändern. Zum Glück sind wir Selbstversorger. Einziger Nachteil:Hin und wieder muss der Diesel angeworfen werden, um die Verbraucherbatterie aufzuladen.

Am Abend machen wir das Zweier-Kajak klar und paddeln zu einer der winzigen Inseln im Eingang der Bucht. Auf der runden Kuppe machen wir eine überraschende Entdeckung: Schon halb von einem Dornenbusch überwuchert, finden wir einen alten handgedrechselten Bauernstuhl und daneben eine kleine Holzflöte. Hat früher vielleicht ein Hirte hier gesessen und seinen Schafen auf den Hängen zugeschaut? Ein schöner Platz – inzwischen allerdings eher zum Angeln.

In einigen Jahren werden auch Taucher am Grande Lago ihre helle Freude haben. Tief unter dem Kiel liegt versunkene Geschichte aus Jahrtausenden: Steinkreise, Burgen, ganze Dörfer hat der See begraben. Ein Dorf wurde sogar abgetragen und an sicherer Stelle wiederaufgebaut – Luz, dessen weiße Schornsteine am nächsten
Morgen nach kurzer Fahrt an Steuerbord im Sonnenlicht aufleuchten. Auch diesen Ort wollen wir noch besuchen, allerdings auf dem Rückweg.

Mourão: Wehrhaft Spanien zugewandt

Der Wind hat aufgefrischt. Kurz und kabbelig klatscht es gegen den Bug unserer Duo. Weiter geht es nach Norden, bis wir die Bucht von Mourão erreichen und wieder an einem baugleichen Holzsteg festmachen. An roten Bojen nickt eine bunte Sammlung von Booten munter im Takt der Wellen. Hölzerne Fischerboote, Kähne
aus Alu und ein moderner Daycruiser. Eine alte Landstraße führt nun geradewegs ins Wasser und wird als Slip benutzt. Ortsunkundige Autofahrer werden durch Schilder vor der nassen "Sackgasse" gewarnt.

Mit dem Fahrrad geht es den knappen Kilometer nach Mourão. Schnell stellt sich heraus, dass der verschlafene Ort eher etwas für Individualtouristen ist. Nach Geschäften oder Restaurants suchen wir vergeblich, und die wenigen Cafés, auf die wir stoßen, scheinen zu dieser frühen Zeit noch nicht geöffnet zu haben. Zum Glück haben wir uns an den Rat gehalten, der unseren Buchungsunterlagen beigefügt war: vorher einkaufen!

Von der weiß gekalkten Kirche folgen wir einem bescheidenen Kreuzweg hinauf zur maurischen Festung. Eidechsen huschen über bröckelndes Mauerwerk. Weit schweift der Blick über die Landschaft nach Osten bis in das Land hinein, vor dem die hohen Zinnen einst schützen sollten: Spanien. In der anderen Richtung liegt der
See, und dahinter, auf dem höchsten Berg der Umgebung, thront die schönste der weißen Städte, Monsaraz.

Eigentlich ist der Grande Lago d’Alequeva bis zu seinem nördlichen Ende bei dem Städtchen Juromenha schiffbar – etwa 80 km vom Staudamm entfernt. Und trotz des niedrigen Wasserstandes hatte uns Joana versichert, dass das Fahrwasser entlang der Tonnen tief genug sein würde. Allerdings wären das noch einmal knapp 40 km von unserem jetzigen Standort, und der Wind weht zudem überraschend kühl und frisch aus Norden – schon ein Vorbote des Winters? Wir entscheiden uns deshalb nicht allzu schweren Herzens gegen Juromenha
und bleiben lieber noch einige Tage in der südlichen Seehälfte.

Von unserem Liegeplatz in Mourão haben wir nordwestlich steuernd schnell die neue Brücke erreicht, über die die Schnellstraße von Lissabon nach Badajoz führt. Es ist die einzige im gesamten Verlauf des Sees und vielleicht auch gerade deshalb imposant.

Monsaraz: Königin der weißen Städte

Monsaraz kommt gleich nach der Brücke in Sicht. Von ihrem hohen Sitz auf einer Bergkuppe am westlichen Ufer beherrscht sie das weite Umland. Und als wären die schroffen Felshänge nicht schon genug Schutz, umgibt sie sich miteiner dicken Mauer, aus der die trutzigen Türme der Burg abwehrbereit emporragen. So düster die Festung in steinigem Grau, so hell strahlen die beiden Türme der Kirche im Morgenlicht. In der flirrenden Hitze scheint die Stadt über der Ebene zu schweben.

Vorsichtig umrunden wir eine Landzunge im Süden der Stadt und laufen in die Hafenbuchtein. Hier finden wir sogar einen doppelt so langen Schwimmsteg wie gewöhnlich, an seiner Innenseite sind einige Angelboote festgemacht. Auf der Außenseite – und das ist die eigentliche Überraschung – liegt ein weiteres Charterboot aus der Marina, eine längere Nicols 1100. Längsseite wäre für uns beide auch an diesem Steg kein Platz, unsere Vorgänger haben jedoch sehr vorausschauend mit dem Heck angelegt.

Auch ohne Buganker und Muringleinen ist das bei den breiten, geraden Heckspiegeln der Nicolsboote eine sichere Alternative. Eine Vorleine in Luv sollte für alle Fälle aber dennoch ausgebracht werden. Serviceeinrichtungen gibt es auch in dieser Bucht nicht, dafür aber eine improvisierte "Bar" in einem schrottreifen Kastenwagen aus Wellblech.

Dort treffen wir nicht nur auf den freundlichen Jungen hinter der Theke, der uns sofort zwei eiskalte Dosen Sagres herüberschiebt, sondern auch auf die andere Chartercrew: Die Franzosen sind gerade aus Monsaraz zurückgekommen – mit dem Fahrrad. "Don’t do it!", warnen sie uns auf Englisch und zeigen nacheinander auf ihre Räder – wir haben die gleichen an Bord – und danach auf die steilen Serpentinen der
Straße,die den Berg hinaufklettert.

"Like Tour de France, like Mont Ventoux", erklären sie. Die Anspielung auf einen der "heiligen" (und härtesten) Berge der legendären Rundfahrt genügt, um uns auf die Drahtesel verzichten zu lassen. Zum Glück. Zu Fuß pilgern wir stattdessen den Felsen empor und kommen dennoch bald ins Schwitzen.Doch dann wachsenüber uns die Bastionen von Monsaraz aus dem Berg.

Dass diese "weiße Stadt" die schönste ihrer Art sein soll, glauben wir sofort: Enge,gepflasterte Gassen, auf beiden Seiten von gebeugten, aber makellos weißen Häusern flankiert, führen zum Kirchplatz. Im Westen schmiegen sich fast schon hängende Gärten in leuchtenden Farben an die Mauern. Stille herrscht hier, bis auf das Summen der Bienen.

Weiter zur Burg, gebaut von den in Portugal einst besonders mächtigen Tempelrittern. In ihrem Innenhof befindet sich eine Arena, in der noch immer Stierkämpfe ausgetragen werden. Vom sandigen Rund steigen wir durch die Gewölbe des Bergfrieds bis zu seiner obersten Plattform. Der Ausblick ist gewaltig: Tief unter uns die Bucht mit unserem Boot und dahinter der See im grob gewebten, gewellten Teppich der Landschaft. Weiter im Westen dehnen sich die schnurgeraden Baumreihen der Olivenhaine, durchzogen von alten römischen Straßen, während vom Kloster Orada etwas nördlich die Gebetsglocke hell zu uns heraufklingt.

Luz: Stadt des Lichts

Wir verlassen Monsaraz am nächsten Tag und wenden den Bug wieder nach Süden, Richtung Staudamm. Flott motoren wir die knapp 14 km bis zum Eingang der Bucht von Luz, die unter dem Wassermangel besonders gelitten hat.Selbst am Tonnenstrich ist es so flach, dass das Echolot immer wieder Alarm gibt. Wir versuchen gar nicht erst, bis zum Steg zu kommen, sondern legen längsseits an einem etwas steileren Uferstreifen an:

Langsam geht es vorwärts, bis der Bug sich sanft in den Lehm drückt. Über den Bug wird die Vorleine an Land gegeben und an einer wilden Korkeiche festgemacht. Dann wird das Boot mit der Achterleine herumgezogen, bis es parallel zum Ufer liegt. Um Ruder und Propeller muss man sich (fast) keine Sorgen machen – sie sind durch eine stabile Ruderhacke geschützt.

Luz selbst hat eine außergewöhnliche Geschichte: Es wurde vor dem Wasser "gerettet", abgetragen und an sicherer Stelle wiederaufgebaut – ein interessantes kleines Museum dokumentiert diesen einmaligen "Umzug". Das Ergebnis erinnert auf eine bizzare Art dennoch an eine Filmkulisse, so neu, sauber und gleißend weiß präsentieren sich die niedrigen Häuserzeilen entlang der breiten Straßen.

Aber vielleicht ist der Ort, dessen Name "Licht" bedeutet, gerade deshalb ein passendes Symbol dafür, dass sich die Region an ihre neue Zukunft erst noch gewöhnen muss; ein "Licht", das nach vorne weist. Aber gerade diese
Entwicklung – die Kontraste von gestern, heute und morgen – ist es auch, die den Grande Lago d’Alqueva als Charterrevier zu einem wirklich einzigartigen Erlebnis macht.

Infos und Buchungen über: Nicols Yacht - Groupe NADIA GmbH, Robert-Koch-Str . 7 , 77694 Kehl, Tel : 07851- 885 19 80. (Die Betreuung vor Ort erfolgt durch das Team der Amieira-Marina.)

Christian Tiedt am 05.04.2013